Hans Joachim Iwand, Von Bildung, Einbildung und Unbildung. Ein Wort zum sogenannten Boykott der Königsberger Theologischen Fakultät (1936): „Wir lesen die Schrift, um das Wort zu hören, nicht um es uns hörig zu machen. Wir lesen sie und werden davon ergriffen, aber wir können es nicht ergreifen. Wir sind auf dem Wege, aber wir sind noch nicht am Ziel. Denn durch die ganze Heilige Schrift geht eine Bewegung. Es ist eine Richtung in ihr, die nach vorn weist. Es geht vom Gesetz zum Evangelium, von den unfruchtbaren Werken des Gesetzes zu den Früchten des Geistes, vom alten zum neuen Bund, von den steinernen Tafeln zu den lebendigen Herzen.“

Am 15. November 1936 erschien im ostpreußischen Mitteilungsblatt der Deutschen Christen ein Artikel von Hans Michael Müller (1901-89), seit 1934 Professor für systematische Theologie in Königsberg, in dem dieser sich über einen Boykott der Königsberger Fakultät durch die Studierenden, die sich zur Bekennenden Kirche hielten, beklagte und dabei Bruno Jordahn (1908-1988) beim Namen nannte. Daraufhin veröffentlichte Hans Joachim Iwand die Replik „Von Bildung, Einbildung und Unbildung. Ein Wort zum sogenannten Boykott der Königsberger Theologischen Fakultät“, die er im Selbstverlag drucken ließ:

Von Bildung, Einbildung und Unbildung. Ein Wort zum sogenannten Boykott
der Königsberger Theologischen Fakultät
[1]

Von Lic. Hans Iwand

Als Handschrift gedruckt!

1936 Selbstverlag des Verfassers

[3] Durch Zufall bekomme ich die Nr. 46 der Zeitschrift „Der Deutsche Christ, Mitteilungsblatt der Deutschen Christen, Gau Ostpreußen“ vom 15. XI. d. J. in die Hände, die einen Artikel von Professor H. M. Müller[2], Königsberg, enthält, der nicht unwidersprochen hingenommen werden kann. Denn dieser Artikel, der ein Gespräch zwischen dem Verfasser und Herrn Hilfsprediger Jordahn[3], Szillen, wiedergibt, bringt dann auch zum Schluß „zur Kennzeichnung des nachgerade sehr eintönigen Geschreis um die Königsberger Theologische Fakultät“ eine Anspielung auf die von mir vertretene Theologie und versucht es so hinzustellen, als ob das Facit dieser Theologie die Verbindung von Bekenntnis und Unkenntnis, ja die Gründung des Bekenntnisses auf der theologischen Unbildung wäre. „Bekenntnis lebt von der Unkenntnis. Armes Bekenntnis, getroste Unkenntnis! So sucht Gott die Christenheit heim — vielmehr und viel schlimmer so, als durch die öffentlichen oder verkappten Christentumsfeinde.“ Zu diesem Vorwurf muß ein klares Wort gesagt werden.

I.

Ich muß eingangs bemerken, daß ich nicht annehmen kann, daß Herr Jordahn vor der Drucklegung dieses Artikels Gelegenheit gehabt hat, dazu Stellung zu nehmen und daß ich darum die Wiedergabe des Gesprächs durch H. M. Müller dahingestellt sein lassen möchte, bis Herr Jordahn sich selbst dazu geäußert hat. Es ist ja immerhin eine hierzulande neue Methode, Unterhaltungen mit theologischen Studiengenossen — als ein solcher wird nämlich Herr Jordahn vom Verf. eingeführt — in dieser Weise auszuwerten. Aber wahrscheinlich fällt auch diese Verwunderung unter das Kapitel unserer rückständigen Bildung. Jedenfalls scheint mir Herr Jordahn den Grundsatz von der Einheit der Heiligen Schrift als Gottes Wort vertreten zu haben (etwa im Sinne von Joh. 10, 35), und darin sieht H. M. Müller die Borniertheit der Bekennenden Kirche in Ostpreußen und den verderblichen Einfluß, den sie auf die Theologiestudenten ausübt. „Junge Menschen sind schon wie alte Greise“, sagt er im Hinblick auf diese. „Man versteht einfach nicht, daß [4] da noch irgend welche Fragen oder gar Probleme sein sollten, könnten, dürften, wo man dieselben als schwer erträglich empfindet, wo sie der Kirchenpolitik taktisch hinderlich wären …“ Nun möchte ich in der Tat, ohne hier auf die lächerliche Bemerkung über die „Iwandschüler“ einzugehen, die These von Jordahn aufnehmen: Jawohl, es geht uns darum, daß die ganze Heilige Schrift Gottes Wort ist, nämlich das Wort, mit dem Gott selbst seinen Sohn, Jesus Christus, bezeugt und der Welt sagt, was sein heiliger, göttlicher Wille ist und wodurch dieser Wille auch bei uns und an uns geschehen kann — nämlich durch den Glauben an eben diesen Jesus von Nazareth. So hat doch auch wohl Jesus selbst die Schrift verstanden wissen wollen, wenn er sagt: „Ich bin’s, der ich von mir selbst zeuge; und der Vater, der mich gesandt hat, zeugt auch von mir“ (Joh. 8, 18). Gerade weil er seine Würde nicht von Menschen nimmt, beruft er sich auf das Zeugnis seines Vaters d. h. auf die Schrift und sagt: „Der Vater, der mich gesandt hat, derselbe hat von mir gezeugt“ (Joh. 5, 37). Darum heißt es dann: „Suchet in der Schrift“, das will sagen: Hört das Zeugnis meines Vaters über mich, vergleicht das Zeugnis der Schrift mit dem Evangelium, das ich bringe, mit den Worten, die ich rede, und ihr werdet erkennen, daß der Vater und ich eins sind.

