Über das Auftreten des Baltringer Haufens in Oberschwaben 1525
In Oberschwaben bildet sich Ende 1524 der Baltringer Haufen. Von seinem Auftreten berichtet uns eine Nonne aus dem Kloster Heggbach bei Biberach:
Am Sonnabend vor Circumdederunt [11. Februar] […] kamen unsere armen Leute, die Vornehmsten, zu meiner Herrin seligen und dem Konvent. Und es waren Ulrich Schmid, Hauptmann, und Hans Galster, der Bruder der schwarzen Magdalena, Fähnrich, und baten uns, daß wir ihnen vom Pachtzins abließen, und besonders, daß sie weder Hennen noch Hühner und Eier mehr zu geben brauchten. Darauf sagte meine Herrin selige, sie wolle es nicht tun, da sie keine Macht habe, dem Gotteshaus das Seine zu mindern. Sie wolle erst sehen, wie es die anderen Herrschaften mit ihren Untertanen halten wollten. Es befremde sie aber, daß sie solches vom Gotteshaus begehrten. Es käme ihr nicht so vor, daß wir sie so beschwerten und unerträglich hielten, daß sie vornan wären und also einen Aufruhr machen und die anderen gegen ihre Herrschaften auch aufwiegeln wollten. Sie bäte sie auf das höchste, daß sie davon zurückständen, denn sie würden sich selbst und das Gotteshaus ins Unglück stürzen, auch in große Ungnade gegen jedermann. Das entbiete sie ihnen, und sie müßte sich ihrer schämen, besonders derer von Sulmingen.
Da fingen sie an und sagten, sie brauche sich ihrer nicht zu schämen, sondern sie hätten ihren Herrn, insbesondere Ulrich Schmid. Der wurde so in dem gemeinen Haufen geehrt, daß man ihn auf Stangen erhöhte, damit er das Volk lehre, und der Heilige Geist redete scheinbar aus ihm. Da fing er an und bat, daß man ihm ein wenig zuhöre, was er lehre. Da fing er an, von Adam zu sagen und von Mose, wie wir selbst arbeiten sollten, und so sollte es jedermann tun, und auch wie sich Mose vor dem Pharao abgemüht hätte und wie man einer Obrigkeit nichts geben sollte. Man hörte ihm mit Fleiß zu. Und wir lachten drinnen genug darüber. Und da es aus war, da fing der fromme Hofmeister Georg selig an und sagte tapfer: »Ich bin ein schlichter Mann und kann nicht einen Buchstaben. Ich weiß nichts aus der Bibel zu sagen. Ich sage aber auch, ihr irrt, denn der Herr hat doch selbst den Tempelgroschen für sich und für Petrus gegeben, und er ist fälschlicherweise verklagt worden, er habe verboten, dem Kaiser den Zins zu geben. Da hat er gesprochen: ›Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was ihm gehört!‹ Da findet ihr, daß der Herr die weltliche und geistliche Obrigkeit vor Augen gehabt hat, auch in seinem Leiden, als die Juden ihn dem Pilatus übergaben und sagten, er solle ihn kreuzigen, da hatten sie keine Macht, daß sie ihn ohne die Erlaubnis des Pilatus kreuzigten.« Da wollten die Bauern doch Meister und mächtig sein, und wir sollten ebenso lange arbeiten und ihnen untertänig sein, so lange sie untertan gewesen wären. Also zogen sie ab. Sie wollten Herren sein. Und sie kamen getreulich jede Woche im hellen Haufen zusammen und ratschlagten, wie sie dem Kloster und dem Adel ihre Güter nehmen und Mönche und Nonnen aus dem Kloster treiben wollten. Und zu Heggbach wollten sie anfangen und die Nonnen aus dem Kloster treiben […].
Da wir zu Oculi [19. März] wieder anfingen, die Sakramente zu gebrauchen, da war der böse Feind aber strenger als zuvor, und am Montag nach Lätare [27. März] und am Dienstag kamen einige unserer Bauern her und führten das Korn hinweg und sagten, es wäre ihres, und wir sollten es auch besser ihnen gönnen als den Fremden. Und sie schworen so greuliche Übel dazu. Und es kamen die bösen Weiber und hatten Händel mit meiner Herrin und der Amtsherrin, sie hätten den Bund über ihre Männer gerufen. Und wenn man ihre Männer töte, so wollten sie Herrin sein und ihnen die Augen auskratzen. Sie müßten hinaus und die Kühe melken und schlechte Joppen tragen, und sie wollten herein und saubere Pelzlein tragen. Und man würde uns in den gemeinen Haufen treiben und das Gewand über dem Kopf zusammenbinden. Und wir sollten auch Kinder haben und uns Wehen geschehen lassen wie sie.
Die Heggbacher Chronik ist das Zeugnis einer unbekannten Nonne des Zisterzienserinnenklosters, die im Auftrag ihres Konvents die Geschehnisse schriftlich festhielt.
Quelle: Helmar Junghans (Hrsg.), Die Reformation in Augenzeugenberichten, Düsseldorf: Karl Rauch, 1967, S. 285-287.