Von Eric Voegelin
Die Analyse der parasitischen Doxa ging von den Marxischen Texten aus, die das Frageverbot betreffen. Die Stellen wurden der Untersuchung zugrunde gelegt, weil sie in seltener Konzentration die Motive, die Symbole und die Denkformen der gnostischen Massenbewegungen unserer Zeit sichtbar werden lassen. Es dürfte schwer sein, ein zweites Dokument der modernen Gnosis zu finden, das an Kraft und Durchsichtigkeit der Sprache, an intellektueller Energie und genialer Entschlossenheit dem Manuskript des jungen Marx vergleichbar wäre. Die Wahl hat jedoch den Nachteil, daß eines der großen Motive der Spekulation nicht mit der Deutlichkeit hervortritt, die seiner tatsächlichen Stärke angemessen ist. Ich spreche von dem Motiv des Gottesmordes.
In der parasitischen Gnosis geht es darum, die als unvollkommen und ungerecht erfahrene Seinsordnung zu zerstören und durch eine vollkommene und gerechte Ordnung aus menschlicher Schöpferkraft zu ersetzen. Wie immer nun die Seinsordnung ausgelegt wird – als eine von kosmisch-göttlichen Kräften durchwaltete Welt in den Zivilisationen des Nahen und Femen Ostens; oder als die Schöpfung eines welt-transzendenten Gottes in der jüdisch-christlichen Symbolik; oder als eine wesenhafte Ordnung des Seins in der philosophischen Kontemplation –, so ist sie dem Menschen vorgegeben und liegt nicht in seiner Verfügungsgewalt. Der Versuch, eine neue Welt zu schaffen, setzt also, wenn er sinnvoll unternommen werden soll, voraus, daß der Charakter der Seinsordnung als vorgegebener ausgelöscht, daß sie als wesensmäßig in der Verfügungsgewalt des Menschen stehend ausgelegt wird. Und die Übernahme des Seins in die Verfügungsgewalt des Menschen wieder erfordert, daß der transzendente Ursprung des Seins ausgelöscht wird — sie erfordert die Dekapitation des Seins, den Gottesmord.
Der Gottesmord wird spekulativ begangen durch die Auslegung göttlichen Seins als Menschenwerk. Lassen wir Nietzsches Zarathustra zu der Frage sprechen: »Ach, ihr Brüder, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und – Wahnsinn, gleich allen Göttern!« Die Schöpfung von Göttern solle der Mensch unterlassen, weil er dadurch seinem Wollen und Handeln sinnwidrige Schranken setze; und die Götter, die er schon geschaffen hat, solle er zum Bewußtsein bringen als von ihm geschaffene. »Dies bedeute euch Wille zur Wahrheit, daß Alles verwandelt werde in Menschen-Denkbares, Menschen-Sichtbares, Menschen-Fühlbares.« Die Forderung erstreckt sich auch auf die Welt, die vordem als Gott-geschaffene verstanden wurde: »Was ihr Welt nanntet, das soll erst von euch geschaffen werden: eure Vernunft, euer Bild, euer Wille, eure Liebe soll es selber werden!« »Gott ist eine Mutmaßung« – aber die Mutmaßungen des Menschen sollten nicht weiter reichen als sein schaffender Wille, und sie sollten sich begrenzen »in der Denkbarkeit«. Es dürfe kein Sein und kein Seinsbild geben, das Wollen und Denken des Menschen als endlich erscheinen lasse. »Weder ins Unbegreifliche dürftet ihr eingeboren sein, noch ins Unvernünftige.« Um als unbeschränkter Herrscher des Seins zu erscheinen, muß der Mensch das Sein so einschränken, daß die Schranken nicht mehr sichtbar sind. Und warum muß dieses Zauberspiel aufgeführt werden? Die Antwort: »Wenn es Götter gäbe, wie hielte ich’s aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter.«
Es genügt also nicht, die alte Gotteswelt durch eine neue Menschenwelt zu ersetzen: schon die Gotteswelt muß Menschenwelt gewesen sein und Gott ein Menschenwerk, das auch wieder zerstört werden kann, wenn es den Menschen hindert, der Herr der Seinsordnung zu sein. Der Gottesmord muß spekulativ rückwirkend gemacht werden. Darum ist in der Marxischen Gnosis der Kardinalpunkt das »Durchsichselbstsein« des Menschen; und seine spekulative Stütze findet er in der Auslegung der Natur und Geschichte als des Prozesses, in dem der Mensch sich selbst zu seiner vollen Statur schafft. Der Gottesmord gehört wesensnotwendig zur gnostischen Neuschöpfung der Seinsordnung.
