Paul Tillich, Die christliche Hoffnung und ihre Wirkung in der Welt (1963): „Die unendliche Bedeutung des Einzelnen für das Christentum bleibt in der christlichen Hoffnung erhalten. Aber über das Wie kann nichts ausgesagt werden, und wo es versucht wird, ist es dichterische Symbolik, deren Schönheit Absurdität wird, wenn man sie wörtlich nimmt. Darum muß der Theologe hier schweigen und mit allen Kreaturen auf das hoffen, was nicht gesehen und gesagt werden kann.“

Die christliche Hoffnung und ihre Wirkung in der Welt (1963)

Von Paul Tillich

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In dem Sammelband Die Hoffnungen unserer Zeit hat das Thema, über das ich sprechen werde, eine besondere Stellung. Es ist das einzige, das ausdrück­lich die religiöse Hoffnung zum Gegenstand hat. Das allein ist bemerkenswert.

Es zeigt, und mit vollem Recht, daß die Religion, die ursprüngliche Quelle aller menschlichen Hoffnung, sich für das Bewußtsein unserer Zeit erschöpft hat und daß sie ersetzt ist durch innergeschichtliche Gegenstände des Hoffens, politische Ordnungen, geistige Wandlungen, menschliche Einsichten und menschliche Vervollkommnung. Jedoch, es ist meine Überzeugung, daß all diese Hoffnungen, so profan sie scheinen mögen, eine religiöse Dimension in sich haben. Um sofort das schwierigste Beispiel zu geben, verweise ich auf das fünfte Thema: Die Hoffnung auf eine geistige Wandlung in Rußland. Diese Hoffnung kann nicht die sein, daß der Kommunismus in Rußland beseitigt wird. Aber es kann die sein, daß der prophetisch-religiöse Hintergrund des kommunistischen Glaubens gegen seine wissenschaftliche und politische Profanisierung durchbricht. Und ähnliches trifft auf alle endlichen Gegenstände der Hoffnung zu. Hinter ihnen, durch sie durchscheinend, steht eine religiöse Hoffnung, nämlich die Hoffnung auf eine Erfüllung dessen, was der letzte Sinn menschlichen Daseins ist. Mit anderen Worten: Das religiöse Thema ist in allen Vorträgen da, aber nur in einem ist es ausdrücklich da, und in ihm ist es genannt: Die Christliche Hoffnung. Naturgemäß fragt man: Ist dies die einzige Form der religiösen Hoffnung, die wert ist, erwähnt und den profanen Hoffnungen entgegengesetzt zu werden? Man wird auf die jüdische Hoffnung hinweisen, aus der die christliche hervorgegangen ist, oder auf die Hoffnung der in Indien geborenen Religionen, die zur Zeit einen großen Einfluß auf die westliche Welt ausüben, oder auf die Hoffnungen der weiten, uns so schwer zugänglichen Welt des Islam, die sehr ausgeprägt sind und wie die christliche Hoffnung starke Wirkungen der spätjüdischen, persisch beeinflußten Jenseitshoffnung zeigen. In all dem sind Hoffnungen lebendig, die zu unserer Zeit gehören und in ihr wirksam sind.

Die Beschränkung unseres Themas und meiner Zeit machen es unmöglich, auf die nicht-christlichen Formen der religiösen Hoffnung direkt einzugehen. Aber es gibt etwas, das über diese Grenze hinweghilft: die unendliche Viel­fältigkeit des Christentums, das, wie der große Theologe um die Jahrhun­dertwende, Adolf Harnack, gesagt hat, selbst ein Kompendium der Religi­onsgeschichte darstellt. Und das gilt in ganz besonderer Weise von dem ‚Prinzip der Hoffnung‘, wie es Ernst Bloch genannt hat. Es ist die Größe des Christen­tums, daß es mehr ist als irgendeine seiner geschichtlichen Formen und daß es jede von ihnen einer radikalen Kritik unterwerfen kann, ohne sein Fun­dament zu verlieren. Das beantwortet auch die Frage, die sicher von vielen von Ihnen in diesem Moment gestellt wird: Von welchem theologischen Standpunkt aus wird die christliche Hoffnung gesehen? Offenbar von einem protestantischen aus, da der Verfasser dieses Beitrags ein protestantischer Theologe ist. Aber das protestantische Prinzip hat die Kraft, von der Enge auch der protestantischen Wirklichkeit zu befreien und den Blick zu öffnen für die Fülle der Symbole, in denen sich die christliche und religiöse Hoffnung in der Geschichte ausgedrückt hat.

