Albrecht Grözinger, Karl Barth als Seelsorger: „Seelsorge ist bescheiden, und die Seelsorgerin/der Seelsorger sind keine ‚Gurus‘. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob Barth selbst, diesen Anforderungen als Seelsorger gerecht wurde. Diese Frage muss in aller Vorsicht gestellt werden. Am besten könnten dies die beantworten, die Barth selbst in der einen oder anderen Situation als Seelsorger erlebt haben. Wir wissen, dass Barth sehr schroff sein konnte und damit auch nicht wenige Menschen verletzt hat, unabhängig davon, ob es für diese Schroffheit nicht auch Gründe geben mag.“

Karl Barth als Seelsorger

Von Albrecht Grözinger

Es ist alles andere als selbstverständlich von Karl Barth als Seelsorger zu sprechen. Der Name von Karl Barth wird eher mit dem Begriff der Dogmatik oder auch der Predigt verbunden. Zudem begleitet die Theologie Barths hartnäckig das Vorurteil eine Theologie von oben herab entwickelt zu haben, eine dogmatisch-autoritäre Theologie also, die deshalb die konkreten Menschen und ihre Probleme nur verfehlen kann. Karl Barth und eine menschenfreundliche Seelsorge – beide scheinen im gängigen Urteil durch einen tiefen Graben getrennt. Wenn man im Kontext der Dialektischen Theologie von Seelsorge schon sprechen will, dann ist man doch bei Barths Mitstreiter Eduard Thurneysen viel besser aufgehoben. Er war über Jahre als Gemeindepfarrer als Seelsorger tätig und hat mehrere Bücher über Seelsorge vorgelegt.

Geht das als zusammen – Karl Barth und die Seelsorge? Ja – das geht zusammen, und zwar sehr gut zusammen. Man kann nun das Thema Karl Barth als Seelsorger auf verschiedene Weise angehen. Wir könnten versuchen, ob wir auf Spuren von Barths Seelsorge während der Zeit seines Safenwiler Pfarramtes stossen. Wir könnten versuchen Menschen, die Barth gekannt haben, nach seinen seelsorgerlichen Fähigkeiten zu befragen. Wir könnten die Schriften Barths nach dem Stichwort Seelsorge durchforsten. All das könnten wir tun. Und all das wären gute und mögliche Wege. Ich möchte heute jedoch einen anderen Weg beschreiten. Ich möchte nämlich zeigen, dass in die Entwicklung von Barths Theologie insgesamt ein seelsorgerlicher Grundzug eingeschrieben ist, dass seine Theologie insgesamt als Seelsorge verstanden werden kann.

Ich habe eingangs davon gesprochen, dass Barths Theologie penetrant von dem Vorurteil begleitet wird eine autoritäre Theologie zu sein, die zu allem Menschlichen auf grosse Distanz geht. Dieses Vorurteil hat einen gewissen Anhalt an den frühen Schriften Karls Barths, die Ihn schlagartig zu einem – wir würden heute sagen – Star-Theologen machten. In seinem Römerbriefkommentar aus dieser Zeit können wir folgende Sätze lesen:

„Die Heilsbotschaft… ist nicht eine Wahrheit neben anderen sie stellt alle Wahrheiten in Frage, sie ist Angel, nicht Türe… Gott ist der unbekannte Gott. Als solcher gibt er allen Leben und Odem und alles. Und so ist seine Kraft we­der eine Naturkraft noch eine Seelenkraft, noch irgendeine von den hohen und höchsten Kräften, von denen wir wissen oder möglicherweise wissen könnten, weder ihre oberste, noch ihre Summe, noch ihr Born, sondern die Krisis aller Kräfte, das ganz andere, an dem gemessen sie etwas sind und nichts… Rein und überlegen steht die Kraft Gottes nicht neben und nicht (‚supranatural’) über, sondern jen­seits aller bedingt-bedingenden Kräfte, nicht mit ihnen zu verwechseln, nicht an sie anzureihen nur mit äußerste Vor­sicht mit ihnen zu vergleichen… [Das Evangelium] ist der Alarmruf und das Feuerzeichen einer kommenden neuen Welt.“[1]

Das klingt schon nach Menschenferne – zweifellos. Und dieser Eindruck kann sich verstärken, wenn wir immer wieder auf solche Sätze treffen:

„Kein [menschliches] ‘Werk’, auch nicht das feinste und geistig­ste, auch nicht ein negatives Werk kann mehr in Be­tracht kommen. Unser Erlebnis ist das, was nicht unser Er­lebnis ist, unsere Religion besteht in der Aufhebung unserer Religion… Nichts Menschliches bleibt mehr übrig, was mehr sein wollte als Hohlraum, Entbehren… als Staub und Asche vor Gott… Also kein Boden, auf den man sich stellen, keine Ordnung, die man befolgen, keine Luft, in der man atmen kann. Vom Menschen aus, von dem aus gesehen, was sonst Religion, Gesinnung, Gesetz heißt, vielmehr das Bodenlose, der Anarchismus, der luftleere Raum…“[2]

Also doch – Gott in Menschenferne, im luftleeren Raum? Ein Raum ohne Seelsorge? So kann man das lesen und so hat man das auch immer wieder gelesen. Und Barth hat sehr schnell auch gemerkt, dass er in seiner Theologie etwas verändern muss. Dass er in den Negationen nicht stehen bleiben kann. Denn auch in diesen Negationen war ja Gott kein menschenloser Gott. Gott gibt – wie Barth dort schon sagt – allen Leben und Odem und alles. Und Barth stellt nun kräftiger als zuvor die Frage in den Raum: Wo wird denn das konkret, wo kann man das sehen, Dass Gott ein lebensspendender Gott ist, der den Menschen nahe sein will. Und er gibt eine klare Antwort – in der Person Jesus von Nazareth, in Jesus Christus – dort kommen sich Mensch und Gott so nahe, wie man sich das näher nicht vorstellen kann. Gott wurde ja selbst Mensch. Wie kann er dann ein menschenferner Gott sein? Und – darin ist sich Barth treu geblieben – auch hierfür findet er theologische Spitzensätze. An einer Stelle der kirchlichen Dogmatik heisst es dazu: „Es gibt zwar eine Gottlosigkeit des Menschen, es gibt aber laut des Wortes der Versöhnung keine Menschenlosigkeit Gottes.“[3] Wir sehen, dass wir jetzt schon ganz nahe bei unserem Thema der Seelsorge sind.

Es gibt keine Menschenlosigkeit Gottes – das heißt Gott ist interessiert an uns, an jedem von uns in seiner unverwechselbaren Individualität. Diesen Grundtenor seiner Theologie hat Barth je älter er wurde, umso kräftiger angestimmt.

Im Jahre 1956 hält Karl Barth einen Vortrag vor dem Schweizer Reformierten Pfarrvereins in Aarau. Und seine Zuhörer staunten nicht wenig als sie das Thema vernahmen, unter das Barth seine Überlegun­gen stellte. Barth sprach nämlich über das Thema „Die Mensch­lichkeit Gottes“. Das war nun in der Tat ein weiter Weg. Der Theologe, der einst aufgebrochen war, um seinen Zeitgenossen Gott als den „Ganz Anderen“ vorzustellen, als den Gott, der von allem Menschlichen strikt zu unterscheiden war, derselbe Theologe spricht nun von der Menschlichkeit dieses Gottes.

Barth blickt in seinem genannten Vortrag durchaus kritisch auf seine Anfänge zurück, ohne diese Anfänge aus der Rückschau schlecht zu machen oder zu verleugnen. Er stellt noch einmal fest, dass sein damaliger Widerspruch einer Theologie gegolten habe, in der der Mensch auf Kosten Gottes groß gemacht wurde. Aber – so fragt er jetzt kritisch – war unser damaliger Wider­spruch wirklich überzeugend. Und Barth sagt dazu:

„Es muss nun ebenso offen festgestellt werden, dass wir da­mals – auch gegenüber der Theologie, von der wir herkamen und von der wir uns abzusetzen hatten – doch nur be­schränkt im Recht waren… Alles [war], wie gut es auch gemeint sein und wieviel auch dran sein möchte, doch ein bisschen arg unmenschlich… gesagt. Wie wurde da aufge­räumt und eben fast nur aufgeräumt!“[4]