Der Gottesmord ist, ebenso wie der prometheische Götterhaß, eine generelle Möglichkeit menschlichen Verhaltens zu Gott. Er ist nicht an die parasitische Spekulation gebunden. Um das Phänomen zu klären, werde ich es daher zuerst in der verhältnismäßig einfachen Form beschreiben, in der es in der Kabbala auftritt, in den Golemlegenden des zwölften und frühen dreizehnten Jahrhunderts. Die Legenden wurden vor einigen Jahren durch Gerschom Scholem in seiner Studie über Die Vorstellung vom Golem in ihren tellurischen und magischen Beziehungen zugänglich gemacht.
Im Kommentar des Pseudo-Saadia zum Buch Jezirah, vom Ende des zwölften Jahrhunderts, ist die Golemlegende in folgender Form enthalten: »So heißt es im Midrasch, daß Jeremia und Ben Sira einen Menschen durch das Buch Jezirah schufen, und auf seiner Stirn stand emeth, wie der Name, den Er über das Geschöpf als Vollendung seines Tuns gesprochen hatte. Aber jener Mensch radierte das aleph aus, um damit zu sagen, Gott allein ist die Wahrheit, und er mußte sterben.«
Das hebräische Wort emeth bedeutet »Wahrheit«; wenn der erste der drei Konsonanten (im Hebräischen wird der Anfangslaut des Wortes emeth durch einen Konsonanten wiedergegeben), die das Wort bilden, gestrichen wird, bleibt meth übrig; meth bedeutet »tot«. Die Adepten schaffen den Menschen »durch das Buch Jezirah«, d. h. durch eine magische Operation mit den Buchstaben des hebräischen Alphabets. Es ist eine Operation von grundsätzlich der gleichen Art wie die Marxische Schöpfung des »sozialistischen Menschen« mit Hilfe der gnostischen Spekulation. Durch die Golemlegende nun fällt neues Licht auf deren Aktcharakter. Von der Wirklichkeit der Seinsordnung her, in der wir leben, mußte das Frageverbot als ein Versuch charakterisiert werden, den »intellektuellen Schwindel« der Spekulation gegen Auflösung durch die Vernunft zu decken; vom Standpunkt des Adepten Marx war der Schwindel die »Wahrheit«, die er durch seine Spekulation schuf, und das Frageverbot hatte den Zweck, die Wahrheit des Systems gegen die Unvernunft des Menschen zu schützen. Die merkwürdige Spannung zwischen erster und zweiter Realität, erster und zweiter Wahrheit, auf deren pneumopathischen Charakter wir hingewiesen haben, enthüllt sich nun als die Spannung zwischen Gottesordnung und Magie. Diese Spannung, die durch den Machtwillen der Magie entsteht, kann jedoch auch wieder aufgehoben werden. Denn was tut der Golem, der das Siegel der Wahrheit auf der Stirn trägt, wie der Adam, der Mensch, den Gott geschaffen hat? Er radiert das aleph aus, um die Adepten zu warnen, daß die Wahrheit Gottes sei; die zweite Wahrheit ist der Tod. Der Golem stirbt.