Die These H. M. Müllers, die von dieser Lehre über die Schrift als dem Worte Gottes eine Gefahr für die Bildung befürchtet, erinnert mich stark an Schleiermacher und sein Urteil gegenüber der Orthodoxie in seinem Sendschreiben an Lücke: „Aber die Blockade! Die gänzliche Aushungerung von aller Wissenschaft, die dann, notgedrungen von euch, eben weil ihr euch so verschanzt, die Fahne des Unglaubens aufstecken muß! Soll der Knoten der Geschichte so auseinandergehen: Das Christentum mit der Barbarei und die Wissenschaft mit dem Unglauben?“ Aber gerade diese Erinnerung an Schleiermacher läßt mich fragen: Ist diese Entscheidung richtig gesehen? Müssen wir nicht heute feststellen, daß der „Knoten der Geschichte“ ganz anders auseinandergeht? Es ist doch mit Händen zu greifen, daß die Barbarei allerorten mit dem Unglauben geht. In Wahrheit ist die Unbildung der eigentliche Herd, an dem sich die Brandfackel des Antichristentums entzündet — darum auch „das große Entsetzen“! In Wahrheit hat doch die Heilige Schrift, das gehorsame Suchen in ihr und das ehrfurchtsvolle Bleiben unter ihr — Jordahn sagt ganz mit Recht, „die Schrift sei bis heute über [5] ihn Meister, und er müsse sie ungemeistert weiter geben, wenn er auf die Kanzel und an die Sterbebetten träte“ — unsere Evangelische Kirche vor der Erstarrung bewahrt, die anderen Kirchen, denen die Schrift weniger galt, zum Verhängnis geworden ist. In Wahrheit ist ja doch auch diese Stellungnahme H. M. Müllers für die wissenschaftliche Arbeit sehr neuen Datums — ich denke nur an die beiden Machwerke: „Der innere Weg der Deutschen Kirche“[4] und „Vom Staatsfeind“[5] — und auch die wissenschaftliche Höhenlage des vorliegenden Artikels ist ja nicht gerade atemraubend. Gleichwohl macht es sich immerhin gut, unter dem Motto der Wissenschaftlichkeit die Bekennende Kirche mit den „zu den Konzilien pilgernden Mönchen, die Knüttel als Argumente mit sich führten“ in eins zu setzen. Tatsächlich haben natürlich solche Anwürfe mit dem, was wir unter wissenschaftlichem Ernst verstehen, nichts mehr zu tun und bewegen sich außerhalb jeder sachlichen Diskussion. Darum wollen wir darauf auch eine ganz „unwissenschaftliche“ Antwort geben, eine Feststellung zum Tatsächlichen. Denn, Herr Müller, was die Knüttel anlangt, so haben die bisher andere in der Hand gehabt. Ludwig Müller und Keßel[6], um nur zwei Namen zu nennen, haben uns jedenfalls nicht mit Sammthandschuhen angefaßt, und ich meine, es genügt die Erinnerung daran, daß Sie und Ihre Freunde in dieser Ära der reichsbischöflichen Machtpolitik nicht niedergeknüttelt, sondern hochgeknüttelt worden sind. Darum würde ich an Ihrer Stelle auf diese Seite der Sache, auf die Verbindung zwischen Theologie und Machtpolitik, lieber nicht zu sprechen kommen. Denn wenn nach dieser Richtung hin auch bestimmte Versuchungen für die Bekennende Kirche gegeben sind, dann eben darum, weil man zunächst das Spiel von der anderen Seite so begonnen hat. Da sollte man sich doch erst einmal schämen, selbst diese Methoden in die Kirche hineingetragen zu haben. Und wenn wir jetzt von Ihnen belehrt werden sollen, daß wir Luther verleugnen, die Wahrheit der kirchlichen Taktik unterordnen, den Protestantismus klerikalisieren, und was dieser Vorwürfe mehr sind, so muß ich zunächst das eine dazu sagen: Uns ist es darum gegangen, daß wir Christus nicht verleugnen, und wir sind der getrosten Zuversicht, daß, wenn wir Christus nicht verlieren, wir hoffen dürfen, auch mit Luther, dem Zeugen des Kreuzes Jesu Christi, eines Geistes und eines Bekenntnisses zu sein. Denn Luther ist nicht der Begründer einer neuprotestantischen, antiklerikalen Geistes-[6]richtung, sondern Luther ist der Lehrer der Kirche, der Lehrer der Heiligen Schrift und ein Zeuge des Gekreuzigten. Als solcher hat er uns festgemacht im Kampf wider die Irrlehre und das Gewaltregiment der deutsch-christlichen Bischöfe. Als solcher hat er uns gelehrt, den Gehorsam gegen die Lehre, d. h. das Evangelium Gottes, höher zu achten als die Unterordnung unter jegliche kirchenregimentliche Autorität — finden Sie das klerikal? — die Wahrheitsfrage der Ordnungsfrage voranzustellen, den Frieden mit Gott höher zu achten als den Frieden mit den Menschen, Gottes Wort und Menschensatzungen streng zu unterscheiden. Als solcher spornt er uns auch heute noch an, nicht müde und nicht weich zu werden — darum, ob wir Luther verleugnen, darüber wollen wir nicht mit Ihnen rechten; aber das wollen wir Ihnen und aller Welt gern bezeugen, daß seine Theologie uns Rat, Kraft und Hilfe ist und bleiben wird!

