Von Alexis von Roenne
Alexis Freiherr von Roenne (1903-1944) hatte sich aufgrund christlicher Gewissensbedenken nicht selbst am Attentat auf Hitler beteiligt, war jedoch freundschaftlich mit den Männern des 20. Juli 1944 verbunden und hatte damit Kenntnis über die Umsturzpläne. Er wurde unmittelbar nach dem 20. Juli festgenommen, dann zunächst wieder freigelassen. Zwei Wochen später wurde von Roenne erneut verhaftet. In seinen Vernehmungen durch die Gestapo gab er an, dass insbesondere die Rassenpolitik des NS-Staates mit seinen christlichen Wertvorstellungen unvereinbar sei. Er wurde am 5. Oktober 1944 vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und am 12. Oktober 1944 in Berlin-Plötzensee erhängt.
Den 24. September 1944
Als die Sterbenden — und — siehe, wir leben!
Gott ist die Liebe! Das ist die eigentliche Grunderfahrung aus einer besonderen, mir von Gott geschenkten Gnadenzeit von zwei Monaten. Dieser innerste und letzte Kern der Einstellung unseres Gottes zu uns wird so oft für unser Auge durch die Heiligkeit Gottes verborgen, die Ihn gegen alle Sünde Stellung nehmen läßt. Wenn wir aber unser Herz und Ohr Seinem Wirken öffnen lassen, dann sehen wir plötzlich, daß Er den Kampf gegen unsere eigene Sündhaftigkeit mit der allergrößten Liebe führt, nur getragen von dem Gedanken unserer Errettung, nicht unserer Vernichtung. In diesem Sinn habe ich Ihn in diesen zwei Monaten unablässig erleben dürfen, die mich mitten in äußerer Bedrängnis zu voller, beseligender Gotteskindschaft führten und mit vollster Zuversicht ausrüsteten für den letzten Tag der Prüfung und des Einganges in den Gottesfrieden, frei von Versuchung und Schuld. Es war ein ungeheures Erleben, Ihn stündlich am Werk zur spüren und rückschauend dann Seinen Plan zu erkennen, der im Augenblick oft ein hartes Erleben darstellte, der aber doch aus einer unlösbaren Kette von Erziehungsmaßnahmen bestand und einem einzigen großen Liebesziel diente: Meiner Errettung. An den Anfang der Zeit [seiner Inhaftierung] setzte der Herr ein [473] Offenbarungserlebnis, indem er mir ganz fest und deutlich sagte: „Du mußt jetzt sterben, aber Ich werde bei Dir sein!“ Tag und Ort sind mir noch genau gegenwärtig, sie lagen noch kurz außerhalb meiner Gefangenschaft. Mit diesem lauten Warnruf wandte der Herr sich mein wankelhaftes und flatterhaftes Herz voll zu und zwang mich zu demütiger Bitte auf die Knie. Er gab mir dann aus Sprüchen, die ich im Gedächtnis bewahrte, einige Tage Trost und Zuversicht und zeigte mir, daß Er immer noch am Werke war. Dann aber brachte Er für mehrere Wochen Sein Wort in meine Hand und hielt mir damit einen harten Bußspiegel vor. Immer wieder führte Er darin durch ein hartes Wort, z. B. über Rückfallsünden und über Mangel an Früchten des Geistes mich an den Rand der Hoffnungslosigkeit und ließ mich an der Vergebung fast verzweifeln. Aber dann gab Er mir immer wieder Kraft zum Gebet „und doch“ oder sandte mir in die Erinnerung ein tröstliches Gleichnis, wie das vom Verlorenen Sohn, vom Kananäischen Weib, vom sinkenden Petrus oder ein anderes Wort und ließ mir wieder Seine Nähe spüren. Allein aus dem Gefühl, unablässig im Kampf gehalten und gehämmert zu werden, gewann ich die Hoffnung, noch nicht verworfen