Alfred Delp, Der Stern wird über der Wüste stehen (Epiphanias 1945, Haftanstalt Berlin-Tegel): „Es steht schlimm um ein Leben, wenn es die Wüste nicht besteht oder sie meidet. Die Stunden der Einsamkeit müssen mit denen der Gemeinsamkeiten in einem bestimmten Verhältnis stehen, sonst verkümmern die Horizonte und werden die Gehalte zerredet und vertan. Das ist eine der bewußten Befreiungstaten, die der Mensch an sich selbst tun muss, dass er sich immer wieder in der Einsamkeit dem großen Frager und dem echten Anblick der Dinge stellt.“

Der Stern wird über der Wüste stehen (Epiphanias 1945, Haftanstalt Berlin-Tegel)

Von Alfred Delp

In diesen Wochen der Gebundenheit habe ich dies erkannt, daß die Menschen immer dann verloren sind und dem Gesetz ihrer Umwelt, ihrer Verhältnisse, ihrer Vergewaltigungen verfallen, wenn sie nicht einer großen inneren Weite und Freiheit fähig sind. Wer nicht in einer Atmosphäre der Freiheit zuhause ist, die unantastbar und unberührbar bleibt, allen äußeren Mächten und Zuständen zum Trotz, der ist verloren. Der ist aber auch kein wirklicher Mensch, sondern Objekt, Nummer, Statist, Karteikarte.

Dieser Freiheit wird der Mensch nur teilhaft, wenn er seine eigenen Grenzen überschreitet. […] Die Männer, denen die Stunde der großen Freiheit im Stall zu Bethlehem schlug, hatten die Wüste bestanden. Die äußere Wüste der Einsamkeit, der verlassenen Heimat, der geopferten Bindungen und Beziehungen, der eintönigen und zähen Wanderfahrt. Und die innere Wüste der sternlosen Zeit, der Frage, des Zweifels, der Bangigkeit und Sorge. Es war ein weiter Weg und selbst im Glanz der glückhaften Begegnung verloren ihre Gesichter nicht die Spuren der Stunden der Bewährung.

Die Wüste gehört dazu. Die menschliche Freiheit ist ein Ergebnis der Befreiung, eines zähen unermüdlichen Aufstiegs in einer feindseligen Wand. […] Es steht schlimm um ein Leben, wenn es die Wüste nicht besteht oder sie meidet. Die Stunden der Einsamkeit müssen mit denen der Gemeinsamkeiten in einem bestimmten Verhältnis stehen, sonst verkümmern die Horizonte und werden die Gehalte zerredet und vertan. Das ist eine der bewußten Befreiungstaten, die der Mensch an sich selbst tun muß, daß er sich immer wieder in der Einsamkeit dem großen Frager und dem echten Anblick der Dinge stellt. […]

Aber sie ist nicht das Erste und nicht das Letzte, die Wüste. Und der Mensch ist in den Fährlichkeiten der Fahrt zum Gipfel der Freiheit doch nicht nur sich selbst ausgeliefert. Denn je weiter und höher der Mensch, um er selbst zu werden, über sich hinausgreifen, ja mehr noch, über sich hinauswandern muß, um so weniger langt dazu des Menschen eigenes Vermögen. Wie weit wir selbst kommen aus Eigenem, das haben wir als Geschlecht und als einzelne erlebt und bewiesen. Möge dies für lange Zeit der letzte Erweis des Ergebnisses menschlicher Überschätzung sein.

Die Stunde der Freiheit ist die Stunde der Begegnung. Und es ist nicht so, daß ein suchender Gott auf einen wegmüden Menschenwanderer warte. Sie sind beide unterwegs aufeinander zu. […]

Unsere Stunde ist die Stunde der Wüste noch. Noch fleht unser Herz die Urbitten der Kreatur. Das gilt für uns alle und gilt für mich persönlich. Es ist eine Situation, in der die Wüste ihre tröstliche Vertraulichkeit weglegt und uns mit dem Gesicht der gefährlichen Bedrängnis anschaut. Das sind keine Bilder, das sind Zustände und Tatsachen. Wir alle wissen das: die große Gemeinschaft der Menschen dieser Welt. Und wir neun wissen das, die übermorgen als „verlorener Haufen“ die Fahrt ins Schicksal antreten. Aber diese Wüste ist Bewährung zur großen Freiheit, nicht endgültiges Schicksal. Die Wüsten müssen bestanden werden. Und ich weiß dies: ich bin nicht allein. Das Gesetz der Gnade gilt. Und ich weiß dies: ich bin nicht allein. Das Gesetz der Treue und der Liebe und des betenden Opfers gilt. Und ich weiß dies: der Stern wird über der Wüste stehen.

Epiphanias 1945

Hier der Text als pdf.

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