Karl Rahner über das irdische Menschsein: „Leben und Tod, zu keinem von beiden, und die trübe Mischung, die sie uns reicht, von Leben und Tod, Jauchzen und Klage, schöpferischer Tat und immer gleichem Frondienst, nennen wir unseren Alltag. So sind wir hier auf der Erde, der Heimat für ewig; und doch: es reicht nicht.“

Über das irdische Menschsein

Von Karl Rahner

Kinder dieser Erde sind wir. Geburt und Tod, Leib und Erde, Brot und Wein ist unser Leben; die Erde ist unsere Heimat. Gewiß muß in all dem, damit es gültig sei und schön, wie eine geheime Essenz der Geist beigemischt sein, der feine, zarte, der sehende Geist, der ins Unendliche schaut, und die Seele, die alles lebendig macht und leicht. Aber der Geist und die Seele müssen da sein. Da, wo wir sind, auf der Erde und im Leib, als der ewige Glanz des Irdischen, nicht wie ein Pilger, der, unverstanden und selber fremd, einmal in einer kurzen Episode, wie ein Gespenst, über die Bühne der Welt wandert. Wir sind zu sehr Kinder dieser Erde, als daß wir aus ihr einmal endgültig auswandern wollten. Und wenn schon der Himmel sich schenken muß, damit die Erde erträglich sei, dann muß er sich schon herniederneigen und als seliges Licht über dieser bleibenden Erde stehen und als Glanz aus dem dunklen Schoß der Erde selber brechen.

Wir sind von hier. Aber wenn wir der Erde nicht treulos werden können – nicht aus Eigensinn oder Selbstherrlichkeit, die den Söhnen der demütig-ernsten Mutter Erde nicht anständen, sondern weil wir sein müssen, was wir sind –, dann sind wir in einem damit krank an einem geheimen Schmerz, der tödlich im Innersten unseres irdischen Wesens sitzt. Die Erde, unsere große Mutter, ist selbst bekümmert. Sie stöhnt unter der Vergänglichkeit. Ihre fröhlichsten Feste sind plötzlich wie der Beginn einer Totenfeier, und wenn man ihr Lachen hört, zittert man, ob sie nicht im nächsten Augenblick unter einem Gelächter weint. Sie gebiert Kinder, die sterben, die zu schwach sind, um immer zu leben, und zu viel Geist haben, um anspruchslos auf die ewige Freude verzichten zu können, weil sie, anders als die Tiere der Erde, schon das Ende sehen, bevor es da ist, und ihnen die wache Erfahrung des Endes nicht mitleidig erspart wird. Die Erde gebiert Kinder maßlosen Herzens, und ach, was sie ihnen gibt, ist zu schön, um von ihnen verachtet zu werden, und ist zu arm, um sie – die Unersättlichen – reich zu machen. Und weil sie die Stätte dieses unglücklichen Zwiespaltes ist zwischen der großen Verheißung, die nicht losläßt, und der kargen Gabe, die nicht befriedigt, darum wird sie der üppige Acker auch noch der Schuld ihrer Kinder, die ihr mehr zu entreißen suchen, als sie gerecht geben kann. Sie mag klagen, daß sie selber erst so zwiespältig geworden sei durch die Urschuld des ersten Mannes der Erde, den wir Adam nennen. Aber das ändert nichts daran: sie ist jetzt die unglückliche Mutter; zu lebendig und zu schön, um Ihre Kinder von sich wegschicken zu können, damit sie in einer anderen Welt sich selbst eine neue Heimat ewigen Lebens erobern, zu arm, um selbst ihnen als Erfüllung zu geben, was als Sehnsucht sie ihnen mitgegeben hat. Und meistens bringt sie es, weil sie immer beides ist: Leben und Tod, zu keinem von beiden, und die trübe Mischung, die sie uns reicht, von Leben und Tod, Jauchzen und Klage, schöpferischer Tat und immer gleichem Frondienst, nennen wir unseren Alltag. So sind wir hier auf der Erde, der Heimat für ewig; und doch: es reicht nicht. Das Abenteuer, aus dem Irdischen auszuwandern – nein, das geht nicht, nicht aus Feigheit, sondern aus Treue, die uns das eigene Wesen gebietet.

Quelle: Rechenschaft des Glaubens. Karl-Rahner-Lesebuch, hrsg. v. Karl Lehmann und Albert Raffelt, Freiburg i.Br.: Herder, 1979, S. 219f.

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