Gnade genügt. Predigt zu 2.Korinther 12,1-10
Von Eduard Thurneysen
Wenn denn gerühmt sein soll, so sei es! Nützlich ist es zwar nicht. Aber ich will jetzt zu reden kommen auf Gesichte und Offenbarungen des Herrn. Ich kenne einen Mann in Christus, der vor vierzehn Jahren bis in den dritten Himmel entrückt wurde. Ob er dabei im Leibe gewesen ist oder außerhalb des Leibes, ich weiß es nicht, Gott weiß es. Und ich weiß von demselben Menschen, daß er in das Paradies entrückt wurde und unsagbare Worte hörte, die kein Mensch aussprechen kann. Ob er dabei im Leibe war oder außerhalb des Leibes, weiß ich nicht, Gott weiß es. Für denselben Menschen will ich mich rühmen, für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer wegen meiner Schwachheit. Und wenn ich mich rühmen wollte, würde ich deshalb noch kein Tor sein, denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit niemand höher von mir denkt, als er es an mir sieht oder von mir hört. Und damit ich mich der Überschwänglichkeit der Offenbarungen nicht überhebe, ist mir ein Pfahl ins Fleisch gegeben, ein Engel Satans, daß er mich mit Fäusten schlage, damit ich mich nicht überhebe. Dreimal habe ich um deswillen zum Herrn gefleht, daß er von mir weiche. Doch der Herr hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. So will ich mich nun am liebsten meiner Schwachheit rühmen, auf daß die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheiten, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen, in Ängsten um Christi willen. Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. (2.Korinther 12, 1-10)
Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!» Oder wie es wörtlich übersetzt heißt: «Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft kommt in den Schwachen zur Vollendung!» Das ist die Botschaft, die wir jetzt ins Herz fassen dürfen. Oh, wenn ich sie euch recht ausrichten könnte, so ausrichten, wie sie gemeint ist! Sie ist nämlich so gemeint: Es mag Einer, vielleicht ein Junger uns uns, sein Leben auf der ganzen Linie zuversichtlich und siegreich in die Hand nehmen, und es gelingt ihm damit, er hat Erfolg, er ist tüchtig — wir wollen es ihm wahrhaftig nicht verargen, wir wünschen es vielmehr Allen, daß ihnen ihr Leben gelinge —, aber wenn dieser Tüchtige und Erfolgreiche nicht weiß um das Geheimnis der Gnade, wenn er die Gnade nicht bei sich hat in seinem Leben, dann ist alles verloren. Und umgekehrt: Es mag Einer ein Versager sein im Leben, Einer, der zurückbleibt, der darniederliegt, der keinen Erfolg hat, aber es ist Gnade mit ihm, dann ist nichts verloren, dann ist vielmehr alles gewonnen. Daß es so steht mit uns, das kommt einmal aus in den letzten Minuten des Lebens. Was hilft dir in den Todesminuten, wo alles erlischt, dein Erfolg, deine Tüchtigkeit, dein Geld? Da bleibt nur eines: Gnade! Gnade hilft, Gnade bleibt!
Aber nun redet der Apostel zunächst von etwas ganz anderem. Er redet von Visionen, die er erlebt hat, von Gesichten und Offenbarungen, die ihm zuteil geworden sind. Er hat tiefe Einblicke tun dürfen in die Geheimnisse der himmlischen Welten. Seltsamerweise sind mir gerade in letzter Zeit mehrfach Bücher in die Hand gegeben worden, die von solchen übersinnlichen Erfahrungen reden, die Menschen von heute gemacht haben wollen, von Begegnungen mit Abgeschiedenen, mit Geistern und Engeln. Das entspricht offenbar einem Bedürfnis. Man möchte einen Blick tun können hinter den Vorhang, der uns trennt von der höheren Welt. Man möchte wissen, wie es aussieht «da drüben». Dieses Bedürfnis, davon mehr zu wissen, führt heute manche Menschen etwa nach Dörnach zu den Anthroposophen. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, soll, wie einer seiner Schüler von ihm gesagt hat, ein Mann gewesen sein, dem der Himmel offenstand über der Erde. Er habe gelebt im Schauen dieser überirdischen Wirklichkeiten und habe Umgang gehabt mit Geistern und Engeln. Und in seinen Büchern findet man in der Tat vielerlei darüber ausgesagt.
