Martin Kählers Vortrag zum 100jährigen Jubiläum der British and Foreign Bible Society am 7. März 1904 ist ein bemerkenswertes Zeugnis einer „Evangelischen Internationale“ wider den Nationalismus und Chauvinismus seiner Zeit:
Die Bibel, das Buch der Menschheit
Von Martin Kähler
Die Mission erfüllt eine einfache Pflicht der Dankbarkeit, wenn sie die Säkularfeier der „britischen und ausländischen Bibelgesellschaft“ mitbegeht. Freilich hat die ganze Kirche, so weit sie evangelisch ist, allen Grund das zu tun; doch gilt das von derjenigen ihrer Lebensäußerungen sonderlich, die wir in der äußeren Mission pflegen. Seit 1804 hat diese Gesellschaft Bibeln, Neue Testamente oder deren Stücke in 370 Sprachen und Dialekten hergestellt und diese sind zum Teil in den Dienst der Mission übergeführt. Dafür sind wir alle ihr sicherlich im Namen des uns Evangelischen allen befohlenen Dienstes am Worte Dank schuldig. Schon vor dieser Gesellschaft hat es Anstalten für billige Herstellung von Volksbibeln, auch Vereinigungen zu deren Verbreitung gegeben, wenn auch nicht viele; heute gibt es eine ansehnliche Anzahl solcher neben ihr. Indeß sie dienen mit wenigen Ausnahmen bloß einem begrenzten Kreise, zumeist dem eignen Volke. Anders die britische Gesellschaft. Als man dort vor hundert Jahren beriet, etwas für die Versorgung von Wales mit wälischen Bibeln zu tun, fiel das Wort: „Wenn für Wales, warum nicht für das ganze Land und für die ganze Welt.“ Dieses Wort ist das Samenkorn, aus dem der heute so gewaltige Baum aufwuchs. So groß die Leistung der am 7. März 1804 gestifteten Gesellschaft auch ist: ihre Drucke in 370 verschiedenen Sprachen und Dialekten; fast wertvoller will uns dieser Fingerzeig auf die ganze Welt bedünken, dieses Bekenntnis zu der weltumfassenden Sendung des geschriebenen Gotteswortes, zumal es nun durch eine treue Arbeit eines Jahrhunderts betätigt und von einer Vertretung der gesamten evangelischen Christenheit getragen wird, von den Anglikanern bis zu den Quäkern, in der Tat unter jedem Gesichtspunkte ein weltumfassendes Menschheitswerk. Wir wollen uns alle von jenem Fingerzeige leiten lassen.
„Dieses Buch gehört der Jugend“, so hat ein findiger Verfasser oder Verleger eine Kinderschrift betitelt. „Dieses Buch gehört der Menschheit.“ Diese Überschrift setzt die Geschichte auf den Titel des Buches der Bücher. Sie wird durch eine nüchterne und aufmerksame Erwägung seines Inhaltes erfordert und für die bibellesende Christenheit schreibt sie der heilige Geist mit leuchtenden Zügen darauf.
Mit ihren Übersetzungen in 416 Sprachen[1] ist sie freilich noch nicht in dem Sinne Buch der Menschheit, daß schon alle Völker und Stämme sie als Volksbuch besäßen. Um das zu beweisen, braucht man nicht erst weiter daran zu erinnern, daß in den christianisierten Völkern Millionen sie kaum noch oder gar nicht mehr kennen, nicht besser als die Millionen der Völkermassen dort, wo die Mission eben erst eindringt. Aber das darf man trotzdem kühnlich sagen:
I. Die Bibel wird das Buch der Menschheit.
Von ihren Anfängen her hat sie es werden sollen. Die Phalanx des großen Alexander trug die griechische Sprache bis an die Grenzen Indiens und der eiserne Tritt der römischen Legionen eröffnete ihr das Abendland, so weit nicht schon die kecken, hellenischen Kolonisten ihre Pflöcke gesteckt hatten. Der alten Sage nach hat ein hellenischer König von Ägypten dafür sorgen müssen, daß die Bibel der Juden das neue Gewand der Weltsprache anzog; und Weltsprache war das Griechische damals verhältnismäßig mehr als heute das Englische. Jedenfalls gilt dieses Werk des alexandrinischen Judentumes „als erster Versuch, auf dem Gebiete der Mittelmeerkultur, von einer Sprache in die andere zu übersetzen.“ Hat sie damals dem Proselytismus dienen sollen, so hat sie ein dein Universalismus zugewendetes Antlitz. Und gewiß ergoß sich in diesen wohlbereiteten Kanal, in das Griechische der jüdischen Diaspora, der klare Strom des Evangeliums, um den Befehl zu erfüllen: „machet zu Jüngern alle Nicht-Juden.“ Und dann ist anderthalb Jahrhunderte nach Jesu die zweiteilige griechische Bibel im Gebrauch; zweihundert Jahre darauf trägt sie allgemein den auszeichnenden Namen „die Bücher“, nachher „das Buch“. Sobald und soweit die griechische Weltsprache nicht mehr ausreicht, wird die Kunst der Übersetzung an der Bibel fortgeübt. Zwei wichtige Erzeugnisse derselben tragen den vielsagenden Namen: „Die allgemein gebrauchte“. Die eine ist die lateinische; sie hat das Muster für die einheitliche Kultursprache bis gegen die Reformation hin gebildet. Auch die andre, die syrische hat nicht bloß den Syrern gedient; man hat Exemplare von ihr aus Ägypten, aus Malabar und aus China erhalten.
Drang das Christentum in ein neues Sprachgebiet ein, so begann auch bald die Arbeit daran, dem Volke die Bibel zu schenken; schon in der älteren Zeit im Notfall zugleich mit dem Alphabet als Beginn einer Literatur überhaupt. Die nächstliegende Probe bietet das Werk des Ulfila. „Er ist uns Führer zu den Geheimnissen der nationalen Urzeit; er hat sein ganzes Volk überlebt. Die gothischen Lieder, welche einst den Kern unsrer Heldensagen ausmachten, sind längst verklungen: die gothische Bibel in stattlichen Bruchstücken steht mitten in unserer Wissenschaft (der Germanistik) als Heiligtum aufgerichtet und verehrt, unvergangen, unvergänglich.“[2] Dieses Heiligtum der Altertumsforschung ist nur das Morgenrot eines langen Arbeitstages, auf dessen Höhe Luthers deutsche Volksbibel steht. Sie ist gewiß die Frucht, erwachsen aus der seltenen geistigen Kraft und dem ehernen Fleiße dieses einen Mannes, und erst er hat uns Deutschen die allen zugängliche Bibel geschenkt. Aber Jahrhunderte lang ist zuvor daran gearbeitet worden, unsre Muttersprache in ihren verschiedenen Mundarten dazu fähig zu machen, um dem geistigen und geistlichen Inhalt der heiligen Schrift den entsprechenden Ausdruck zu geben, der ihn deutschen Ohren und Herzen verständlich mitteilt. Schon im neunten Jahrhundert konnten die ersten Versuche dazu gemacht werden; von da ab haben sie im Ober- und Niederdeutschen nicht aufgehört und schon vor Luther gab es 14 hochdeutsche und 4 niederdeutsche vollständige Bibeln, 22 Psalter und 12 einzelne Bücher im Druck, die wir heute noch kennen. Dann sind die Volksschulen gekommen, die jeden lehrten, zumeist die Bibel zu lesen; dann die Kansteinische Bibelanstalt mit ihren billigen Stereotypdrucken; dann die Bibelgesellschaften. So ist die Bibel zum Volksbuche geworden.
