Viktor Warnach über Odo Casel: „Die Liturgie war für ihn wahrhaft ‚Opus Dei‘, aber gerade nicht als unsere Leistung, sondern als Gottes Werk an uns, das wir freilich glaubend mitvollziehen müssen, wenn wir an seiner Heilsfrucht Anteil haben wollen.“

Odo Casel

Von Viktor Warnach

Odo Casel, geboren am 27. September 1886 in Koblenz-Lützel. Nach kurzem Studium in Bonn 1905 Eintritt in die Benediktinerabtei Maria Laach, Studium der Philosophie und Theologie dort und in Sant’Anselmo/Rom, theologische Dis­sertation, 1913-16 Studium der klassischen Philologie und der Religionswissen­schaft in Bonn, Dissertation, seit 1921 Herausgeber des Jahrbuchs für Liturgie­wissenschaft (JLW), 15 Bde. (1921-41), 1922-48 Spiritual der Benediktinerinnenabtei Hl. Kreuz zu Herstelle/Weser. Gestorben in der Osternacht 28. März 1948.

Hauptschriften: Das Gedächtnis des Herrn in der altchristlichen Liturgie (1918); Die Liturgie als Mysterienfeier (1922); Das Mysteriengedächtnis der Meßliturgie im Lichte der Tradition (1926, JL W 6); Mysteriengegenwart (1929, JL W 8); Das christliche Kultmysterium (1932); Art und Sinn der ältesten christlichen Osterfeier (1938, JL W 14); Glaube, Gnosis und Mysterium (1941, JL W 15); Das christ­liche Festmysterium (1941). — Posthum: Zur Kultsprache des heiligen Paulus (1950, AL W 1); Mysterium des Kommenden (1952); Vom wahren Menschenbild (1953); Mysterium des Kreuzes (1954); Mysterium der Ekklesia (1961); Das christliche Opfermysterium erscheint demnächst.

Mönchtum und Theologie, das sind die beiden Komponenten im Leben und Werk Odo Casels, beides aber gegründet und erfüllt im kultischen Mysterium als dem Ort der Gegenwart Gottes und unserer Begegnung mit ihm.

Mönch war Odo Casel vor allem als Pneumatiker, der, aus weltlichen Stu­dien an einem herrlichen Sommerabend (17. 6.1905) gerufen, für das von oben einströmende Licht und das neuschöpferische Leben der Gnade zu­tiefst empfänglich sein wollte. „Sich von Gott erfüllen lassen“, war eine seiner Maximen. Als Moselfranke, in dem römische Kultur, keltisches Tem­perament und germanische Gemütstiefe sich vereinen, war er von Natur aus heiter und gesellig, oft überaus humorvoll; doch zog es ihn in die klö­sterliche Einsamkeit, um ganz für das Wesentliche und Bleibende offen zu sein. Weltabgeschiedenheit bedeutete ihm aber keine Weltverachtung, viel­mehr wahre Freiheit für die Welt. Weltfern und sogar weltfremd, ver­folgte er doch wachen Herzens das Geschick seiner Zeit und wußte sich von ihm unmittelbar betroffen. „Lasset uns die Zeichen der Zeit verstehen“, mit diesem Aufruf begann er 1922 seine Konferenzen für die Benediktine­rinnen von Herstelle a. d. Weser, denen er 26 Jahre hindurch als Spiritual in stiller Zurückgezogenheit gedient hat. Niemals ist er an die Öffentlichkeit getreten; aber wenige haben gleich ihm den Geist ihrer Zeit ge­prägt. Wie zu einem Starez kamen viele einfache und berühmte Leute zu ihm, um sich väterlichen Rat oder ein weisendes Wort zu holen.

Seine Theologie erwuchs aus seiner monastischen Existenz wie die Pflanze aus dem Keim. Als Sprechen Gottes zu uns hat er sie vornehmlich verstan­den, und wer kann Gottes Wort besser vernehmen als der schweigende Mensch? Deshalb war Odo Casel um die Stille fast ängstlich besorgt; wußte er doch zu gut, daß alles Große aus der inneren Sammlung kommt, die erst die unmittelbare Berührung mit dem Kern der Wirklichkeit er­möglicht. Die meist selbstgefällige Geschäftigkeit und den geisttötenden Lärm haßte er aus geistiger Notwehr.

