Politisches Messiastum. Zur Auseinandersetzung zwischen Kirche und Nationalsozialismus[1]
Von Richard Karwehl
Der Vortrag Richard Karwehls (1885-1979), Pfarrer an der Pauluskirche in Osnabrück, auf der Jung-evangelischen Konferenz in Hannover am 10. Juni 1931 enthält eine hellsichtige, frühzeitige Kritik des Nationalsozialismus vom Evangelium her:
Vor einigen Wochen fand in Dresden eine Tagung des sächsischen Vereins für Innere Mission statt. Bei dieser Gelegenheit ereignete sich Folgendes: Zwei Vorträge über den Nationalsozialismus werden gehalten. Lic. Dr. Künneth aus Spandau spricht in ruhiger wissenschaftlicher Weise und versucht eine grundsätzliche Klärung der Probleme vom Standpunkt der Kirche aus[2]. Es folgt Pfarrer Wilm aus Potsdam, der aufs stärkste für den Nationalsozialismus wirbt. Erfolg: Wiederholte Beifallskundgebungen, ja, Beifallsstürme der Versammlung beim zweiten Redner. Dann tritt Lehrer Schemm, Reichstagsabgeordneter aus Bayreuth, auf. Er wird von A.E.L.K.Z., auf deren Bericht ich mich beziehe[3], als Beirat Hitlers in [520] allen Kulturfragen bezeichnet. Schemm erklärt, der Nationalsozialismus befinde sich in religiöser Beziehung noch im Suchen. Doch stehe im Mittelpunkt Christus, seine Person, sein Wort und sein Werk. Der Nationalsozialismus tritt ein für Christentum und Vaterland und forderte eine einheitliche Front gegen den Antichrist. Heraus aus der Zurückhaltung! Auf zum Kampf gegen den Bolschewismus! Die evangelische Kirche steht ihrem Wesen und ihrer Geschichte nach dem Deutschtum am nächsten. Sie soll in religiöser Hinsicht jetzt das Steuer führen. Soweit der Bericht der Luthardtschen Kirchenzeitung.
Dieses Ereignis in Dresden beleuchtet blitzartig die Situation in bezug auf das hier zur Verhandlung stehende Problem. Der Nationalsozialismus hat sich in siegreichem Vordringen bereits die Köpfe und Herzen vieler innerhalb der kirchlichen Sphäre erobert. Kein Wunder, so scheint es. Man denke: Eine Volksbewegung, die von vornherein erklärt, der Kirche nicht feindlich, sondern freundlich gegenüberstehen, ja, sich zu einem positiven Christentum bekennen zu wollen. Welch eine Perspektive tut sich da vor uns auf! Die evangelische Kirche als geistige Führerin im kommenden dritten Reich! Ist das nicht die durch Gottes Gnade uns jetzt zugewiesene Aufgabe? Rückt da nicht auf einmal die schon nicht mehr für möglich gehaltene Aussicht in die Nähe, den Zusammenhang wieder zu gewinnen mit den lebendigen Tendenzen des Volkslebens, Volkskirche im wahrsten Sinne des Wortes zu werden?
Doch halt, so verlockend diese Perspektive ist, wir kommen nicht um die Aufgabe herum zu prüfen, ob denn auch wohl die Voraussetzungen gegeben sind, unter denen solch ein geistiges Kampfbündnis überhaupt möglich und sinnvoll ist. Etwas stutzig macht uns der scharfe Widerspruch der katholischen Kirche gegen den Nationalsozialismus. Nachdem die Bischöfe ein deutliches votum contra abgegeben haben, scheinen jetzt die Jesuiten zum Schlage auszuholen[4]. Und dies, obwohl der Nationalsozialismus erklärt, kein Dogma der katholischen Kirche antasten zu wollen. Man sagt, politische Gesichtspunkte seien für den Widerspruch der katholischen Kirche bestimmend, das Zentrum sehe sich in seiner Vorherrschaft bedroht. Mag sein. Wir stellen nur fest, daß dies die Behauptung des Nationalsozialismus ist, während der Katholizismus energisch erklärt, sich gegen das mit dem Nationalsozialismus anrückende Neuheidentum zur Wehr setzen zu müssen. Wie es [521] damit auch immer stehen mag, wir haben auf alle Fälle die Aufgabe, gewissenhaft zu prüfen. Ja, mehr als das. Es muß zu einem Gespräch zwischen Nationalsozialismus und Kirche kommen. Vielleicht zu einem Streitgespräch, aber immerhin zu einem Gespräch. Und am Anfang wird dies stehen: Wir müssen erst einmal hören wollen, was sich denn da mit elementarer Gewalt in den Köpfen und Herzen vieler regt. Freilich ist dieses Gespräch bei aller Offenheit für das Anliegen des Gesprächspartners von der Kirche als Kirche zu führen. Die Kirche muß wissen um ihre Substanz. Und aus diesem Wissen heraus hat sie zu reden, in voller Aufgeschlossenheit für den andern, aber auch in voller Klarheit darüber, von woher sie zu reden hat und in tiefer Besorgtheit um die ihr anvertrauten Seelen.
Also zunächst gilt es, einfach einmal hinzuhorchen und möglichst klar zu erfassen, welches die treibenden Grundkräfte und Grundgedanken dieser Bewegung sind. Hier stoßen wir nun allerdings auf eine große Schwierigkeit. Im Nationalsozialismus haben wir es nicht in erster Linie mit einer geistigen Bewegung zu tun, deren Ideengehalt leicht aufweisbar wäre, sondern mit einem geschichtlichen Vorgang von starker naturhafter Gewalt. Außerdem ringen hier mannigfache, zum Teil widerstrebende Elemente miteinander: Aufbruch des nationalen Freiheitswillens der Jugend, rein wirtschaftliche Triebkräfte Deklassierter und Bedrohter in Bürger- und Bauerntum, reaktionäre Tendenzen ehemaliger Offiziere und anderer Ordnungsmänner, revolutionäre Leidenschaften enttäuschter Proletarier, völkisches und rassisches Ethos und Pathos Intellektueller – das und manches andere quirlt in der Bewegung durcheinander und erschwert die Auffindung einer einheitlichen Formel. Bei dieser Sachlage ist natürlich das faktische Verhältnis zur Kirche innerhalb der Partei ganz verschiedenartig. Immerhin gilt es zu bedenken, daß die Partei auch in kulturpolitischer und geistiger Beziehung einer diktatorischen Führung untersteht. In der Auseinandersetzung mit dem Jesuiten Röttges erklärt der nationalsozialistische Professor Stark, offenbar der Parteispezialist in Religionsfragen, „Hitler allein ist der maßgebende Führer der Partei“. – An Hand des Buches von Hitler „Mein Kampf“ müssen die Grundsätze ermittelt werden, welche Hitler für das Verhältnis der von ihm geführten Partei zu Religion und Kirche aufgestellt hat“[5]. Ähnlich erklärt der national-[522]sozialistische Pfarrer Dr. Wienecke im Pfarrerblatt: „Die Innerlichkeit des Führers ist für unsere Diskussion von entscheidender Bedeutung“[6]. Wir werden uns also ohne Zweifel auf sicherem Boden bewegen, wenn wir uns in der Auseinandersetzung auf Hitler selber beziehen und zunächst einfach fragen: Welches Lebensgefühl, welche Weltanschauung spricht aus dem als maßgebend anerkannten Schrifttum Hitlers, speziell aus seinem Buche „Mein Kampf“ zu uns? Daneben werden wir die parteiamtliche und ausdrücklich von Hitler durchgesehene Schrift Feders über das Programm der Partei und seine weltanschauliche Grundlage[7] heranziehen. Erst in zweiter Linie kommt das offiziöse Schrifttum der Partei, insbesondere der „Völkische Beobachter“, in Betracht. Wir sind uns dessen bewußt, daß wir auf diese Weise nicht die ganze Breite und Fülle der Bewegung zur Anschauung bringen können. Wir werden aber dafür mit einem völlig einwandfreien, weil parteiamtlich anerkannten Material arbeiten, und auf alle Fälle das Wesentliche erfassen. Hierauf allein kommt es uns an[8].