Und Barth räumt selbstkritisch ein, dass hier nur der umgekehrte Fehler gemacht wurde. Hatte die Theologie des 19. Jahrhunderts, den Menschen auf Kosten Gottes groß gemacht, so habe er in sei­ner Frühzeit nun doch Gott auf Kosten des Menschen groß ge­macht. Gerade das, worin die Göttlichkeit Gottes bestand, das sei damals nicht sorgfältig genug bedacht worden. Und hier kann Barth nun die Frucht der Kirchlichen Dogmatik einbringen mit ih­rem zentralen Gedanken, dass über Gott nur dann richtig gespro­chen wird, wenn wir über Jesus Christus sprechen. In der Per­son des Menschen von Nazareth hat Gott sich gerade in seiner Göttlichkeit gezeigt. Und von dorther entscheidet es sich, wie das Verhältnis von Gott und Mensch beschaffen ist. Dazu noch einmal Karl Barth:

„In Jesus Christus… handelt es sich… um den Dialog, in welchem Gott und der Mensch zusammentreffen und zusammen sind, um die Wirklichkeit des von ihnen beiderseitig ge­schlossenen, gehaltenen und vollendeten Bundes. Eben in seiner einen Person ist ja Jesus Christus ebenso als wahrer Gott des Menschen, wie als wahrer Mensch Gottes getreuer Partner.“[5]

Damit ist das letzte große Thema der Theologie Karl Barths be­nannt – nämlich die Partnerschaft zwischen Gott und Mensch. Man hat nicht zu Unrecht die Theologie des späten Karl Barth als eine zutiefst humane Theologie bezeichnet. Dies ist insofern nicht selbstverständlich, als bis auf den heutigen Tag der Begriff des „Humanen“ oder des „Humanismus“ in der Theologie eher ein ver­dächtiger Begriff ist. Allzu sehr wittern hier viele Theologen die Gefahr, dass sich nun doch wieder der Mensch an die Stelle setzt, die eigentlich Gott zu kommt. Und für viele ehemalige Weggefähr­ten Barths ist es bis auf den heutigen Tag ein Stein des Anstos­ses geblieben, dass der späte Barth den Begriff der Menschlichkeit und den der Partnerschaft zwischen Gott und Mensch zu einem so zentralen Begriff macht.

Die Theologie des späten Karl Barth wird aber gerade dadurch zu einer zutiefst menschenfreundlichen Theologie. Der Mensch in sei­ner Weltlichkeit ist für Barth der von Gott erwählte Partner Got­tes. Damit gerät der späte Barth in eine enge Nähe zu Dietrich Bonhoeffer, für den die Begriffe der Mündigkeit und Weltlichkeit des Menschen ganz wichtig werden. Und deshalb kann Barth sei­nen Vortrag über die „Menschlichkeit Gottes“ mit den Worten ab­schließen:

„Wir glauben die Kirche als den Ort, wo … die Krone der Humanität, nämlich des Men­schen Mitmenschlichkeit, sichtbar werden darf – und mehr als das: als den Ort, wo Gottes Ehre auf Erden wohnen, wo nämlich die Humanität, die Menschlichkeit Gottes schon in der Zeit und hier auf Erden greifbare Gestalt annehmen will…“[6]

Bei der Lektüre dieser Worte kann vielleicht meine eingangs formulierte These besser verstehen. Ich sagte, dass in die Entwicklung der Theologie Barths ein seelsorgerlicher Grundzug eingeschrieben ist – Gott, der uns Menschen in liebevoller Zuwendung zu seinen Partnerinnen und Partner erwählt. Das ist Seelsorge. Wer vom biblischen Gott spricht kann von der Seelsorge nicht schweigen.

Und damit mache ich nun einen letzten Schritt. Barth war immer davon überzeugt, dass die Theologie keine reine Theorie ist, sondern dass sie eminent praktisch ist, oder besser gesagt: praktisch werden will. Wenn er in seinen späten Vortrag von der Kirche als dem Ort der Humanität spricht, dann muss in der kirchlichen Praxis etwas von dieser Humanität zu spüren sein. Für alles kirchliche Handeln ist diese Humanität das Kriterium. Und dieses Kriterium hat dann für Barth sehr konkrete Konsequenzen für alles kirchliche Handeln, vorab für die Predigt und die Seelsorge. Auch dazu findet Barth kräftige Worte. Diese Worte gehören für mich zum Schönsten, was in der gesamten Kirchengeschichte zu diesem Thema gesagt wurde. An einer Stelle der Kirchlichen Dogmatik kommt Barth darauf zu sprechen, wie denn nun das kirchliche Handeln – und damit ist auch die Seelsorge gemeint – auszusehen habe. Und Barth formuliert:

„Das Zeugnis im christlichen Sinn des Begriffs ist der Gruß, mit dem ich […] meinen Nächsten zu grüßen habe, die Bekun­dung meiner Gemeinschaft mit dem, in welchem ich einen Bruder [und wir ergänzen heute: wie eine Schwester] Jesu Christi und also meinen eigenen Bruder [meine eigene Schwester] zu fin­den erwarte […] Ein Zeuge ist weder ein Fürsorger noch Er­zieher. Ein Zeuge wird seinem Nächsten gerade nicht zu nahe treten. Er wird ihn nicht ‚behandeln’. Er wird ihn sich nicht zum Gegenstand seiner Tätigkeit machen, auch nicht in be­ster Absicht. Zeugnis gibt es nur im höchsten Respekt vor der Freiheit der göttlichen Gnade und darum auch im höchsten Respekt vor dem Anderen, der von mir gar nichts, sondern Alles von Gott zu erwarten hat.“[7]

Ich wünschte mir, dass diese Worte an den Wänden der Zimmer all derer hängen, die in der Kirche eine besondere Funktion wahrnehmen. Nein – ich wünsche mir noch mehr, dass sie in all deren Herzen geschrieben sind. Wenn ich aus diesen Sätze Impulse für eine Kleine Lehre der Seelsorge entnehmen will – und ich denke, das kann man – dann wird für mich folgendes wichtig:

…ist weder ein Fürsorger noch Er­zieher.

Seelsorge ist nicht von oben herab belehrend

…wird seinem Nächsten gerade nicht zu nahe treten

Seelsorge geschieht mit Takt und Einfühlung

wird ihn nicht ‚behandeln’

Seelsorge respektiert die Fähigkeiten des Anderen

…im höchsten Respekt vor dem Anderen

Seelsorge respektiert die Integrität jedes einzelnen Menschen

…Alles von Gott zu erwarten

Seelsorge ist bescheiden, und die Seelsorgerin/ der Seelsorger sind keine ‚Gurus’.

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob Barth selbst, diesen Anforderungen als Seelsorger gerecht wurde. Diese Frage muss in aller Vorsicht gestellt werden. Am besten könnten dies die beantworten, die Barth selbst in der einen oder anderen Situation als Seelsorger erlebt haben. Wir wissen, dass Barth sehr schroff sein konnte und damit auch nicht wenige Menschen verletzt hat, unabhängig davon, ob es für diese Schroffheit nicht auch Gründe geben mag. Ich möchte mich deshalb auf zwei Beispiele beschränken.

Eberhard Busch, der letzte Assistent hat ein kleines Büchlein mit dem Titel „Glaubensheiterkeit“ veröffentlicht, in dem er aus dem Leben Barths erzählt. Eine dieser Geschichten trägt die Überschrift „Zuhören“. Ich möchte Sie Ihnen im Wortlaut vortragen:

„Ich entsinne mich noch einer auffallenden Formulierung, deren sich Karl Barth in einer Seminarübung bediente. Er sagte: »Ein Christ muß nicht nur Ohren haben, er muß geradezu Ohr sein.« Das war zunächst auf das Verhältnis des Christen zum Wort Gottes gemünzt, aber dann auch auf sein Verhältnis zum Mitmenschen.

Soviel Barth auch selbst geredet und geschrieben hat in seinem Leben, er war ein großer, gesegneter Zuhörer. Vielleicht lag sogar das Geheimnis seines Redens darin, daß er auch und wohl zuerst ein solcher Hörer war.

Zuhören war namentlich das entscheidende in seiner Seelsorge. Jemand, der ihn gut kannte, hat es so umschrieben: »Keine seelsorgerlichen Ergüsse. Der andere mag sich ergießen.«

Einer, der mit Leib und Seele im Kirchendienst wirkt, hat mir erzählt, wie er einst als Student eine Krise durch-machte. Er wollte überhaupt mit der Theologie Schluß machen. Zuvor suchte er noch einmal Karl Barth auf, in der Hoffnung, daß er ihm vielleicht einen Rat gebe.

Der Lehrer begrüßte ihn freundlich, wies ihm einen Platz an, setzte sich gegenüber, entzündete seine Pfeife und sagte: »Nun erzählen Sie mir, was Sie herführt, und ich höre zu.« Und er hörte.