An diese großenteils bekannten Tatsachen fei hier erinnert, um an dem uns zunächst liegenden Beispiele zu zeigen, wie die Bibel das Buch der Menschheit wird. Sie wird es zuerst mit der Ausbreitung des Christentumes und dann mit der sauerteigartigen Aus Wirkung des Evangeliums innerhalb der Kirchen. Beides will durchaus zusammengeschaut sein. Im einzelnen ist der Hergang ein sehr verschiedener gewesen, aber überall war es das Ziel der missionierenden Kirche, jedem bekehrten Volke die Bibel in seiner Sprache zu geben und nur selten hat die Fähigkeit dazu ganz versagt.[3] Der Streit über die Bibeln in der Volkssprache seit Innocenz III. ist nur ein Beleg dafür, daß das hierarchische Bibelverbot an die Laien ein Abfall von der Grundrichtung war. Wenn die Evangelischen diese Richtung grundsätzlich innehielten, so kam dem Eifer für die Darbietung des Gotteswortes fortschreitend die Gunst der Vorbedingungen entgegen, die Entwickelung des Buchdruckes und Buchhandels und die Fortschritte in der Sprachkunde. Sie sind nun vollends in den Dienst gestellt, seit der neue Ansatz der umfassenden evangelischen Mission eintrat. Die eingangs aufgeführten Zahlen beweisen, daß die Bibel im Begriff ist, durch den Dienst der Mission Buch der Menschheit zu werden, sofern Volk für Volk, Stamm für Stamm die Bibel in seiner Sprache erhält. Ohne Zweifel hat die Kirche heute eine bedeutende Erleichterung für diese Aufgabe daran, wie sich die Technik der Linguistik entwickelt hat. Man hat meistens die Kunst des Übersetzens von Kind auf gelernt; sie läßt sich dann leichter auf immer neue Sprachen übertragen. Doch darf hier nicht übersehen werden, daß in vielen Fällen die Missionare der Linguistik mehr gedient haben als diese ihnen; nämlich dort, wo sie den Rohbruch zu betreiben hatten. Die unsäglich mühevollen Versuche, wildgewachsene Sprachen erst zu verstehen, dann zu stammeln, endlich zu sprechen, den gewonnenen Ausdruck dann in Laute aufzulösen und in Schrift auszudrücken, um ihn endlich für die Übersetzung eines Evangeliums zu verwenden — diese Kunst haben unsre Missionare zuerst und wohl auch zumeist nicht bei Sprachforschern gelernt, sondern die Menschenliebe hat sie diese Kunst erwerben lassen und sie hat hier und da dann ein schlummerndes Talent oder auch Genie erweckt. Nicht Berechnung, sondern Menschenliebe hat dazu getrieben, solche Arbeit auch für unverkennbar absterbende Stämme oder Sprachen zu übernehmen. Die Liebe zur Menschheit geht hier den entgegengesetzten Weg als die Kultureroberung; während diese dahin zielt, der Bequemlichkeit des Verkehres eine einzige gleiche Kultursprache zu Dienst zu stellen, strebt die Liebe Christi dahin, jeder gewachsenen Menschenart das neue große Gut des Gotteswortes auch in ihrer Sprache voll zu eigen zu geben.
Kritisch oder höhnend mag man auf die Unvollkommenheit mancher dieser Übersetzungen der Bibel Hinweisen. Gewiß, der Eifer vergreift sich; er läßt vielleicht voreilig die Unfähigkeit oder Unfertigkeit übersehen. Um billig zu urteilen, dazu haben wir den geschichtlichen Rückblick. Diese Arbeiten der Neuzeit sind bestenfalls hundert Jahre im Gange, zumteil kaum Jahrzehnte; bis sie zu vollkommneren Leistungen führen, wird es gewiß nicht so lange dauern, wie von Ulfila, Otfried und Heliand bis auf Luther! Die Entwickelungen verlaufen jetzund rascher. Ob dem Kappadokier Ulfila seine Herkunft für die Behandlung seiner adoptierten gothischen Volkssprache hemmend oder fördernd gewesen, kann man schwerlich noch ausmachen. Gewiß wird niemand so wie Luther in eine andre als in seine Muttersprache übersetzen; und die aufopfernden Männer, welche den Kulturvölkern, wie denen ohne Schrift und Literatur die ersten Bibeln in ihren Sprachen lieferten, werden sich noch im Himmel freuen, wenn ihre Versuche durch vollkommene Leistungen eingeborener Christen Überboten werden. Wir sehen freilich nur die Anfänge dazu, daß die Bibel Menschheitsbuch wird: aber wir sehen sie und sie versprechen viel.