Und nun hat es offenbar in der Gemeinde in Korinth Christen gegeben, die von dem Apostel Paulus etwas ganz Ähnliches erwartet haben. Es genügte ihnen nicht, daß Paulus immer wieder von der Gnade und nur von der Gnade Christi redete und also vom Kreuz Christi, vom Blut Christi, von der Auferstehung Christi. Sie wollten mehr und Größeres von ihm vernehmen. Sie verlangten nach Visionen, nach Ekstasen, nach Entrückungen und Entzückungen, nach Einblicken in die Geheimnisse und nach Berührungen mit den Kräften höherer Welten. Sie meinten, wenn einer ein rechter Apostel sei, dann müsse er tief eingedrungen sein in die Hintergründe des Lebens und müsse uns etwas zu berichten wissen von solchen hintergründigen Erkenntnissen und Kräften. Es war ihnen anstößig, daß Paulus so wenig, so gar nicht davon redete. Er selber war ihnen anstößig in seiner Demut und Nüchternheit. Geheimnisse haben, mit Engelzungen reden, Wunder tun, Berge versetzen — das, meinten sie, sei das Kennzeichen des wahren Glaubens. Verfügt unser Apostel denn nicht darüber? Warum weiht er uns nicht ein in diese hohen Dinge? Warum zeigt er uns den Weg nicht, der da hineinführt? Gab es doch damals unter den Heiden Weise — Gnostiker nannte man sie —, die viel davon zu sagen wußten, wie man Erkenntnis höherer Welten gewinnt. Während Paulus darüber schwieg. Warum schweigt er denn? Fehlt da nicht etwas bei ihm?
Gut, antwortet der Apostel, ich kann euch auch davon erzählen, aber ich tue es nicht gern, denn es ist nicht nützlich. Er sträubt sich. Er befürchtet, es könnte mehr schaden als helfen. Aber sei es denn, wenn ihr mich dazu drängt, so will ich mich für einmal auch solcher Offenbarungen, Visionen und Entrückungen rühmen. Und nun sagt er: Ich kenne einen Mann, der war vor vierzehn Jahren entrückt bis in den dritten Himmel. Und der gleiche Mensch ist einmal erhoben worden bis ins Paradies, an den Ort der seligen Geister, die Gott umgeben. Es ist ganz klar: Paulus selber ist dieser Mensch. Er redet hier von sich. Um sich selber nicht in Eigenruhm zu verlieren, redet er von sich in der dritten Person wie von einem Andern, Fremden. Aber er hat das alles erlebt. Ihm ist es zuteil geworden, daß er hoch über alle Gestirne hinaus erhoben worden ist in den Himmel Gottes. Ganz real hat er das erfahren dürfen. Er kann es sogar noch bestimmt datieren: vor vierzehn Jahren ist das geschehen, obwohl er keinem Menschen etwas davon gesagt hat bis heute. Seltsam, da geht dieser Paulus über die Erde als einer, der schon einmal im Himmel war, und sagt niemandem etwas davon! Wie interessant wäre es doch gewesen, wenn er davon geredet hätte! Wie hätte er da die größten Säle mit Zuhörern füllen können! Wie hätten die Korinther auf ihn gehört!