Zunächst also Hitler: In seinem Buche „Mein Kampf“ schreibt er, daß schon in seiner Jugend, in seinen Wiener Leidensjahren, sich in ihm durch Erleben, Beobachten und Lesen das Weltbild und die Weltanschauung gebildet habe, die dann zum granitnen Fundament seines jetzigen Handelns geworden sei (S. 21). Damals seien ihm die Augen aufgegangen für zwei Gefahren, die er vorher kaum dem Namen nach gekannt habe, die er aber damals in ihrer entsetzlichen Bedeutung für die Existenz des deutschen Volkes begriffen habe: Marxismus und Judentum. Der Marxismus sei ihm entgegengetreten etwa auf dem Bauplatz im Zusammensein mit sozialdemokratischen Genossen. Was er da zu hören bekommen habe, das sei geeignet gewesen, ihn aufs äußerste zu reizen. Man lehnte da alles ab: Die Nation als eine Erfindung der kapitalistischen Klassen, das Vaterland als Instrument der Bourgeoisie zur Ausbeutung der Arbeiterschaft, die Autorität des Gesetzes als Mittel zur Unter-[523]drückung des Proletariats, die Schule als Institut zur Züchtung des Sklavenmaterials, aber auch der Sklavenhalter, die Religion als Mittel zur Verblödung des zur Ausbeutung bestimmten Volkes, die Moral als Zeichen dummer Schafsgeduld usw. Es gab rein gar nichts, was so nicht in den Kot einer entsetzlichen Tiefe hineingezogen wurde (S. 14). Er habe dann weiter die verheerenden Wirkungen der sozialdemokratischen Presse beobachtet: „Welch ein Unterschied zwischen den in der theoretischen Literatur geschilderten Phrasen von Freiheit, Schönheit und Würde, dem irrlichternden, scheinbar tiefste Weisheit aus- drückenden Wortgeflunker, der widerlich humanen Moral, alles mit der eisernen Stirn einer prophetischen Sicherheit hingeschrieben und der brutalen, vor keiner Niedertracht zurückschreckenden, mit jedem Mittel der Verleumdung und einer wahrhaft balkenbiegenden Lügenvirtuosität arbeitenden Tagespresse, dieser Heilsichre der neuen Menschheit“ (S. 43). Je mehr er Einblick gewonnen habe in das äußere Wesen der Sozialdemokratie, desto größer sei seine Sehnsucht gewesen, den inneren Kern dieser Lehre zu erfassen. Und da sei ihm dann aufgegangen: Nur die Kenntnis des Judentums allein bietet den Schlüssel zum Erfassen der inneren und damit der wirklichen Absichten der Sozialdemokratie (S. 54). Hitler beobachtete nun die Tätigkeit der Juden in Kunst, Literatur und Theater. Wer waren die Erzeuger alles literarischen Schmutzes, des künstlerischen Kitsches, des theatralischen Blödsinns – immer wieder die Juden. „Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgend einer Form, vor allem des kulturellen Lebens, an dem nicht wenigstens ein Jude beteiligt gewesen wäre?“ (S. 61). Weiter aber habe er sehen gelernt, daß die sozialdemokratische Partei überwiegend von Juden geleitet war. Allmählich lernte Hitler die Arbeiter, die solcher marxistischen Verführung zum Opfer gefallen seien, nicht hassen, sondern bemitleiden, hassen aber lernte er die Juden. Zusammenfassend sagt er: „Die jüdische Lehre des Marxismus lehnt das aristokratische Prinzip der Natur ab und setzt an die Stelle des ewigen Vorrechts der Kraft und Stärke die Masse und ihr totes Gewicht. Sie leugnet so im Menschen den Wert der Person, bestreitet die Bedeutung des Volkstums und der Rasse und entzieht damit der Menschheit die Voraussetzung ihres Bestehens und ihrer Kultur. Sie würde als Grundlage des Universums zum Ende jeder gedanklich für den Menschen faßlichen Ordnung führen. Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glau-[524]bensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totenkranz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet, wie vor einst Jahrmillionen, menschenleer durch den Äther ziehen. Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung ihrer Gebote. So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“ (S. 70).
Aus diesem Gegensatz gegen Judentum und Marxismus wird nun verständlich die positive Entwicklung der Gedanken Hitlers. Das alles beherrschende Prinzip ist der Rassegedanke. Alles weltgeschichtliche Geschehen ist nur die Äußerung des Selbsterhaltungstriebes der Rassen im guten und im schlechten Sinne (S. 324). Die höchste Aufgabe des völkischen Staates ist darum die Erhaltung und Steigerung der Rasse. Das wird von Hitler immer wieder aufs neue in schwungvollen Worten ausgeführt. Der Rasseglaube, d. h., der Glaube an die arische Rasse und die aus ihm zu ziehenden Folgerungen werden von ihm mit einer geradezu religiösen Inbrunst verkündigt. „Es gibt nur ein heiliges Menschenrecht, und dies Recht ist zugleich die heiligste Verpflichtung, dafür zu sorgen, daß das Blut rein erhalten bleibt, um durch Bewahrung des besten Menschentums die Möglichkeit einer edleren Entwicklung dieser Wesen zu geben“ (S. 444). Die grundsätzliche Gesinnung, aus der ein solches Handeln erwächst, nennt Hitler Idealismus (S. 237). Unter diesem Gesichtspunkt ist nun die Ehe besonders neu zu gestalten. Der völkische Staat wird dafür sorgen, daß die Ehe eine Institution wird, die berufen ist, Ebenbilder des Herrn zu zeugen und nicht Mißgeburten zwischen Mensch und Affe (S. 445). Als solche Ebenbilder des Herrn kommen für Hitler aber nur die Arier, insbesondere die Germanen in Betracht. „Menschliche Kultur und Zivilisation sind auf diesem Erdball unzertrennlich gebunden an das Vorhandensein des Ariers. Sein Aussterben oder Untergehen wird auf diesem Erdball wieder die dunkelsten Schleier einer kulturlosen Zeit senken“ (S. 317-18). Das Untergraben des menschlichen Bestandes der Kultur durch Vernichtung ihres Trägers aber erscheint in den Augen einer völkischen Weltanschauung als ein fluchwürdiges Verbrechen. „Wer die Hand an das höchste Ebenbild des Herrn zu legen wagt, frevelt an dem gütigen Schöpfer dieses Wunders und hilft mit an der Vertreibung aus dem Paradiese“ (S. 421). Das sind einige für die nationalsozialistische Weltanschauung kennzeichnende Sätze. Es ist selbst-[525]verständlich, daß unter diesen Umständen die gesamte Erziehung der Jugend unter den Gesichtspunkt der Rassekultur zu stellen ist. Und zwar ist dies der ausschlaggebende Gesichtspunkt: „Die Jugend muß eine Weltgeschichte gelehrt werden, in der die Rassenfrage zur dominierenden Stellung erhoben wird“ (S. 468). Auch die Wissenschaft ist für den völkischen Staat ein Hilfsmittel zur Förderung des Nationalstolzes (S. 473). Die Welt geht einer großen Entscheidung entgegen, und es kann nur die Frage sein, ob sie zum Heil der arischen Menschheit oder des ewigen Juden ausschlägt. Der völkische Staat wird dafür sorgen müssen, durch eine passende Erziehung der Jugend dereinst für die letzten großen Entscheidungen auf diesem Erdball das reife Geschlecht zu erhalten. Das Volk, das diesen Weg aber zuerst beschreitet, wird siegen (S. 475). So stellt die nationalsozialistische Bewegung den Rechenmeister der derzeitigen Republik dem Glauben an ein ideales Reich gegenüber (S. 487). Zum Abschluß noch ein Wort von G. Feder: Der Wille zur Form, der Wille, das Chaos zu entwirren, die aus den Fugen gegangene Welt wieder in Ordnung zu bringen und als Wächter (im höchsten platonischen Sinne) der Ordnung zu walten – das ist die ungeheure Aufgabe, die sich der Nationalsozialismus gestellt hat[9].
Welche Rolle spielt nun die Kirche in der nationalsozialistischen Weltanschauung? Wir zitieren zunächst einige charakteristische Äußerungen Hitlers: „Politische Parteien haben mit religiösen Problemen, solange sie nicht als volksfremd die Sitte und Moral der eigenen Rasse untergraben, nichts zu schaffen.“ „Dem politischen Führer haben die religiösen Lehren und Einrichtungen seines Volkes unantastbar zu sein, sonst darf er nicht Politiker sein, sondern soll Reformator werden, wenn er das Zeug dazu hat“ (S. 127). „Sie, die Bewegung, sieht in beiden Bekenntnissen gleich wertvolle Stützen für den Bestand unseres Volkes“ (S. 379). „Gerade für die Masse ist der Glaube häufig die einzige Grundlage einer sittlichen Weltanschauung überhaupt. Die verschiedenen Ersatzmittel haben sich im Erfolg als nicht so zweckmäßig (!) erwiesen, als daß man in ihnen eine nützliche Ablösung der bisherigen Bekenntnisse zu erblicken vermöchte“ (S. 293). Wir nehmen von diesen Äußerungen Hitlers Kenntnis, müssen allerdings sagen, daß wir in seinem Buche auch nicht eine Spur einer wesensmäßigen Beziehung des Katholiken Hitler zur katholischen Kirche zu entdecken ver-[526]mochten. Zu Hause ist er dort jedenfalls nicht. Zu Hause ist er offenbar nur in der Ideenwelt des Nationalsozialismus. – Das Parteiprogramm erklärt in dem bekannten § 24: Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- oder Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen. Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden[10].