Sehen wir etwa zugleich, daß sie aufhört es zu sein? Deuten nicht manche Zeichen darauf, daß die europäische Menschheit mit Lessing beginnt, sie als ein überwundenes Elementarlesebuch beiseite zu schieben? Wir klagen doch über den Rückgang des Eifers im häuslichen Bibellesen oder streiten mit geschichtlicher und sachlicher Kritik über den Wert der Bibel. Dem Bildungsjanhagel ist sie zum Spott geworden. Die gebildeten Inder wissen das von unsern Buddhisten; die Japaner und Chinesen hören es von unsern fortgeschrittenen Theologen. Sieht das nicht nach verlöschendem Abendrot aus? — Urteilen wir nicht allzu eilfertig nach der Mode! Die Dinge nehmen heutzutage leicht weite Maße an. Übrigens haben schon die jungen Promovenden der Sorbonne, wie römische Kardinäle im 15. und 16. Jahrhundert die Bibel als Fabelbuch verspottet und Luther hörte von einem Erfurter Lehrstuhl: „was Biblia! Biblia ist ein Ketzerbuch.“ Darnach kam trotzdem die große Epoche der Bibelkirchen. Das Werden der Menschheit und ihrer Dinge mißt nach andern Maßen. Ganze Generationen können der Bibel entfremdet sein und doch bleibt die Bibel Volksbuch. Wieder sei an unsre Geschichte erinnert. Die Macht der Gewöhnung ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite hält sie zähe an einem vertrauten, auch an einem nicht selbst erprobten Besitz, auf der andern macht sie die Dinge abschmäckig. Auch bei der Gewöhnung an den Gebrauch der Bibel läßt sich das im Wechsel der Generationen beobachten. Der durch Schule und Predigt gewissermaßen abgetretene Inhalt verliert das Fesselnde. Aber wenn diese Bibel erst in Geringachtung, hinterher schier in Vergessenheit geraten ist, und man kommt wieder in Berührung mit ihr, wie ergreift dieses uralte Buch die Sinne und Herzen als ein ungeahntes Neue! Die Beispiele von einzelnen und von ganzen Geschlechtern sind dafür zur Hand. Dichter und Denker wie Chateaubriand, Hamann und Herder entdecken sie wie neu und werden zu ihren Propheten. Und dann kommen die Zeiten, wie im Anfange des vorigen Jahrhunderts, wo sich die führenden Geister mit den Stillen im Lande berühren, denen dieses Buch immer der höchste Schatz geblieben war.
In solchen Bewegungen kommt es eben zutage, wie tief dieses eine Buch mit der ganzen geistigen Entwickelung christianisierter Völker verwachsen ist. Die Sprache in ihren Ausdrücken und Anschauungen ist von biblischen Stoffen gesättigt. Wenn man im Ernst den Vorschlag wagt, uns an Stelle des Christentumes einen Goethekultus zu empfehlen, dann kommt man nicht aus ohne die Ausdrucksweisen, die Paulus und Johannes der Christenheit für ihr Verhältnis zu dem lebendigen Christus geprägt haben. Ein berühmter Stylist der Kunstgeschichte aus der römischen Kirche klagte einem Freunde: was habt ihr doch vor uns voraus, weil ihr von Kind auf an der Lutherbibel gebildet seid! Das sind kleine Stichproben; sie können jeden auf zahlreiche und umfassende Beobachtungen führen. Was dankt Klopstock, der Erneuerer unsrer Dichtersprache der Bibel! Was hat den Bändchen des Wandsbecker Boten ihre Dauerkraft neben den Schöpfungen der ersten Geister des 18. Jahrhunderts verliehen als sein schlichter edler Biblicismus? Es wäre eine lohnende Arbeit, einmal herauszustellen, in welchem Umfange biblisches Sprachgut, biblische Bilder, ja recht eigentlich biblische Anschauungen sich bei Goethe und Schiller nachweisen lassen. Für den Sprüchwörterschatz ist das schon teilweis geleistet. Daran wird eben nur erinnert, um zu erweisem unser Volk müßte sich selbst und seine Entwickelung vergessen, es müßte die Schatzkammer seiner edlen Sprache zur Bettlerin machen, wenn es die Verwachsung seines reichen Geisteslebens mit der Bibel loswerden wollte. Daß dergleichen versucht und erstrebt wird und noch heftiger versucht werden mag, soll hier nicht im mindesten verkannt und geleugnet werden. Es soll nur anschaulich gemacht werden, daß das nur das Trennen am Gewände der Penelope sei. Mag es für gewisse Kreise und Zeitabschnitte gelingen; jedes sich Besinnen auf den Brunnen, aus dem unser Geistesleben geflossen ist, auf die Wurzeln, aus denen sein saftreicher Stamm aufstieg, führt immer wieder auf die deutsche Volksbibel von Ulfila bis Luther zurück. Das Gleiche gilt in andrer Art und in andern Maßen von den christianisierten Völkern insgesamt.