Aber wenn wir nun fragen: Was hat er dort gesehen im dritten Himmel? Was hat er gehört im Garten der seligen Geister, die um Gott sind? — dann schweigt er. Und wie kam er dorthin? Ich weiß es nicht, sagt er. Warst du im Leibe oder außer dir, außer dem Leibe? Also in Ekstase? Ich weiß es nicht, ist noch einmal seine Antwort. Laßt mich in Ruhe! Gott weiß es. Ich brauche es nicht zu wissen, und ihr braucht es auch nicht zu wissen. Man kann überhaupt nicht davon reden. Unsagbares habe ich dort gehört, Unschaubares gesehen. Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herzen gekommen ist, das habe ich dort erfahren und erlebt. Es ist Tatsache, ich war dort. Ich bin nicht krank oder überheblich oder gar verrückt, wenn ich davon rede. Ich habe es erlebt. Aber — ich habe keine Botschaft darüber auszurichten. Ich will nicht, daß man mich daraufhin anspricht oder gar rühmt. Ich will nicht großtun damit, denn es nützt nichts, so herrlich es für mich gewesen ist. Ich habe etwas ganz Anderes an euch auszurichten. Erkenntnis höherer Welten — eine schöne Sache! Warum nicht? Aber Erkenntnis von Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auf erstandenen und gen Himmel Gefahrenen, dem Herrn, dem Herrscher, der jetzt mit seiner Gegenwart das All erfüllt, das ist etwas unvergleichlich Höheres, Anderes, Größeres. Ihn, Ihn allein, will ich rühmen und verkündigen in aller Schwachheit, Ihn und seine Gnade. Das ist die Botschaft, die mich und die euch alle rettet. «Meine Gnade sei dir genug!» hat der Herr selber zu mir gesagt. Und dabei bleibe ich.
Wie froh müssen wir doch sein, daß Paulus dabei bleibt und nicht darüber hinausgeht! Froh wollen wir darüber sein, daß er uns hier so deutlich sagt: Laßt das doch, dieses Streben nach Erkenntnis höherer Welten und Kräfte! Froh wollen wir sein, daß Paulus nicht vor uns tritt mit der Ansage: Ich komme vom Himmel her — obwohl er es hätte sagen können! — es tritt in mir ein Bote der obern Welt vor euch, ein Engel, und ich verteile euch hohe Kräfte und tiefe Weisheit. Was würde uns das alles nützen? Wohl gäbe es jene vollen Säle, eine große Sensation, aber nachher wäre alles wieder wie vorher. Wie froh sind wir, daß Paulus nichts anderes sagt als das eine: Ich weiß von Gnade! Nur von Gnade! Ich leite euch nicht an, wie man hinaufsteigt in himmlische Höhen, aber ich rede von dem Einen, der aus den höchsten Himmeln heruntergestiegen ist zu uns, ich rede von Jesus Christus, daß er bei uns sei und bleibe mit all seiner Kraft und Herrschaft. Dann habt ihr alles, was ihr braucht für Leben und Sterben. Ihr habt Gnade. Genügt das nicht?
Paulus fügt noch etwas bei. Er sagt geradezu, die Erkenntnis höherer Welten, diese geheimnisvollen Visionen, Schauungen und Offenbarungen, diese Blicke in die himmlischen Welten haben etwas Gefährliches an sich. Er sagt: Wenn das Einer hat, dann könnte es ihm in den Kopf steigen, dann könnte er sich dessen überheben. Diese hohen Dinge können uns verwirren und abbringen vom Weg der Gnade. Das ist das Gefährliche daran. Man bleibt dann nicht bei Christus, bei Christus allein. Und nun sagt Paulus: damit das nicht geschehe bei mir, hat Gott etwas getan. Er hat für ein Gegengewicht gesorgt. Er hat mir einen Pfahl ins Fleisch gegeben, oder wie man vielleicht besser übersetzen muß: Er hat mein Fleisch, das heißt mich selber, mein irdisch-menschliches Leben, an einen Pfahl gebunden, von dem ich nicht mehr loskomme. Und an diesen Pfahl gebunden werde ich gepeinigt, gequält, angefochten. Es kommt nämlich ein Engel von unten, ein Dämon, ein Satansengel, und schlägt mich ins Gesicht, schlägt mich auf den Mund und quält mich. Das habe ich auszuhalten. Ich, dieser Mensch, der im dritten Himmel gewesen ist, ich bin nun an diesen Pfahl gebunden. Warum? Damit ich mich nicht überhebe. Damit es ganz klar werde und klar bleibe: auch ich, Paulus, ich mit meinen Visionen und Entrückungen, lebe von der Gnade und nur von der Gnade.
