Sorge, sorgen, sorglos in der Bibel
Von Heinz Brunotte
Der natürliche Mensch stellt sich häufig als der von Sorgen gequälte Mensch dar. Die Sorge um die Erhaltung des Lebens, um Geld, Gut, Ehre, Erfolg ist das sichtbare Zeichen eines um das eigene Ich kreisenden Denkens. Wo die eigene Sicherheit als bedroht empfunden wird, stellt sich die graue Sorge ein, die das Leben mancher Menschen völlig auszufüllen droht.
Die Bibel kennt, besonders in den von zeitgenössischer Philosophie beeinflußten Schriften der Weisheitsliteratur des AT, die Sorge als den die Seele bedrückenden Zustand (Ps. 13,3; Pred. 5,2; Spr. 12,25; Sir. 31,2; Ez. 12,19). Auch in der Bibel befindet sich der tiefste Pessimismus: Sorge macht alt vor der Zeit (Sir. 30,26); es ist ein jämmerlich Ding um aller Menschen Leben: da ist immer Sorge, Furcht, Hoffnung und zuletzt der Tod (Sir. 40,2). Über den Zusammenhang von Sorge und Tod vergleiche auch Sir. 41,1-4.
Aber schon im AT finden sich ganz andere Gedanken über das Sorgen, nämlich da, wo der Mensch aus dem Mittelpunkt seiner Selbstbetrachtung rückt und Gott an die Stelle tritt. Da wird der Mensch zunächst gewahr, daß das Sorgen zwecklos ist: es ist umsonst, früh aufzustehen und lange zu sitzen und das Brot mit Sorgen zu essen (Ps. 127,2); Gott schenkt seine Hilfe auch ohne das. Der Blick des Sorgenden wird nach oben gerichtet. Wer sein Anliegen auf den Herrn „wirft“ (Ps. 55,23; vgl. 1. Petr. 5,7), wird versorgt werden. Selbst wenn die Sorge begründet ist, wenn man tatsächlich arm und elend ist, weiß der Fromme, daß Gott für ihn sorgt (Ps. 40,18; Tob. 4,22).
Der Pessimismus der Sorge schwindet, wo der Glaube erwacht. Der Glaubende hält sich nicht an die Tatsache seiner wirklich oder vermeintlich bedrohten Sicherheit, sondern an die viel realere Tatsache, daß Gott da ist. Das macht ihn keineswegs leichtsinnig. Falsche, unbekümmerte Sorglosigkeit nach dem Motto „Es wird schon gut gehen!“ ist kein Glaube. Auch der Christ sorgt vor, so gut er kann. Das, was Spr. 31,21 angedeutet wird – Planen und Vorsorge treffen, wo es möglich ist! – ist auch Christenpflicht. Aber die Vorsorge des Christen beschränkt sich auf das Notwendige, und sie ist frei von Angst.
Die klassische Stelle im NT über das Sorgen ist das Wort des Herrn in der Bergpredigt (Mt. 6,25-34; Lk. 12,22-31): der himmlische Vater weiß, was wir brauchen; und: es gibt wichtigere Sorgen als die um den äußeren Lebensbedarf. Darauf liegt in den Evangelien überall der Nachdruck. Die „Sorgen dieser Welt“ ersticken das Wort Gottes (Mt. 13,22). Martha macht sich zuviel „Sorge und Mühe“ um das Äußere und vergißt das Eine, das not ist, nämlich das Reich Gottes und der Seelen Seligkeit (Lk. 10,41). Die Jünger sollen sich nicht einmal um die Gedanken und Worte sorgen, mit denen sie öffentlich in die Verantwortung treten müssen (Mt. 10,19; Lk. 12,11); auch das wird ihnen gegeben werden. Das Geschenk Gottes für die, die an ihn glauben, ist die königliche Freiheit von aller Sorge!
So halten es auch die Apostel in ihren Briefen. Paulus möchte seine Gemeinden gern frei machen von allen Sorgen, die aus einer falschen Gebundenheit kommen (1. Kor. 7,32-34), und sie hinführen zu der echten Sorge, die er für alle Gemeinden trägt (2. Kor. 11,28) und an der seine Mitarbeiter teilhaben (Phil. 2,20). Wo der Herr nahe ist, ist die Sorge aufgehoben. „Sorget nichts!“ (Phil. 4,6). Dieses „nichts“ ist wörtlich gemeint; wir dürfen alle Dinge im Gebet vor Gott bringen. So steht es auch 1. Petr. 5,7: „Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorget für euch!“ Das heißt nicht, daß Gott alle unsere sorgenvollen Wünsche erfüllen wird, sondern daß er uns das Lebensnotwendige gibt und im übrigen besser weiß als wir selbst, was uns nottut. So tritt an die Stelle des Sorgens um die eigene Sicherheit die Gewißheit des Glaubens, daß Gott unser Heil will.
Quelle: Biblisch-theologisches Handwörterbuch zur Lutherbibel und zu neueren Übersetzungen, hrsg. v. Edo Osterloh und Hans Engelland, 2. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1959, S. 564.