Der Student fing an auszubreiten, was ihn beschwerte und wie er keine Lust mehr habe, weiterzumachen. Allmählich dachte der Student dann aber, er habe genug geredet und es sei nun Zeit für den Lehrer, ihn mit Ratschlägen zu bedenken.

Der aber rauchte und sagte ermunternd: »Weiter, ich höre.« Nun gut, der Student fuhr fort: Gewiß, so sicher sei er sich wegen seines Aussteigens doch noch nicht ganz …

Er begann nachdenklich Für und Wider abzuwägen.

Und Barth rauchte und sagte: »Reden Sie nur weiter, ich höre.« Dem Studenten wurde es seltsam zumute, daß der Professor so gar nicht eingriff und daß er selber einfach immer weiter das einmal ergriffene Wort behalten musse.

Er erwog jetzt, daß es sich bei ihm vielleicht doch nur um eine vorübergehende Krise handle. Wenn er sich die Sache recht überlege und bei Licht besehe und wenn man wirklich davon ausgehen dürfe, daß Gott lebt, dann Und Barth sagte noch ein paarmal: »Weiter!«; und der Student redete weiter, bis er ausgeredet hatte. Am Ende war er sich klargeworden: »Nein, ich glaube, es ist besser, ich bleibe dabei!« Und er bedankte sich herzlich bei seinem Lehrer, wie sehr der ihm jetzt doch geholfen habe …“[8]

Nun besteht Seelsorge nicht nur aus den grossen und oft auch dramatischen Seelsorgegesprächen. Die sind wohl eher die Ausnahme. Seelsorge geschieht auch im Gespräch beim Geburtstagsbesuch, am Gespräch über den Gartenzaun oder an der Migros-Kasse. Die Fachdiskussion hat dafür den Begriff der Alltagsseelsorge geprägt. Seelsorge geschieht aber auch in einer Konfirmandenunterrichtsstunde, in der existentielle Probleme angesprochen werden. Und Seelsorge geschieht nicht zuletzt in der Predigt. Und mit einem solchen Beispiel möchte ich meinen Überlegungen heute abschliessen.

Bekanntlich hat Karl Barth in den letzten Lebensjahren nur noch in einer Basler Strafanstalt als Liturg Gottesdienste gefeiert und Predigten gehalten. Und da gibt es ein eindrückliches Beispiel einer seelsorgerlichen Predigt, die nicht von ungefähr am Heiligabend 1963 gehalten wurde. Daraus drei Beispiele:

Ich habe die Welt überwunden. Das ist die Weihnachtsbotschaft. Ich! Das Kind in der Krippe zu Bethlehem sagt uns das — in größter Demut, aber auch in größter Macht und Bestimmtheit. Ich, der Sohn Gottes, des allmächtigen Vaters, des Schöpfers des Himmels und der Erde! Ich, den er euch Menschen als Menschensohn wie ihr selbst gegeben hat, damit er euer Gott sei und ihr sein Volk seid, damit das Heil, der Friede, die Freude dieses Bundes über euch komme! Ich habe die Welt überwunden. Nicht ihr bösen und auch nicht ihr guten Menschen, ihr Dummen nicht und ihr Gescheiten auch nicht, ihr Gläubigen nicht und auch nicht ihr Ungläubigen! Kein Papst und kein Konzil, keine Regierung und keine Universität hat das getan, keine Wissenschaft und keine Technik — und wenn es euch gelänge, übermorgen auf der Milchstraße Schlitten zu fahren. Ich habe das getan.

Man kann hier sehr schön zeigen, dass die Wandlungen in Barths Theologie, von denen ich gesprochen habe, kein Abbruch oder Widerspruch sind, sondern eine konsequente Weiterentwicklung. Gott ist Gott und Gott bleibt Gott. Er ist nicht mit dem Menschen und seinen Möglichkeiten zu verwechseln. Aber er ist ein den Menschen zugewandter Gott – ein seelsorgerlicher Gott.

Und eben Er sagt uns ja, wie wir hörten — und das sogar zuerst — noch etwas sehr Anderes: In der Welt habt ihr Angst.

«Angst» hat viel zu tun mit Enge. Angst ist Beengung, Beklemmung, Bedrängnis durch eine uns bedrohende Gefahr. Und nun sagt uns der Herr zwar nicht, dass wir Angst haben dürften oder gar sollten und müssten. Wiederum macht er es uns auch nicht zum Vorwurf, dass wir Angst haben. Er stellt es aber ganz nüchtern fest: In der Welt habt ihr Angst.

