Von Karl Barth
Wenn ich mir Rechenschaft darüber zu geben versuche, wie ich eigentlich gerade auf die systematische Theologie gekommen bin, so muß ich bis auf mein 16. Lebensjahr zurückgreifen, in welchem ich einen in seiner Art ausgezeichneten Konfirmandenunterricht empfangen habe. Ich lernte zum Beispiel schon damals, daß es sich in den fünf mittelalterlichen Beweisen für die Existenz Gottes und in der spätorthodoxen Theorie von der Literalinspiration der Bibel um sehr zweifelhafte Unternehmungen handle – viel wichtiger aber: daß es eine schöne und gute Sache sein möchte, die großen Sätze des christlichen Glaubensbekenntnisses nicht nur zu kennen und zu bejahen, sondern von innen heraus zu verstehen. Am Abend meines Konfirmationstages beschloß ich kühnlich, Theologe zu werden: nicht etwa im Gedanken an Predigt, Seelsorge und so weiter, wohl aber in der Hoffnung, auf dem Weg dieses Studiums zur Realisierung eines mir dunkel vorschwebenden sachlichen Verstehens des Glaubensbekenntnisses zu gelangen. Von Anselm und seinem Programm der fides quaerens intellectum wußte ich damals noch nichts und darum auch nichts davon, daß, was ich mir als ‚Theologie‘ im allgemeinen vornahm, im besonderen eben die ‚systematische‘ Theologie war. Als ich dann zur Universität kam, wurden die theoretische und praktische Philosophie Kants samt Schleiermachers Analyse der Religion und des Glaubens meine Leitsterne. Ich schloß mich leidlich überzeugt der um 1910 herrschenden Richtung der jüngeren Nachfolger Albrecht Ritschls an: immerhin nicht ohne ein gewisses Befremden angesichts des Ausgangs dieser Schule in der Religionsphilosophie von Ernst Troeltsch, in der ich, ohne vorerst einen besseren Weg vor mir zu sehen, mit dem, was mich in der Theologie interessierte, nicht eben auf meine Rechnung kam. Es wurde mir, als ich nun eben doch für 12 Jahre Gemeindepfarrer wurde, hilfreich, genötigt zu sein, mich viel ernstlicher als bisher mit der Bibel als der Wurzel alles christlichen Denkens und Lehrens einzulassen. Der Apostel Paulus ist mir dabei in besonderer Weise zum Führer in die Wahrheit und Klarheit des biblischen Zeugnisses geworden. Wesentlich auf Grund des von daher empfangenen Anstoßes formte sich in mir von dem, um was es in der fides quaerens intellectum gehen möchte, eine Anschauung, die mich aus der von mir zunächst bejahten Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts ziemlich weit hinausführte. Sie bewährte sich mir aber, als ich mich, 1921 ins akademische Lehramt berufen, nun erst auf breiter Grundlage mit den älteren und neueren Gestalten und Richtungen systematischer Theologie, zentral mit der Theologie der Reformatoren, auseinanderzusetzen hatte.
Meine damals gewonnene und dann durchgebildete Ansicht von der Forschungsaufgabe der systematischen Theologie ist, in der hier gebotenen Kürze umrissen, diese: Sie hat – den bisherigen Gang des christlichen Denkens und Lehrens ständig vor Augen – der von der biblisch-exegetischen Theologie im einzelnen zu analysierenden Botschaft des Alten und des Neuen Testamentes in ihrer Einheit und Ganzheit (insofern ‚systematisch‘) nachzugehen. In ihr hat sie nicht nur ihren Real-, sondern auch ihren Erkenntnisgrund. Sie hat ihr also mit keiner allgemeinen, als normativ an sie herangetragenen Metaphysik, Erkenntnistheorie, Ontologie oder auch Religionsphilosophie zuvorzukommen. Sie hat sie aber auch nicht dem Gesetz irgendeiner kirchlichen Überlieferung zu unterwerfen. Sie hat sie in keinem Sinn zu beherrschen. Sie hat ihr zu dienen. Sie hat ihre Aussage zusammenhängend und folgerichtig (insofern wieder ‚systematisch‘) nachzuvollziehen. Sie hat ihr das erste Wort zu geben und das letzte zu lassen, damit sie im Reflex ihrer Auslegung für sich selbst sprechen möge. Sie fragt (als ‚Kirchliche Dogmatik‘) nach dem ‚Dogma‘, das heißt nach der ihr selbst wie der ganzen Kirche überlegenen Norm christlichen Denkens und Redens. In dem Maß, als sie die Botschaft, die ihr Gegenstand und ihre Quelle ist, in dieser ihr zukommenden Freiheit respektiert, ist sie selbst (der christlichen wie der nichtchristlichen Welt gegenüber) eigentümlich freie Wissenschaft.