Aber nun zurück zum Grundsätzlichen: Sie meinen also, die Bekennende Kirche sei auf dem Wege, das Bündnis zwischen „dem Christentum und der Barbarei“, bzw. „dem Bekenntnis und der Unkenntnis“ zu schließen, davor müßten Sie warnen, und dafür sei Ihr Gespräch mit Herrn Hilfsprediger Jordahn aus Szillen das Dokument. Von da aus erklären Sie sich den von Ihnen sogenannten „Boykott der Königsberger Theologischen Fakultät“ und glauben dessen Grund in der Bedeutung und in der — für unseren Köhlerglauben eminenten Gefährlichkeit der wissenschaftlichen Leistungen dieser Fakultät sehen zu müssen. Lieber Herr Müller! Was sind das für Ideen! Der Student verlangt heute gerade nach wissenschaftlich exakter, theologischer Arbeit. Aber freilich muß diese Arbeit theologisch sein und darf nicht ihre Wissenschaftlichkeit als Ersatz für ihre mangelnde theologische Gründlichkeit anführen. Wenn ich mir etwa den schönen Vortrag von H. Schlier „Die kirchliche Verantwortung des Theologiestudenten“ (Theologische Existenz, Heft 36) vornehme, so finde ich da ein gutes Vademecum für den jungen Theologen, dem niemand die Aufforderung entnehmen wird, es an wissenschaftlichem Ernst mangeln zu lassen. Was aber nun den Boykott anlangt, über den Sie sich beklagen, so kann ich dazu nur feststellen: Freier und konkurrenzloser hat seit langem keine theologische Richtung an unseren Fakultäten wirken können, als es Ihnen und Ihren Freunden vom Schicksal beschicken ist. Vielleicht liegt gerade in dieser Treibhauskultur der Grund für das, was Sie als Boykott ansehen, was aber in [7] Wahrheit nicht auf die Menge, sondern auf den Mangel an echten Gegnern und außerdem auf manche andere Gründe zurückgehen dürfte. Uns ist es umgekehrt gegangen wie Ihnen. Menschlich gesehen ist so ziemlich alles zerschlagen, — und zwar nicht ohne Ihre Mitwirkung — was wir in einem Jahrzehnt an theologischer Arbeit aufzubauen versucht haben. Und dennoch sind gerade die letzten Jahre des Kampfes ganz wider unser Erwarten die fruchtbarsten Jahre für unsere Theologie geworden. Opressa crescit. Alle, die versucht haben, diese theologische Arbeit zu zerstören, haben in Wahrheit nur den Samen über das ganze Land ausgestreut. Die Sache der biblisch-reformatorischen Theologie ist heute nicht mehr die Sache einzelner. Sie wird getragen und wächst auf vielen, vielen Kanzeln im ganzen Land. Sie wird gefördert in den Studierstuben vieler, vieler Pastoren. Es ist verständlich, daß die, die es anders erwartet haben, darüber erschrocken sind, genau so wie wir, die wir das auch nicht erwartet haben, darüber froh und gewiß geworden sind, daß der Weg, den wir geführt wurden, der rechte Weg gewesen ist.

Denn was heißt eigentlich „theologische Arbeit“? Es geht doch wohl in der Theologie nicht um die simple und einfache Angelegenheit wissenschaftlicher, sei es nun liberal, sei es orthodox gefärbter Forschung, sondern es geht mitten in und unter solcher Arbeit ständig um Gott, um sein Wort, um seine Wahrheit, um das Sehen mit seinen Augen, um das Deutlichmachen seiner Hilfe, um die Gewißheit seiner Gnade. Und es ist klar, daß wir hier ein ganz anderes Gegenüber haben als in den anderen Wissenschaften, daß wir es hier mit mehr zu tun haben als bloß mit „Problemen“, daß hier ein Gegner auf dem Plan ist, der selbst denkt, redet, plant und alle Dinge weiß, die wir eben nicht wissen, daß der vermeintliche „Boykott“ auch von ihm, von diesem Gegner ausgehen könnte, und daß hier der eigentliche Grund für die Hemm­nisse liegen könnte, denen wir in unserer theologischen Arbeit begegnen. Denn Luther hat gewiß recht, wenn er sagt: „Das Wort Gottes kommt, so oft es wirklich zu uns kommt, immer als unser Gegner.“