Die Implikationen der Spannung und ihre Auflösung werden genauer ausgelegt in einer zweiten Fassung der Golemlegende. Sie findet sich in einem kabbalistischen Text, dem Juda ben Bathyra zugeschrieben, aus dem Anfang des dreizehnten Jahrhunderts. Im ersten Teil sagt die Legende: »Der Prophet Jeremia beschäftigte sich allein mit dem Buch Jezirah. Da erging eine himmlische Stimme und sprach: Erwirb dir einen Genossen. Er ging zu seinem Sohn Sira, und sie studierten das Buch drei Jahre lang. Danach gingen sie daran, die Alphabete nach den kabbalistischen Prinzipien der Kombination, Zusammenfassung und Wortbildung zu kombinieren, und es wurde ihnen ein Mensch geschaffen, auf dessen Stirne stand: IHWH Elohim Emeth. Es war aber ein Messer in der Hand jenes neuerschaffenen Menschen, mit dem er das aleph von emeth auslöschte; da blieb meth. Da zerriß Jeremia seine Kleider und sagte: Warum löschst du das aleph von emeth aus?«
Sinngehalte der magischen Schöpfung, die in der ersten Legende nur impliziert waren, werden jetzt verdeutlicht. Der zweite Golem trägt auf seiner Stirn das Siegel: Gott ist die Wahrheit. Durch das Auslöschen des aleph wird es zur Verkündigung: Gott ist tot. Nach dieser Handlung aber stirbt der zweite Golem nicht wie sein Vorgänger. Er steht da, in der Hand das Messer, mit dem er den Mord begangen hat. Er lebt und trägt das neue Siegel auf der Stirn.
Jeremia zerreißt seine Kleider: in der rituellen Geste des Entsetzens über die Blasphemie. Er fragt sein Geschöpf nach dem Sinn des Tuns und erhält die Antwort:
»Ich will dir ein Gleichnis erzählen. Ein Architekt baute viele Häuser, Städte und Plätze, aber niemand konnte ihm seine Kunst abmerken und es mit seinem Wissen und seiner Handfertigkeit aufnehmen, bis ihn zwei Leute überredeten. Da lehrte er sie das Geheimnis seiner Kunst, und sie wußten nun alles auf die richtige Weise. Als sie sein Geheimnis und seine Fähigkeiten erlernt hatten, begannen sie ihn mit Worten zu ärgern, bis sie sich von ihm trennten und Architekten wie er wurden, nur daß sie alles, wofür er einen Taler nahm, für sechs Groschen machten. Als die Leute das merkten, hörten sie auf, den Künstler zu ehren, und kamen zu ihnen und ehrten sie und gaben ihnen Aufträge, wenn sie einen Bau brauchten. So hat euch Gott in seinem Bilde und seiner Gestalt und Form geschaffen. Nun aber, wo ihr, wie Er, einen Menschen erschaffen habt, wird man sagen: Es ist kein Gott in der Welt außer diesen beiden!«
Gerschom Scholem deutet die Legende: Eine gelungene Golemschöpfung würde den »Tod Gottes« einleiten; die Hybris des Schöpfers würde sich gegen Gott kehren. Der Adept Jeremia ist der gleichen Ansicht, und darum fragt er den Golem nach dem Ausweg aus der entsetzlichen Situation. Er empfängt von ihm das Rezept zur Zerstörung der magischen Kreatur, wendet es an, »und jener Mensch wurde vor ihren Augen zu Staub und Asche«. Jeremia fragt — und wenn er die Antwort bekommt, die ihn bewegen soll, sein Werk zu zerstören, verbietet er nicht das Fragen, sondern zerstört sein Werk.
Die Legende schließt mit einem Wort des Jeremia: »Wahrlich, man sollte diese Dinge nur studieren, um die Kraft und Allmacht des Schöpfers dieser Welt zu erkennen, aber nicht, um sie wirklich zu vollziehen.«
Der Gottesmord bei den parasitischen Gnostikern ist ein bekanntes und gut durchgearbeitetes Phänomen. Aber manches, das unter den Titeln »Dialektik des Bewußtseins«, »Standpunkt der Immanenz«, »Wille zur reinen Diesseitigkeit« usw. wohl verstanden ist, hört sich anders an mit der Golemlegende im Ohr. Wieder ist, in diesem Zusammenhang, nur eine exemplarische Analyse möglich; als doxisches Material möge ein Aphorismus von Nietzsche dienen, der berühmte Aphorismus 125 aus der Fröhlichen Wissenschaft. Er führt den Titel: »Der tolle Mensch«. Nietzsche hat den Aphorismus sorgfältig konstruiert, um die geistige Bewegung des Gottesmordes darzustellen. Ich gehe die Phasen der Bewegung durch.