Jedoch war es keine unfruchtbare „Wüste“, aus der er kam. Nicht nur hat er dort — trotz größter technischer Schwierigkeiten — höchst gelehrte For­schungen betrieben, die in zahlreichen Büchern und Aufsätzen, nicht zu­letzt in den wohl tausend Rezensionen ihren Niederschlag fanden, sondern auch eine große Frauengemeinschaft geistlich auf gebaut und geleitet, die allein schon durch ihre wesensgemäße Existenz ein beredtes Zeugnis für die Fruchtbarkeit seiner Lehre ist. Hier fand er den beschwingenden Wi­derhall, den er brauchte, um wirklich schöpferisch zu werden, hier fand er auch den tragenden Rückhalt, um in all den Angriffen und Verkennungen, denen er ausgesetzt war, widerstehen und ausharren zu können. Und man­cher seiner vielen Gegner ist gerade durch die Erfahrung dieser von ihm gestalteten Wirklichkeit „bekehrt“ worden; denn, ohne zu moralisieren, konnte er den ursprünglich von der subjektivistisch-gefühlsbetonten „devotio moderna“ bestimmten Konvent in Herstelle durch die lautere Wahr­heit, die er lehrte und vorlebte, so tief in der Christuswirklichkeit verwur­zeln, daß dieser mit fraulicher Unbedingtheit das Geschaute auch in letzt­möglicher Reinheit zu verwirklichen trachtete.

Überhaupt waren für Casel Leben und Lehre unzertrennbar eins. Das konnte jeder merken, der ihm persönlich begegnete, zumal wenn er mit ihm das heilige Meßopfer feiern durfte. Eine charismatische Ergriffenheit sprach aus seinen Worten wie Gebärden und „steckte alle an“. Gesundheitlich stets gefährdet und fast immer leidend, wußte er wie kaum einer um die Bedrohtheit menschlichen Daseins und kam von daher zu einer „Existenz­theologie“, die sich aber nicht um das auf sich gestellte Subjekt dreht, son­dern um den, der allein das Subjekt aus seiner Enge und Haltlosigkeit zu eigentlichem Seinsvollzug erlöst und erweckt. Man könnte Casels Theolo­gie auch eine „empirische“ nennen, weil sie aus der Erfahrung des in sei­ner Kirche pneumatisch weiterlebenden und -wirkenden Kyrios stammt. Da aber der verklärte Herr der durch Leiden und Tod hindurchgegangene Heiland der sündigen Menschheit ist, gilt sein theologisches Bemühen ins­besondere dem Paschamysterium als dem sieghaften Hinübergang Christi durch das Kreuz zur Herrlichkeit. Das Mysterium als Handeln Gottes mit den Menschen in der Schöpfungs- und Heilsgeschichte kann jedoch nicht rein rational erschlossen werden, sondern allein durch die sich versenkende und verschenkende Gnosis-Agape als ein ganzheitliches Erfassen der Christuswirklichkeit, wie sie uns vor allem im Kult konkret begegnet. Quellgrund und Mitte seines Lebens und Schaffens war daher die Feier der Liturgie, die Casel als Benediktiner zum besonderen Auftrag, aber auch zur innersten Bestimmung geworden war. Für ihn bedeutete sie kein Pen­sum, das man absolvieren muß, sondern den selbstverständlichen Ausfluß des inneren Seins und Lebens, den Ausdruck der Gotterfülltheit, begründet im Glauben an Gottes heilende und heiligende Gegenwart in Wort und Sakrament. Die Liturgie war für ihn wahrhaft „Opus Dei“, aber gerade nicht als unsere Leistung, sondern als Gottes Werk an uns, das wir freilich glaubend mitvollziehen müssen, wenn wir an seiner Heilsfrucht Anteil haben wollen. Dies erfuhr er, wie er Freunden verriet, ganz unmittelbar bei der Feier des Hochamtes in seiner Heimatabtei, da ihm aufging, daß die Messe mehr als fromme Andacht oder bloße Gnadenvermittlung ist, nämlich kultische „actio“, durch die das zwar geschichtlich längst ver­gangene Heilswerk Christi unter uns sakramental wirklich und wirksam gegenwärtig wird. Diese Tatsache, die den Kern der von ihm wieder er­weckten, aber arg umstrittenen „Mysterienlehre“ bildet, wollte dann Casel durch den Vergleich mit den antiken Mysterienkulten, die er während sei­nes Bonner Studiums genauer kennenlernte, illustrieren und unserem Ver­ständnis näherbringen, aber keineswegs, wie ihm oft unterstellt wurde, von daher begründen. Seine theologische Schau war viel zu ursprünglich, als daß er versucht gewesen wäre, sie historisch, gar noch aus fremden Quellen abzuleiten, zumal da ihm bei aller formalen Ähnlichkeit die tiefen sachlichen Unterschiede zwischen den heidnischen und christlichen Mysterien völlig klar waren.