Aber auch weit über sie hinaus. Und zwar ist es eben das Blich, dem sich für die Erweisung und Geltendmachung seiner Universalität der Austausch der Sprachen, die Presse und der Bildungsdurst der vorandrängenden Menschheit zu Dienst stellen muß. Freilich gibt es in der Mission seit den Zeiten des Irenäus Lagen und Zeiten, da greift das Christentum und sein mündliches Wort wie in den Tagen der Apostel über den Wirkungskreis der Bibel hinüber. Allein mit dem Eintreten oder Vorhandensein entwickelterer Bildung ändert sich dieses Verhältnis bald. Durch den Buchhandel und die Schule kommt die Bibel zu vielen, welche Berührungen mit Missionaren entbehrten oder mieden. Und dabei ist mehr im Spiel als die einfache Kenntnis vom Christentum. Manche werden auf Christus aufmerksam und erhalten nachhaltige Eindrücke. Ferner hält diese an sich stumme Bibel eine sehr wichtige Verteidigungsrede. Kommen die Heiden soweit, die Christen mit ihrer Bibel zu vergleichen, dann kommt auch die Bibel bei ihnen in die Lage, ihnen zu zeigen, woran das Christentum bei den Christen nicht schuld ist. Allerdings bietet diese Vergleichung anders gewendet auch wieder Anlaß zum Unglauben, nämlich inbetreff der Macht des Evangeliums; doch hat hier die Lanze des Peliden auch die Heilkraft für die geschlagene Wunde. Der aufmerksame Leser der Bibel wird von dem falschen Idealismus geheilt, das Evangelium für eine unfehlbar wirkende Medizin zu achten; sie erzählt ja die lange Geschichte des Glaubens, aber auch die des Unglaubens von Adams Fall bis zur Verstockung Israels.
Volksbücher hat man solche Schriften genannt, die eine Zeit lang in den Händen niederer Schichten fortlebten, ohne in die Höhe der Bildungsschriftstellerei hinaufzusteigen. In diesem Sinne ist die Bibel auch nach der Reformation nicht alsbald Volksbuch geworden; sie blieb zunächst erklärlicherweise ein Buch der Gebildeten. Aber man darf auch in einem andern Sinne als dem herkömmlichen von einem Volksbuche reden. Goethes Dichtungen, selbst nachdem sie aufhörten, unmittelbar durchzuschlagen, und ehe der unbedingte Goethekult begann, sind doch Volksbücher gewesen, weil sie durch den engeren Kreis seiner Leser die Entwickelung des uns beherrschenden Geistes tief und weit mitbestimmt haben. In diesem Sinne war die Bibel schon im Mittelalter etwas von einem deutschen Volksbuche, und sie wurde das in vollstem Maße seit der Reformation; sie bleibt das nach den obigen Ausführungen auch, mögen noch so viele Glieder unsres Volkes ihrer unmittelbaren Einwirkung entzogen bleiben. In eben diesem besondern Sinne wird die Bibel das Buch der Menschheit. Begehen wir jetzt das Gedächtnis der bedeutendsten Bibelgesellschaft, so kann uns ja freilich das Anliegen nicht fremd sein, die Bibel womöglich in die Hand jedes Menschen zu bringen. Doch bei einigem Besinnen müssen wir uns sagen, daß hier ein mechanisches Zählen nicht am Platze sei. Will London wie andre Gesellschaften auch seine Bibeln an möglichst viele Menschen verteilen, so muß es doch zu dem Ende vielfach zuerst dafür sorgen oder dazu helfen, daß. die Bibel zum Buche ganzer Völker werden könne. Eben die Grenzen, welche die Sprachen setzen, bedingen diese Bescheidung; dieser Schranke gegenüber ist schon der Anfang einer christlichen Literatur ein errungener Sieg auf dem Zuge zur Eroberung der Menschheit. Das aber ist wieder nur ein Zug an der Geschichtlichkeit, in der Gott sein Heil nach seinem Ratschlusse darbietet. Vergessen