Damit dürften die Tendenzen der nationalsozialistischen Weltanschauung in großen Strichen gekennzeichnet sein. In der Existenz dieser Bewegung aber liegt für uns einfach die Frage: Was sagst du, Kirche, dazu? Man kann ja nicht behaupten, daß der Nationalsozialismus eine Bewegung mit politischen Zielen sei und deswegen die Kirche nichts angehe. Nein, immer wieder wird ja von Hitler betont, es handelt sich um eine neue Weltanschauung. Daher die ganze Leidenschaft seines Wollens. Der Mensch soll hier im Innersten gepackt und gewonnen werden. Der Wille zur Totalität, zur Ganzheit ist unverkennbar. So schreibt auch G. Feder: Die Bedeutung des Nationalsozialismus offenbart sich gerade darin, daß kein einziges Gebiet des öffentlichen Lebens unberührt bleiben wird, weil es eben eine neue geistige Grundlage ist, auf die wir unser Leben umstellen (S. 62). So ist also die Sachlage. Da nun aber die Kirche zwar nicht eine Weltanschauung vertritt (das wäre ein großes Mißverständnis), wohl aber das Evangelium verkündigt als Krisis jeder nur denkbaren Weltanschauung, so ergibt sich von selbst das Problem: Wie verhält sich die Verkündigung der Kirche zur nationalsozialistischen Weltanschauung? – Wir können darauf nicht antworten, ohne kurz die Vorfrage zu beantworten: Was ist Wesen und Aufgabe der Kirche? Kirche stammt aus dem Griechischen: kyriake. Kyrios heißt der Herr. Die Kirche ist also etwas, das vom Herrn kommt, zum Herrn gehört, den Herrn ausspricht. Das andere Wort für Kirche, ecclesia, bedeutet: Die Herausgerufene, die Herausgewählte, dabei ist gedacht an die Gemeinde. Nehmen wir beide Begriffsbestim-[527]mungen zusammen, so haben wir eine einfache und zugleich umfassende Deutung des Wesens und der Aufgabe der Kirche. Kirche ist dort, wo Menschen herausgerufen und zur Gemeinde zusammengeschlossen werden durch ein mächtiges Wort des Herrn, das hier in der Kirche seine Stätte hat[11].
Blichen wir von hier aus zurück auf das, was wir vorhin über die Weltanschauung des Nationalsozialismus sagten, so wird uns sofort deutlich sein: Ausgangspunkt und Motiv sind hier wie dort völlig verschieden. Im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Weltanschauung steht der Mensch, und zwar der Mensch in seiner blutmäßigen Bestimmtheit. Darum sind die Imperative, die für den Aufbau der Weltanschauung mobil gemacht werden, rein natürlicher, rein diesseitiger Art. Rasse und Blutstamm sind seine letzten und höchsten Ideale. Damit soll der hohe sittliche Idealismus, der vor allem in weiten Kreisen der nationalsozialistischen Jugend lebendig ist, in keiner Weise bezweifelt werden. Immer aber bleibt der Ansatz beim autonomen Menschen. Man glaubt an den arischen Menschen, an seine Güte und Reinheit, an die Kraft seiner rassenmäßigen Anlagen und proklamiert darum auch eine Helden- und Kampfethik, die kühn das Schicksal zu zwingen versteht. An diesem anthropozentrischen Ansatz wird auch dadurch nichts geändert, daß man die nationalsozialistische Weltanschauung durch die Idee eines Gottes krönt, der das Wunder „arischer Mensch“ geschaffen hat. Diese Idee gibt dem Nationalsozialismus nur die metaphysische Rückendeckung, sie bestätigt ihm, was er schon ohne sie weiß. Ein Gott aber, dessen faktische Bedeutung darin besteht, dürfte kein Gott sein, sondern ein Götze. Jedenfalls hat dieser Gott mit dem wirklichen Gott der biblischen Offenbarung nicht das geringste zu tun[12].[528]
Im vollen Gegensatz zu dieser Denkweise geht die Kirche in ihrer Verkündigung nicht vom Menschen aus, sondern von der kontingenten Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Diese Offenbarung fordert den Glauben und den Gehorsam des Menschen für etwas, was er in sich niemals vorfindet und von sich aus niemals wissen kann. Sie erschließt ihm auch nicht eine neue Wirklichkeit oder Seins-Sphäre, sondern die Wirklichkeit überhaupt. Wie es um ihn steht, das bekommt der Mensch erst zu wissen durch die viva vox evangelii, die sein Gewissen reinigt von den toten Werken, auch von den toten Werken einer von der Wirklichkeit Gottes absehenden Helden- und Kampfesethik. Womit wahrlich nicht gesagt wird, daß der Mensch nun etwa aufhöre, ein Kämpfer zu sein. Das Gegenteil ist der Fall. Jetzt erst weiß der Mensch, worum dieser Kampf geht. – Von der Offenbarung aus muß die Kirche denken, und von hier muß auch der Nationalsozialist denken, wenn es ihm mit seinem Bekenntnis zum positiven Christentum ernst ist. Hitler und das Parteiprogramm erklären: die Dogmen der Kirche sollen anerkannt werden. Nun, diese Dogmen sind doch keine Sterne am Himmel, die der Nationalsozialist in Stunden „seelischer Stille“ ehrfürchtig bestaunt, um im Alltagsleben seinen „Idealen“ zu folgen. Nein, die Dogmen sind die für die Kirche gültigen Voraussetzungen des Denkens und Lebens ihrer Glieder. Nicht etwa, als ob diese Dogmen in sich einen Selbstwert hätten. Ihre Bedeutung wird allein gesehen in statu fidei. Dann aber wird gesehen, daß sie Zeichen der den Glauben und Gehorsam des Menschen fordernden Wirklichkeit Gottes sind. Als solche sind sie ernst zu nehmen. Von hier aus muß gedacht werden, und von hier aus muß gelebt werden. Und zwar bis ins Letzte hinein. Man kann nicht daneben auch noch von andern Voraussetzungen ausgehen. Auch in der Politik nicht? Nein, auch in der Politik nicht. Mit welchem Recht könnte denn die Sphäre der Politik herausgenommen werden aus dem Herrschaftsbereich des Herrn der Kirche, der der Herr über Leben und Tod ist? Die Kirche muß [529] also den Nationalsozialisten mit unerbittlichem Ernst vor diese Alternative stellen: Entweder ist es dir mit dem Bekenntnis zum positiven Christentum ernst, dann mußt du deine bisherigen Denkvoraussetzungen aufgeben, oder du hältst an diesen Voraussetzungen fest, dann mußt du das Bekenntnis zum Christentum fallen lassen. Ein Drittes gibt es nicht. Dabei ist darauf hinzuweisen, daß diese grundsätzliche Frage natürlich von einer eminent praktischen Bedeutung ist. Die Kirche kann zu dem Wollen des Nationalsozialismus, „das Chaos zu entwirren, die aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung zu bringen und als Wächter dieser Ordnung zu walten“ (Feder), nur auf das Allerbestimmteste zu sagen: Der Sturz der Titanen ist unausbleiblich. Diese Aufgabe läßt Gott sich nicht aus den Händen nehmen. Schon jetzt: Man lese die nationalsozialistische Tagespresse, man besuche Versammlungen der Partei und – laßt alle Hoffnung fahren. Der Mensch ist gefallene Kreatur, weiter nichts, wie sehr, das wird hier deutlich.
Aber mit der Herausstellung des verschiedenen Ausgangspunktes des Nationalsozialismus und der Kirche ist nun unser Thema noch längst nicht erschöpft. Es könnte ja sein, daß trotz des prinzipiellen Gegensatzes bestimmte Momente in der nationalsozialistischen Bewegung uns zur Aufmerksamkeit zwingen, daß der Nationalsozialismus trotz allem uns etwas zu sagen hat, das zu überhören nicht ratsam wäre. Dies ist nun in der Tat unsere Meinung. Dann aber auch umgekehrt. Wir meinen, dem Nationalsozialismus etwas sagen zu müssen. Er wird uns aber nur dann hören, wenn wir ihn nicht ohne weiteres als unseren Gegner ansehen. Nein, die Kirche braucht einen großen Raum der Hoffnung und Erwartung genau so gut für die Nationalsozialisten wie für die Marxisten. Sie muß versuchen, den Nationalsozialisten besser zu verstehen, als er sich selber versteht. Sie muß in der Solidarität der Sünder, für die Christus starb, ringen um seine Seele. Unter diesem Gesichtspunkt sind noch einzelne konkrete Fragen zu erörtern.
