Sermon über die zweifache Gerechtigkeit (1518)
Von Martin Luther
Von Martin Luther
Liebe Brüder! »Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war: welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war, hielt ers nicht als einen Raub, Gott gleich zu sein« (Phil. 2,5f.).
Zweifach ist die Gerechtigkeit der Christen, wie auch die Sünde der Menschen eine zweifache ist.
Die eine Gerechtigkeit ist eine fremde und von außen ein-gegossen. Das ist die, durch welche Christus gerecht ist und durch den Glauben gerecht macht, wie Paulus 1. Kor. 1, 30 sagt: »Welcher uns gemacht ist von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.« Christus sagt ja auch selbst Joh. 11, 25: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird nicht sterben in Ewigkeit.« Und abermals Joh. 14, 6: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.«
Diese Gerechtigkeit also wird den Menschen in der Taufe gegeben und immer dann, wenn sie wahre Buße tun, so daß sich der Mensch zuversichtlich in Christus rühmen kann und sagen kann: Mein ist, daß Christus gelebt, getan, geredet und gelitten hat, und daß er gestorben ist, ist nicht anders, als wenn ich dieses Leben, Handeln, Reden, Leiden und Sterben selbst erfahren hätte. Wie der Bräutigam alles hat, was der Braut gehört, und die Braut alles, was dem Bräutigam gehört (alles gehört beiden gemeinsam, denn sie sind ein Fleisch), so sind Christus und die Kirche ein Geist (vgl. Eph. 5, 29ff.; Gal. 3, 28). So hat uns der gebenedeite Gott und barmherzige Vater nach 2. Petr. 1, 4 die allergrößten und kostbarsten Güter in Christus geschenkt, wie auch Paulus 2. Kor. 1, 3f. schreibt: »Gelobet sei Gott und der Vater unsers Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes«, »der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christus« (Eph. 1, 3).
Diese Gnade und unaussprechlicher Segen ist vor Zeiten Abraham verheißen worden, 1. Mose 12, 3; 22, 18: »In deinem Samen (das heißt in Christus) sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden«; und Jesaja 9, 5: »Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.« Er sagt »uns«, denn er ist der Unsere ganz mit allen seinen Gütern, wenn wir an ihn glauben; wie Röm. 8, 32 sagt: »Er hat seines eigenen Sohnes nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?« Darum ist alles unser, was Christus hat, uns Unwürdigen aus lauter Barmherzigkeit umsonst geschenkt, obwohl wir doch vielmehr Zorn und Verdammnis, wie auch die Hölle verdient hätten. Deshalb ist auch Christus selbst, der sagt, daß er gekommen sei, den heiligen Willen seines Vaters zu tun (vgl. Joh. 6, 38; Hebr. 10, 9), ihm gehorsam geworden, und was er getan hat, hat er für uns getan, und hat gewollt, daß es unser sei. Denn er sagt Luk. 22, 27: »Ich bin unter euch wie ein Diener.« Und weiter Luk. 22, 19: »Das ist mein Leib, der für euch gegeben ist.« Und Jesaja sagt 43, 24: »Mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten.« Deshalb wird durch den Glauben an Christus die Gerechtigkeit Christi unsere Gerechtigkeit,1 und alles, was sein ist, ja, er selbst wird unser. Demnach nennt sie Paulus Röm. 1,17 »Gerechtigkeit Gottes.« Die Gerechtigkeit wird geoffenbart im Evangelium, wie geschrieben steht: »Der Gerechte lebt seines Glaubens« (Hab. 2,4; Hebr. 10,38). Schließlich wird auch ein solcher Glaube Gerechtigkeit Gottes genannt, wie es Röm. 3, 28 heißt: »So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde allein durch den Glauben.« Das ist die Gerechtigkeit, die kein Ende hat und die alle Sünden im Augenblick verzehrt; denn es ist unmöglich, daß eine Sünde in Christus bleibe. Aber wer an Christus glaubt, der bleibt in ihm, ist eins mit Christus und hat eine Gerechtigkeit mit ihm. Darum ist es unmöglich, daß in ihm die Sünde bleibe. Und das ist die erste Gerechtigkeit, der Grund, die Ursache und der Ursprung aller eigenen oder tätigen Gerechtigkeit. Denn sie wird wahrhaftig für die ursprüngliche Gerechtigkeit gegeben, die in Adam verloren ist, und wirkt das, ja mehr als diese ursprüngliche Gerechtigkeit gewirkt hätte.