Darum gilt für die Erkenntnis Gottes: Versöhne dich mit deinem Widersacher. Versöhnung ist auch hier Ende und Anfang, das Ende der Wege, die wir ohne Gott gehen, und der Anfang des Weges, den Gott mit uns geht. Wir machen freilich immer den Fehler, nur die irdischen Hemmnisse und Hindernisse ins Auge zu fassen, und vergessen, daß in alle-[8]dem Gott uns widerspricht. Daß er recht haben will. Daß uns gar nichts besseres passieren kann, als daß wir auf den abschüssigen Wegen durch irgend wen und irgend etwas in unserer Bahn aufgehalten, gehemmt, zur Umkehr gerufen, wenn Sie so wollen, „boykottiert“ werden. Verstehen Sie, Herr Müller, was ich meine? Mit solchen Mitteln hilft uns Gott zur Besinnung. Denn „es muß nicht gehen nach deinem Verstand, sondern über deinen Verstand. Senke dich in Unverstand, dann gebe ich dir meinen Verstand. Unverstand ist der rechte Verstand. Mein Verstand macht dich gar unverständig.“ So redet und so handelt Gott mit denen, die er lieb hat.

Von hier aus begreift man erst, was es bedeutet, daß die Schrift Gottes Wort ist. Dadurch wird Gott die entscheidende Instanz für das Verständnis des dort Gesagten. Damit wird gesagt, daß die Gedanken, auf die wir dort stoßen, nicht in der Richtung unserer Gedanken liegen, und die Wege, die dort beschritten werden, nicht in der Richtung unserer Wege laufen. Das Lesen der Schrift wird dadurch unter einen besonderen Anspruch gestellt. Dieses Buch wird dadurch herausgehoben aus allen anderen Urkunden und Quellen, das Verstehen der Schrift wird dem Menschen entzogen und Gott anheimgestellt. Gott muß uns selbst die Tür öffnen, die wirklich hineinführt in das Innere dieser Geschichte. Darum die Frage nach Gottes Wort unter uns.

Das mag Ihnen dann in der Tat als ein „Glaubenshunger“ und „Wortgottesdurst“ erscheinen, wie Sie so leichtfertig spotten. Aber wissen Sie auch, wen Ihr Spott hier trifft? Sie verspotten gar nicht Habende, Sichere, Gewisse und Stolze, wie Sie in Ihrem Zöllnerpharisäismus anzunehmen scheinen, sondern Sie verspotten Menschen, denen es aufgegangen ist, daß sie nicht glauben können ohne Gottes Wort, denen — ich will das hier mit aller Vorsicht sagen, aber sagen muß ich es doch — etwas aufgegangen ist von dem Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Wer das nicht versteht, sollte wenigstens darüber nicht spotten; es wäre ihm besser, er würde selber hier mit in Reih und Glied treten und sich an seine eigene Ohnmacht und Armut erinnern. Denn mag dieser Spott sich auch in das Gewand des Wahrheitssuchers hüllen, es bleibt doch eine böse, kalte und herzlose Rede, und glücklich kann der Mann nicht sein, der auf dieser Bank der Spötter sitzt. Im Namen der Bildung wider das Bekenntnis zu protestieren, das ist [9] ein trauriges Geschäft. Denn jene Alternative Schleiermachers ist eben doch, wie ich meine, keine Prophezeiung im Sinne von Römer12, 6. Darum spricht sie auch an der Wirklichkeit vorbei, die heute mit Händen zu greifen ist. Der Aufstand der Barbarei gegen das Christentum ist ja bereits in vollem Gange — der Glaube und die ech­te Bildung werden mit Füßen getreten, und der Unglaube findet in der Halbbildung, der schlimmsten Gottesgeißel des Abendlandes, wie Dostojewski sie genannt hat, das Werkzeug, um erst die Köpfe und dann die Herzen zu erobern.

Und das habe ich nun im letzten Grunde wider diesen Artikel H. M. Müllers im „Deutschen Christen“, daß solche Art von Kritik jener Halbbildung in den Sattel hilft, die nur nach Argumenten fahndet, um das Vertrauen zur Heiligen Schrift zu untergraben. Wenn das ein Privatmann tut, mag das hingehen: wenn das ein Professor der Theologie tut, ist das arg. Wenn ich lese, wie hier über das Deuteronomium, das Buch des Gesetzes, mit „Blutwurstessen“, „Schweinebraten“ und ähnlichen Magenfragen diskutiert wird, dann werde ich lebhaft daran erinnert, wie die Gegner von Luthers Abendmahlslehre ihn mit dem „gebackenen Gott“ verspotteten.

II.