Wir sagten: Kirche ist dort, wo Menschen gefangen genommen werden durch Gottes Wort. Gottes Wort ist aber ein dreifaches: Es ist das Wort von der Schöpfung, von der Versöhnung und von der Erlösung[13]. Wir sind sofort im Bilde, wenn wir dabei an das apostolische Glaubensbekenntnis denken. Wir betrachten also den Nationalsozialismus zuerst unter dem Gesichtspunkt [530] des Wortes von der Schöpfung. Hat das Evangelium mich getroffen, so erwacht in mir eine elementare Erkenntnis: Ich bin Gottes Geschöpf. Gott hat uns aber nicht nur als isolierte Menschen geschaffen. Indem er uns schuf, stellte er uns hinein in einen bestimmten Lebenszusammenhang, auf einen bestimmten Lebensboden. Dieser Lebensboden ist unser Vaterland, dieser Lebenszusammenhang ist unser Volk. Und nun scheint mir die Bedeutung der nationalsozialistischen Bewegung einmal darin zu liegen, daß in ihr, als dem stärksten Exponenten der völkischen Bewegung, dies Verwurzeltsein des Einzelnen mit seinem Volk wieder gesucht und gefunden wird. Das „Urtümliche“, die Tatsächlichkeit gegebener Bindungen, das „Organische“, die objektive Macht des geschichtlichen Seins wird wieder entdeckt und kraftvoll zur Geltung gebracht gegenüber einem individualistischen, wirklichkeitsfremden Rationalismus und einem bindungslosen ästhetisierenden Literatentum[14]. Es stecht in der Bewegung elementare Empörung gegen Unnatur, gegen bestimmte Verfalls- und Entartungserscheinungen der modernen Kultur. Die Energie des Wollens bei vielen Vertretern, die Reinheit des Strebens kann nicht bezweifelt werden. Und nun sagen wir: In dem allen kann Gehorsam gegen das Gebot Gottes des Schöpfers liegen. Wir sagen nicht, daß es so ist, wir sagen nur, daß es sein kann. Warum soll es nicht so etwas geben können wie ein „Erwachen des nordischen Gemüts“, wie eine „Wiedererweckung des verschütteten Borns völkischer Eigenart“? Im Lichte des Schöpfungsglaubens könnte das alles eine durchaus zu bejahende und von der Kirche ernst zu nehmende Wirklichkeit sein. Und weiter: Wenn es wahr ist, daß Gott mein Volk geschaffen hat, so tat er dies doch, damit wir leben. Lebe! so lautet sein Gebot an uns. Lebe ein reiches, volles Leben, entfalte alle in dir liegenden Gaben und Kräfte. Diesem Gebot folgen, das heißt, wuchern mit dem Pfunde, das uns Gott gegeben hat. Es kann also in der starken Äußerung völkischen Lebensdranges, wie wir sie in der nationalsozialistischen [531] Bewegung beobachten, einfach Gehorsam gegen das Gebot des Gottes des Schöpfers stecken, der nicht will, daß unser Volk sich unterkriegen läßt. Auch dies hat die Kirche zu beachten. Damit ist natürlich nichts gesagt über die Frage, ob die Wege der nationalsozialistischen Politik uns zum Heil oder zum Unheil führen. Das ist eine rein politische Frage, die hier nicht zur Erörterung steht. Verheißung hat jedenfalls nur der völkische Lebenswille, der aus dem Volke keinen Götzen macht, sondern die klare Linie des Gehorsams gegen Gott innehält. Es ist aber noch ein dritter Gesichtspunkt zu erwähnen. Die Forderung nach Reinerhaltung und Kräftigung der Rasse enthält wahrscheinlich vom Glauben des Schöpfers aus gesehen ein sehr wichtiges Wahrheitsmoment. Die wissenschaftliche Erforschung der Vererbungsgesetze steckt wohl noch in den Anfängen. Aber wir wissen vielleicht doch schon genug, um daraus für die menschliche Fortpflanzung wichtige Lehren ziehen zu können. Die Gefahr der biologischen Verwahrlosung und der Verschlechterung der Erbmasse bringt jedenfalls Probleme mit sich, an denen die christliche Ethik umsoweniger wird vorübergehen können, als sie gegenüber einer rein naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise die Dinge unter eine vom Glauben her bestimmte Verantwortung zu rücken hat.
Aber nun gilt es doch andererseits zu sagen: Die Art, wie Hitler das Bewußtsein vom Wert der eigenen Rasse zu einem Anspruch auf ihre allgemeine Herrschaft fortbildet, die verkrampfte Art, wie er nun dies Bewußtsein steigert bis zur Behauptung einer besonderen Gottebenbildlichkeit der arischen Rasse, die Art, wie er nun diese Gottebenbildlichkeit mit überschwenglichen Worten in die Welt hinausposaunt, die Art, wie er nun die Kirche Christi in den Dienst dieses Rassekultes stellen will – das alles ist mit dem Glauben an das Wort des Schöpfers schlechterdings unverträglich[15]. Wir bekennen: Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat, aber fügen sofort hinzu: samt allen Kreaturen. Lebe in Kraft! Ganz gewiß, das ist das Gebot des Schöpfers. Aber derselbe Schöpfer gebietet mir: Habe Ehrfurcht vor allem Lebendigen. Albert Schweitzer hat den Begriff der „Ehrfurcht vor dem Leben“ zum Zentral-[532]begriff der Ethik gemacht. Wir werden ihm zwar in der Ausschließlichkeit, mit der er diesen Gedanken in den Mittelpunkt der Ethik gestellt hat, nicht folgen können. Daß hier aber ein unbedingt ernst zu nehmender Gesichtspunkt zur Geltung kommt, muß gerade vom Glauben an das Wort des Schöpfers aus behauptet werden. In den Augen Hitlers ist es natürlich heller Wahnsinn, ja, ein Verbrechen an der eigenen Rasse, wenn ein Mann wie Schweitzer nach Afrika geht, um dort den Schwarzen in hingebender, mühevoller Arbeit als Arzt zu dienen. Hat aber nicht gerade der Mensch der nordischen Rasse an den Menschen der farbigen Rasse entsetzlich gesündigt; gerade er, dessen besondere Gottebenbildlichkeit von Hitler mit schwungvollen Worten behauptet wird? Wir sollten doch nur daran denken, um mit dem Hinausposaunen unserer eigenen Herrlichkeit etwas vorsichtiger zu sein. Nein, es gibt vor Gott dem Schöpfer nicht nur Rassen, sondern auch eine Solidarität alles Geschöpflichen. Anders ausgedrückt: Der Begriff der Menschheit ist neben dem Begriff der Rasse und des Volkstums durchaus ernst zu nehmen. Ja, auf dem Urgrund der Menschheit hat eine Unterscheidung der Rassen überhaupt erst Sinn. Obwohl oder gerade weil es zum Schibboleth der heutigen Orthodoxie gehört, stramm national zu sein und jede Humanitätsethik moralisch zu ächten, muß es offen ausgesprochen werden! Wir vermögen nicht einzusehen, warum und wieso dem Begriff „Volk“ vor Gott eine höhere Würde zukommen soll als dem Begriff „Menschheit“. Menschheit ist durchaus keine leere Phrase, wie man uns heute glauben machen will. Es gibt einen Menschheitszusammenhang von Adam her, den der Christ jedenfalls keinen Augenblick außer Acht lassen darf. Gerade in Zeiten hochgehender nationaler Leidenschaften wird eine Kirche, die ihres Wächteramts eingedenk ist, diesen Gesichtspunkt in den Vordergrund rücken. Von hier aus gesehen ist eine völkische Weltanschauung eine Einseitigkeit, eine Vergewaltigung der Wirklichkeit. Wenn man in völkischen Kreisen verächtlich von „Humanitätsduselei“ spricht, so haben wir als Christen zu sagen, daß es auch eine „Nationalitätsduselei“ gibt, die der weitgehenden Verflechtung alles Menschlichen nicht gerecht wird. Weder Volk noch Menschheit können abstrakt isoliert werden. Gerade in ihrer Bezogenheit aufeinander hat die Kirche die Wirklichkeit der Schöpfung zu sehen.