wir dabei nicht, daß die Menschheit selbst erst wird. Die Menschheit ist ja nicht nur die ausgezählte Summe aller zu allen Zeiten lebenden Menschen; ja recht verstanden, ist sie das überhaupt nicht. Die Menschheit ist vielmehr der neue einheitliche Wuchs, der die verwesenden Trümmer des natürlichen Stammes, indem er sich aus ihnen erhebt, in sich aufzehrt und die zerfallende Völkerwelt in sich aufnimmt, um sie neu zu gestalten. Diese neue Menschheit wächst trotz aller Völkerselbstsucht unaufhaltsam empor unter der mächtigen Leitung der Vorsehung, aus ihren kleinsten, unerkennbaren und aus ihren größesten, in die Augen springenden Fügungen. Die eine große Epoche dieser Entwickelung nennt die Bibel selbst die Fülle der Zeiten. Eine zweite war die mittelalterliche Kirche in ihrer Umspannung der werdenden modernen Völker. Eine dritte bildet der die Erde umspannende Verkehr der modernen Kultur, vor dem sich die ehernen Tore verholzter Sonderkulturen Schritt für Schritt widerwillig öffnen müssen. Für die erste Stufe hat Gott seine Bibel bereit gehalten, damit sie ihren Gang zugleich mit jenem äußeren Wachstums mache, in dessen Innerem sich die Menschheit des andern Adam regt. Heute sind Wissenschaft, Technik und Weltverkehr in unverkennbarem Anbruche dabei, die alte Welt, wie es zuerst der neuen Amerikas widerfahren ist, trotz aller Völkerselbstsucht zum Mischtopfe der Völker umzugestalten. Zugleich bieten sie die Mittel dar, um in diesen gewaltigen Scheffel Mehles den Sauerteig in der Gestalt der Bibel zu mischen. Diese bedeutsame Tatsache verkündigt in unabweislicher Veranschaulichung die Bibelsammlung der Londoner Gesellschaft.
So wird die Bibel das Buch der werdenden Menschheit. Sagt uns nicht: „was ist das Besondres? Mit der werdenden Menschheit wird die Weltliteratur, und in der Weltliteratur wird natürlich auch die alte Bibel der Christenheit ein Buch der Menschheit, wie alle großen Bücher, deren jedes ein großes Stück des Menschheitsschatzes bildet; wie namentlich die Religionsbücher sonst, der Koran, die Veden, der Zendawesta.“ Das ist einfach nicht die Wirklichkeit. Was im Begriffe steht, die Bibel zum Menschheitsbuche zu machen, das ist eben nicht die Weltliteratur. Wohin kein Strahl der Weltliteratur gedrungen war, haben unsere Missionare die Bibel gebracht. Sie ist die Fackel, welche vieler Ecken und Enden der Weltliteratur den Weg zeigt, ja hundertfach ihr erst den Weg öffnet und ebnet, indem in ihrem Dienste Sprache und Schrift geregelt und geschaffen wird. Auch bei den alten Kulturvölkern dankt die Bibel ihre Einfügung in das Schrifttum nicht dem Fortschritte der Bildungserweiterung, sondern dem Werben christlicher Liebe um die Seelen, denn sie folgt der Mission auf dem Fuße. Sie geht ihren eignen Weg vor und neben der Weltliteratur. Sieht man auf die andren Religionsbücher hinüber — vom Inhalte sehen wir einstweilen ab — so sind sie freilich der wachsenden einheitlichen Menschheit bloß durch den Betrieb wissenschaftlicher Forschung bekannt gemacht. In ihren Spuren gehen die totgebornen Ansätze einer Propaganda der altorientalischen Religionen innerhalb der verwirrten und abgefallenen Schichten der europäischen Christenheit. Der Islam hat allezeit die Völker nur zu Knechten des Koran in seinem unantastbaren arabischen Wortlaute machen wollen; er hat nichts dazu getan, um sein heiliges Buch zum Eigentum jedes Volkes in seiner eigenen Sprache und so zum Buche der Menschheit zu machen.
