Klaus Neumann, Name in der Bibel: „Einen Namen zu haben heißt ‚Jemand‘ zu sein; der gute Name/Ruf ist eines der höchsten Güter. Der Name steht für die Bedeutung und die Rechtspersönlichkeit eines Menschen. Wer dagegen ‚ohne Namen‘ ist, existiert quasi nicht.“

Name in der Bibel

Von Klaus Neumann

Altes Tesament

1. Der Name (šēm) ist der wichtigste „identity marker“ und Vertreter einer Person; eine Per­son und ihr Name sind in vielerlei Hinsicht eins. So wird mit der Formel „im Namen des N. N.“ die Autorität des Namensträgers, meist Gottes, als „präsent“ beansprucht; speziell in der dtr.-dtn. Namenstheologie vertritt in bestimmten Kontexten der Gottesname Gott selbst, z. B. beim „Woh­nen“ im Tempel (Dtn 12,11; 1 Kön 8,16.29).

2. Der Name kann Programm (Gen 17,5) oder An­lass zu ätiologischen Etymologien (Gen 25,26; Ex 2,11) und Wortspielen (1 Sam 25,25) sein, offen­bart aber nicht automatisch das „Wesen“ seines Trägers. Ihm wird auch keine magische Kraft zu­geschrieben. Für die Existenz einer speziellen Na­mensmagie gibt es im AT keine direkten Belege. Die Tatsache, dass die Kenntnis des Namens nötig ist, um den Träger an- oder herbeizurufen, spielt aber naturgemäß bei der Kontaktaufnahme mit der Gottheit eine wichtige Rolle (vgl. Gen 32,30; Ex 3,13-15). Einen Namen zu haben heißt „Jemand“ zu sein; der gute Name/Ruf ist eines der höchsten Güter (Spr 22,1; Koh 7,1; Sir 41,12f). Der Name steht für die Bedeutung und die Rechtspersönlichkeit eines Menschen (so wohl Jes 56,5). Wer dagegen „ohne Namen“ ist, existiert quasi nicht (Ijob 30,8). Durch die Namensverleihung erfolgt die Integration in den Familienverband; die Namengebung kann durch die Mutter (Gen 30,11; Ri 13,24) oder den Vater erfolgen (Gen 5,3; 2 Sam 12,24). Mit einem neuen Namen übernimmt, häufig als Initiationshandlung beim Eintritt in eine neue Macht- und Patronats­beziehung, der Träger eine neue Identität (Gen 17,5.15; 32,29; 2 Kön 23,34; Jes 44,5; 62,2.4). Im weiteren Sinne umfasst der Name eines Menschen nicht nur seinen individuellen Personennamen, sondern auch die Namen der sozialen Gruppen, denen er zugehört. Sein individueller Name partizipiert an den Kollektivnamen (der Reputation) seiner Familie, seines Dorfes, seines Patrons etc. (die Partizipation am Vaternamen mittels Patronymie ist im Alten Testament nicht belegt, erst Lk 1,59-61; stattdes­sen „Sohn des N. N.“ als Namen, 1 Sam 20,27). Die „Größe“ des Namens korrespondiert der Ehre und der Macht des Trägers. Das Sich-Ausbreiten/Anwachsen des Namens (1 Chr 14,17; 2 Chr 26,15; Ps 72,17) drückt die Erweiterung der Macht- und Einflusssphäre aus. Worüber jemands Namen genannt ist, das unter- und obliegt ihm (2 Sam 12,28; Num 6,27; Jes 63,19; Am 9,12; vgl. auch Jes 43,1). Als Ruhm und Gedächtnis überdauert der Name die physische Existenz des Trägers. Dieser lebt in seinem Namen fort, in erster Linie durch die Weiterga­be des Namens an die Nachkommen (Gen 48,16; Num 27,4; Sir 40,19; vgl. auch Dtn 25,5f; Rut 4,5), aber auch durch einen Platz im dauernden Gedächtnis der Nachwelt (2 Sam 18,18; Ps 72,17; Spr 10,7; Sir 39,9 -11; 41,11-13; 44,7-14). Auch ein schlechter Name/Ruf oder die Erinnerung an ein schlimmes Schicksal kann in dem sprichwörtlich geworde­nen Name überdauern (Jer 29,22). Die Ausrottung des Namens besiegelt unwiderruflich die Vernichtung (Ijob 18,17-19; Jes 14,22), indem sie dem physi­schen und sozialen noch den kommemorativen Tod hinzufügt.

Neues Testament

1. Auch im Neuen Testament ist der Name (ónoma) der pri­märe identity marker. „Name“ kann auch direkt die Bedeutung Person/Mensch haben (Apg 1,15; Offb 3,4), ebenso Ruf/Ruhm/Ehre (Mk 6,14; Phil 2,9; Hebr 1,4). Name/Ruf und Wirklichkeit kön­nen sich entsprechen (Mt 1,21), aber auch aus­einander fallen (Offb 3,1).