So ist dieser Spruch Ps. 31, 2: »Herr, auf dich traue ich, laß mich nimmermehr zu Schanden werden; errette mich durch deine Gerechtigkeit« zu verstehen. Er sagt nicht »in meiner« sondern »in deiner«, das heißt in der Gerechtigkeit Christi, meines Gottes, die durch den Glauben, durch die Gnade, durch die Barmherzigkeit Gottes unser geworden ist. Und die heißt im Psalter an vielen Stellen »das Werk des Herrn«, »das Bekenntnis«, »die Kraft Gottes«, »die Barmherzigkeit«, »die Wahrheit«, »die Gerechtigkeit«. Dies sind alles Worte für den Glauben an Christus, ja die Gerechtigkeit, die in Christus ist. Deshalb darf Paulus Gal. 2, 20 sagen: »Ich lebe aber doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir«; und Eph. 3, 17: »Daß er euch (Kraft) gebe, daß Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen.«
Diese fremde Gerechtigkeit also, uns ohne unser Tun allein durch die Gnade eingegossen, wenn uns nämlich der himmlische Vater innerlich zu Christus zieht, wird der Erbsünde entgegengesetzt. Auch sie ist uns fremd, uns ohne unser Tun, allein durch die Geburt angeboren und verwirkt. Und so vertreibt Christus Adam von Tag zu Tag mehr und mehr, in dem Maße, wie dieser Glaube und die Erkenntnis Christi zunehmen. Denn er wird nicht auf einmal ganz eingegossen; sondern hebt an, nimmt zu und wird endlich durch den Tod vollkommen.
Die zweite Gerechtigkeit ist unsere eigene; nicht deshalb, weil wir allein sie wirken, sondern weil wir mit der ersten und fremden zusammen wirken. Das ist nun die gute Übung in den guten Werken. (Sie besteht) erstens in der Abtötung des Fleisches und der Kreuzigung der (bösen) Begierden bei uns selbst, wie es Gal. 5, 24 heißt: »Welche aber Christus angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden«; zweitens auch in der Liebe gegen den Nächsten; drittens in der Demut und Furcht vor Gott, wovon der Apostel (Paulus) und die ganze Heilige Schrift voll ist. Aber Paulus faßt das Tit. 2, 12 kurz zusammen und sagt: »Züchtig« (das heißt gegen sich selbst in Kreuzigung des Fleisches), und »gerecht« (gegen den Nächsten) »und gottselig« (gegen Gott) sollen wir in dieser Welt leben.
Die (zweite) Gerechtigkeit ist ein Werk der ersten Gerechtigkeit, ihre Frucht und Folge, wie es Gal. 5, 22 heißt: »Die Frucht aber des Geistes (das heißt des Menschen, der durch den Glauben an Christus geistlich wird) ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Gütigkeit« usw. Denn »Geist« wird der geistliche Mensch an jener Stelle genannt. Das geht daraus hervor, daß jene »Früchte« Werke der Menschen sind. Und Joh. 3, 6: »Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.« Diese Gerechtigkeit macht die erste vollkommen; denn sie arbeitet immer daran, daß (der alte) Adam vernichtet und der Leib der Sünde zerstört werde. Darum haßt sie sich selbst und liebt den Nächsten; sie sucht nicht das Ihre, sondern was dem anderen dienlich ist. Und darin besteht ihre ganze Wirksamkeit. Denn damit, daß sie sich selbst haßt und das Ihre nicht sucht, bewirkt sie bei sich selbst die »Kreuzigung des Fleisches«; daß sie aber des anderen Vorteil sucht, damit wirkt sie die Liebe. Und so tut sie mit beidem den Willen Gottes, wenn sie vor sich selbst »züchtig«, gegen den Nächsten »gerecht« und gegen Gott »gottselig« lebt.
Und damit folgt sie dem Vorbild Christi (1. Petr. 2, 21) und wird seinem Bild gleichförmig. Denn gerade das fordert auch Christus, daß so, wie er alles für uns getan und nicht das Seine, sondern allein das Unsere gesucht hat, und damit Gott dem Vater vollkommen gehorsam gewesen ist, so will er, daß auch wir also diesem Beispiel unsern Nächsten gegenüber durch die Tat nacheifern.