Von hier aus muß man erkennen, daß Hitler jedes Verständnis fehlt für das große Menschheitsanliegen, das in der sozialisti-[533]schen Bewegung aller Länder lebendig ist. Könnte es denn nicht sein, daß auch das erwachende Proletariat das Gebot des Schöpfers: Lebe! gehört hat? Es wäre nicht wohlgetan, wenn die Kirche sich das Votum Hitlers über die sozialistische Bewegung aneignen würde: Eine unter der Maske sozialer Tugend und Nächstenliebe wandelnde Pestilenz (S. 40). Der Haß gegen den Sozialismus hat ihn hier einfach blind gemacht. Auch in seinem wütenden Kampf gegen den Marxismus darf ihm die Kirche auf keinen Fall folgen. Hier darf man sich nicht durch die Schlagworte politischer Parteien irreführen lassen, sondern muß sorgsame Unterscheidungen vornehmen. Der Marxismus, geschichtlich einfach notwendig als Rückschlag gegen den Idealismus, als gründliche und heilsame Absage an den Götzen „Geist“, ist der ernsthafte Versuch einer Deutung der Wirklichkeit, die begreift, daß das Schicksal des Arbeiters, auch sein seelisches Schicksal, durch seine ökonomische, seine materielle Lage weithin bestimmt wird. Audi der Marxismus nimmt in seiner Weise eine schöpfungsmäßige Gegebenheit, nämlich die Leiblichkeit des Menschen, ernst. Gewiß liegt in der völkischen Bewegung eine durchaus gesunde Reaktion gegen die Einseitigkeit des Marxismus, gegen die Einseitigkeit einer materialistischen Geschichtsauffassung. Wir werden wieder darauf aufmerksam gemacht, daß Führerwille, Blut und nationale Leidenschaften geschichtsbildende Faktoren sind. Aber die Kirche hat doch wohl zu beachten, daß die organisch-biologische Geschichtsbetrachtung des Nationalsozialismus genau so „naturalistisch“ ist wie die Geschichtsbetrachtung des Marxismus. Hier wird uns nur die Wirklichkeit der gefallenen Schöpfung von einer neuen, bisher nicht so beachteten Seite gezeigt.
Haben wir so den Nationalsozialismus unter dem Gesichtspunkt des Schöpfungsglaubens betrachtet, so gehen wir nun einen Schritt weiter. Das Wort Gottes ist auch das Wort des Versöhners. Wir können selbstverständlich auf die Versöhnungstatsache nicht weiter eingehen. Das ist für unsern Zweck auch gar nicht erforderlich. Nur soviel muß gesagt werden. An der Stellung zur Versöhnung, an der Stellung zum Kreuz scheiden und verbinden sich die Geister. Nicht ein Idealbild des arischen Menschen, nicht ein nordisches Heldenideal, sondern die Realität des Gekreuzigten steht im Mittelpunkt des Denkens der Kirche. Aus der Konfrontation der Kreuzespredigt mit der nationalsozialistischen Weltanschauung ergeben sich nun aber einige sehr wichtige Folgerungen. Ich möchte [534] dies zu zeigen versuchen an einem Wort von Hitler. Er sagt: „Unser deutsches Volk braucht die suggestive Kraft, die im Selbstvertrauen liegt. Dieses Selbstvertrauen muß aber von Jugend auf den jungen Volksgenossen anerzogen werden. Ihre gesamte Erziehung und Ausbildung muß darauf angelegt werden, ihnen die Überzeugung zu geben, andern unbedingt überlegen zu sein“ (S. 456). Die Erziehung zum Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen ist also für Hitler der Kern aller Erziehungsweisheit. Der Nationalsozialist ist der ungebrochene Mensch, der sich seines Wertes wohl bewußt ist. Eben dieses Selbstbewußtsein wird nun aber durch die Kreuzespredigt auf das schwerste erschüttert. Indem der Mensch zum Glauben an den Gekreuzigten erwacht, erkennt er ja gerade den Glauben an sich selbst und seine Kraft als Wahn und Irrglauben. Ja, er erkennt das Verharren bei sich selbst als seine eigene tiefe Gottlosigkeit. Gerade dies Selbstbewußtsein wird ihm zerbrochen. Er muß jetzt den Schwerpunkt seines Daseins in dem suchen, der ihm in dem Gekreuzigten seine eigene Wirklichkeit erst erschloß. Die Kirche kann also nicht darauf verzichten, den nordischen Menschen in seiner „Gottebenbildlichkeit“ zur Buße zu rufen, das heißt: zu einer radikalen Umkehr, in der er seine ganze nordische Herrlichkeit preisgibt, um sie in demütiger Beugung unter Gottes Herrlichkeit sich täglich wieder schenken zu lassen. Bei dieser streng festgehaltenen Voraussetzung möchte es dann vielleicht auch wieder so etwas geben wie eine „Erziehung zum Selbstbewußtsein“, deren relatives Recht durchaus nicht bestritten werden soll.
Eine weitere Folgerung wird sein, daß der Mensch aus dem primitiven Kollektivismus der nationalsozialistischen Bewegung herausgeholt wird. Wer nationalsozialistische Versammlungen besucht hat, wird die Beobachtung gemacht haben, daß die Gefahr eines uniformen Massenmenschentums, das von einer Idee fanatisiert, kein andersgeartetes Eigenleben achtet, in große Nähe gerückt ist. (Hitler: „Weltanschauungen proklamieren ihre Unfehlbarkeit“, S. 507). Die Verherrlichung der Führerpersönlichkeit vermag diesen Kollektivismus in keiner Weise zu durchbrechen. Die Kreuzespredigt holt den Menschen aus der anonymen Masse heraus, gibt ihm einen Eigenwert, einen Namen und unterstellt ihn einer konkreten Verantwortung[16]. Jetzt kommt er unter die Auto-[535]rität eines Herrn (nicht nur eines Führers), den er nicht gewählt, sondern der ihn gewählt hat. Jetzt wird die Zukunft („die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi“) wichtiger als die Abkunft. Damit wird er in der Bewegung ein Fremdling. Wer da weiß, daß er von Gott versetzt ist in das Reich seines lieben Sohnes, muß sich notgedrungen von den Kämpfern für das dritte Reich, jedenfalls innerlich, distanzieren. Das geistige Rückgrat einer „nationalsozialistischen Weltanschauung“ ist ihm gebrochen. Indem wir den Nationalsozialisten dies sagen, tun wir ihnen einen besseren Dienst, als wenn wir ihnen unter Verrat des Evangeliums für ihren politischen Kampf die geistige Munition liefern. Ihnen und unserm Volk. Die Fremdlingschaft des Volkes Gottes in der Welt führt keineswegs zur Gleichgültigkeit gegenüber dem Volk als einer schöpfungsmäßigen Gegebenheit. Da sie eine Fremdlingschaft mit Christus, dem Auferstandenen, d. h. dem an die Welt zum Dienst Zurückgegebenen ist, so bedeutet sie gerade Bekenntnis zum Volk, Mittragen seiner Not, Dienst am Volk. Hier muß es deutlich werden, aus welcher Richtung allein so etwas wie eine „völkische Erneuerung“ kommen könnte[17].
Wir haben vorhin gesagt: Am Kreuze scheiden sich die Geister. Wir müssen nun aber auch die andere Seite beachten: Am Kreuz verbinden sich die Geister. Indem der Mensch aus dem primitiven Kollektivismus der nationalsozialistischen Bewegung herausgeholt wird, kommt er zur Gemeinde, zur Kirche, und zwar zur ökumenischen Kirche. Er kann jetzt nicht nur völkisch denken. Er muß ökumenisch denken. Die landeskirchliche, die nationalkirchliche Denkweise ist eine Zersetzungserscheinung des Protestantismus. Das haben unsere reformatorischen Väter nicht gewollt. Mit Recht hat Rudolf Schlunk immer wieder darauf hingewiesen, daß die Confessio Augustana nur verstanden werden kann als Bekenntnis zur ökumenischen Kirche[18]. Mit dem Artikel von der justificatio sola fide haben unsere Väter die conditio sine qua non für die ökumenische Kirche aufrichten und nicht etwa eine „deutsch-[536]evangelische Kirche“ etablieren wollen. Alle national-kirchlichen Bestrebungen im Nationalsozialismus sind darum scharf abzuweisen, wobei das Suchen nach einer neuen Einheit von Kirche und Volk durchaus nicht nur negativ bewertet zu werden braucht. Innerhalb der ökumenischen Kirche sind nun selbstverständlich alle Rassenunterschiede relativiert. Der Rassenhaß ist das typische Produkt einer vom Blut her bestimmten, d. h. naturalistischen Denkweise. Wohl Reinhaltung der eigenen Rasse, wenn feststeht, daß Rassenmischung die Erbmasse verschlechtert. Das kann das Gebot des Schöpfers sein. Aber kein Rassenhaß. Hier ist es nötig, ein Wort über das Judentum zu sagen. Hitler hat richtig gesehen, daß der Jude sozusagen im Brennpunkt der Weltgeschichte steht. Aber er kann diese Erscheinung nicht deuten. Er meint, er könne den Juden aus dem Mittelpunkt der Weltgeschichte verdrängen. Vergebliche Mühe. Das jüdische Volk ist das Volk unter dem Feuer Gottes, ist der brennende Dornbusch. Wer den anfaßt, wird sich die Finger zerreißen und verbrennen. Mit den Juden, den halsstarrigen Juden (in der Schrift heißt es: Ihr seid ungehorsam gewesen, solange ich euch gekannt habe) unterminiert Gott die Völkerwelt. Es hat keinen Zweck, der jüdischen Halsstarrigkeit eine arische Halsstarrigkeit entgegenzusetzen („Giftgas gegen Giftgas“: Hitler). Gott läßt seiner nicht spotten. Jeder Versuch, den Dornbusch auszureißen, muß zur Katastrophe führen. Nur das eine kann in Betracht kommen, daß uns von dem brennenden, unfruchtbaren Dornbusch die Herrlichkeit Gottes aufgeht. Die Lösung der Judenfrage kann nur darin bestehen, daß beide, der Jude und der Arier, zur Kirche Jesu Christi erwachen. Dem Volk als ganzem ist dies freilich erst für das Ende der Tage Vorbehalten. Bis dahin bleibt es als warnendes Menetekel in der Völkerwelt[19].