2. Der im Griech. wichtige Aspekt „bloßer Name/ Begriff“ spielt im Neuen Testament so gut wie keine Rolle (Apg 18,15). Griech., später auch röm. Namen sind unter Juden seit hell. Zeit geläufig (vgl. Saulus/Paulus, Apg 13,9). Zu- und Beinamen (Mt 16,18; Mk 3,16f.par.) zielen auf charakteristische Eigen­schaften, sind Programm oder formulieren An­sprüche. Auch Herkunftsort und Volkszugehörig­keit sind Teil des Namens und der Identität (Mt 2,23; Mk 14,67par.; Lk 24,19; Joh 1,45; Apg 9,11; Röm 2,17). Weiter wird ein Mensch benannt und da­mit eingeordnet, indem ihm ein stereotypes Eti­kett (label) angehängt wird, das sowohl ein Schimpfname sein kann, der Ablehnung und Ver­achtung ausdrückt (Mt 10,25), wie auch ein Eh­rennamen, in dem sich Zustimmung und Reve­renz artikulieren (Lk 1,32). Die „Story“ der Evv. dreht sich auf fundamentaler Ebene um die Frage der richtigen Benennung Jesu im Spannungsfeld der Schmähung seines Namens durch die jüd. Autoritä­ten und seiner Verherrlichung durch Gott. Zu­gleich geht dieser Streit darum, ob Jesus im Namen Gottes agiert (Mk 11,9par.; Mt 23,39par.) oder Gott lästert (Mk 14,64par.). Die Ehre/Autorität/Macht (des Namens) Jesu erweist sich in seiner Auferweckung/Erhöhung durch Gott (Phil 2,9f) wie auch in den Machttaten (Heilungen und Exorzis­men), die nachfolgend in seinem Namen geschehen (Mk 16,17f; Lk 10,17; Apg 3,6; 4,7-12; 16,18). In quasi „magischer“ Weise wird der Name Jesu durch Nicht-Jünger exorzistisch in Anspruch genom­men (Mk 9,38f.par.), ebenso, allerdings illegitim und darum erfolglos, durch jüd. Exorzisten (Apg 19,13). Dies entspricht der seit hell. Zeit vielfach belegten Praxis antiker Namensmagie, möglichst viele und „mächtige“ Götternamen im Dienste ihrer Operationen „aufzurufen“, u. a. den atl. Gottesnamen (meist in der Form „Iao“) und an­dere göttliche „Geheimnamen“ wie „Sabaoth“ und „Adonai“. Magisch-exorzistischer Praxis ent­spricht es auch, zunächst den Namen, d. h. die Identi­tät des zu bannenden Dämons festzustellen (Mk 5,9par.). Trotzdem kann man für das Neue Testament nicht eigentlich von Magie sprechen, da die Wirk­samkeit der Handlung nicht wie in den griech. Zauberpapyri aus den korrekt ausgeführten Ope­rationen und richtig ausgesprochenen Worten resultiert, sondern aus dem Glauben (Mt 17,19f). Glaube bedeutet dabei das Verhältnis persönlicher Bindung an Jesus bzw. Gott nach dem für die mediterrane Welt grundlegenden Modell der Patron-Klient-Beziehung. Sinnfällig ausgedrückt wird die Integration in die Klientel eines Patrons durch die Integration in seinen Namen, so explizit im röm. Namenssystem, wo der Freige­lassene den Gentilnamen des Patrons als Teil sei­nes eigenen Namens übernimmt (ähnlich auch bei der Adoption). Die gleiche Symbolik liegt zu Grunde, wenn der Name des jeweiligen Herrn als quasi eintä­towiert vorgestellt wird (Offb 13,17; 14,1; 22,4), wenn der Name Jesu in Glaubensformeln vorkommt (Joh 1,12; Apg 3,16) und wenn die Taufe „im/auf/in den Namen Jesu“ erfolgt (Mt 28,19; Apg 2,38). Umgekehrt sind bei Gott die Namen derer bekannt und verzeichnet, die (zu) ihm gehören (Lk 10,20; Joh 10,3; Phil 4,3; Offb 3,5; vgl. schon Jes 43,1); ihnen ist zugleich ein „neuer Name“ verheißen (Offb 2,17; 3,12). Die Rede vom „Namen Jesu/des Herrn“ statt einfach von „Jesus“ soll außerdem durch be­wusste Imitation der atl. Sprache („den Namen Jhwhs anrufen“ etc.) Jesu göttliche Hoheit unterstrei­chen.

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PD Dr. Klaus Neumann ist evangelischer Pfarrer der ELKB in Geslau.

Quelle: Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament (HGANT), hrsg. v. Angelika Berlejung u. Christian Frevel, Darmstadt: WBG, 52016, S. 347-349.

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