Diese Gerechtigkeit wird der wirklichen und unserer eigenen Sünde gegenübergestellt, wie es Röm. 6, 19 heißt:
»Gleichwie ihr eure Glieder begeben habet zum Dienst der Unreinigkeit und von einer Ungerechtigkeit zu der anderen, also begebet auch nun eure Glieder zum Dienst der Gerechtigkeit, daß sie heilig werden.« So erhebt sich durch die erste Gerechtigkeit die Stimme des Bräutigams, der da zu der Seele sagt: ich bin dein; aber durch die andere Gerechtigkeit die Stimme der Braut, die da sagt: ich bin dein. Dann ist eine feste, vollkommene und vollendete Ehe da, wie es im Hohelied 2, 16 heißt: »Mein Freund ist mein, und ich bin sein«, was soviel heißt wie: mein Geliebter ist mein, und ich bin die Seine. Dann sucht die Seele nicht weiter vor sich selbst gerecht zu sein, sondern sie hat als ihre Gerechtigkeit Christus. Deshalb sucht sie allein der anderen Seligkeit. Daher droht der Herr der Synagoge durch den Propheten, daß die Stimme der Freude und Wonne ihr genommen werde, die Stimme des Bräutigams und der Braut (Jer. 7, 34).
Das meint der vorangestellte Spruch (Phil. 2, 5ff.): »Ein jeglicher sei gesinnt …« usw. Das heißt, ihr sollt so gegeneinander gesinnt sein, wie ihr seht, daß es Christus gegen euch war. Wie? »Welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war, hielt ers nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an.« Die Gestalt Gottes wird hier nicht Wesen Gottes genannt; denn dessen hat sich Christus nie entäußert; wie auch die »Knechtsgestalt« nicht als menschliches Wesen bezeichnet werden kann; sondern »göttliche Gestalt« ist die Weisheit, Macht, Gerechtigkeit, Frömmigkeit und schließlich die Freiheit, so wie Christus als Mensch frei, mächtig, weise war, niemandem, weder der Sünde noch dem Laster unterworfen, wie sonst alle Menschen sind (denn er übertraf sie in solchen Eigenschaften, die vor allem Gott zukommen). Dennoch ist er in dieser seiner »Gestalt« nicht hoffärtig, ist nicht selbstgefällig gewesen, hat die anderen, die Knechte und mancherlei Übeln unterworfen waren, weder verschmäht noch verachtet, wie jener Pharisäer, der sagt (Luk. 18, 11): »Ich danke dir, daß ich nicht bin wie die andern Leute.« Der hatte seine Freude daran, daß die andern im Elend waren, und er wollte keineswegs, daß sie ihm gleich wären. Und das ist jener Raub, mit dem sich der Mensch Dinge anmaßt, ja sogar festhält, was er hat, sie aber nicht vorbehaltlos Gott zuschreibt (dem sie allein zustehen). So ein Mensch will damit auch nicht anderen dienen, um sich den übrigen gleich zu machen, und so wollen sie sein wie Gott und sich selbst genügen, selbstgefällig, sich ihrer selbst rühmen, niemandem gegenüber verpflichtet usw. Aber Christus war nicht so gesinnt, war nicht so »weise«; sondern jene »(göttliche) Gestalt« schrieb er Gott, dem Vater, zu und »entäußerte sich selbst«. Er wollte jene (göttlichen) Ehrennamen uns gegenüber nicht verwenden, er wollte gleichartig mit uns sein. Ja, er ist vielmehr wie einer von uns geworden und hat Knechtsgestalt angenommen (das heißt, er hat sich allen Leiden unterworfen), und obwohl er frei war, hat er, wie auch der Apostel Paulus 1. Kor. 9, 19 sagt, »sich selbst jedermann zum Knecht gemacht« und nicht anders gehandelt, als wären alle jene Leiden, die unsere waren, seine eigenen. Deshalb hat er sich unserer Sünden und Strafen angenommen und hat so gehandelt, daß er sie überwand, als täte er es für sich selbst, wobei er sie doch uns zugute überwand. Obwohl er also im Hinblick auf uns unser Gott und Herr hätte sein können, hat er das nicht gewollt, sondern er wollte lieber unser Knecht werden, wie es Röm. 15, 1. 3 heißt: »Wir sollen nicht Gefallen an uns selber haben«; denn auch Christus hatte nicht an sich selber Gefallen, sondern wie geschrieben steht: »Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen« (Ps. 69, 10), was das gleiche besagt wie die vorhin vorgetragene Meinung.