zu sein, und ganz allmählich gewährte Er Augenblicke der Gnade. Dazu fügte Er viele kleine, äußerliche Prüfungen, die mir die Wahl ließen, mich zu verbittern oder an ihnen demütige Hinnahme aus Seiner Hand zu lernen. Zugleich schulte dieses äußere Erleben in der richtigen Einstufung von „Klein und Groß“ und ließ das Ewigkeitsproblem alles andere allmählich verdrängen. Im Ringen um Seine Seligkeit lernt man rasch Menschlichkeiten der Umwelt zu übersehen, an denen man sich sonst zerrieben und verhärtet hätte. Auch kleine körperliche Entbehrungen verschwinden im Lichte der Ewigkeit zu dem Nichts, das sie sind. Das Alles wurde klein und — Gott sei Lob und Dank! — man selbst auch! Dann zeigte mir der Herr in Seinem Wort den Weg der Heiligung und Seine Forderungen, die sich natürlich nur auf Überwindung äußerlicher, kleiner Versuchungen richten konnten. Und dann schenkte Er auch Kraft zu dem einen oder anderen kleinen Sieg, während Er mich oft genug straucheln ließ, wenn [474] ich, auf eigene Kraft trauend, Seine Hand einen Augenblick ließ. So arbeitete der Herr unablässig, Tag und Nacht in unermüdlicher Liebe strafend und durch Verlassung ermahnend und aufrichtend, das Gewissen schärfend, den Kampf gegen die zahllosen Angriffe des Satans (Zweifel und Versuchungen) leitend und Wachsamkeit fördernd. Oft waren es bitterschwere Augenblicke, Stunden am Tage, aber das Bewußtsein Seiner Liebe wurde doch immer stärker, das Ziel — meine unbedingte Errettung — immer klarer und beseligender, dazu kam das Gefühl, als ein verirrtes Schaf nun im letzten Augenblick noch auf Seiner Schulter zur Herde getragen zu werden. In den letzten zwei Wochen entzog der Herr mir wieder Sein Wort, das ich wochenlang an Seiner Hand durchgearbeitet hatte, ganz offenbar, um die letzte Zeit nur noch auf Gebet und unmittelbare Verbindung mit Ihm zu basieren. Er zeigte dabei durch das Schwanken dieser Verbindung alle Verfehlungen und führte zur Buße. Und immer größer wurde mir das Kreuz, das alle Schuld der Welt deckt und das zeitlose Denkmal Seiner Gnade und Liebe ist. Bis Er dann das beseligende Bewußtsein schenkte, daß auch alle meine Schuld doch zu Nichts geworden ist und daß Nichts mich zu scheiden vermag von der Liebe Gottes. Damit ist aber der Tod zu einer kurzen Station auf dem Himmelswege geworden, er ist verschlungen in dem Sieg und hat seine Schrecken verloren. Er ist nur noch ein dunkles Tor, hinter dem mein Heiland in dem auch mir bereiteten Gottesfrieden wartend steht, mich zu friedvoller Ruhe und zur Auferstehung in Reinheit zu führen. Damit ist aber auch das Ziel des Herrn mit mir herrlich hinausgeführt, weshalb Ihm Lob und Dank aus tiefstem Herzensgrund gebührt für Seine Gnadenzeit an mir und Seine unvorstellbar große Liebe. — Gott ist die Liebe! — Diese Gewißheit steht auch über dem anderen, großen, so überaus schweren Problem der zwei Monate: „Meine geliebte kleine Schar.