Bedeutet nun aber nicht diese starke Betonung der Kirche Jesu Christi als der entscheidenden Realität eine Mißachtung des Staates, seiner Notwendigkeiten und Aufgaben? Keineswegs. Man muß sich aber den Nationalsozialisten gegenüber darüber klar sein, wie der Staat zu begründen ist. Und da gilt es nun zunächst folgenden wichtigen Grundsatz aufzustellen und beharrlich im Auge [537] zu behalten: Es gibt für uns keine Erkenntnis und Beurteilung des Staates anders als von der Erkenntnis Jesu Christi in seiner Kirche her[20]. Eine prinzipielle Autonomie des Staates kann die Kirche niemals anerkennen. Wenn wir die Botschaft des N. T. verstanden haben, liegt die Sache einfach so: Der Staat gehört uns, weil wir begnadigte Sünder sind, zu den Dingen, die den Geruch des Todes an sich tragen. Hier gilt ganz ernst für uns das Wort des Paulus Röm.12: Fügt euch nicht in die Gestalt dieser Welt, sondern in ihre Verwandlung. Andererseits: Weil wir begnadigte Sünder sind und in einer Welt der Sünde leben, ist der Staat als die dem Menschen durch Gottes Gnade gesetzte Ordnung zu respektieren, als die Sphäre, innerhalb deren der Mensch unter Verzicht auf alle Eigenwilligkeit seine Aufgabe zu erfüllen hat. Mit einem untheologischen Staatsbegriff aber, mit dem der Weimarer Verfassung genau so wie mit dem sozialistischen, wie mit dem nationalsozialistischen darf sich die Kirche nur ablehnend, nur kritisch, nur polemisch beschäftigen bei aller faktischer Anerkennung der auch durch einen solchen Staat repräsentierten Autorität. Das gilt ganz besonders auch vom nationalsozialistischen Staatsbegriff, der, wie wir sahen, rein vom Menschen aus gedacht ist, und hier wieder einmal als das Bild des alles verschlingenden Tieres aus dem Abgrund erscheint. – Mit dem allen soll jedoch nichts gesagt werden gegen das Programm des Nationalsozialismus, soweit es sich in der Sphäre des rein Politischen hält. Über die hier aufgeworfenen politischen und wirtschaftlichen Probleme im engeren Sinne enthalten wir uns jedes Urteils. Eine Entscheidung etwa darüber, ob die „Brechung der Zinsknechtschaft“ („das [538] ist das Herzstück des Nationalsozialismus“)[21] eine politisch und volkswirtschaftlich mögliche Sache ist, entzieht sich der Kompetenz der Kirche. Wenn aber der nationalsozialistische Grundsatz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ („das ist die Gesinnung des Programms“)[22] von kirchlicher Seite aus als ganz besonders der christlichen Forderung entsprechend hingestellt wird[23], so fragt man sich unwillkürlich (ganz abgesehen von der Tatsache, daß es die christliche Verkündigung überhaupt nicht mit ethischen „Grundsätzen“ zu tun hat), warum man denn diesen Grundsatz nicht schon längst beim Sozialismus gelobt hat. Im übrigen gibt es in bezug auf die Staatsform vom Worte Gottes aus verschiedene Möglichkeiten. Es kann ja sein, daß das Zeitalter der Demokratie in Deutschland abgelöst wird durch ein Zeitalter der diktatorischen Zucht. Man sollte aber von der Kirche aus nicht allzu freudig in den sehnsüchtigen Schrei nach Autorität einstimmen, sondern sich zunächst einmal die Mächte genau ansehen, von denen er kommt. Jedenfalls sind vom Worte Gottes aus Diktatur sowohl wie Demokratie, Sozialismus wie Liberalismus politische Gestaltungsmöglichkeiten, ja, auch der Liberalismus als Bedrohung und Erschütterung jeder Staatsordnung, die sich absolut setzt. Wenn aber heute selbst von kirchlicher Seite aus im Blick auf die nationalsozialistische Bewegung begeistert verkündigt wird: „Gott will es“, so haben wir ruhig zu sagen: Was Gott im politischen Leben [539] heute will, weiß niemand. Ob Gott in der nächsten Zeit für Hitler, für Brüning oder für Thälmann sein wird, ist unserem Wissen schlechterdings entzogen. Wollen wir etwa bestreiten, daß die Möglichkeit besteht, Gott könne bereits beschlossen haben, nun nicht den Nationalsozialismus als Heilmittel, sondern den Kommunismus als Zuchtrute über uns zu bringen? In der Regel ist Gott dort jedenfalls nicht, wo die Leute ihn am lautesten für ihre Ziele in Anspruch nehmen. Ist das nicht ein Grund, um die Hände in den Schoß zu legen? Durchaus nicht. Wohl aber ein Grund, um mitten in der Fragwürdigkeit aller politischen Arbeit, die durchaus notwendig und geboten sein kann, immer wieder die Hände zu Gott zu erheben: Ich bin ein Gast auf Erden, verbirg deine Gebote nicht vor mir – und so seine Barmherzigkeit anzurufen.
Nun aber ist noch ein Drittes und Letztes zu erwägen. Das Wort Gottes, welches den Menschen gefangennimmt, ist das Wort des Erlösers. Es handelt sich jetzt um den eschatologischen Gesichtspunkt. Im Nationalsozialismus haben wir eine säkularisierte Eschatologie vor uns, die wir wiederum nur begreifen in ihrem Gegensatz zur säkularisierten Eschatologie des Sozialismus. Wie sieht das Weltziel des Sozialismus aus? Die Verdammten unter allen Völkern dieser Erde sind aufgewacht. Sie schaffen durch reformatorische oder revolutionäre Umwälzung der materiellen und ideellen Grundlage die neue Erde. Der Streit der Völker ist verschwunden, die Nationen leben als Brüder miteinander. Es gibt nur eine klassenlose Gesellschaft in einer umfassenden Menschheitsorganisation. Der Völkerfrühling ist da, heraufgeführt durch den völkerbefreienden Sozialismus. Ein solches Weltziel aber wird von Flitler mit aller Leidenschaft bekämpft. Er sieht darin eine satanische Versuchung, einen jüdischen Weltbetrug von allergrößtem Ausmaße. Einmal wacht in ihm die bange Frage auf, ob nicht vielleicht das unerforschliche Schicksal aus Gründen, die uns armseligen Menschen unbekannt sind, den Endsieg dieses kleinen (jüdischen) Volkes in ewig unabänderlichem Beschluß wünsche. Soll diesem Volke, das ewig nur der Erde lebt, die Erde als Belohnung zugesprochen sein, so fragt er beklommen. Aber das Schicksal gibt ihm die Antwort: das kann nicht sein. Die jüdische Lehre des Marxismus leugnet den Wert der Person, bestreitet die Bedeutung von Volkstum und Rasse und entzieht damit der Menschheit die Voraussetzung ihres Bestehens und ihrer Kultur. „Was der Jude will, das wäre das Ende, das wäre der Unter-[540]gang. Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“ (S. 69). Und nun verkündigt Hitler: „das Werk des Herrn“, sein eigenes, dem jüdischen entgegengesetztes Weltziel. „Ein Friede, nicht gestützt auf die Palmenwedel pazifistischer Klageweiber, sondern begründet durch das siegreiche Schwert eines die Welt in den Dienst einer höheren Kultur nehmenden Herrenvolkes“ (S. 438). Und am Ende seines Buches heißt es in einem Nachwort: Ein Staat, der im Zeitalter der Rassenvergiftung sich der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muß eines Tages zum Herrn der Erde werden (S. 872). Es geht also nicht nur um die Freiheit, sondern schließlich um die Weltherrschaft Deutschlands. „Das mögen die Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung nie vergessen, wenn je die Größe der Opfer zum bangen Vergleich mit dem möglichen Erfolge verleiten sollte“ (Schluß des Buches). Der jüdische Messianismus wird ersetzt und überboten durch den germanischen Messianismus.