Daraus folgt, daß diese Schriftstelle, die viele als Behauptung auffassen, negativ zu verstehen ist, nämlich: Christus hat sich nicht Gott gleich geachtet, das heißt, er wollte nicht (Gott) gleich sein, wie die es tun, die das mit Hochmut an sich reißen und zu Gott sagen: »Wenn du mir deine Ehre nicht gibst (wie Bernhard sagt), dann will ich sie mir selbst nehmen.« Nicht aber als Behauptung (ist dieser Satz zu verstehen, etwa so): er hat sich nicht erachtet Gott gleich zu sein; das heißt, daß er Gott gleich ist, das hat er nicht für einen Raub gehalten. Diese Auslegung ergibt nämlich keinen vernünftigen Sinn, denn der Spruch redet von Christus, dem Menschen. Der Apostel will, daß jeder Christ nach dem Beispiel Christi des anderen Knecht sein soll. Und wenn einer Weisheit, Gerechtigkeit oder Gewalt hat, womit er die anderen übertrifft und sich gleichsam einer »göttlichen Gestalt« rühmen könnte, so soll er das nicht für sich in Anspruch nehmen, sondern Gott zuschreiben. Überhaupt soll man so werden, als hätte man nichts. Man soll sich so geben, wie einer, der nichts hat, damit jeder seiner selbst vergesse und, der Gaben Gottes ledig, mit seinem Nächsten so umgehe, als wären die Schwachheit, Sünde und Torheit des Nächsten sein eigen. Man soll sich nicht rühmen noch brüsten, nicht jemanden verachten, oder über ihn triumphieren, als wäre man sein Gott und Gott gleich. Weil man das Gott allein anheim stellen soll, geschieht durch solche hochmütige Unbesonnenheit der »Raub«. So also ist dieses »in Knechts-gestalt« aufzufassen, und so wird dieser Spruch des Apostels (Paulus) Gal. 5, 13 erfüllt: »Durch die Liebe diene einer dem andern«; und Röm. 12, 4f. wie 1. Kor. 12, 12f. lehrt er im Gleichnis der Glieder des Leibes, wie die starken, ehrbaren, gesunden Glieder nicht hochmütig gegen die schwachen, weniger ehrbaren und kranken sein sollen, als ob sie die Herren wären und ihre Götter. Im Gegenteil, sie dienen ihnen vielmehr und vergessen ihrer Ehrbarkeit, Gesundheit und Macht. Denn kein Glied des Leibes dient so sich selbst, sucht auch nicht das Seine, sondern das des andern; und das um so mehr, je schwächer, kränker und weniger ehrbar es ist. Um die Worte des Apostel (Paulus) zu gebrauchen (1. Kor. 12, 25): »Auf daß nicht eine Spaltung im Leibe sei, sondern die Glieder füreinander gleich sorgen.« Daraus geht nun klar hervor, wie man sich in allem seinem Nächsten gegenüber verhalten soll.
Wenn wir aber dieses »in göttlicher Gestalt«-Sein nicht freiwillig ablegen und die »Knechtsgestalt« annehmen wollen, werden wir dazu gezwungen werden und ihrer gegen unsern Willen entledigt werden. Denk an die Geschichte Luk. 7, 36ff., wo Simon, der Aussätzige, (gleichsam) »in göttlicher Gestalt« und in all seiner Gerechtigkeit dasaß und Maria Magdalena, in der er die »Knechtsgestalt« sah, hochmütig verurteilte und von oben herab ansah. Aber siehe, Christus entriß ihm bald die Maske der Gerechtigkeit, umgab ihn mit der Gestalt der Sünde und sprach (Luk. 7, 45f.): »Du hast mir keinen Kuß gegeben; du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt«. Siehe wie groß die Sünden waren, die er nicht sah! Er glaubte auch nicht durch eine (besonders) verächtliche Gestalt verunstaltet zu sein. Seine guten Werke sind in keines Menschen Gedächtnis. Christus kennt diese »göttliche Gestalt« nicht, in welcher Simon, der Aussätzige, sich selbstgefällig gebrüstet hat. Er berichtet nichts davon, daß er von ihm geladen, gespeist und geehrt worden sei. Simon, der Aussätzige, ist nun nichts anderes als ein Sünder, der sich selbst für so gerecht hielt. Ihm ist die Ehre des »in göttlicher Gestalt«-Seins genommen; er sitzt – ob er will oder nicht – geschändet in »Knechtsgestalt« da. Aber Christus ehrt im Gegenteil Maria durch eine »göttliche Gestalt«, legt ihr die seine bei und erhebt sie über Simon und sagt: »Diese hat meine Füße gesalbt, geküßt und mit Tränen genetzt und mit ihren Haaren getrocknet.« Siehe, was für Verdienste, die weder sie noch Simon sah! Ihrer Sünden wird nicht mehr gedacht; Christus sieht die »Knechtsgestalt« in ihr nicht an, die er in der Gestalt der Herrschaft verherrlicht hat, und Maria ist nichts anderes als gerecht und erhöht durch den Ruhm der »göttlichen Gestalt«.