Der »tolle Mensch« läuft am hellen Vormittag mit der Laterne auf den Markt und schreit: »Ich suche Gott! Ich suche Gott!« Nietzsche beginnt mit einer Wandlung der Diogenes-Symbolik: der Philosoph, der den Menschen sucht, ist der tolle Mensch geworden, der Gott sucht. Der Sinn der Wandlung ist nicht unmittelbar klar. Der philosophische Sucher mag auf dem Markt wohl Menschen finden; aber ist der Markt der Ort, an dem Gott zu finden ist? Wenn wir annehmen, daß Nietzsche sinnvoll konstruiert hat, müssen wir fragen, ob der tolle Mensch denn wirklich Gott suche; und wir werden aufmerksam auf den hintergründigen Sinn der Symbolwandlung, der sich in der weiteren Bewegung des Aphorismus enthüllt.
Auf dem Markt findet der Sucher, was man eben auf dem Markt findet: Menschen. Aber sie sind eine besondere Art, diese Menschen, »welche nicht an Gott glaubten«. Sie begegnen seiner Suche mit Lachen und Spott: »Ist er denn verloren gegangen«, fragen sie, »oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert?«
Den Ungläubigen ruft der tolle Mensch zu: »Wohin ist Gott? ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder. « Und wie war eine solche Tat möglich? »Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? … Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen!… Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts?« Aber die Tat ist getan. Der Gottesmord ist nicht rückgängig zu machen: »Gott ist tot! Gott bleibt tot!«
Mit diesem Ausruf geht die Bewegung des Aphorismus über die Golemlegende hinaus. Der Gottesmord ist als solcher verstanden-aber der Mörder steht zu seiner Tat. Die neue Kreatur, die den Mord vollzogen hat, erkennt in dem Akt nicht ihren eigenen Tod. Der Golem lebt. »Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet.« Der Golem steht da, mit dem Messer in der Hand, zu weiteren Taten bereit.
Und was sucht er mit dem Messer? Den Gott, der schon verblutet ist? Nein – er sucht »Trost«: »Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? … Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?… Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?« Nietzsche wiederholt die Situation des Fragens in der Golemlegende – aber die Weisung des Golem, den magischen Gottesmord wieder rückgängig zu machen, ist schon abgelehnt. Der »tolle Mensch« geht nicht rückwärts, sondern vorwärts: Wenn die Tat zu groß ist für den Menschen, muß der Mensch sich über sich selbst erheben zur Größe der Tat. »Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!« Wer Gott mordet, wird selbst zum Gott – die Warnung der Gleichnisrede in der zweiten Golemlegende.
Die Gleichnisrede ist Warnung (und wird von den Adepten der Legende als solche verstanden), weil der Mensch nicht Gott werden kann. Wenn er es versucht, im Akt der Selbstvergötzung, dann wird er zum Dämon in Verschlossenheit gegen Gott. Nietzsche aber will eben diesen Weg weitergehen. Als der »tolle Mensch« seine Rede beendet hat, schweigen seine Zuhörer, die Ungläubigen, und blicken ihn befremdet an. Da wirft er seine Laterne zu Boden und spricht: »Ich komme zu früh, ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert … Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden.
