Zur Kontroverse um die Eröffnungsfeier der Olympiade
Von Albrecht Grözinger
Seit meiner Habilitationsschrift zum Thema „Praktische Theologie und Ästhetik“ gehört das Nachdenken über die europäische Kunst- und Geistesgeschichte zum Kern meiner Theologie. Etwas narzisstisch, aber durchaus ernst gemeint, bezeichne ich mich manchmal als einen der letzten Alt-Europäer im Konzert der protestantischen, deutschsprachigen Theologie der Gegenwart.
Nachdem der allergrösste Pulverdampf der heftigen Auseinandersetzungen abgezogen ist, einige wenige Anmerkungen zu der Kontroverse um die Eröffnungsfeier der Olympiade.
1. Eine der grossen Kontroversen der Debatte entzündete sich an der Frage, ob denn nun das berühmte Abendmahlsbild von Leonardo da Vinci „inszeniert“ worden sei oder es um die Inszenierung eines antiken Bacchanale gehe. Die Äusserung der Verantwortlichen, dass Letzteres der Fall sei, ist ernst zu nehmen und für mich persönlich glaubhaft. Aber auch diejenigen, die darin eine Abendmahlsszene erkannt haben, liegen damit nicht falsch. Leonardos Bild ist ein „ikonisches“ Bild – unzählige Male variiert bis hin zum Asterix-Komik, in Aufnahme und Fortsetzung, in Widerspruch und Variation, in Protest und Bewahrung. Ikonische Bilder lehren uns das Sehen. Wir sehen gleichsam durch sie hindurch auf unsere jeweilige Gegenwart. Ikonische Bilder verändern unsere Gegenwart. Der Literaturwissenschaftler George Steiner hat dies in anderem Zusammenhang sehr schön so formuliert: „Die Straßen unserer Städte sind nach Balzac und Dickens andere geworden. Sommernächte, vor allem gen Süden hin, haben sich mit van Gogh gewandelt.“ (George Steiner: Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? München 1990. S.217.) Insofern sind Ausgangsintention der umstrittenen Inszenierung und deren Lesart(en) kein Gegensatz, sondern Ausdruck einer profilierten ästhetischen Konstellation, die wesentliche Elemente der europäischen Kultur in sich vereint.
2. Bei der Kritik der „Inszenierung“ im Zusammenhang der olympischen Eröffnungsfeier taucht markant oft der Begriff des „Abendlandes“ oder noch pointierter der Begriff des „christlichen Abendlandes“ auf. Die Inszenierung wird als Angriff darauf verstanden.
Viele der die abendländische Geistesgeschichte prägenden Auseinandersetzungen waren oft auch Konflikte und und mit Bildern. Dazu gehörte auch die theoretische Reflexion über die Wirkung von Bildern – von der Scholastik über Luther, Lessing, Goethe bis hin zu Aby Warburg und Hans Belting. Abendland – das heisst immer auch Streit um Bilder. Die Bilderstreite haben die europäische Geistesgeschichte nachhaltig geprägt. Nicht zuletzt dadurch, dass auf Dauer nie eine Partei in den Auseinandersetzungen definitiv gesiegt hat. Das Offenhalten der Bilderfrage ist eine Konstante der abendländischen Geistesgeschichte. Es war für mich frappierend zu sehen, wie wenig dieses Wissen gerade bei vielen (nicht bei allen!) Kritikern präsent war. Die Verteidiger des Abendlandes haben nicht viel Kenntnis über das, was sie verteidigen wollen. Im Grunde war es ein Desaster. Die Deutsche Bischofskonferenz hat dies wohl gespürt und mit einer – in meinen Augen hochrespektablen! – Stellungnahme versucht, die Reissleine zu ziehen. Aber ich befürchte: das Desaster wird nachwirken.
3. Mir legt es sich nahe, gewisse Parallelen zu den Auseinandersetzungen um die Mohammed-Karikaturen der französischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“ im Jahre 2006 zu ziehen. Ich habe recherchiert: Stimmen, die die heutige Inszenierung kritisieren, haben sich damals ganz anders positioniert: Es müsse im Rahmen der Presse- und Kunstfreiheit auch möglich sein, diese Karikaturen zu zeigen. Die NZZ hat vor wenigen Tagen in dieselbe Kerbe gehauen, indem sie fragte, ob man – bezogen auf die aktuelle Inszenierung – sich so etwas auch gegenüber einem gewissen Propheten getraut hätte. Ich weiss nun nicht, ob das nun eine Aufforderung oder Drohung oder sonst etwas sein sollte – auf jeden Fall drängt sich die Parallele auch für die NZZ auf.
Damals wurde in vielen Medien der islamischen Welt so etwas wie eine Sucht nach Gekränkt-Sein und eine Empörungs-Sucht unterstellt (ich fand damals diese Analyse gar nicht so daneben): Wenn sich jemand gekränkt fühlen möchte, kann nichts und niemand ihn davon abhalten, sich gekränkt zu fühlen. Offensichtlich gibt es diese Empörungs-Sucht auch bei vielen der heutigen Kritiker. Wobei ich sofort konzediere, dass es diese Empörungs-Sucht auch in anderen politischen und kulturellen „Lagern“ gibt. Eine Suchtentzug an dieser Stelle würde der Offenheit und Pluralität einer Gesellschaft nur zugutekommen.
Dr. Albrecht Grözinger ist emeritierter Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.