Eine entscheidende Grunderfahrung oder Erleuchtung steht demnach am Anfang seiner theologischen Bemühung. Diese war eigentlich nichts anderes als die Auslegung dessen, was ihm selbst im Vollzug der Liturgie wider­fahren ist. Charakteristisch ist aber für ihn, daß er seine auf dieser Erfah­rung aufgebaute Lehre durch den Rückgang zu den Quellen, namentlich in der Bibel und Patristik, erhärten wollte. Immer wieder betonte er, daß er nichts Neues bringen, sondern lediglich verschüttete Schätze christlichen Lehrgutes wieder zutage fördern wollte. Auch wehrte er es ab, eine Son­dermeinung zu vertreten; vielmehr empfand er sich nur als Interpreten der „heiligen Überlieferung“, die seit je jene Wahrheit, obzwar oft verdeckt, bewahrt habe. Damit huldigte er keineswegs einem Traditionalismus oder dem damals weithin herrschenden historischen Relativismus; eher neigte er in seiner ausgesprochen platonisch-alexandrinischen Denkhaltung zu apodiktischen Aussagen, wenn er nicht ein so gründlicher Philologe gewesen wäre, der ein gutes kritisches Gespür besaß. Mehr intuitiv veranlagt, ging es ihm um die „Wahrheit“ nicht als Theorie, sondern als lebendige und zu lebende Wirklichkeit, wie biblisches Denken sie immer schon verstanden hat. Als scharf geprägter Charakter vertrat er seinen Standpunkt mit einer gewissen Unerbittlichkeit und ertrug keinen Kompromiß in wesentlichen Dingen, weil er von seiner Sache und Sendung vollkommen überzeugt war. Schon der Versuch, die Mysterienlehre erklären zu wollen, erregte in ihm den Verdacht des Verrates an der heiligen Wirklichkeit, die eben zu tief und zu groß ist, als daß man sie begrifflich klären und systematisieren könnte. Seine Zurückhaltung gegenüber der Ratio entstammt also der Ehrfurcht vor dem Heiligen, dessen Erhabenheit und Fülle unsere Kate­gorien notwendig sprengt.

Zum Philosophieren zeigte er deshalb wenig Neigung und rein spekulative Systematik lehnte er scharf ab, mitunter sich auf Goethe (Faust) berufend: „Ein Kerl, der spekuliert, ist wie ein Tier auf dürrer Heide, von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt, und ringsumher ist schöne grüne Weide.“ Dennoch räumte er ein, daß die Mysterienlehre nicht ohne philo­so­phische Bemühung zum vollen Durchbruch gelangen könne, weil die gegen sie erhobenen Einwände meist aus dem Mangel an adäquater Be­grifflichkeit kämen. Anderseits hat gerade die Mysterientheologie der Phi­losophie wichtige Antriebe gegeben, etwa in bezug auf das Zeit- oder Ge­schichtsproblem. Überhaupt hat sie neue Tiefendimensionen der Wirklich­keit unserem Verständnis eröffnet.

Unzweifelhaft stand das Kultmysterium im Mittelpunkt von Casels theo­logischem Interesse, und man kann ihn mit Recht als Wiedererwecker echter Kulttheologie bezeichnen. Doch eben wegen der sakramentalen Gegenwart des Heilswerkes galt ihm der Kult nicht als äußerlicher Dienst, sondern als vergegenwärtigte Heilsgeschichte, die einen jeden ganz unmittelbar an­geht, aber auch den ganzen Kosmos einbezieht. Von daher erschloß sich ihm erst das Mysterium der Kirche als universaler Kult- und Heilsgemein­schaft, während sie vordem fast nur juridisch-moralisch gesehen und ge­wertet wurde. Was er aber in erhebender Schau von der Kirche als dem pneumatischen Herrenleib vor allem im Anschluß an den Epheserbrief er­kannte, das wurde bei ihm reale Tat-Sache in der monastischen Ecclesiola von Herstelle, die als Abbild der einen und heiligen Ecclesia zum Zeichen und Zeugnis für die heilschaffende Gegenwart Christi in der Zeit wurde.

Darum ist die ihm oft vorgehaltene „Einseitigkeit“ sachlich durchaus ge­rechtfertigt, insofern als er einen ganz zentralen Lehrpunkt wieder in den Blick gebracht hat, von dem aus die Fragen der Anthropologie und Gna­denlehre, der Ekklesiologie und Sakramentenlehre, der Moral und Pasto­ral, wie auch der Kunst und so mancher anderer Bereiche des Geisteslebens neu gesichtet und angegangen werden können. Wie umfassend der Rahmen der Caselschen Theologie ist, zeigt deutlich die vielschichtige Bedeutungs­fülle seines Leitwortes „Mysterium“, das in seinem Verständnis zugleich die unbegreifliche Wirklichkeit Gottes, die sich in Christus offenbart, die Heilsgeschichte als das „Christusmysterium“ im engeren Sinne, das „My­sterium der Kirche“ und schließlich die eschatologische Vollendung in sich begreift.

