Niklas Luhmann über die Theoriegewinnung in seinem Vorwort zu Soziale System (1984): „Die Aufgabe ist dann, schon vorhandene Texte zu sezieren, zu exegieren, zu rekombinieren. Was man sich selbst zu schaffen nicht zutraut, wird als schon vorhanden vorausgesetzt. Die Klassiker sind Klassiker, weil sie Klassiker sind; sie weisen sich im heutigen Gebrauch durch Selbstreferenz aus. Die Orientierung an großen Namen und die Spezialisierung auf solche Namen kann sich dann als theoretische Forschung ausgeben. Auf abstrakterer Ebene entstehen auf diese Weise Theoriesyndrome wie Handlungstheorie, Systemtheorie, Interaktionismus, Kommunikationstheorie, Strukturalismus, dialektischer Materialismus – Kurzformeln für Komplexe von Namen und Gedanken. Neuheitsgewinne kann man dann von Kombinationen erwarten.“

Was Niklas Luhmann seinerzeit in seinem Vorwort zu Soziale System (1984) mit einer feinsinniger Ironie beschrieben hat, lässt sich mit einer entsprechenden Ersetzung der Begrifflichkeiten auf den Zustand der akademischen Theologie übertragen:

Vorherrschend kehren diejenigen, die sich für allgemeine Theorie interessieren, zu den Klassikern zurück. Die Einschränkung, durch die man sich das Recht verdient, den Titel Theorie zu führen, wird durch Rückgriff auf Texte legitimiert, die diesen Titel schon führen oder unter ihm gehandelt werden. Die Aufgabe ist dann, schon vorhandene Texte zu sezieren, zu exegieren, zu rekombinieren. Was man sich selbst zu schaffen nicht zutraut, wird als schon vorhanden vorausgesetzt. Die Klassiker sind Klassiker, weil sie Klassiker sind; sie weisen sich im heutigen Gebrauch durch Selbstreferenz aus. Die Orientierung an großen Namen und die Spezialisierung auf solche Namen kann sich dann als theoretische Forschung ausgeben. Auf abstrakterer Ebene entstehen auf diese Weise Theoriesyndrome wie Handlungstheorie, Systemtheorie, Interaktionismus, Kommunikationstheorie, Strukturalismus, dialektischer Materialismus – Kurzformeln für Komplexe von Namen und Gedanken. Neuheitsgewinne kann man dann von Kombinationen erwarten. Dem Marxismus wird etwas Systemtheorie injiziert. Interaktionismus und Strukturalismus sind, so stellt sich heraus, gar nicht so verschieden, wie man angenommen hatte. Webers »Gesellschaftsgeschichte«, ein auch für Marxisten möglicher Begriff, wird mit Hilfe der Parsons’schen Kreuztabelliertechnik systematisiert. Handlungstheorie wird als Strukturtheorie. Strukturtheorie als Sprachtheorie. Sprachtheorie als Texttheorie, Texttheorie als Handlungstheorie rekonstruiert. Angesichts solcher Amalgamierungen wird es dann wieder möglich und nötig, sich um ein Wiedergewinnen der eigentlichen Gestalt der Klassiker zu bemühen. Jedes biographische Detail bringt auf die Spur und ermöglicht die Sicherstellung des Klassikers quer zu dem. was als Theorie aus ihm abgeleitet wird.

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