H. M. Müller wird mir entgegnen: Aber die Speise- und Reinigungsgebote, die wir im Deuteronomium finden, gelten doch nicht für uns. Wir sind davon frei. Darum kann ich sie nicht als Gottes Wort ansprechen. Ich will mit einer Gegenfrage antworten: Was ist das für eine Freiheit, deren sich hier H. M. Müller rühmt? Ist es lediglich die Freiheit, die aus der Andersartigkeit unserer Erziehung, Kultur und Sitte herrührt? Oder ist es die Freiheit, die uns Jesus Christus geschenkt hat, die wir in Christo haben? Das ist in diesem Artikel nicht ganz klar. Und ich meine, daß es doch zwei sehr verschiedene Freiheiten sind, die hier durcheinander gehen. Gilt die Freiheit, deren sich hier H. M. Müller rühmt, auch gegenüber den Lebens- und Reinheitsordnungen, in denen wir, wir in unserem Brauchtum, in unseren geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen, in unseren politischen Ordnungen leben? Ist H. M. Müller bereit, sie hier ebenso zu bezeugen? Und ich frage weiter: Wenn wir schon von diesen Ordnungen des Deuteronomiums, die durch Gottes Wort und Gebot geheiligt sind — denn es geht ja in allen [10] Einzelvorschriften immer um das erste Gebot, um das eine: Du bist ein heilig Volk dem Herrn — in Jesus Christus frei geworden sind, was tun wir dann, wenn wir heute Ordnungen als „Schöpfungsordnungen“ heilig sprechen, hinter denen nur die Gesetze der Natur und der Sitte stehen? Warum hat H. M. Müller dazu noch nicht das Wort ergriffen? Das wäre doch auch ein Kapitel zu dem Thema „Die Verleugnung Luthers im modernen Protestantismus“! Genug, wenn uns diese Andeutungen etwas vorsichtiger machen. Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.

Außerdem müssen wir noch etwas anderes bedenken: Die Bibel ist nicht nur für das Europa des 20. Jahrhunderts geschrieben; sie ist Gottes Wort an alle Welt und für alle Zeiten. Sie ist das Buch der Menschheit. Der Rahmen, in den die Geschichte gespannt ist, die hier spielt, ist der erste und der letzte Mensch, ist Adam und Christus. Wenn die Reinheitsvorschriften des Alten Testamentes für uns nicht — oder sagen wir besser noch nicht! — eine aktuelle Problematik in sich schließen, ist damit gesagt, daß nicht unter anderen Umständen und bei anderen Völkern gerade hier die Frage nach dem lebendigen Gott aufbrechen könnte? Es gibt heute noch Völker und Kulturen, in denen die Reinheits- und Speisegebote mehr bedeuten als die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe. Es könnte sein, daß ein Hindu diese uns nichts sagenden Stellen aus dem Deuteronomium mit ganz anderen Augen liest wie wir, von hier aus seine Situation begreift, von hier aus versteht, was das Evangelium bedeutet. Wenn nämlich Jesus diesen vermeintlichen, und nicht nur vermeintlichen, sondern für den Menschen, der unter dem Gesetz lebt, verbindlichen Gottesdienst in seiner Hohlheit aufdeckt, etwa so, wie das Matthäus 15 oder Lukas 11 zu lesen ist, wenn die Reinheitsfrage als die Frage nach der inneren Reinheit gestellt wird, dann wird ein solcher Gesetzesmensch herausgeholt aus allem, was er bisher für Wege zur Reinheit ansah. Denn ob wir nun am Dekalog oder an den Speisegeboten die für unser Leben maßgeblichen Begriffe von „Reinheit und Unreinheit gewinnen — der Jesus, dessen Jünger die Vorschriften über das Händewaschen nicht beachten und der mit Sündern und Zöllnern zu Tische sitzt, richtet alle vermeintliche Reinheit, die kultische nicht minder wie die moralische. Aber er richtet sie nicht so, daß er die Gebote lächerlich macht, unter denen die Menschen leben, sondern so, daß er sie denen zum Gericht werden läßt, die [11] darin ihre innere und äußere Rechtfertigung gefunden zu haben glauben.

So finden wir beides in der Schrift, das Gesetz und den, der die Menschen frei macht vom Gesetz, indem er es erfüllt. Jesus hebt das Gesetz nicht auf. Er bejaht es voll und ganz. Aber er bringt Erlösung von der Anklage des Gesetzes. Und das ist nun eben das Große an der Schrift, daß beides unter einem Bogen steht, das Gesetz und das Evangelium, das Gefängnis, in dem wir leben, und der, der das Gefängnis gefangenführt, die Handschrift, die wider uns ist, und der, der sie ans Kreuz heftet und damit ungültig macht. Weil Gott das Gesetz gegeben hat, muß er auch die Freiheit vom Gesetz schenken. Wer sich selbst befreit, der wird nicht frei. Darum soll es dabei bleiben, daß das Gesetz von Gott ist und auch das Deuteronomium, das Buch des Gesetzes, als Gottes Wort gelesen sein will. Denn wie sollten wir wissen, wer Christus ist und was er für die Welt bedeutet, wenn wir vergessen, wie unzerbrechlich das Gefängnis, wie rechtsgültig — vor Gott gültig — die Schuldschrift ist. „Nam si lex tollitur, nescitur, quid Christus sit.