Aus dieser Zusammenschau erwächst die „Mysterienfrömmigkeit“, die sich als echte Kultmystik nicht in bloß subjektivem Erleben verliert, sondern mit letzter Hingabe auf Christus und durch ihn auf den Vater ausgerichtet ist. Sein ganzheitliches Denken ging von selbst in den konkreten Lebens­vollzug über, weil es trotz des ungewöhnlichen Tiefganges von bewun­dernswerter Einfachheit und Klarheit war. Nicht in der Vermittlung theo­retischen Wissens, sondern in der Zeugung geistlichen Lebens erblickte Odo Casel seine wahrhaft pastorale Aufgabe. Welche Strahlkraft gewannen bei ihm die biblischen Grundworte „Kyrios“, „Pneuma“ oder „Agape“! Es ist fürwahr kein „Manierismus“, wenn er sie unübersetzt ließ, weil wir in unserer profanierten Sprache keine ihrer Bedeutungstiefe adäquaten Aus­drucksmittel besitzen. Durch die Übernahme solcher Lehnwörter in den eigenen Sprachschatz, um dessen Lebenskraft er selbst sehr besorgt war, glaubte er dem theologischen Denken nicht bloß neue Perspektiven, son­dern auch starke Impulse vermitteln zu können, wie es sich tatsächlich auch bestätigt hat. Was sein um die eine Sache immer wieder kreisendes Denken vielen so ansprechend machte, war die Bildhaftigkeit seiner Sprache, die allerdings weniger der Anschaulichkeit als der Symbolik die­nen wollte.

Sein schweres, aber reiches Leben und besonders sein begnadetes Sterben in der Osternacht ist ein leuchtendes Zeugnis für die von ihm zutiefst er­fahrene Wirklichkeit des Pascha Domini, in dem all sein Suchen und Mühen die erlösende und erfüllende Mitte fand. Und wenn gerade das „Paschamysterium“ zum Schlüsselwort der Liturgiekonstitution und dar­über hinaus sein Kernanliegen: die lebenschaffende Gegenwart Christi in seiner Kirche zum Generalthema des Vaticanum II geworden ist, so darf man darin ohne Zweifel eine höchste Anerkennung seines Wollens und Werkes erblicken. Trotz oder vielleicht wegen der zahlreichen Gegner, die seine Lehre auf den Plan rief, hat sie sich durchgesetzt, weil sie auf einer wahren und tiefen Erfahrung beruht.

Nicht zuletzt ist die ökumenische Relevanz der Caselschen Theologie zu beachten. Eben weil sie nichts anderes als die Auslegung einer christlichen Grunderfahrung sein will, mußte sie auch die evangelischen und orthodo­xen Brüder ansprechen. So betrachteten Theologen wie W. Stählin, K. B. Ritter, G. van der Leeuw, A. D. Nock u. a., die sich als seine Freunde bekannten, die ausgesprochen christozentrische Mysterienlehre als einen be­deutsamen Beitrag zur Überbrückung der Kluft zwischen den Konfessio­nen, weil ihr zufolge sogar das Meßopfer als Gegenwärtigsetzung des einen Heilsopfers Christi keinen Anstoß mehr bot. Die ostkirchlichen Theologen aber sahen sich durch Casel zur Besinnung auf ihre eigene Art veranlaßt; leben sie doch, wenn auch oft nur unbewußt, noch heute aus dem Kultmysterium, das im Abendland durch den wachsenden Rationalis­mus und Individualismus lange verdunkelt, wenn nicht gar weithin ver­schüttet war.

Geradezu prophetisch hat Casel das für die Zukunft Entscheidende in der reichen Überlieferung des Christentums entdeckt und verkündigt, oft be­unruhigend, aber dafür um so anregender. Aus diesen Gründen dürfte es nicht übertrieben sein, wenn man ihn einen der wirkungsvollsten Bahn­brecher der künftigen Theologie genannt hat, die ernstlich und ehrlich versuchen muß, vom Christusmysterium her eine allen Dimensionen und Ansprüchen der Wirklichkeit entsprechende Zusammenschau zu gewinnen.

Quelle: Hans Jürgen Schultz (Hrsg.), Tendenzen der Theologie im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte in Porträts, Stuttgart: Kreuz-Verlag 21967, S. 277-282.

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