Das genaue Hinsehen gehört zur Seelsorge. Kein Moralisieren, kein Beschönigen oder Verschweigen. Die Wahrheit aussprechen. Das ist ein wichtiger Grundsatz der Seelsorge.

Es gibt eine Angst schon vieler junger Menschen: vor sich selbst, vor dem ihnen bevorstehenden Leben mit seinen unheimlichen Schwierigkeiten, die sie vielleicht erst ahnen, vielleicht aber auch schon nur zu gut kennen.

Es gibt eine Angst der alten Leute: vor dem Überhandnehmen ihrer leiblichen und geistigen Schwächen und Beschwerden — vor dem Gedanken, sie könnten nun ihre ganze Zukunft nur noch hinter sich haben, zu nichts Rechtem mehr zu brauchen sein.

Es gibt auf allen Altersstufen das, was man wohl «Platzangst» nennt: die Angst vor den Leuten, gerade vor den Nächsten vielleicht, die immer etwas von einem wollen, einem immer zu nahe treten — die Angst vor dem Gedränge der Vielen, in deren Mitte man sich kurioser Weise gerade ganz einsam und verloren fühlt.

Es gibt eine wohlbegründete Angst vor den schweren Verantwortlichkeiten, in die wir gestellt sein können: ich brauche euch nicht zu verhehlen, dass ich, solange ich denken kann, immer, und so auch gestern und heute, Angst gehabt habe, wenn ich predigen sollte.

Es gibt — auch das eine sehr ernsthafte Sache — die Angst angesichts des beständigen Verrinnens der Zeit, der Tage, Wochen und Jahre dieses unseres einzigen kurzen Lebens. Bringen wir sie nicht zu wie ein Geschwätz? Ist es nicht, als flögen wir davon?

Und dann die Angst vor gewissen gefährlich und verderblich auf uns zukommenden Ereignissen.

Seelsorge ist immer konkret. Wie die Angst auch konkret ist. Barth nimmt sensibel sehr verschiedene Situationen der menschlichen Angst wahr.

Dies jedoch nur als eine kleine Kostprobe. Schliessen möchte ich meine Überlegungen mit den Sätzen, die – wie ich bereits sage – für mich zum Schönsten gehören, was ein Theologe in der über 2000 Jahre alten Geschichte der christlichen Theologie gesagt hat:

„Das Zeugnis im christlichen Sinn des Begriffs ist der Gruß, mit dem ich […] meinen Nächsten zu grüßen habe, die Bekun­dung meiner Gemeinschaft mit dem, in welchem ich einen Bruder [und wir ergänzen heute: wie eine Schwester] Jesu Christi und also meinen eigenen Bruder [meine eigene Schwester] zu fin­den erwarte […] Ein Zeuge ist weder ein Fürsorger noch Er­zieher. Ein Zeuge wird seinem Nächsten gerade nicht zu nahe treten. Er wird ihn nicht ‚behandeln’. Er wird ihn sich nicht zum Gegenstand seiner Tätigkeit machen, auch nicht in be­ster Absicht. Zeugnis gibt es nur im höchsten Respekt vor der Freiheit der göttlichen Gnade und darum auch im höchsten Respekt vor dem Anderen, der von mir gar nichts, sondern Alles von Gott zu erwarten hat.“[9]

Dr. Albrecht Grözinger ist emeritierter Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.


[1] Karl Barth, Der Römerbrief 1922, Zürich 131984, S. 11ff.

[2] A.a.O., S. 84f.

[3] Kirchliche Dogmatik IV/3, S. 133

[4] Karl Barth, Die Menschlichkeit Gottes, Zollikon-Zürich 1956, S. 8.

[5] A.a.O., S. 11.

[6] A.a.O., S. 27.

[7] Karl Barth, KD I/2, S. 487.

[8] Eberhard Busch, Glaubensheiterkeit, Neukirchen-Vluyn 1986, S. 69ff.

[9] Karl Barth, KD I/2, S. 487.

Hier der Text als pdf.

2 Kommentare

  1. Eine sehr einfühlsame Auseinandersetzung mit der Theologie Karl Barths, die ich mit Gewinn besonders gerne gelesen habe.

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