Darum sagen wir, die ganze Schrift bezeugt uns Gottes Wort. Sie zwingt uns beides zu hören, das Gebot und die Verheißung; sie birgt in sich den Berg Sinai und den Hügel Golgatha; sie hat Mose und Christus; sie zwingt alle, die in sie eintreten, sich auf den Weg zu machen. Es gibt genug Männer im Alten Testament, die ihr Volk eben gerade nicht beim Wissen um das Gesetz zur Ruhe kommen lassen. Die Schrift enthält nicht eine tote Doktrin, ein Prinzip, das man theologisch fixieren könnte, von dem man sagen könnte: Seht, das ist Gottes Wort! Gottes Wort kommt uns auch beim Lesen der Schrift nie so zu Gesicht, daß wir sagen könnten: Hier ist es, oder da ist es, eben darum, weil es überall ist, wie Gott selbst. Wir lesen die Schrift, um das Wort zu hören, nicht um es uns hörig zu machen. Wir lesen sie und werden davon ergriffen, aber wir können es nicht ergreifen. Wir sind auf dem Wege, aber wir sind noch nicht am Ziel. Denn durch die ganze Heilige Schrift geht eine Bewegung. Es ist eine Richtung in ihr, die nach vorn weist. Es geht vom Gesetz zum Evangelium, von den unfruchtbaren Werken des Gesetzes zu den Früchten des Geistes, vom alten zum neuen Bund, von den steinernen Tafeln zu den lebendigen Herzen. Und noch mehr: Diese Bewegung ist keine rückläufige. Der Weg zurück ist mit den [12] schärfsten Drohungen versperrt. Die Drohungen Gottes sein Gebot und Befehl muß dem einen dienen, daß wir beim Evangelium stehen bleiben, daß wir uns an seiner Gnade genügen lassen. Es führt wohl eine Straße vom Berge Sinai nach Golgatha, Gott hat sie selbst gebaut, aber es führt keine Straße vom Hügel Golgatha zurück zum Sinai. Gott hat sie selbst zerstört. Das „Um-wieviel-mehr“ von Römer 5, der abgebrochene Tempel, der neue Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit, der Riegel, mit dem Gott das Gesetz abgeriegelt hat, damit Gnade Gnade bleibe, das Einfürallemal des Todes Christi — das sind für den, der mit der Schrift den Weg des Gesetzes gegangen ist, Dinge, für die er Leben und Seligkeit hingeben würde, eben darum weil sie ihm Leben und Seligkeit geworden sind.

Wenn also die Satzungen des Alten Testamentes abgetan sind, dann nicht darum, weil wir in einem anderen Volk, in einer anderen Zeit, unter einem anderen Himmelsstrich leben — „an sich“ vergeht das Gesetz nicht, es bleibt vielmehr in Ewigkeit — sondern allein darum, weil in Jesus Christus der Mensch frei ist von des Gesetzes Werken, weil Gott ihn befreit hat aus den Ordnungen, in die er ihn selbst gebannt hatte. Gott hat selbst diesen Bund annulliert, Gott hat selbst dem Glaubenden eine neue Gerechtigkeit verheißen, einen neuen Weg gezeigt, und zwar dem Juden ebenso wie dem Heiden, gerade auch dem Juden, dem ohne Jesus Christus die Reinheitsvorschriften des Deuteronomiums als Entscheidung über Leben und Tod gelten. Ja, Gott hat selbst das Sehnen und Ausschauhalten nach diesem Ziel und Ende des ganzen Weges, das Drängen und Warten und Hoffen auf einen neuen Bund als geheime Unruhe in alle Stücke des alten Bundes hineingelegt. Er selbst hat in den alten Bund den eingeschlossen, der ihn sprengen sollte; sein Ratschluß und sein Heilsplan ist selbst der treibende Grund dafür, warum es hier, im alten Bund, kein Stehenbleiben, kein Zufriedensein, kein Seßhaftwerden für den Menschen gibt. Denn „er sendet Erlösung seinem Volk“.

III.

In diesem Sinne, daß einundderselbe Gott hier und dort der Handelnde ist, ist das Wort Gottes die Einheit der ganzen Schrift. Ohne dies Wort muß sie dem Menschen in tausend Teile, in „grammata“ zerfallen. Daß das Wort die [13] Einheit der Schrift ist, schließe ich, nun allerdings wieder unter der Autorität der Schrift selbst, aus den beiden Sätzen, daß Jesus das fleischgewordene Wort des Vaters ist, und daß er selbst sagt: „Suchet in der Schrift, sie zeugt von mir.“ Er sagt damit, daß die Schrift die doppelte Aufgabe hat, das Wort zu bewahren und das Wort zu offenbaren, es finden zu lassen. Wir können daran erkennen, daß das Wort das eigentliche Geheimnis der Schrift ist, etwas, was nicht am Tage liegt, was nicht demonstrierbar ist. Das Wort will „gefunden“ sein. Aber wie sollen wir es suchen, wenn wir es nicht kennen? Und wer kennt es so zuvor, daß er es wiedererkennen könnte? Eben darum gehört Geist dazu, das Wort Gottes in der Schrift zu entdecken, nicht der Geist, von dem her die Geisteswissenschaften ihren Namen haben, denn dieser Geist „vernimmt nichts vom Geist Gottes“, sondern der Geist, der es kennt, weil es durch ihn selbst geredet ist. Der Heilige Geist! Ohne ihn werden wir alle die Heilige Schrift falsch auslegen, ohne ihn werden wir alle, da hilft kein Wissen, keine Theologie, kein Professorenpatent und kein Bischofskreuz, über der Auslegung der Schrift zu Irrlehrern und zu Häretikern. Ohne ihn bleiben wir Schriftgelehrte, allein durch ihn werden wir solche, die das Wort des Lebens — nämlich Christus — recht erkennen und weitergeben können. Denn, wie Luther einmal sagt, der ist ein Häretiker, der die Schrift anders auslegt, als es dem Heiligen Geist gemäß ist.