So wird er uns allen tun, so oft wir uns der Gerechtigkeit, Weisheit oder Gewalt rühmen und gegen die Ungerechten, Toren und die uns nicht Gewachsenen erzürnt sind. Dann nämlich (und das ist die schlimmste Umkehrung) arbeitet die Gerechtigkeit gegen die Gerechtigkeit, die Weisheit gegen die Weisheit und Kraft gegen Kraft. Denn du bist deshalb mächtig, damit du die Schwachen nicht durch Unterdrückung noch schwächer, sondern durch Erhöhung und Verteidigung mächtig machst. Und deshalb bist du weise, nicht damit du die Narren verspottest und sie so noch närrischer machst, sondern damit du dich ihrer annimmst, wie du es bei dir selbst willst, und sie unterweist. Dazu bist du gerecht, daß du den Ungerechten rechtfertigst und entschuldigst, nicht daß du ihn nur verdammst, ihm Böses nachredest, ihn richtest und bestrafst. Denn das ist das Beispiel Christi uns gegenüber, wie er sagt: »Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde«, Joh. 3, 17; und Luk. 9, 55f.: »Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten.« Aber die stürmische Natur sperrt sich dagegen; denn sie hat große Freude an der Rache und an dem Glanz ihrer eigenen Gerechtigkeit und an der Schande der Ungerechtigkeit ihres Nächsten. Darum treibt sie (nur) ihre eigene Sache voran und freut sich, wenn es damit besser bestellt ist als mit der des Nächsten, die des Nächsten aber verfolgt sie und wünscht, daß es um diese schlimm stehe. Diese Umkehrung ist eine einzige Ungerechtigkeit, der Liebe entgegengesetzt, »die da nicht das Ihre sucht«, 1. Kor. 13, 5, sondern »das, was des andern ist« (Phil. 2, 4). Denn man sollte darüber betrübt sein, daß es mit des Nächsten Sache nicht besser steht als mit der eigenen und wünschen, daß es um diese besser bestellt ist als um die eigene. Man sollte nicht geringere Freude darüber empfinden, als wie man sich freut, wenn es um die eigene Sache gut steht. Denn das ist das Gesetz und die Propheten.
Aber du sagst: Gebührt sichs denn nicht, die Bösen zu schlagen? Ziemt sichs nicht, Sünden zu strafen? Wer ist nicht gehalten, die Gerechtigkeit zu verteidigen? Das hieße, dem Vergehen Tür und Tor zu öffnen. Hier antworte ich: Darauf kann keine einfache Antwort gegeben werden. Deshalb muß man einen Unterschied zwischen den Menschen machen; denn sie sind entweder Amts- oder Privatpersonen. Die Amtspersonen, die in Gottes Dienst oder in einer leitenden Stellung stehen, geht das, was gesagt ist, nichts an. Denn von Amts wegen ist es unabänderlich ihre Aufgabe, die Bösen zu strafen und zu richten und die Unterdrückten zu schützen und zu verteidigen; denn nicht sie tun das, sondern Gott, dessen Diener sie darin sind, wie es der Apostel (Paulus) Röm. 13, 4 weitläufig ausführt, wenn er sagt: »Denn sie (die Obrigkeit) trägt das Schwert nicht umsonst« usw. Das muß aber auf die Angelegenheiten anderer, nicht auf die eigenen bezogen werden. Denn niemand ist Gottes Statthalter um seiner selbst und um des eigenen Interesses, sondern um der anderen willen. Wenn er aber ein eigenes Anliegen hat, soll er einen anderen Statthalter Gottes als sich selbst suchen. Denn in diesem Fall ist er nicht Richter, sondern Partei. Aber hierüber reden die einen so, die anderen so; die Sache ist nämlich zu weitläufig, als daß sie jetzt besprochen werden könnte.
