Der heilige Gott und die Lehre von den göttlichen Eigenschaften
Von Edmund Schlink
In der Mitte des gottesdienstlichen Lobpreises der Kirchen steht das Trishagion: „Heilig, heilig, heilig ist Gott Zebaoth! Himmel und Erde sind seiner Herrlichkeit voll.“ Dieser Lobpreis hat seinen Ursprung in der Berufungsvision des Propheten Jesaja (Jes 6,3). Hier wurde er vernommen als Gott dargebracht von den Seraphim im himmlischen Gottesdienst. Im Qeduscha wurde er auch angestimmt im irdischen Gottesdienst der jüdischen Gemeinde. Das Trishagion findet sich wieder in der neutestamentlichen Doxologie der himmlischen Liturgie (Apk 4,8) und wurde schon früh in den kirchlichen Gottesdienst aufgenommen. Seit der Mitte des 3. Jahrhunderts fand es seinen Ort im eucharistischen Hochgebet, zunächst in der Deutung der beiden Seraphen auf Christus und den Heiligen Geist, durch die der irdischen Gemeinde der Zugang zur himmlischen Anbetung erschlossen wird, – später in der Deutung des Dreimalheilig auf den dreifachen Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Diese trinitarische Deutung fand dann große Verbreitung. Indem die Kirche im Herrenmahl das Trishagion Gott darbringt, bekennt sie die Einheit des Vaters Jesu Christi mit dem alttestamentlichen Bundesgott und die Gemeinschaft des irdischen mit dem himmlischen Gottesdienst.
Fragen wir nach der Bedeutung des Lobpreises „Heilig!“, so soll auch hier, wie in allen Aussagen der Gotteslehre, von der geschichtlichen Offenbarung der göttlichen Heiligkeit ausgegangen werden. Dabei sind drei verschiedene Momente besonders hervorzuheben:
a) Gott ist heilig als der von allem anderen Unterschiedene. Das Hebräische kadosch, heilig, steht im Gegensatz zu hakôl, dem Allgemeinen, dem geschöpflichen All (vgl. z.B. Hos 11,9: „Ich bin Gott, nicht Mensch, heilig in deiner Mitte“). Mit keinem Menschen und darüber hinaus mit nichts außer ihm Seienden ist der heilige Gott zu vergleichen. Er ist der ganz andere. Diese Grenze behauptet Gott gegenüber allen Versuchen der Menschen, sie eigenmächtig zu überschreiten und Gott selbstgewählten Zwecken dienstbar zu machen. In immer neuer willentlicher und tätiger Selbstunterscheidung macht er seine Einzigkeit geltend. „Ich, der Herr, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem anderen geben, noch meinen Ruhm den Götzen“ (Jes 42,8 u. ö.). Als der ganz andere will Gott von den Geschöpfen anerkannt werden. Ihm als Schöpfer und Erlöser sollen sie die Ehre geben und seinen Geboten die eigenen Begierden unterordnen.
b) Wird Gott in seiner Heiligkeit offenbar, dann kann der Mensch nicht vor ihm bestehen, dann entweicht ihm seine Lebenskraft, und er sinkt in sich zusammen. „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen … Denn ich habe den König, den Herren Zebaoth, gesehen mit meinen Augen“ (Jes 6,5). Gott ist heilig als der Enthüllende und Verzehrende. Der heilige Gott zerstört die Scheingeborgenheit der religiösen und rechtlichen Gehäuse, in denen der Mensch sich sicher wähnte, und tut den Abgrund der Leere und Nichtigkeit auf, in der sich der Mensch befindet, der aus sich selbst zu leben versucht.
c) Der heilige Gott handelt aber auch als der Aussondernde, der Ansichziehende, der Gemeinschaft Stiftende, – als der Heilbringende, sich Schenkende. Er deckt die Sünde nicht nur auf, sondern bedeckt sie und beseitigt die Schuld. So handelte Jahwe als der Heilige, der Israel erwählte, errettete, zu seinem Volk machte und ihm seinen Beistand verhieß. Auf das stärkste kommt das ganz Andere der göttlichen Heiligkeit darin zum Ausdruck, daß die Gemeinschaft mit ihm nur dadurch möglich wurde, daß er von sich aus in freier Liebe sich der versklavten israelitischen Stämme annahm. Israel seinerseits hätte den Bund mit Gott nicht herstellen können.
Dasselbe gilt erst recht von Gottes heiligendem Handeln im neuen Bund. Auch hier gehören Aufdeckung und Beseitigung der Sünde im Wirken Gottes zusammen. Zwar ist zunächst auffallend, daß im Vergleich zum Alten Testament in den neutestamentlichen Schriften (abgesehen vom Johannesevangelium) nur an verhältnismäßig wenigen Stellen von dem heiligen Gott und von Jesus Christus als dem Heiligen Gottes gesprochen ist. Aber „heilig“ hat in der Bezeichnung des „Heiligen Geistes“ geradezu die Bedeutung eines göttlichen Namens erlangt. Die Ausgießung des Heiligen Geistes ist die Erfüllung einer der zentralsten Verheißungen des Alten Bundes. Durch die Ausgießung und Einwohnung dieses Geistes, durch die von ihm bewirkte Erneuerung und Lebendigmachung, durch seine charismatischen Gaben und Führungen ist der heilige Gott in einer Weise offenbar geworden, die sich von der Aussonderung des alttestamentlichen Bundesvolkes so unterscheidet wie die Erfüllung von der Verheißung. Mit der starken neutestamentlichen Bezeugung der Wirkungen des Heiligen Geistes ist die Heiligkeit Gottes als gegenwärtig verkündigt.
Diese drei Momente gehören zusammen, ohne daß mit dieser Feststellung schon das Wie dieser Zusammengehörigkeit geklärt wäre. Aber es ist bereits deutlich, daß der Lobpreis der Heiligkeit Gottes nicht ohne die Bitte um die Heiligung seines Namens geschehen kann. Denn wenngleich Gott der Heilige ist, wird er doch von der Welt nicht als der Heilige geehrt. Die Heiligung des göttlichen Namens ist denen, die sich gegen ihn sperren, nicht möglich, ohne daß Gott sie hierfür zubereitet. So ist diese erste Bitte des Vaterunsers in der abendländischen Tradition von Tertullian über Cyprian und Augustin bis zu Luthers Kleinem Katechismus, aber auch von einigen griechischen Vätern gedeutet worden: „Heilig ist Gottes Name von Natur, ob wir ihn so nennen oder nicht; … wir bitten, daß der Name Gottes auch bei uns geheiligt werde“ (Cyrill v. Jerusalem, Mystag. Katech. 11).
Quelle: Edmund Schlink, Ökumenische Dogmatik. Grundzüge, Göttingen 1983, S. 760f.