“ [Seine Frau und seine zwei Mädchen.] Was hätte es bedeutet, mein Liebstes auf der Welt an dem gewaltigen Erleben meiner Errettung teilnehmen zu lassen, allein um ihnen die unerschütterliche Gewißheit von der Liebe Gottes, nicht Seinem Zorn und [475] Seiner Strafe auf den Weg mitzugeben. Es wäre mir die höchste Erfüllung meines Lebens gewesen — nun bleibt dieses herrliche tiefste, gemeinsame Erleben der grenzenlosen Liebe Gottes unserer Wiedervereinigung in Seinem Reiche vorbehalten. Ich selbst habe aus diesem Erleben dieser Liebe und Allmacht Gottes die felsenfeste Zuversicht geschöpft, daß Er meine liebe kleine Schar mit Seiner Liebe umschließen und mit Seinem Reichtum begnaden wird. Darum habe ich unablässig gefleht, immer wieder jedes Einzelne vor Gott gebracht mit Allem, wessen es äußerlich und innerlich bedarf: Trost, viel Liebe, Kraft, Mut, tatkräftige Hilfe, Gesundheit und vor Allem des Heilandes selbst. Ihn zu umklammern, auf die irdische Aufgabe zu blicken und auf das Wiedersehen droben, das sollen die drei Blickpunkte, das Ziel sein. Ihn, den Herrn nach diesem furchtbaren Schlag verzweifelt zu verlassen, das ist die Gefahr des Augenblickes, die den entscheidenden Halt und die Hoffnung auf das Wiedersehen vernichten würde. Der Herr wird in Gnaden davor bewahren und bald zeigen, daß Er wie eine Mutter tröstet, daß Er nun an meiner Stelle zwischen meinen Liebsten und dem Lebenssturm stehen und Kraft geben wird. Ich bete darum, daß Er bald die Erfahrung schenkt, wie Er nicht nur Hilfe aus seinem Reichtum gewährt, sondern das viel Wichtigere: Die Erfüllung des Herzens mit Frieden, Ruhe und Zuversicht. Bei Ihm ist vor allein der Ort zum Ausschütten des Herzens, Ausbreiten der Gedanken und vertrautestem Zwiegespräch über alles, was das Herz bewegt, enttäuscht oder bekümmert, dort ist Antwort, Klärung der Gedanken, Beruhigung des aufgewühlten Gemütes und unendliche Kraft zum Überwinden dessen, woran man sich reibt und stößt. In diesen Zwiesprachen wird einem wie nirgends anders klein das Kleine und groß nur der Herr und die Ewigkeit (für einen selbst und die Seinen), dort lernt man an Seiner Hand wirklich die Welt überwinden und ihre Probleme nicht als das Wichtigste anzusehen, auch Entbehrungen und alle Bitternisse als Teile eines großen Erziehungsplanes des Herrn, der mir die Seligkeit zum Ziel setzt. Doch lernt man, um alles, alles zu bitten, aber mit dem Zusatz, Dein Wille geschehe! Und damit ist eigentlich im [476] Letzten jedes Kümmernis überwunden, weil man es damit als ausdrücklichen Willensakt des liebenden Herrn anerkannt hat, der demütig hingenommen werden muß. Aber wie oft befreit der Herr dann auch von Kümmernissen, meist nach kurzen Bewährungsproben, aber königlich weit über Bitten und Verstehen! Auch die Beziehungen zur Umwelt und den Mitmenschen sind so entscheidend durch Gebet und Fürbitte zu beeinflussen, zu vertiefen und zu entspannen. Wie habe ich dieses alles in dieser kurzen Zeit erfahren dürfen, die so ganz in das Licht Seiner Gnade getaucht war. Ja, wir haben einen unendlich reichen und gnädigen Herrn, der jedes, auch das mühsamste Leben einer ringenden Frau, völlig zu durchleuchten, mit Seinem tiefsten, innersten Frieden zu erfüllen vermag. An Seiner Hand wird die Welt wirklich überwunden, sie gilt es zu halten in der vollen Gewißheit: „Gott ist die Liebe!“ Er wird das in Gnaden verleihen. Die Brücken zu Ihm sind Sein Wort und das Gebet, am besten vereint, indem wir betend um rechtes Verständnis zu Seinem Worte greifen und hinterher uns selbst darin zu entdecken suchen.