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Die christliche Hoffnung ist, wie die jüdische und islamische, im alttestamentlichen Schöpfungsgedanken begründet. Der Glaube, daß Gott, der das Gute selbst ist, die Welt geschaffen hat, schließt den weiteren Glauben ein, daß die Welt selbst in ihrer geschaffenen Natur gut ist. Denn nur Gutes kann von der Quelle kommen, die das Gute ist. Keine verneinende Kraft ist an der Schöpfung beteiligt, kein Gegengott, keine Materie, die sich dem Guten widersetzt. Auch die Materie ist göttliche und darum gute Kreatur. Daher ist es unchristlich, wie es unjüdisch und unislamisch ist, die Materie dem Geist gegenüberzustellen und den Geist gut, die Materie schlecht zu nennen. Der Mensch zum Beispiel ist gut in der Einheit von Geist und Leib, die für die christliche Hoffnung auch ewige Gültigkeit hat. Und was vom Menschen gilt, das gilt von allen Teilen des Universums; sie sind gut, wie der Mensch gut ist, der aus ihnen hervorgegangen ist. Das ist der Hintergrund der christlichen Hoffnung. Versteht man diesen nicht, so ist alles Reden über sie irreführend oder sinnlos.

Auf diesem Hintergrund aber erscheinen die dunklen Schatten: Übel, Tod, Schuld, die das Christentum auf den Sündenfall zurückgeführt hat, ein Symbol, für das wir heute den Begriff „Entfremdung“ gebrauchen können. Welt und Menschheit und jeder einzelne Mensch sind entfremdet von dem, was sie schöpfungsmäßig sein sollten. Das Gute ist nicht ausgelöscht, sonst könnten sie nicht sein, denn das Sein als Sein ist gut, wie Augustin gesagt hat. Aber das Gute ist verzerrt und wird in seiner Verzerrtheit zum Bösen und verfallt der Selbstzerstörung und dem Elend des entfremdeten Daseins. Weniger als je ist es heute nötig, ein Bild der Selbstentfremdung zu geben. Die Literatur, Kunst und Philosophie der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ‚hat1 das in überwältigender Weise getan. Sie haben einen Stil geschaffen, den man den existentialistischen nennt, weil er alle Tiefen und Dunkelheiten und Schrecken der Existenz aufzuzeigen sucht. Es ist ein Stil der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, in dem aber eins zu neuer Hoffnung Anlaß gibt, nämlich der Mut, die menschliche Entfremdung so hinzustellen, wie sie ist. Denn nur aus Hoffnungslosigkeit kann eine Hoffnung sich erheben, die Bestand hat; wie in der christlichen Symbolik nur in der Hoffnungslosigkeit des Kreuzes die Auferstehungshoffnung geboren werden konnte. Darum ist unsere Zeit trotz der all-beherrschenden Symbole der Entleertheit und Verzweiflung eine Zeit, die reif ist für eine Neugeburt der Hoffnung.

Auf dem Hintergrund des Schöpfungsgedankens, im Bewußtsein um die Entfremdung der Kreatur von ihrem wahren Wesen, erhebt sich die christliche Hoffnung. Wo die eine oder die andere Seite fehlt, mag es wohl Hoffnung geben, aber keine, die christlich genannt werden könnte. Wo mit dem Schöpfungs-Symbol das Gutsein alles Geschaffenen aufgegeben wird, fehlt das Recht zur Hoffnung. Denn wenn das Seiende in seinem innersten Wesen nicht gut ist, wie kann es je gut werden? Wenn, wie im Hinduismus, das Dasein selbst Abfall ist, wie kann es je Erfüllung im Dasein geben? Dann ist Überwindung des Daseins die einzige mögliche Hoffnung, und das Ziel alles Endlichen muß sein, als Endliches zurückzukehren zu dem, wovon es abgefallen ist: dem Ewig-Einen, dem Grund alles Daseins. Auch das ist Hoffnung, aber nicht christliche. Und vielleicht ist es im Tiefsten mehr Verzicht als Hoffnung. Wer kein Ja zu seinem Ursprung hat, der kann auch kein Ja zu seinem Ziel haben.