Es ist vorhin schon angedeutet: Wir haben im Nationalsozialismus eine säkularisierte Eschatologie vor uns. In der Tat, nur unter diesem Gesichtspunkt ist er endgültig zu begreifen. Es ist überaus interessant zu beobachten, wie die Bewegung der Kirche ihre entscheidenden Begriffe entlehnt und sie unter der Hand verwandelt. Die Erbsünde ist die Sünde wider das Blut (S. 272). Die Gottebenbildlichkeit ist das Urbild des Ariers. Die Vertreibung aus dem Paradies ist die Senkung des rassischen Niveaus durch „Blutschande“. Das Parteiprogramm ist unveränderlich und unfehlbar wie das Dogma der Kirche. Das Reich Gottes wird durch das „dritte Reich“ ersetzt. An die Stelle der Predigt tritt die nach Hitlers Anweisung an das Gefühl appellierende und mit Schlagworten arbeitende Rede als stärkstes Propagandamittel, wobei der Zweck gelegentlich durchaus die Mittel heiligt (S. 206). In Todesanzeigen wird beklagt: Er hat das dritte Reich nicht schauen dürfen. Ein Pilgerzug bewegt sich zum Grabe Schlageters. Dort wird eine Andacht zum dritten Reich gehalten. Und die „Wolke von Zeugen“ ist auch da: Kameraden, von Rotfront und Reaktion erschlagen, marschieren im Geist in unseren Reihen mit – heißt es im Horst-Wessel-Liede. Vor einigen Tagen verkündigt Hitler in Chemnitz: „Ein neues Zeitalter ist im Werden – es geht um die Entscheidung von Ewigkeitsfragen“[24] darum [541] sagt man emphatisch: Heilig die letzte Schlacht! und ruft einander bedeutungsvoll zu: Auf den Tag! Darum sind die Gegner nicht etwa Leute anderer politischer Meinung, sondern schlicht und einfach „Verbrecher“, oder „Untermenschen“, denen „wir“ ebenso schlicht und einfach als die „Idealisten“ gegenüberstehen. Darum ist das Hakenkreuz „das erlebte Wissen von der Ureinheit aller Dinge, der Schlüssel zur Befreiung des Menschen zu seinem eigenen göttlichen Selbst“[25]. Darum beginnt dann das dritte Reich mit dem großen Gericht, da nach Hitlers ausdrücklicher Ankündigung „etliche 10 000 der organisierenden Novemberverbrecher“ abgeurteilt und geköpft werden (S. 611). Darum dann schließlich auch der unvermeidliche nationalsozialistische Feldprediger SA.-Kamerad Pfarrer Soundso, der bei Beerdigungen und Gautagen „echt deutsche Worte“ findet und den SA.-Kameraden bezeugt, daß der Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht in ihren Reihen durchaus mit dem Heiligen Geist identisch sei. In dem allen ist die Tendenz nach Vergeistigung der Ziele und nach heilbringender Vollständigkeit unverkennbar. Die Bewegung muß einen Glauben vorweisen, der sie kirchenebenbürtig macht. Daher heischt sie Opfer und entzündet sie Glauben. Daher beansprucht man, Gottes Liebling zu sein, unvergeßlich, unvergänglich. Daher will man die ganze Welt verwandeln. Nur sich selber zu wandeln, das begehrt man nicht. Das Reich ist nahe herbeigekommen! Auf der Tagung des nationalsozialistischen Kampfbundes für deutsche Kultur, die an Pfingsten in Potsdam stattfand, wurde zum Abschluß ein Spiel um Thomas Münzer aufgeführt[26]. War dies vielleicht ein symbolisches Ereignis? Fridericus Rex, der Repräsentant militärischer Zucht und Diktatur und Thomas Münzer, der religiös-politische Schwarmgeist! Ist der Nationalsozialismus zu verstehen als Synthese von Potsdam und – Mülhausen? Kein Zweifel, daß Hitler für viele der Seinen grade auf Grund der einer derartigen Synthese entsprechenden geistigen Einstellung zum eigentlichen „Mythos des 20. Jahrhunderts“ geworden ist.
Was aber sagt die Kirche zu dem allen? Sie müßte jetzt dem Nationalsozialismus sagen: Dadurch, daß der Nationalsozialismus seine Ideale ins Metaphysische hinaufschraubt, wird die wahre Volkwerdung nicht gefördert, sondern verhindert, denn ein Volk lebt nicht von Ideologien, sondern von Gottes Wort. Wer von [543] der echten Eschatologie kirchlicher Verkündigung, d. h. von der dem Menschen in seiner Beziehung zu Gott und zum Nächsten gesetzten Grenze nichts hören will, der muß diesen Ungehorsam mit der Preisgabe der Wirklichkeit bezahlen. Läßt sich der Nationalsozialismus dies nicht sagen, so muß über kurz oder lang erschreckend deutlich werden, daß die Bewegung ein Stoß ins Unwirkliche war und daß sie unser Volk nicht zum Heil, sondern ins Unheil führten. Diese kritische Situation müßte dem Nationalsozialismus heute durch die Kirche zum Bewußtsein gebracht werden. Aber fehlen dazu nicht die Voraussetzungen? Gibt es in der Kirche eine lebendige, d. h. die Welt in ihrer konkreten Not erfassende Verkündigung der „letzten Dinge“? Klingt nicht die Verkündigung der Kirche vom kommenden Reich Gottes (das ist doch das Evangelium!) oft einfach matt, hohl und unglaubwürdig gegenüber der kraftvollen, mit Spannung geladenen Verkündigung des Nationalsozialismus vom kommenden dritten Reich? Erkennen wir doch die Situation: Die christliche Prophetie ist erloschen. Bolschewisten und Nationalsozialisten nehmen sich jetzt in ihrer Weise der Sache an. Die Prophetie der Kirche ist so völlig erloschen, daß selbst protestantische Pfarrer die säkularisierte Eschatologie der völkischen Bewegung mit der legitimen Eschatologie kirchlicher Verkündigung verwechseln und mit Begeisterung in die Front des Nationalsozialismus einschwenken. Was soll man da vom Kirchenvolk erwarten? Die Kirche hat kein das Einzelne und das Ganze packendes Wort zur Lage mehr. Sie hat ihren Rang verloren, sie hat die geistige Führung abgetreten an das politische Messiastum. Dort ist jetzt Kraft, Leidenschaft und Gläubigkeit. Dort sind Märtyrer, wenn auch Märtyrer des Säkulums. Der Nationalsozialismus ist hemmungslos eschatologisch, darin nur den Sektierern, Adventisten und „Ernsten Bibelforschern“ vergleichbar. Die Kirche dagegen pflegt ein individualistisches Seligkeitschristentum in Verbindung mit kleinbürgerlicher Ideologie und kirchlicher Selbstzufriedenheit. Darüber hinaus geht eine starke kirchliche Aktivität. Machen wir uns aber klar: Der säkularisierten Prophetie ist kein religiös sittlicher Aktivismus gewachsen, sondern nur die legitime Prophetie kirchlicher Verkündigung, die in dem Chaos der Zeit als klärende und führende Stimme hörbar wird. (Womit nichts gegen sachliche kirchliche Arbeit allerlei Art gesagt sein soll.) – So ist der Nationalsozialismus ein hochaufgerich-[543]tetes Zeichen, an dem uns deutlich werden kann und soll: Wir sitzen neben der Bibel, zu der wir uns dem Namen nach bekennen. Karl Barth hat Recht, wenn er spricht von einem „bis an das Verlieren streifenden Übersehen der Warnung und des Trostes der Ewigkeit“, von einem „verhängnisvollen Nicht-mehr-wissen um Gott als Grenze, um den wiederkommenden Christus mit seinem: Siehe, ich mache alles neu“[27]. Wird die Kirche dieses Wort finden, das Wort, das nun nicht etwa (dieses Mißverständnis muß ausdrücklich zurückgewiesen werden) in einer allgemeinen Lehre von den „letzten Dingen“ besteht, das Wort, das vielmehr dort aufspringt, wo es zu einer Begegnung zwischen dem Evangelium und der Welt in ihrer konkreten Situation kommt. Wird die Kirche dieses Wort finden? Das ist die Frage, die das politische Messiastum der nationalsozialistischen Bewegung an uns richtet. Wir haben keinen Anlaß, als beati possidentes an den Nationalsozialismus Fragen zu stellen. Nein, wir sind gefragt, ob wir wissen, was Kirche ist, ob die Kirche sich wieder auf die ihr gegebenen Verheißungen besinne, ob die Kirche als Kirche erwache. Wenn dies geschieht, dann wird auch das letzte und tiefste Anliegen des Nationalsozialismus seine Erfüllung finden –, daß Gottes Schöpfung wieder zu Ehren kommt.