Wir werden uns fast immer darin finden als Fragende, als Gestrafte und werden als Ermutigte Ihm näher kommen, wenn wir Ihn um Kraft bitten, die Folgerung zu ziehen. Dann aber müssen wir auch mit allem und jedem Anliegen zu Ihm kommen, das uns bewegt. Er nimmt im Gegensatz zu den Menschen alles ernst und voll. Er hilft uns allein schon durch das Anhören, weil wir uns beim Gebet nie allein fühlen. Er schickt uns den heiligen Geist mit Kraft und Mut, auch wenn wir zur Bewährung länger auf Ihn warten müssen. Aber plötzlich spüren wir beseligt Seine Ankunft und Wirkung. Er will aber gebeten sein, Er will dadurch allmählich ganz zu dem entscheidenden Bestandteil unseres Lebens werden, ohne dessen Einschaltung nichts mehr geschieht, deshalb fordert Er Ausdauer. Der Herr selbst hat ganze Nächte hindurch gebetet, besonders vor wichtigen Entscheidungen. Er hat auch vergeblich gebetet (Gethsemane) und sich völlig verlassen gefühlt (am Kreuz). Aber Er hat nie nachgelassen im Flehen, sogar unter Tränen. Er kennt darum genau unsere Gebetsnot vor schein-[477]bar verschlossenem Tor. Er erzieht damit, entweder zur Ausdauer oder zur Räumung eines Hindernisses, das wir zwischen Ihm und uns gelegt haben. Wenn Er aber schließlich sprechen kann: Weib, dein Glaube ist groß, dann ist die Gewährung, oft auf ganz anderem Wege als gedacht oder geplant, da. Wer nur gewiß geworden ist, daß Er uns zutiefst lieb hat, der betet auch mit Zuversicht. Nicht, daß gerade die betreffende Bitte erfüllt, sondern daß Er überhaupt helfen wird. Wie oft ist mir gerade dort und dann Erfüllung geworden, wenn ich etwas abschloß mit den Worten: „Es ist offenbar nicht Dein Wille und also gut auch so.“ Da stand es plötzlich erfüllt vor mir, ein wundersames Erleben. Dadurch hat Er mir allmählich die Zuversicht als Grundhaltung geschenkt und mir aus Hebräer 10, 39 besondere Kraft gegeben: „Wir aber haben nichts zu tun mit dem Kleinmut, der ins Verderben führt, sondern halten es mit dem Glauben, der das Leben gewinnt.“ Daß dieses auch als Grundhaltung meinen Liebsten geschenkt würde, ist mein heißes Gebet! Mitunter zeigt uns der Herr allerdings Seinen unumstößlichen Willen in einer Sache, da ist es dann wohl richtig, seine Gebetskraft auf anderes zu richten. So ist es mir mit dem mir angekündigten Ende ergangen, und ich preise Ihn, daß Er mein Gebet fortan ganz auf das Ende in Seiner Gnade konzentriert, und dazu so herrliche Erfüllung schenkt. Aber die gleiche Zuversicht hat Er auch mir im Gebet für meine Liebsten gegeben. Er wird auch das hinausführen! Denn Er ist ja selbst die Liebe — immer wieder muß es gesagt werden — von ganz übermenschlicher, eben göttlicher Liebeskraft. Wer etwa gleichzeitig unter schwerer Anklage vor Seinem und einem menschlichen Gerichte gestanden hat, der wird das wunderbar inne. Doch wo Menschen nüchtern Schuld registrieren und ebenso nüchtern die vermeintlich vernichtende Folgerung ziehen, hält auch Er Sein Gericht, das Schuldberge zutage fördert, aber zugleich ist Seine göttliche Liebe nur auf ein Ziel aus: Die Errettung des Schuldigen! Und sie scheut Tag und Nacht keine Mühe, bis es erreicht, der Schuldbrief zerrissen und der Schuldner ein Gotteskimm geworden ist. Das erleben zu dürfen ist reichste Gnade. Kann ein solcher Gott [478] meine Liebsten in wahrhaftes Elend und Verlassenheit stoßen? Ich glaube es nie und nimmermehr, wenn sie bei Ihm vertrauend bleiben und dazu wird Er die Kraft schenken. Wohl können für sie, wie für viele, härteste Prüfungen kommen, vor denen ich sie sicherlich auch nicht hätte bewahren können. Nimmermehr aber wird Gott mich in unendlicher Gnadenarbeit zu einem seligen Ende retten und meine Allerliebsten ins Elend stürzen. Da heißt es also, sich unlöslich an Ihn klammern, Ihm vertrauen, mit Ihm planen, auf Sein Wort hinausführen. Auch auf dem Wege über andere Gotteskinder, die man suchen muß, kann Er Rat und Hilfe schicken und im großen, ernsten Geschehen der Zukunft alles in Gnaden hinausführen. Denn Er ist ja der Herr des Himmels und der Erden, vor dem wir stehen, dem alles ein Kleines ist! Das Größte aber, was Er zu schenken vermag, ist die Erkenntnis, daß Er uns lieb hat und die Gewißheit, daß nichts, weder Tod noch Leben, uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist. Wem das geschenkt ist, der hat Zuversicht und Frieden in aller Not der Welt und den Schlüssel zum Himmel und damit zum Wiedersehen! Daher hin zu Ihm!
Verfasst im Gefängnis Berlin-Plötzensee.
Quelle: Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933-1945, hg. v. Helmut Gollwitzer, Käthe Kuhn und Reinhold Schneider, München: Chr Kaiser, 3. erw. A., 1955, Seiten 472-478.