Das Lehrziel der systematischen Theologie sehe ich in der dem Theologiestudenten ebenso im Blick auf seine künftige Arbeit als Gemeindepfarrer wie im Blick auf eine ihm vielleicht später zufallende akademische Tätigkeit unentbehrliche Einübung in einem an der der Kirche anvertrauten Botschaft möglichst streng orientierten Denken. Es geht dabei vor allem darum: ihm den Umgang mit diesem unerschöpflichen Real- und Erkenntnisgrund der systematisch-theologischen Wissenschaft interessant und lieb zu machen – weiter darum: ihn aus den vorkommenden Verkrampfungen, aber auch Verlotterungen religiöser Meinungsbildung zu lösen und, wohlverstanden: ihn auch vor einem blinden Nachreden der besonderen Thesen seines Lehrers auf die Hut zu setzen – endlich darum, ihn auch zu selbständigen, weiterführenden Bewegungen, aber auch zur Selbstzucht in deren Ausführung anzuleiten. In der Vorlesung bekommt der Student bei mir die Gelegenheit, die Entstehung je eines weiteren Teilstücks meiner ‚Kirchlichen Dogmatik‘ zunächst rezeptiv zu begleiten. Im Seminar lege ich alles Gewicht darauf, ihn an Hand geeigneter klassischer und moderner Texte in die Kunst eines ebenso aufgeschlossenen wie kritischen Lesens einzuführen, während er in der ‚Sozietät‘ und im englischen, beziehungsweise französischen Colloquium eingeladen ist, sich mir selbst gegenüber in den ihn beschäftigenden Fragen, Bedenken und Einwänden zu ergehen und meine Erläuterungen dazu entgegenzunehmen.
Zum Schluß einige Andeutungen über meine Ansicht vom allgemeinen Sinn der systematisch-theologischen Arbeit: Ich verstehe sie wie die Theologie überhaupt als eine lebensnotwendige Funktion der – kraft ihres Auftrags der Welt zugewendeten — Kirche. Die Kirche lebt von der sie begründenden und von ihr zu verkündigenden Botschaft als von Gottes an alle Menschen gerichtetem Worte. Ihre Verantwortlichkeit diesem Wort gegenüber ist groß. Sie hat es zu jeder Zeit nötig, ihre Praxis mit ihm zu konfrontieren, sie seiner Kontrolle, Kritik und Korrektur zu unterwerfen. Eben dazu bedarf sie in jeder neuen Zeit und Situation neu im besonderen der Arbeit der systematischen Theologie. Weil Zuspruch und Anspruch, Verheißung und Gebot, Gabe und Aufgabe im Worte Gottes – weil Glaube und Gehorsam, Erkenntnis und Tat in dessen rechter Aufnahme eine untrennbare Einheit bilden – und weil sich die Praxis der Kirche auch danach zu richten hat, bildet die sogenannte Ethik einen integrierenden Bestandteil der systematischen Theologie. Das bringt es mit sich, daß ihr Denken und ihre Sprache immer zugleich indikativischen und adhortativen Charakter haben wird. Auf diese ihre Beziehung zur Existenz der Kirche gesehen, ist sie kirchliche Wissenschaft, ‚kirchliche Dogmatik‘. Im übrigen lebt sie von der Wahrheit der Botschaft, an die sie sich selbst und die Kirche dauernd zu erinnern hat. Sie kann die Wahrheit des Wortes Gottes weder direkt noch indirekt beweisen wollen. Sein Sieg und Triumph intra et extra muros ecclesiae kann nicht ihr Werk sein. Sie hat seine Wahrheit nur eben in ihrer besonderen Weise – indem sie sich selbst daran hält – zu bezeugen. Sie hat nur eben auf deren Selbstbeweis zu vertrauen. Dieses Vertrauen ist ihre (‚apologetische‘) Kraft im Verhältnis zu den sämtlichen christlichen und nichtchristlichen Denkformen, Ideologien, Mythen, Weltanschauungen und Religionen. In diesem Vertrauen kann und darf sie ihnen allen, ihrer eigenen Sache gewiss und gerade darum offen, verständnisvoll und geduldig, in großer Hoffnung im Blick auf die noch in ihnen befangenen Menschen begegnen. In diesem Vertrauen bemüht sie sich, inmitten der übrigen Wissenschaften ihrem eigenen Gesetz getreu, womöglich gleich gründliche und saubere intellektuelle Arbeit zu tun. In diesem Vertrauen in Angriff genommen ist die systematische Theologie nicht nur eigentümlich freie, sondern bei aller schweren Verantwortlichkeit und Mühsal ihres Tuns eigentümlich sorgenfreie, ja fröhliche Wissenschaft. – So habe ich sie kennengelernt. Und darum reut es mich nicht, einst gerade in ihr meine geistige Heimat gesucht zu haben.
Quelle: Lehre und Forschung an der Universität Basel zur Zeit der Feier ihres 500jährigen Bestehens, Basel: Birkhäuser Verlag, 1960, S. 35-38.