Quelle: Zwischen den Zeiten 9, 1931, S. 519-543. Wiederabgedruckt in: Walther Fürst (Hrsg.), „Dialektische Theologie“ in Scheidung und Bewährung 1933-1936. Aufsätze, Gutachten und Erklärungen, ThB 34, München: Chr. Kaiser, 1966, S. 19-41; bzw. in: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte 90 (1992), S. 201–217.
[1] Vortrag, gehalten auf der Jung-evangelischen Konferenz in Hannover am 10. Juni 1931.
[2] Vergleiche jetzt W. Künneth: Die völkische Religiosität der Gegenwart, Wichern-Verlag, Berlin-Spandau.
[3] Allg. Evang.-Luth. Kirchenzeitung, Jahrgang 1931, Nr. 19.
[4] Vergleiche „Völk. Beob.“, 25. Mai 1931.
[5] Vergl. „Völk. Beob.“, 25. Mai 1931.
[6] Siehe Deutsches Pfarrerblatt 1931 Nr. 6.
[7] Verlag Eher Nachf. München 1931.
[8] Rosenbergs „Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts“ ist absichtlich nicht berücksichtigt, da in der Diskussion über unser Problem immer wieder von nationalsozialistischer Seite von der „Privatansicht“ Rosenbergs auf die „maßgebenden“ Gedanken Hitlers verwiesen wird. Eine entscheidende Differenz zwischen Hitlers und Rosenbergs Weltanschauung vermag ich nicht zu erkennen. Rosenberg ist der gründlichere Denker und zieht mit großem Radikalismus die Konsequenzen. Mit Hitler ist Rosenberg implicite erfaßt.
[9] S. Feder S. 26.
[10] Sinn und Tragweite dieses einschränkenden Zusatzes sind nicht klar festzustellen. Die Frage ist, ob das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse auch zu einem entscheidenden Beurteilungsmaßstab gegenüber den jetzigen Kirchen gemacht werden soll. Von den Nationalsozialisten wird das bestritten mit der Behauptung, der Satz beziehe sich nur auf etwa neu entstehende Religionsgemeinschaften. (S. „Völk. Beob.“, 1. Mai 1931.)
[11] Vgl. Thurneysen: „Das Wesen der Kirche“ in „Das Wort Gottes und die Kirche“.
[12] Diese Tatsache wird offenbar von Helmuth Schreiner nicht deutlich gesehen. Seine Schrift „Der Nationalsozialismus vor der Gottesfrage“ (Wichern-Verlag, Spandau) faßt das Problem ernsthaft an und enthält wertvolle Beobachtungen. Die Dinge werden aber doch nicht an der Wurzel gepackt, da der pseudo-lutherische Geschichtsbegriff des 19. Jahrhunderts bei Schreiner stark nachwirkt. Daher kommt es, daß man etwa den erstaunlichen Satz liest: Hitlers religiöse Haltung lebt vielmehr aus der harten Entschlossenheit, die den Menschen gegeben wird, wo er immer sich von Gottes Unbedingtheit (!) gefordert und gesandt weiß (S. 32). Kann man sich angesichts derartiger theologischer Feststellungen wundern, wenn die Nationalsozialisten nicht zu scheiden wissen zwischen völkischem Fanatismus und Gehorsam gegenüber dem Schöpfer? – Noch stärker wirkt sich die Verwechslung dieser Gesichtspunkte aus in der im Auftrage des Evangelischen Bundes herausgegebenen Schrift von D. H. Kremers: Nationalsozialismus und Protestantismus. In seinem anti-römischen Affekt und unkritischen Nationalismus entspricht der Gedankengehalt dieser Schrift den bisherigen Tendenzen des Bundes, dem eine gründliche theologische Besinnung nottäte.
[13] Entscheidende Gesichtspunkte im Folgenden verdankt der Verfasser einer Nachschrift der theologischen Ethik von K. Barth.
[14] Dieses „organische Denken“ wird allerdings in eigentümlicher Weise durchkreuzt und weithin unwirksam gemacht durch die politische Praxis der Partei. Die Technik der Propaganda, das Raffinement der Werbung, die maßlose Gehässigkeit der Polemik gegen andersgesinnte „deutsche Volksgenossen“, die Proklamation des Terrors als politisches Kampfmittel – dies alles muß zwangsläufig zu einer Preisgabe des Gehaltes führen. Auf dem politischen Kampfplatz triumphieren die nur allzu bekannten Geister der „Moderne“.
[15] Es zeige sich hier, daß der Nationalsozialismus eine wirkliche Überwindung des Liberalismus von seinen weltanschaulichen Voraussetzungen aus gar nicht erreichen kann. Die Selbstherrlichkeit des Individuums wird durch die Selbstherrlichkeit der Rasse ersetzt. Es ist nur eine Projektion auf eine andere Ebene.
[16] Von hier aus sind Begriffe wie „Persönlichkeit“, „Individualismus“, „Liberalismus“ positiv zu würdigen.
[17] Vgl. die vortreffliche Studie von K. Witte in der „Niederdeutschen Kirchenzeitg.“, Juni 1931: Nationale Erneuerung aus deutschem Gottglauben?
[18] Vgl. Otto Reinhold: Die Bedeutung der hessischen Renitenz für die Kirchwerdung der Landeskirchen. Neu werk-Verlag, Kassel 1931. Von hier aus müssen ernstliche Bedenken gemacht werden gegen die Theorie und Praxis des Evangelischen Bundes und leider auch des Gustav-Adolf-Vereins mit ihrer naiven Koordination vom „Christentum“ und „Deutschtum“.
[19] Im Zusammenhang damit ist übrigens auch zu erwähnen, daß Hitler, der sich doch zu einem positiven Christentum bekennen will, für den Gedanken der Heidenmission nicht das leiseste Verständnis hat. Seine gelegentlichen Bemerkungen darüber sind von dem Geiste einer völligen Verachtung getragen (S. 446 folgende).
[20] Die Tatsache, daß die Tragweite der reformatorischen Christologie übersehen wurde, bildet die Quelle aller Irrlehren über das Verhältnis von Staat und Kirche und zwar sowohl auf der „Rechten“ wie auf der „Linken“. In bezug auf die „Linke“ wird das sehr klar in der Schrift von Wilhelm Stapel: Sechs Kapitel über Christentum und Nationalsozialismus (Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg, 29 S.). Stapels eigener Entwurf hält aber nicht dieselbe deutliche Distanz gegenüber dem völkischen Naturalismus und dem politischen Konservativismus der „Rechten“. Der Grund hierfür liegt darin, daß nicht sicher unterschieden wird zwischen Weltanschauung und Glaube, Volk und Schöpfung, völkischem „Nomos“ und Gottes Gebieten. Insbesondere ist die Nomoslehre Stapels unbiblisch und unreformatorisch. Im ganzen aber ist diese Schrift ein so anregender und eigenartiger Versuch, daß man nur den Wunsch hat, Stapel möchte in künftigen Veröffentlichungen noch radikaler als bisher die Konsequenzen ziehen aus seinem eigenen trefflichen Grundsatz: Nicht sie (die Kirche) soll auf den Boden der Welt, sondern die anderen sollen auf den Boden des Evangeliums treten (S. 7 f.).
[21] S. Feder: Seite 23.
[22] S. Feder: Seite 23.
[23] Vgl. z. B. die Erklärung des Landesbischofs D. Rendtorff über Kirche und Nationalsozialismus (abgedruckt in „Niederdeutsche Kirchenzeitung“, Juni 1931). Es muß anerkannt werden, daß R. mit großer Bestimmtheit die Unterordnung des Nationalsozialismus unter das von der Kirche verkündigte Wort Gottes verlangt. Allerdings wirkt sein Votum nebenbei sehr stark als ein politisches Bekenntnis für den Nationalsozialismus und damit gegen den Sozialismus und mußte daher scharfen Widerspruch hervorrufen. Warum nimmt R. nicht auch den Sozialismus in seinem Wollen ernst? Und wenn er es tut, warum sagt er nicht auch dies öffentlich? Ist der Sozialismus etwa dem Willen Gottes weniger konform, weil er es unterläßt, das Bekenntnis zum „positiven Christentum“ in sein Programm aufzunehmen? Entscheidend ist die Frage nach der wesensmäßigen Beziehung beider Bewegungen zum Inhalt der christlichen Verkündigung. Und hier liegen die Dinge doch wohl nicht so einfach, wie R. zu glauben scheint.
[24] S. „Osnabrücker Zeitung“, 8. Juni 1931.
[25] „Völk. Beob.“, 6. Mai 1930.
[26] „Völk. Beob.“, 28. Mai 1931.
[27] Die Kirche und die Kultur. Zw. d. Z. 1929.