Was meint Paulus da? Was meint er mit diesem Satansengel, der ihn mit Fäusten schlägt? Auch wenn er davon redet, redet er nicht als ein Kranker oder gar Verrückter. Er «spinnt» nicht, wie man schon behauptet hat. Nein, ein Apostel spinnt nicht. Er erlebt auch das ganz real. Er erlebt die Anfechtung durch den Satan. Wer ist der Satan? Er ist doch der Ankläger, und ein Bote Satans, ein Satansengel, ist ein Bote dieses Anklägers, der zu Paulus kommt und ihm den Mund stopfen will. Er will verhindern, daß Paulus seine Botschaft ausrichtet von der Gnade. Von seinen Visionen und hohen Offenbarungen dürfte er vielleicht reden, das würde der Ankläger, das würde der Satan zulassen. Aber von der Gnade soll er nicht reden. Das könnte dem Teufel passen, wenn die Botschaft von der Gnade verstummte im Munde des Boten! Und darum kommt der Satansengel und hält dem Paulus seine Schuld vor. Er sagt ihm: Schweig’ doch! Du bist ein schöner Bote, du hast ja Christus verfolgt, du gehörst in die Verdammnis, du gehörst in meine Hände! Eine ganz unheimliche Anfechtung, die eigentlich teuflische Anfechtung hat Paulus hier auszuhalten. Das Beste, das Einzige, was er hat, das, wovon er lebt, soll ihm genommen werden, die Gnade. Die ärgste Krankheit, die über Paulus kommen könnte, wäre nicht so arg wie dies Arge, daß ihm die Gnade genommen werden soll. Das ist sie, die Tiefe, durch die Paulus hier hindurch muß. Das ist der Pfahl im Fleisch, an den er gebunden wird.
Dreimal, sagt der Apostel, habe er den Herrn gebeten, er möchte doch diese Anfechtung von ihm nehmen. Aber er hat die Antwort bekommen: «Laß dir an meiner Gnade genügen!» Bleibe angefochten, gerade so bleibt meine Kraft an dir wirksam. Er soll also nicht gelöst werden von seinem Pfahl. Warum nicht? Warum muß der Apostel so angefochten leben, so immer wieder bis in die Hölle hinunter? Damit er erst recht und endgültig auch in den Höllentiefen der Anfechtung wisse: Gnade! Gnade allein rettet! Damit er sich, an den Pfahl gebunden, an die Gnade klammere als einer, der davon lebt, nur davon lebt mehr als ein Hungriger vom Brot. Damit er jeden Augenblick wisse: Ich bin nichts wert vor Gott, aber eben mir, diesem Unwürdigen, ist Gott unsagbar gnädig. Auf nichts kann er sich verlassen, auf keine Visionen, auf keine Bekehrungen, auf keine Gefühle, nur auf eines: auf Christus den Gekreuzigten. Sogar er, der Apostel, erfährt keine Heilung vom Leiden seiner Anfechtung. Er fleht darum, daß er herauskommen dürfe aus dieser unendlichen Not der Schwermut und Angst, in die er immer wieder geworfen wird, aber vom Himmel, von Gottes Thron her heißt es: Nein! «Meine Gnade genügt dir!» Und Gnade — das heißt doch: der Christus, der selber hinuntergestiegen ist in die Tiefe, der selber um unsretwillen arm und krank wurde, der selber in die Verdammnis ging des Kreuzestodes, er ist da in der Tiefe bei ihm, seinem Apostel. Genügt das nicht? Gibt es etwas Größeres? Wäre hier jedes Mehr nicht ein Weniger? Was geschieht denn jetzt? Jetzt, so, auf diese Weise wird Paulus zum Boten der Gnade. Jetzt richtet er Gnade aus, nichts anderes als Gnade. Das ist das Herrliche an seinem Leben, das ist das Herrliche in seiner Anfechtung: Gnade! Gnade allein! Wer mehr will, wer um jeden Preis herauswill aus der Anfechtung, um jeden Preis herauswill aus seiner Krankheit, der will etwas anderes als Gnade, der will etwas an Christus vorbei. Paulus will bei Christus sein und bleiben, nichts anderes, nur das!