Diese Tat ist ihnen noch immer ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!«
Der hintergründige Sinn der Diogenes-Symbolik wird sichtbar. Der neue Diogenes sucht Gott- aber nicht den Gott, der tot ist, sondern den neuen Gott in den Menschen, die den alten ermordet haben – er sucht den Übermenschen. Der »tolle Mensch« sucht also den Menschen – aber nicht den Menschen des Philosophen, sondern das Wesen, das der Magie des Gottesmordes entspringt. Diese Symbolik mußten wir klarstellen. Denn in den gewissenhaften Bemühungen um die »philosophischen« Intentionen Nietzsches wird allzu oft vergessen, daß der Interpret eines magischen opus nicht auf die Magie hereinfallen darf – um es deutlich zu sagen. Es genügt nicht, das Übermenschensymbol auf Grund der Texte zu untersuchen und seinen Sinn festzustellen, wie er von Nietzsche, d. h. im Kontext der Magie, intendiert war: es muß auch festgestellt werden, was in der Seinsordnung wirklich vorgeht, wenn Magie getrieben wird. Ein Ding kann seine Natur nicht verändern; wer versucht, seine Natur zu »ändern«, zerstört das Ding. Der Mensch kann sich nicht zum Übermenschen wandeln; der Versuch, den Übermenschen zu schaffen, ist der Versuch, den Menschen zu ermorden. Auf den Gottesmord folgt im geschichtlichen Prozeß nicht der Übermensch, sondern der Menschenmord – auf das deicidium der gnostischen Theoretiker das homicidium der revolutionären Praktiker.
Das Dokument des Übergangs zur revolutionären Praxis sind die Sätze, mit denen Marx seine Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie von 1843 eröffnet. Das Argument wird so klar hingesetzt, daß es kaum einen Kommentar erfordert.
Wie bei Nietzsche ist der Gottesmord die Voraussetzung für das magische Opus. »Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.« Gott war nie etwas anderes als Menschenwerk. Die Kritik bringt diese Enthüllung und stellt dadurch die Vollnatur des Menschen wieder her. »Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat.« Ist dies Verhältnis einmal durchschaut, dann wird die Wirklichkeit des Menschen wieder sichtbar. »Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Widerschein seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine wahre Wirklichkeit sucht und suchen muß.«
Marx steht mit diesen Überlegungen Nietzsche sehr viel näher, als der Gebrauch des Symbols »Übermensch« zur Bezeichnung Gottes aufs erste Lesen hin vermuten läßt. Denn Gott existiert ja nicht. »Gott« ist, im Sinne der Feuerbachschen Religionspsychologie, die Projektion des Besten im Menschen in eine Überwelt. Aber wenn auch die Projektion in die Überwelt illusionär ist, so ist darum nicht der Inhalt der Projektion eine Illusion. Das Beste im Menschen ist real; es muß- und damit geht Marx über die Projektionspsychologie, welche die Religion als Illusion enthüllt, hinaus – in den Menschen zurückgeholt werden. Der Marxische homo novus ist nicht ein Mensch ohne religiöse Illusionen, sondern der Mensch, der ontisch Gott wieder in sich aufgenommen hat. Der »Unmensch«, der Illusionen hat, wird zum Vollmenschen dadurch, daß er den »Übermenschen« absorbiert. Der neue Mensch ist also in der Tat, wie Nietzsches Übermensch, der Mensch, der sich selbst zum Gott macht.
Wenn durch die Kritik der Religion der Mensch Gott wieder in sich aufgenommen hat und damit in den Vollbesitz seiner Kräfte getreten ist, beginnt die Kritik der Politik. »Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.« »Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.« Denn der wirkliche Mensch, »das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät«. Nur wenn die Welt verkehrt ist, produziert sie das verkehrte Weltbewußtsein der Religion. »Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.« Es ist darum die Aufgabe der Geschichte, »nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren«. »Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.
Die verwandelte Kritik ist nicht mehr Theorie, sondern Praxis. »Ihr Gegenstand ist ihr Feind, den sie nicht widerlegen, sondern vernichten will… Sie gibt sich nicht mehr als Selbstzweck, sondern nur noch als Mittel. Ihr wesentliches Pathos ist die Indignation, ihre wesentliche Arbeit ist die Denunziation.«
Hier spricht der Mordwille des gnostischen Magiers. Das Realitätsband ist zerrissen; der Nebenmensch ist nicht mehr Partner im Sein; die Kritik ist nicht mehr Argument. Das Urteil ist gesprochen; es folgt die Exekution.
Die kritischen Proklamationen von Marx verweisen auf Hegel zurück. Bedenken wir noch einmal die Phänomenologie, dieses magnum opus des Gottesmordes.