Privatpersonen und deren Privatangelegenheiten gibt es dreierlei. Die ersten (sind die), welche die Bestrafung und das Gericht bei den Statthaltern Gottes suchen, und deren gibt es jetzt eine beachtliche Menge. Sie duldet der Apostel (Paulus), aber er billigt sie nicht (1. Kor. 6, 12): »Mir ist alles erlaubt, es frommt aber nicht alles«; ja, er sagt an derselben Stelle (V. 7): »Es ist schon ein Mangel an euch, daß ihr miteinander rechtet.« Aber dennoch wird um des größeren Übels willen dieses geringere in Kauf genommen, damit sich die Menschen nicht selbst rächen, einer dem andern Gewalt antut, Böses mit Bösem vergilt oder seine Besitztümer zurückfordert. Aber sie werden nicht in das Himmelreich eingehen, sie wandeln sich denn zum Besseren und lassen ab vom »Erlaubten« und wenden sich dem zu, »was frommt«; denn jene Neigung, seinen eigenen Vorteil zu suchen, muß ausgelöscht werden.
Die andern sind die, welche die Rache nicht begehren, ja, sie sind bereit (nach dem Evangelium, vgl. Matth. 5, 40), dem, der ihnen den Mantel nimmt, den Rock auch noch zu lassen, und sie widerstehen keinem Übel. Diese sind Kinder Gottes, Brüder Christi und Erben der zukünftigen Güter. Deshalb werden sie in der Heiligen Schrift (Ps. 68, 6) Waisen, Witwen und Arme genannt, deren Vater und Richter Gott genannt werden will, weil sie sich selbst nicht rächen wollen. Ja, wenn die Obrigkeit sie rächen will, geschieht das nicht auf ihren Wunsch und Verlangen hin oder sie lassen es nur zu. Oder, wenn sie ganz vollkommen sind, wehren sie sich dagegen und verhindern es, ja sie sind eher bereit, auch anderes darüber zu verlieren.
Wenn du sagst: Solche Leute gibt es nur sehr wenig, und wer könnte in dieser Welt bleiben, wenn er so handelte? antworte ich: Es ist heutzutage nichts Neues, daß nur wenige selig werden und daß die Pforte, die zum Leben führt, eng ist und nur wenige sie finden (Matth. 7, 14). Und wenn niemand so handelte, wie soll dann die Schrift dastehen, welche die Armen, Witwen und Waisen das Volk Christi nennt? Deshalb empfinden diese Menschen über die Sünde derer, die sie beleidigen, mehr Kummer als über ihren eigenen Schaden und ihre Beleidigung. Und sie handeln lieber so, daß sie jene von der Sünde zurückrufen, als daß sie sich für die ihnen angetane Schimpf und Schande rächen. Deswegen legen sie die Gestalt ihrer Gerechtigkeit ab, nehmen die Gestalt ihrer Verfolger an und bitten für die, so sie verfolgen, sagen denen Gutes nach, die ihnen fluchen, tun denen Gutes, die ihnen Böses bereiten und sind bereit, selbst für ihre Feinde die Strafe zu leiden und genugzutun, damit sie gerettet werden. Das ist das Evangelium und Beispiel Christi (Matth. 5, 14).
Die dritten sind die, die gemessen an ihrem Willen so sind, wie die zweiten, von denen wir eben sprachen. Aber gemessen an ihrer Wirkung sind sie anders. Sie fordern das Ihre nicht zurück oder begehren Bestrafung, weil sie das Ihre suchen; sondern durch diese Bestrafung und die Herausgabe ihres Eigentums versuchen sie die Besserung dessen, der sie beraubt oder beleidigt hat, und der, wie sie sehen, ohne Strafe nicht gebessert werden kann. Sie werden »Eiferer« genannt und in der Heiligen Schrift gelobt. Aber dessen soll sich niemand unterstehen, er sei denn in dem eben gezeigten zweiten Grad vollkommen und ganz geübt, damit er nicht den (grimmigen) Zorn für einen (gerechten) Eifer halte, und daß er nicht überführt werde, was er aus Gerechtigkeitsliebe zu tun meinte, vielmehr aus Zorn und Ungeduld getan zu haben. Denn der Zorn ist dem gerechten Eifer sehr ähnlich und die Ungeduld der Gerechtigkeitsliebe, so daß eins vom andern nur von sehr geistbegabten Leuten unterschieden werden kann. Ein solch Werk hat Christus getan (wie es Joh. 2, 14ff. heißt), als er Geißeln machte und Verkäufer und Käufer aus dem Tempel trieb; und Paulus, als er (1. Kor. 4, 21) schrieb: »Ich werde mit der Rute zu euch kommen« usw.
[WA 2, 145–152]
Quelle: Luther Deutsch. Die Werke Luthers in Auswahl, hrsg. v. Kurt Aland, Bd. 1: Die Anfänge, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 21983, S. 368-378.