Wolf-Dieter Hauschild im Kirchlichen Jahrbuch 1976/77 zum Brief Tübinger Theologiestudenten an Günter Sonnenberg: „Dieser Brief signalisiert die Verwirrung der Geister, die in der ganzen Terrorismusdiskussion seit 1972 zutage trat, in exemplarischer Weise, weil er die prinzipielle Kritik an den gesellschaftlichen Strukturen, über deren Berechtigung im einzelnen gestritten werden muß, mit einer Unsicherheit in der Frage, welche politischen Kampfmittel gegen eine vermeintlich übermächtige Repression noch legitim sind, vermischt.“

Wolf-Dieter Hauschild im Kirchlichen Jahrbuch 1976/77 zum Brief Tübinger Theologiestudenten an Günter Sonnenberg:

Nach dem Mord an Generalbundesanwalt Buback war einer der mutmaßlichen Mörder, der Terrorist Günter Sonnenberg in Singen gestellt und bei einem Schußwechsel mit der Polizei verhaftet worden, wobei er zwei Polizisten verletzte. Da auch er selber schwer verletzt wurde, kam er in die Tübinger Universitätsklinik. Dies nahm der inoffizielle Fachschaftsrat Tübinger Theologiestudenten zum Anlaß (nach einer Abstimmung mit 28 gegen 5 Stimmen — das bei rund 1 200 Theologiestudenten), ihm eine Grußbotschaft mit Blumenstrauß zu schicken. Das löste einen Sturm der Entrüstung aus, führte aber zugleich dazu, daß kirchliche Repräsentanten und theologische Lehrer sich erstmals ausführlicher zu dem Problem des Terrorismus äußerten.

BRIEF TÜBINGER THEOLOGIESTUDENTEN
AN DEN TERRORISTEN GÜNTER SONNENBERG
Vom 16. Mai 1977

Lieber Günter Sonnenberg!

Du bist hier nach Tübingen gebracht worden, wo wir in der Fachschaft ev. Theologie in der politischen Auseinandersetzung mit den Kräften stehen, mit denen auch Du zu tun hast. Wir suchen darin vermutlich andere Formen als Du (lehnen z.B. tötende Gewalt im Kampf um eine bessere Form des Zusammenlebens ab). Wir wünschen Dir und uns, daß wir in nicht allzu ferner Zukunft in einer Gesellschaft leben, in der Entfremdung aufgehoben, Haß und Gewalt überflüssig, Solidarität und Zärtlichkeit die menschlichen Umgangsformen sein werden.

Übrigens wünschen wir das auch den Polizisten, die dann allerdings nicht mehr nötig sein.
Mit besten Genesungswünschen!
Der Fachschaftsrat ev. Theologie
PS: Abgeschickt am 16. Mai 1977

Dieser Brief signalisiert die Verwirrung der Geister, die in der ganzen Terrorismusdiskussion seit 1972 zutage trat, in exemplarischer Weise, weil er die prinzipielle Kritik an den gesellschaftlichen Strukturen, über deren Berechtigung im einzelnen gestritten werden muß, mit einer Unsicherheit in der Frage, welche politischen Kampfmittel gegen eine vermeintlich übermächtige Repression noch legitim sind, vermischt. Diese Vermischung hatte schon vorher manche Stellungnahmen aus „linken“ evangelischen Kreisen – insbesondere zum Fall Ulrike Meinhof – gekennzeichnet, und nur leichtfertige Polemik kann verkennen, daß hier tatsächlich ein Problem vorliegt. Doch der Tübinger Vorfall machte überdeutlich, wie leicht man infolge dieser Vermischung auf die schiefe Bahn gerät, die über eine humanitäre Solidarisierung mit Terroristen implizit zu einer Rechtfertigung des Terrors führt. Die von den Studenten intendierte Differenzierung zwischen Täter und Tat konnte nicht in einer derart naiven Weise ausgesagt werden. Deswegen waren die harten Reaktionen kirchlicher Stellen notwendig und sinnvoll, aus denen hier ein Beispiel ausgewählt wird.

Kirchlichen Jahrbuch 1976/77, S. 140f.

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