Wir können es nicht mehr als reflektierend bedenken. Ein Durchdenken und Durchanalysieren ist in diesem Falle unmöglich, denn es ist ein streng konstruiertes System von fünfhundert Seiten Umfang. Der erste Satz setzt den Gegenstand der Spekulation und seine Schranken: »Das Wissen, welches zuerst oder unmittelbar unser Gegenstand ist, kann kein anderes sein als dasjenige, welches selbst unmittelbares Wissen, Wissen des Unmittelbaren oder Seienden ist.« Die Beschränkung der Seinsordnung wird darüber hinaus explizit gemacht: »Ich, dieser, bin dieser Sache nicht darum gewiß, weil Ich als Bewußtsein hiebei mich entwickelte und mannigfaltig den Gedanken bewegte. Auch nicht darum, weil die Sache, deren ich gewiß bin, nach einer Menge unterschiedener Beschaffenheiten, eine reiche Beziehung an ihr selbst oder ein vielfaches Verhalten zu anderen wäre. Beides geht die Wahrheit der sinnlichen Gewißheit nichts an.« Der Charakter der Seinsordnung als vorgegebener, wie der Stellung des Menschen in ihr, wird ausgelöscht; das Sein von Idi und Welt wird beschränkt auf das Wissen des Unmittelbaren oder Seienden; die Fragen des Kontextes der Seinsordnung, in dem dieses Wissen sich ereignet, werden als irrelevant erklärt; das Frageverbot wird formell zum Prinzip der Spekulation gemacht. Von diesem Anfang her wird der Inhalt der Seinsordnung, der dem Philosophen vorgegeben ist, systematisch als die Reihe der Bewußtseinsphasen konstruiert, die sich in dialektischer Entfaltung aus dem Initialbewußtsein der sinnlichen Gewißheit ergeben. In ihrer Sprache ist die Phänomenologie philosophisch; in ihrer Substanz und Intention ist sie radikal anti-philosophisch. Sie muß als Werk der Magie erkannt, und als eines ihrer großen Werke anerkannt werden.
Aus diesem Meisterwerk strengster, magischer Spekulation kann nichts herausgebrochen werden, ohne den Sinn des Ganzen zu zerstören. Ich kann daher nur auf einige Stellen hinweisen, an denen der Gottesmord, der der Zweck des Unternehmens ist, thematisch wird. Der Haupttext knüpft an den Tod Christi an: »Der Tod des Mittlers ist Tod nicht nur der natürlichen Seite desselben …, es stirbt nicht nur die vom Wesen abgezogene schon tote Hülle, sondern auch die Abstraktion des göttlichen Wesens… Der Tod dieser Vorstellung enthält also zugleich den Tod der Abstraktion des göttlichen Wesens, das nicht als Selbst gesetzt ist. Er ist das schmerzliche Gefühl des unglücklichen Bewußtseins, daß Gott selbst gestorben ist.« Was sich hier als Aussage gibt, ist jedoch mehr als die einfache Feststellung eines Sachverhaltes. Denn Gott ist gestorben, weil er nicht mehr als eine Phase des Bewußtseins war, die jetzt überholt ist; und sie ist überholt, weil das Bewußtsein in seiner dialektischen Aktion über sie hinausgegangen ist. Der Tod Gottes ist nicht ein Ereignis, sondern die Tat des Dialektikers. Der »harte Ausdruck«, daß Gott gestorben sei, bezeichnet »die Rückkehr des Bewußtseins in die Tiefe der Nacht des Ich = Ich, die nichts außer ihr mehr unterscheidet und weiß … Dies Wissen also ist die Be geistun g, wodurch die Substanz Subjekt, ihre Abstraktion und Leblosigkeit gestorben, sie also wirklich und einfaches und allgemeines Selbstbewußtsein geworden ist.« Was auf der Stufe der »Religion« noch Vorstellung von einem andern war, ist hier zum eignen »Tun des Selbst« geworden. Diese letzte Gestalt des Geistes ist das absolute Wissen. Die Religion spricht zwar früher in der Zeit als die Wissenschaft es aus, was der Geist ist; »aber diese ist allein sein wahres Wissen von ihm selbst«. Wenn der Geist dem Bewußtsein im Elemente des Begriffs erscheint, oder vielmehr vom Bewußtsein in diesem Element hervorgebracht wird, dann ist er »die Wissenschaft«. Der Geist, der weiß, was er ist, existiert erst, wenn er die Arbeit vollendet hat, »sich für sein Bewußtsein die Gestalt seines Wesens zu verschaffen, und auf diese Weise sein Selbstbewußtsein mit seinem Bewußtsein auszugleichen«.54 Oder, einfacher und gerade herausgesagt: der Geist als System erfordert den Gottesmord; und umgekehrt: um den Gottesmord zu begehen, wird das System geschaffen.