Noch vor 150, ja vor 100 Jahren mochte man über den Traum lächeln, die Bibel könne jedem Volke in seiner Sprache dargeboten werden. Wer sollte aller dieser Sprachen Herr werden? Zum guten Teil wenig geschulte Leute, ehemalige Handwerker und Landarbeiter haben es geleistet. Wo sollte das Geld allein für den technischen Bedarf zu diesem Ziele Herkommen? Inzwischen hat sich das Wort wieder bewährt: mein ist beides, Silber und Gold. Und es hat nicht an denen gefehlt, die dem Aufrufe folgten: wen sollen wir senden? Noch fehlt viel an der Ausführung bis ins einzelne. Aber über die Möglichkeit darf niemand bedenklich den Kopf schütteln. Mag auch etwa ein Zögern im Fortschritt eintreten; mögen die Ausbrüche des Völkerhasses hemmen und zerstören. Daß auch sie dienen und fördern können, konnten die Mitlebenden an China lernen. Fast alle Küsten sind erobert; die Posten sind tief in das Innere der Kontinente und Inseln vorgeschoben. Ob in Asien über die erstorbenen Kirchen ein Auferstehungsgeist kommen wird? ob in der russischen Kirche Stundismus oder Raskol den Frühling des Bibeleifers aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts wieder erneuern wird? Ob die Londoner Gesellschaft noch den Innerasiaten ihre Bibeln drucken wird? Solche Fragen an die Zukunft müssen verstummen vor dem Rückblick auf den großen Ruck des 19. Jahrhunderts. Was in dieser Zeit der Herr der Kirche dem Glauben und der Liebe hat gelingen lassen, das darf uns zum Unterpfande dafür gelten: die Bibel ist nicht bloß ein bedeutendes Buch in der werdenden Weltliteratur, nein, sie wird das Buch der werdenden Menschheit.
Nicht nur ein Menschheitsbuch unter andern. Ob es sonst noch Menschheitsbücher geben wird? Zweifellos geht mit dem Strome der einheitlichen Entwickelung ein literarischer Gemeinbesitz in die Dauer fort, und eben dadurch auch in die Breite. Schwerlich wird der Grundstock der allgemeinen Bildung, die Antike, je ausgeschaltet werden. Das Christentum trägt das Seine dazu bei; was es einst selbst belebt hat, läßt es nicht leicht sterben. Indes, schon heut ist die Antike wirksamer Besitz doch nur für die führenden Schichten und selbst für sie nur teilweise. Wir sehen dabei ganz von individueller Wahl ab und halten uns an die durchherrschende Sachlage. Wo man dagegen die Bibel in einen Lebenskreis hineinbringt, sieht man es, mindestens im weiteren Verlauf, immer darauf ab, sie unterschiedlos zum Gemeinbesitze zu machen. Denken wir nur an den Streit um die Schulbibel für die Volksschule; das ist Symptom. Der Christenheit im Ganzen ist und bleibt sie das Buch. Und wenn man meint, einzelne Bücher um ihrer Verbreitung willen neben sie stellen zu sollen wie die Nachfolge Christi oder die Pilgerfahrt, so nimmt man einesteils den Standpunkt für die Abmessung in zu engen Kreisen und andernteils bringt man nicht in Anschlag, daß solche Bücher ihr Bestes aus der Bibel haben.
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Die Bibel wird — wir verfolgen das beobachtend durch die Jahrhunderte — das Buch der Menschheit. Sie wird es durch einen vielteiligen ineinandergreifenden Vorgang. Halten wir einen Augenblick still und übersehen einigermaßen seine Schritte. In diesem Vorgange vollzieht sich zum großen Teil der Dienst am Worte, wie er in dem Missionsbefehl unsres Herrn gefordert und geordnet ist. Dazu gehören sehr verschiedene Tätigkeiten; sie gehören zum Unterricht oder dienen ihm, oder sie sind Stücke des öffentlichen Gottesdienstes. Mit dem Vorlesen, Übersetzen, Auslegen beginnt es. Dann folgt Abschreiben, Drucklegung, Buchhandel, Vereinigungen zur Herstellung und Verbreitung, Kolportage in verschiedenen Formen. Alle Verkehrsmittel werden in Anspruch genommen; die Wissenschaft wird in verschiedenster Art in Dienst gestellt. Eine kurze Aufzählung — und welche Summen von Arbeit und Hingebung ist nun durch siebzehn Jahrhunderte an die Lösung der Aufgaben verwendet, die unter diese dürren Überschriften befaßt sind. Wie würden manche staunen, wenn sie einen Einblick auch nur dahinein gewönnen, welcher „demantene“ Fleiß allein an die