Vielleicht verstehen unsere Gegner jetzt, warum der Glaube, daß die Heilige Schrift Gottes Wort ist, zu den unveräußerlichen Postulaten gehört, um derentwillen wir im Kampfe stehen. Eben damit Gott wieder die Ehre gegeben wird, damit sein Geist die letzte Instanz wird, vor der wir alle arm und bloß und bedürftig sind, damit Gott recht behält und nicht der räsonierende, über Gott urteilende, sich ihm gleich dünkende Mensch. Denn die rechte Verkündigung und die rechte Lehre, also die Dinge, mit denen die Kirche steht und fällt, sind doch wohl die vor Gott rechte Verkündigung, die von Gott selbst geoffenbarte Lehre, die Verkündigung, in der er seinen Geist wirksam sein läßt. Wenn wir bekennen, die Schrift ist Gottes Wort, dann entziehen wir sie gerade allem Schriftgelehrtentum, geben sie Gott, zurück, sagen, daß die Lehre von der Schrift in den dritten Artikel gehört, in denselben Artikel, in den auch alles Predigen, Lehren, Trösten, Binden und Lösen gehört. [14]

Aber, und dies Aber darf nicht überhört werden, Gottes Geist ist kein Phantom. Wenn wir von Gottes Geist reden, reden wir nicht vom Mythos. Der Geist Gottes weist selbst auf die Zeugen zurück, die er einst erweckt hat. Er kann sich nicht untreu werden. Und darum gilt auch von uns und für uns „si fundamentum Apostolorum non sequuntur successores nec observant, haeretici sunt vel antichristi, ut extra fundamentum perditi“. Die Apostel und Propheten sind also nicht um ihrer Person willen, sondern weil Gott vor Zeiten durch sie geredet hat, die für die Kirche verbindliche Autorität, und nur auf dem Fundament, auf dem sie den Bau der Kirche begonnen haben, kann weitergebaut werden, wenn die Kirche in ihrer Theologie und Schriftauslegung — was ja wohl dasselbe ist — vor Haeresie und Antichristentum bewahrt bleiben soll. Wer also Theologie treibt und wer die Schrift auslegt, muß es sich gefallen lassen, zumal in dieser Zeit, wo so viele Wölfe in Schafskleidern einhergehen, daß wir ihn fragen, wie es um diese Verbindlichkeit jenes Fundamentes für ihn steht. Und es geht nicht an, für die Theologie lediglich die Formalbestimmung der Wissenschaftlichkeit zu verlangen, so wenig, wie es angeht, für die Anstellung eines Pfarrers heute lediglich den Stempel des Konsistoriums auf feiner Anstellungsurkunde zu verlangen. Darin sehe ich keinen Boykott, sondern darin sehe ich nur, daß in unserer Kirche wieder mit Ernst erstrebt wird, Gottes Wort zu verkündigen und die Theologie als die Lehre von der Offenbarung Gottes zu entfalten. Das und nichts anderes scheint mir auch Herr Jordahn gemeint zu haben, wenn er darauf hinweist, daß nur die Kirche, die auf diesem Fundament gegründet ist, an Sterbebetten reden kann, denn sie allein hat ja die Verheißung, daß der Tod sie nicht überwältigen wird — während die andere Kirche, die Gottes Wort vermischt mit menschlichen Träumen, selber in der Anfechtung zerbrechen muß und ihr das Wort, das ihr, solange sie fern vom Schuß ist, so breit zur Verfügung steht, im Halse stecken bleiben wird.

Nun noch ein Letztes. Natürlich darf man die Schrift und das Wort Gottes nicht einfach durch Bindestrich identifizieren. Sie sind viel inniger eins, als daß man es durch solch ein Gleichheitszeichen ausdrücken könnte. Auch hier gilt: Unvermischt und ungeteilt. Man darf sie nicht identifizieren, weil das Wort Gottes „geschieht“, die Schrift aber bezeugt, „was geschehen ist“. Man darf sie aber auch nicht ausein-[15]anderreißen, weil die Schrift und das Wort — beide — in einer letzten, selbst für unser Denken und Verstehen untrennbaren Einheit aufeinander bezogen sind in Jesus Christus. Die Gottmenschheit Jesu Christi, das fleischgewordene Wort, ist die Antwort auf die Frage, wie Gottes Wort und die Schrift eins sind. Wir werden das Wie dieser Einheit nicht ergründen und sollen uns hüten „de verbo et Deo sine verbo iudicare“. Aber eins können wir sagen: So wie wir glauben, daß unser Fleisch und Blut das ewige Wort Gottes nicht herabgezogen hat in Sünde und Verwesung, sondern daß das Wort unser Fleisch und Blut angenommen hat, um es heraufzuziehen zu Gott, so werden auch die menschlichen Gedanken und Geschehnisse, die wir in der Schrift finden, das Wort Gottes nicht herabziehen in Irrtum und Vergänglichkeit, sondern das Wort wird es sein, das dem Reden und Tun der Menschen Gottes Kraft und Wahrheit gibt; so wie das Wort auch das Zeugnis dieser Menschen über ihren Tod und unseren Tod hinaus bewahren wird bis an den Dag, – da ihr Zeugnis nicht mehr nottun wird. Dennoch wird damit das Wort nicht aufhören zu sein. Denn: „Das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“ Hier steht das Geheimnis, das größer ist als das Problem, das die Aufklärungsmenschen gegenüber der Orthodoxie meinen so wichtig nehmen zu müssen. Hier heißt die Frage nicht mehr: Schrift = Wort Gottes? sondern Wort = Person? Da müßten die Theologen anheben, die uns etwas Gutes und Tiefes über die Lehre von der Schrift sagen wollten. Von da müßten sie herniederfahren mit der Menschwerdung und das ewige Wort in den Windeln und in der Krippe suchen. Bon da sollten sie uns zeigen, daß Gottes Wort etwas grundsätzlich anderes ist als unser Wort! Wer das nicht kann, der soll seiner Länge keine Elle zusetzen und sich nicht hoch dünken, wenn er sich ein bißchen über die Schrift erhebt. Das Wort Gottes hebt uns nicht über die Schrift, sondern geleitet uns in die Schrift, damit wir durch das Wort für das Wort sehend werden.