Die Phänomenologie endet mit einer Betrachtung über die Geschichte als die Zeit, in der der Geist zu seinem Selbstbewußtsein kommt. »Dies Werden stellt eine träge Bewegung und Aufeinanderfolge von Geistern dar, eine Galerie von Bildern, deren jedes mit dem vollständigen Reichtume des Geistes ausgestattet, ebendarum sich so träge bewegt, weil das Selbst diesen ganzen Reichtum seiner Substanz zu durchdringen und zu verdauen hat.« Ein Geisterreich entfaltet sich im zeitlichen Dasein der Geschichte, in dem jeder Geist das Reich der Welt vom vorangehenden übernimmt, bis die ganze entfaltete Geschichte zur »Er-Inne- rung« in der Endphase des Selbstbewußtseins geworden ist. Das Ziel, das absolute Wissen, wird erreicht durch »die Erinnerung der Geister, wie sie an ihnen selbst sind und die Organisation ihres Reiches vollbringen«. Die Bewahrung dieser Geisterfolge nach der Zeitlichkeit ihres Daseins ist die Geschichte; ihre Bewahrung als begriffene Organisation ist die Wissenschaft des erscheinenden Wissens. Beide zusammen, als die begriffene Geschichte, »bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten Geistes, die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Thrones, ohne den er das leblose Einsame wäre: nur –
aus dem Kelche dieses Geisterreiches
schäumt ihm seine Unendlichkeit«.
Bei Gelegenheit der Analyse von Nietzsches Aphorismus bemerkten wir, daß der Interpret eines magischen opus nicht auf die Magie hereinfallen darf. Treten wir darum aus dem opus heraus und zurück auf den Boden der Wirklichkeit. Fragen wir uns, was in der Seinsordnung vorgeht, wenn Hegel auf der Schädelstätte des Geistes sein Werk abschließt. Wenn wir versuchen, seine Zusammenfassung unsererseits zusammenzufassen, dann müssen wir sagen: Auf dem Grab des gemordeten Gottes begeht der Golem ein schauriges Ritual: eine Art Triumphtanz mit Gesang. Das Ziel ist erreicht. Die »Offenbarung der Tiefe« ist gelungen; aber die Tiefe ist nichts als »der absolute Begriff«; und »diese Offenbarung« ist darum das Aufheben der Tiefe. Eine andere Offenbarung aber gibt es nicht. Und dann ertönt der Gesang:
aus dem Kelche dieses Geisterreiches
schäumt ihm seine Unendlichkeit.
Diese letzten Zeilen des Werkes, die zwei als Verse gesetzten Nicht-Verse, wandeln den Schluß von Schillers Lied an »Die Freundschaft« ab:
Fand das höchste Wesen schon kein Gleiches,
Aus dem Kelch des ganzen Seelenreiches
Schäumt ihm – die Unendlichkeit.
Das ist der abschließende Akt gnostischer Zerstörung der Realität. Für das Schicksal der Seinsordnung, wenn sie den Magiern in die Hände fällt, hat Hegel das Symbol gefunden: die Schändung eines Gedichts.
Diese Studie gibt im Wesentlichen die Antrittsvorlesung wieder, die der Verfasser am 16.11.1958 an der Universität München gehalten hat.
Quelle: Eric Voegelin, Wissenschaft, Politik und Gnosis, München: Kösel, 1958, S. 63-84.