Gnade allein! Wie froh sind wir, daß dies auch für uns gilt. Wir stellen uns jetzt ganz getrost neben den Apostel. Wir denken daran, daß auch wir, wenn auch in ganz anderer Weise, einen Pfahl kennen, an den wir gebunden sind. Kennst du ihn nicht, deinen Pfahl? Er ist, verglichen mit dem Pfahl, an den Paulus gebunden war, nur ein kleines Pfählchen, nur etwas wie ein Sprießen, und doch ist es dein Pfahl, der dich quält: Auch du leidest unter deiner Sünde, der Schuld deines Lebens vor Gott, auch du weißt um Schwermut, um schlaflose Nächte, um Lebensängste, um die Furcht vor dem Altwerden und Sterben. Und jetzt ist auch bei dir der Ankläger zur Stelle, der dich seufzen läßt: Ich bin ein geschlagener Mensch, Gott will nichts mehr von mir wissen! Ich bin verloren, verraten und verkauft! Und jetzt heißt es auch für dich: Laß diese dunklen Gedanken, laß das Grübeln und Zweifeln! Hör auf, zu denken und zu sagen: Mir ist nicht zu helfen, ich bin ein unmöglicher Mensch! Nur das nicht tun! Sondern gerade jetzt, gerade in der Stunde dieser deiner Anfechtung sollst du, kannst du, darfst du das eine wissen: Gnade! Gnade auch für mich! Gnade genügt! Gnade rettet, Gnade! Darum, dazu sind wir alle immer wieder geschlagen, dazu an unsern Pfahl gebunden, damit wir das begreifen: Gnade liegt und siegt auch über mir! Die Anfechtung, sagt Luther, ist das sicherste Zeichen dafür, daß Gott uns liebt und sucht. Die Anfechtung läßt aufs Wort merken, aufs Gnadenwort, auf das Wort vom Blute Christi, das uns rein macht, das für uns vergossen wurde, damit wir aus Sündern zu Kindern würden, zu Kindern des Vaters.
«Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.» Noch einmal hören wir da die Stimme des Apostels. Es gibt andere Stimmen, nicht nur weltliche, auch fromme Stimmen, Stimmen sogar von Predigern und Evangelisten, die sich hoher Geistesgaben rühmen, die verkündigen etwas ganz anderes als das Geheimnis der Kraft der Gnade, die in der Schwachheit mächtig ist. Die rufen uns zu: Ich weiß einen Weg, ein Rezept, eine Kraft, wie du stark und frei werden kannst, frei von deiner Krankheit, frei von deinen Lebenssorgen. Aber es sind Stimmen und Rezepte von unten, auch wenn sie scheinbar von hoch oben herabkommen. Es sind jene Stimmen, von denen der Apostel im Eingang des 13. Kapitels des ersten Korintherbriefes sagt: «Und wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete, und wenn ich allen Glauben hätte, also daß ich Berge versetzte», aber es fehlt das Eine, woran alles hängt, so wäre alles umsonst. «Liebe» nennt er dort dieses Eine, «Gnade» nennt er es hier. Sie preisen Großes an, jene scheinbar frommen Stimmen, sie preisen Stärke an. Der Apostel des Heilandes aber rühmt sich seiner Schwachheit. Damit die Kraft Gottes in der Schwachheit bei ihm wohne!
Laß es dir sagen: Wenn du schwach bist, dann bist du stark, denn in der Schwachheit geht dir das Geheimnis Christi auf. Dann lernst du verstehen, was es ist um die Kraft seines Kreuzes, seines Blutes, seiner Auferstehung. Darum bleibe auch du dabei: Seine Gnade genügt mir! Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Denn Gott selber neigt sich herunter zu den Schwachen. Wo die Schwachheit ist in unserm Leben, da ist die Einfallspforte für die Gnade. In den Schwachen vollendet sich die Kraft des Heilandes. Darum sei getrost, ja sei fröhlich, du Schwacher, du an deinen Pfahl Gebundener. «Sei guten Mutes», sagt der Apostel, «selbst in Mißhandlungen, in Verfolgungen, in Ängsten um Christi willen!» So bist du das Kind des Vaters. Wie an keinem andern Orte sagt dir der Geist des Vaters am Orte deiner Anfechtung, daß nichts dich scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, deinem Herrn. Es bleibt dabei: Die Gnade genügt! Amen.
Quelle: Walter Lüthi/Eduard Thurneysen, Der Erlöser. Predigten, Basel: Friedrich Reinhardt, o.J. [1961], S. 75-82.