Aber auch die andere Seite darf nicht fehlen: Wer nur Licht oder langsam weichendes Dunkel im Dasein sieht, hat keinen Anlaß zur Hoffnung im christlichen Sinne. Für ihn ist die Welt so eingerichtet, daß sich das Bessere mit Notwendigkeit durchsetzt. Das Kommen der Erfüllung kann soziologisch berechnet werden. Man kann es mit Sicherheit erwarten, sei es als Fortschritts­gläubiger, der zwar für den Fortschritt arbeitet, aber seines Kommens gewiß ist, sei es als Revolutionär, der zwar nicht des nächsten oder übernächsten, aber des endgültigen Sieges gewiß ist. Beide sehen nicht die universale Tragik der Entfremdung, auch wenn sie das Wort gebrauchen. Beide haben Hoff­nung, aber es ist nicht die christliche Hoffnung. Denn es fehlt der Abgrund der Hoffnungslosigkeit. Es ist mehr Berechnung als Hoffnung.

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Das sind die Voraussetzungen der christlichen Hoffnung: die Güte der Schöpfung und die Entfremdung der Existenz. Was denn ist der Inhalt dieser Hoffnung? Die allgemeine Antwort ist klar: Christliche Hoffnung ist Hoffnung auf Überwindung der Entfremdung und Erfüllung des Zieles, für das jede Kreatur geschaffen ist. Aber diese allgemeine Bestimmung ist zu weit. Sie ist auch gültig für manche nicht-christlichen Formen der Hoffnung. Weitere Merkmale des spezifisch Christlichen in der Hoffnung müssen genannt werden. Ich möchte diese Merkmale zusammenfassen in einem zentralen Begriff der christlichen Symbolik, dem des Reiches Gottes. Das Ziel der christlichen Hoffnung ist das Kommen des Reiches Gottes: „Dein Reich komme“ ist das tägliche Gebet des Christen. Es ist die prophetische Hoffnung, die, im Zusam­menhang mit harter Verurteilung der geschichtlichen Wirklichkeit ihrer Zeit, von den israelitischen und jüdischen Propheten ausgesprochen und vom Chri­stentum übernommen wurde. Dieses Reich ist das Reich der „Himmel“, ein anderes Wort für „Gott“. Im Grunde bedeutet es kein Reich im Sinne eines Gebietes, sondern es bedeutet die Herrschaft Gottes über alles, was ist. Wo diese Herrschaft aufgerichtet ist, da herrscht Friede, Gerechtigkeit, Liebe, Freude, auf Grund der Gemeinschaft mit Gott. Das Kommen dieser Gottesherrschaft, dieses Reiches Gottes, ist die christliche Hoffnung.

Und nun erhebt sich die Frage: Wo ist das Reich Gottes, und was bedeutet die Teilnahme an ihm? In der Entwicklung des Christentums sind naturgemäß zwei Antworten auf diese Frage in Erscheinung getreten, die eine, in der das jenseitige, und die andere, in der das diesseitige Element der „Reichsgottesidee“ im Vordergrund steht. Von frühen Zeiten an bis zur Gegenwart be­herrscht diese Spannung das christliche Denken. Sie liegt schon der dritten Bitte des Vaterunsers zugrunde: „Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.“ Es ist eine Spannung, die von größter Bedeutung für die Entwicklung nicht nur der Kirche, sondern der ganzen westlichen Gesellschaft war und ist. Wenn das jenseitige Element des Symbols „Reich Gottes“ betont wird, nimmt die christliche Hoffnung die folgende Form an: „Die Welt liegt im Argen“, wie das vierte Evangelium sagt. Erlösung ist Erlösung von den dämonischen Mächten, die die Welt regieren. Obgleich durch das Kommen des Christus ihre Macht grundsätzlich gebrochen ist, sind es nur einzelne, die ihrer Macht entronnen sind und die in das jenseitige Reich Gottes eingehen. Diese urchristliche Stimmung kehrt im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder. Sie hat zum weltentsagenden Mönchstum und im späten Mittelalter zu mystischen Bewegungen geführt, in denen das Reichsgottessymbol des Alten Testaments, Jesu und des Urchristentums fast entwertet und die Güte der Materie zweifelhaft wurde. Jenseits-Stim­mung war auch herrschend im deutschen Luthertum und hat dazu geführt, daß die Kirchen — genau wie die russische Orthodoxe Kirche — die weltlichen Mächte ohne prophetische Kritik hinnahmen. Die christliche Hoffnung war klassisch ausgedrückt in dem Kin­dergebet meiner Jugend: „Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm.“ Das ist weit entfernt von der Bitte des Vaterunsers: „Dein Reich komme“. Vom Kommen des Reiches war kaum die Rede, und das Symbol „Reich Gottes“ war ersetzt durch das jenseitige Paradies, in das der Gläubige eingeht.