Durch das Wort für das Wort sehend werden — ist das nicht Sinn aller Auslegung und Verkündigung? Muß das nicht allen geschehen, die hier auch nur ein Jota verstehen wollen? So wie es den Hirten geschah, die das Wort vom Himmel, das Evangelium, zu dem Kind in der Krippe hinführte? Wo das Ereignis wird in Theologie und Predigt, in Unterricht und Kirchenleitung, da wird die Grenze wieder sichtbar zwischen wahrem und geheucheltem Glauben, zwischen [16] Gottes Wort und Menschenlehre, zwischen Gott und den Götzen, zwischen dem Christus Gottes und den Heilanden der Welt. Da wird die Mitte aufgerieben, die weder kalt noch warm sein möchte. Da muß der eine bekennen, wie es ihm umʼs Herz ist und der andere spotten. Da muß der eine sich freuen und der andere sich argem. Und da muß dennoch beides, das Bekenntnis und der Spott, der Jubel und das Ärgernis demselben dienen, nämlich kund zu machen, daß die Gottesherrschaft nahe ist.                                                       H. J. Iwand


[1] Dazu aus Hans Joachim Iwands Brief an Rudolf Hermann vom 19. August 1934: „Wir haben ein sehr schönes Semester hinter uns, die versuchte Gleichschaltung der Fakultät hat eine positive Opposition der Studentenschaft ausgelöst, die wie ich hoffe, nicht ungehört verhallen wird. H. M. Müller hat sich als kein großer Anziehungspunkt des Systems erwiesen. Er las vor fast leeren Bänken. Trotz aller Anfeindungen haben die Studenten zu mir gehalten und ich hatte ein miteinander innerlich verbundenes Kolleg. Eine offene Erklärung der Studentenschaft gegen [Erich] Vogelsang [1904-1944] hatte den Erfolg, daß die Entscheidung innerhalb der Fakultät aufbrach und die Fakultätsmitglieder haben dann insofern vor den Studenten nachgegeben, daß sie alle versprachen, aus den D. C. [Deutsche Christen] auszutreten. Auch ein offener Konflikt mit dem Bischof [Fritz Kessel] war im Verlauf der Dinge nicht zu vermeiden. 50 Studenten sind jetzt in die Gemeinden gegangen. Sie werden der Kern des Neuaufbaus der Fakultät sein.“ (Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke 6: Briefe an Rudolf Hermann, München: Chr. Kaiser, 1964, S. 265f.)

[2] Hans Michael Müller (* 17. Mai 1901 in Dresden-Loschwitz; † 5. November 1989 in Augsburg) war von 1934-1945 Professor für systematische Theologie in Königsberg. Im Sommer und Herbst 1933 fungierte er als Adjutant des Reichsbischofs Ludwig Müller. Zu seiner nationalsozialistischen, „nachmetaphysischen“ Theologie siehe Klaus-Michael Kodalle, 1933 – Die Versuchung der Theologie, Berlin: Duncker & Humblot, 2022, S. 83-120. Müller stammt aus der zweiten Ehe des Theologen und späteren Eigentümers von Schloss Elmau, Johannes Müller (1864-1949), mit der Malerin und Lithografin Marianne Fiedler (1864-1904). Der Vater, Exponent des Fin de Siècle, galt als „Kirchenlehrer deutschchristlicher Kreise“ (Georg Merz, Müller, Johannes, in: RGG3 IV, 1960, Sp. 1170f).

[3] Bruno Jordahn (1908-1988) bestand am 20. März 1935 vor dem Bruderrat der Bekennenden Kirche sein zweites Examen und wurde am 20. April 1936 in Goldap ordiniert. Er war mit Hans Joachim Iwand theologisch verbunden.

[4] Tübingen, J.C.B. Mohr, 1933.

[5] Hamburg: Hanseatische Verlagsanstalt, 1934.

[6] Fritz Kessel (1887-1973) gehörte 1932 zu den Mitbegründern der „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ und war von 1933-1936 Bischof der Provinz Ostpreußen mit Sitz in Königsberg.

Hier der Text als pdf.

Und hier der Originaldruck.

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