Das war anders in der römischen Weltkirche, die sich selbst als das Reich Gottes auf Erden betrachtete. Und es war radikal anders in den Sekten und Laienbewegungen des Mittelalters sowie im reformierten und sektiererischen Protestantismus, wo die Aufrichtung der Gottesherrschaft auf Erden das Hauptanliegen war. Die Hoffnung richtete sich auf etwas, das in der Geschichte erwartet wurde, nicht auf das Übergeschichtlich-Jenseitige. Die dynamische, kämpferische Seite der Reichsgottesidee ’steht hier überall im‘ Vordergrund. Und sie hält sich nicht im Rahmen der Kirche. Die Herrschaft Gottes soll auf der Erde aufgerichtet werden, durch Vermittlung der Hierarchie im Katholi­zismus, durch Vermittlung der christlichen Prediger und Laien im Protestan­tismus. Die Aufrichtung der Gottesherrschaft über die ganze Welt nach dem Vorbild von Calvins Genf, Cromwells England, der Puritaner und Pietisten Amerikas ist das Ziel der innerweltlichen christlichen Hoffnung. Von hier aus müssen die politischen Machtansprüche Roms und der Kreuzzugsgeist der Angelsachsen verstanden werden, von hier aus auch die Wirkung der christ­lichen Hoffnung auf die Welt.

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Es wäre unmöglich, im Rahmen dieses Beitrags über die Wirkung des Christentums als Ganzem auf die Welt zu sprechen. Da wir hier aber von der christlichen Hoffnung reden, ist es möglich, wenigstens folgendes zu sagen: Die christliche Hoffnung auf das Kommen des Gottesreiches in die Welt hat der Kultur des Westens eine Ausrichtung auf das Zukünftige gegeben. Das unterscheidet die jüdisch-christlich beeinflußte Kultur von allen andern, in denen das Vergangene oder das ewig Gegenwärtige entscheidend sind. Die ungeheure welterobernde und naturunterwerfende Dynamik des Westens ist nicht zu verstehen ohne ihre Quelle in der Hoffnung der jüdischen Propheten und der christlichen Verkündung des kommenden Reiches. Sowohl die uto­pischen Hoffnungsbilder der Renaissance wie der Glaube an das hereinbre­chende Zeitalter der Vernunft im 18. Jahrhundert wie der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts und die sozialistischen Bilder von der Klassenlosen Gesellschaft sind abhängig von der religiösen Reichsgotteserwartung. In diesen Bewegungen, die die Welt verwandelt haben, ist die Wirkung der christlichen Hoffnung auf die Welt am greifbarsten. Es wird aber auch deutlich, daß die innerweltlichen Hoffnungen, je mehr sie sich von dieser ihrer religiösen Wurzel entfernen, desto technischer, fragwürdiger, entleerter und enttäuschender wer­den. Denn es fehlt ihnen mehr und mehr der Blick auf das jenseitige Element der Reichsgotteserwartung und damit eine Antwort auf die Frage nach der Hoffnung des Einzelnen in einer Welt, in der Sinnlosigkeit, Schuld und Tod mehr Anlaß zu Hoffnungslosigkeit als zu Hoffnung geben und in der der heute lebende Einzelne von einer fernen, zukünftigen Erfüllung doch ausgeschlossen wäre. Mit dieser Frage kehren wir wieder zurück zu der christlichen Reichs­gottes-Hoffnung in ihrer Bedeutung für den Einzelnen jenseits des ihn ver­schlingenden Flusses der Zeit.

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Man hat der christlichen Hoffnung vorgeworfen, daß sie rein jenseitig ist und dadurch von den ethischen, sozialen und politischen Aufgaben in der Welt ablenkt. Namentlich von sozialistischer Seite, und keineswegs immer zu Unrecht, ist dieser Vorwurf erhoben worden. Die rein jenseitige und, damit verbunden, rein individuelle Ausrichtung der christlichen Hoffnung hat den Blick abgezogen von dem in der Geschichte kämpfenden Gottesreich. Nach dem, was vorher gesagt wurde, sollte deutlich sein, daß solche Haltung dem Wesen der christlichen Hoffnung widerspricht. Aber auch das andere muß deutlich werden, daß es zur christlichen Hoffnung gehört, auf die Teilnahme des Einzelnen am vollendeten Gottesreich hinzublicken. Über sie möchte ich zum Schluß noch etwas sagen.

Sie ist sowohl durch abergläubisch-populäre Entstellungen als auch durch die Ängstlichkeit der Theologen, ihnen entgegenzutreten, vielfach zu einer Karikatur ihres ursprünglichen Sinnes geworden und in dieser Form mit Recht von der modernen Welt abgelehnt worden. Der Inhalt der christlichen Jen­seitshoffnung ist „Ewiges Leben.“ Und ewiges Leben ist nicht endlose Fort­dauer, wie Ewigkeit nicht endlose Zeit ist. Im ewigen Grund und Ziel alles Seins ist unsere Zeitlichkeit aufgehoben. Ewigkeit ist nicht Zeitlosigkeit, so wenig wie sie endlose Zeitlichkeit ist. Ewigkeit ist jenseits beider. Gott ist ewig, und ewiges Leben ist Teilnahme am göttlichen Leben, aus dem unser zeitliches Leben kommt und zu dem es zurückkehrt. Teilnah­me an diesem Leben, nicht allein und nicht mit einigen Auserwählten, sondern letztlich mit allem, was am Seinsgrund teilhat, ist der Inhalt der christlichen Hoffnung, soweit sie ins Jenseits der Zeit blickt. Solche Hoffnung ist nicht ein Wunsch­traum, sondern das in die Zukunft gerichtete Element des Glaubens selbst. Darum ist sie, wie der Glaube, ein Gegenstand unmittelbarer Erfahrung, nämlich der Erfahrung des ewigen Lebens, die hier und jetzt geschieht — wie schon das vierte Evangelium in unausgesprochener Kritik des abergläubischen Bildes einer endlosen Dauer nach dem Tode betont hat. Von dem Inhalt des ewigen Lebens kann im Geiste der christlichen Hoffnung nur eins gesagt werden: es ist Teilnahme an dem Göttlichen, nicht Auflösung in das Göttliche. Es ist die Einheit der Liebe, nicht ‚Identität des Einen, in das alles zurück­genommen wird. Die unendliche Bedeutung des Einzelnen für das Christentum bleibt in der christlichen Hoffnung erhalten. Aber über das Wie kann nichts ausgesagt werden, und wo es versucht wird, ist es dichterische Symbolik, deren Schönheit Absurdität wird, wenn man sie wörtlich nimmt. Darum muß der Theologe hier schweigen und mit allen Kreaturen auf das hoffen, was nicht gesehen und gesagt werden kann.

Mit den beiden großen Symbolen des Reiches Gottes und des ewigen Lebens, die beide Teilnahme am göttlichen Leben aussagen, drückt die christliche Hoffnung etwas aus, was sie von allen anderen Formen religiöser Hoffnung unterscheidet. In jeder religiösen Hoffnung, auch der christlichen, wird Wiedervereinigung mit dem göttlichen Seinsgrund erstrebt. Aber die Art der Wiedervereinigung ist verschieden. Sie kann mehr das Aufgehen des Einzel­nen im Ewigen und mehr sein Bestehen im Ewigen betonen. Das erste ist die Form der Hoffnung in den mystisch beeinflußten Religionen; das zweite ist die Form der Hoffnung in prophetisch beeinflußten Religionen. Es ist kein einfaches Entweder-Oder. Aber oft hat eine verschiedene Betonung letzter menschlicher Einsichten unermeßliche geschichtliche Folgen. Und so ist es mit den Symbolen der Hoffnung. Die Wertung der Geschichte, des Indivi­duellen in der Persönlichkeit, der Umwandlung des Wirklichen im Dienste des letzten Zieles, all das gehört zu den Auswirkungen der prophetischen Hoffnung auf die Weltgeschichte. Und wenn die großen Religionen in naher Zukunft in einen geistigen Wettbewerb eintreten werden, dann werden die Symbole der christlichen Hoffnung: Ewiges Leben und Reich Gottes von entscheidender Bedeutung sein. Ihre Wirkung in der Welt, auch unserer Welt, sei sie offen oder verborgen, sei sie direkt oder indirekt, kann nicht aufhören.

Vortrag 1963 gehalten in der von Johannes Schlemmer geleiteten Reihe „Das Heidelberger Studio“ für den Süddeutschen Rundfunk.

Quelle: Johannes Schlemmer (Hrsg.), Die Hoffnungen unserer Zeit, München: Piper, 1963, S. 47-56.

Hier der Text als pdf.

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