Erhaltung und Reinigung des Wortlautes bis in diese Stunde gesetzt werden mußte und gesetzt worden ist! Ein gewaltiges Heer von Dienern hat diesen langsam, aber stetig fortschreitenden Siegeszug getragen. Wer hat es geworben, immer neu gesammelt, zweckdienlich geordnet und zur rechten Zeit an die rechten Plätze geführt? Im tiefsten Grunde die Begeisterung für den Universalismus des Evangelium; das heißt doch: die Sendung, die Mission Jesu. Was ist denn eine tatkräftige Bibelgesellschaft anders als eine Schar von Freiwilligen, denen es zu Herzen gegangen ist, was sie selbst ihrer Bibel danken und im Vergleiche mit den andern Menschen ihr schulden und was sie darum allen Menschen gegenüber der Bibel schuldig sind (vergl. Röm. 1, 14)? Wir glauben an das verborgene Walten unsres Herrn über seine Christenheit; aber wir meinen doch nicht, daß es sich lediglich durch besondre Eingebung vollziehe: und unter den aufgezählten Arbeiten sind eine ganze Reihe, die wohl am wenigsten den Zug der Abkunft aus unmittelbarer Inspiration an sich tragen. Der Herr der Kirche wirkt auch hier im Anschluß an sein geschichtliches Mittel; er wirkt den Dienst an seiner Bibel durch eben dieses „Buch, von Gott dem heiligen Geist seiner Kirche gegeben.“ Herrscht unter uns des Meisters Geist durch des Meisters Bild, so kommt dieses Bild zu uns, wird unter uns frisch und lauter erhalten, wirkt auf uns eben — sei es unmittelbar, sei es mittelbar — aus seiner Bibel heraus und durch ne. Die Bibel selbst wirbt sich das Heer ihrer Diener; denn sie ruft immer wieder den Eindruck hervor: dieses Buch gehört der Menschheit; es darf keinem ihrer Völker, keinem ihrer Glieder vorenthalten werden. In der Geschichte der Bibel kommt am Ende nur zutage, was sie ihrer Bestimmung, was sie auch erkennbarer Weise ihrer Beschaffenheit, ihrem Inhalte nach ist.
II. Die Bibel ist das Buch der Menschheit.
Deshalb kann sie das Buch der Menschheit werden und wird es. Und sie ist das Buch der Menschheit, weil sie das jedermann verständliche Buch von der Menschheit ist.
Voran: Der Bibel dankt die Menschheit das Bewußtsein darum, eine Menschheit zu sein.
Einem jeden Volke gelten die andern für Barbaren; über sie erhebt es sich im Stolz auf seine Autochthonie oder auf seine gewaltsam erworbene Vorherrschaft. Als eine Volksherrlichkeit nach der andern verwelkte, als sie schließlich unter das eherne Szepter Roms gebeugt waren, da zerfielen diese Völker vor dem eigenen Blick in eine Masse von ringenden Einzelnen, und vor dem Bewußtsein der Denker erhob sich die Menschengleichheit und eine Ahnung von der Menschenachtung. Längst indes zuvor wußte ein, nach seiner eigenen Erinnerung junges Volk von einem einheitlichen Anfang alles Menschenlebens, von seiner Zerschlagung in Zungen und Stämme, von seiner Bestimmung zu seiner Vereinigung. Nur Israel unter den alten Völkern kennt einen geschichtlichen, lebendigen Universalismus des Menschentumes. Und mit der Predigt von dem Messias der Juden geht die Bekundung der Einheit aller Menschen hinaus in die Völkerwelt. Wohin keine philosophischen Ideen dringen, wo keine politischen Ideale die Herzen erfassen, wo die Kultur nur als Erdrückung des angeerbten Volkstumes empfunden wird, dahin trägt die Mission mit ihrer Bibel jene Kunde und prägt sie in den Grundzügen einer umfassenden Geschichte ein, anschaulich für Unmündige und für Ungebildete, fesselnd und Aufgaben stellend an die Kulturträger wie an Philosophen. Nie hat ein unbefangener Sinn aus diesem Buche Rassenstolz oder Rassenhaß oder Partikularismus gelernt. Seine ersten Blätter erzählen von den gemeinsamen Eltern aller der Erde Entstammenden; der erste Vater der Menschheit erscheint, angesehen von der Mitte ihrer Wege, von dem andern Adam aus, als das sein Gegenbild fordernde Urbild (1. Kor. 15, 45. Röm. 5, 14); und an den wiederkommenden Christus ist der Abschluß der Geschichte wie der Abschluß jedes Menschenlebens geknüpft. Diese festen Klammern halten die Bewegung der einen Menschheit zusammen. Wie oft auch Israel im Ganzen, seine Generationen oder viele einzelne unter ihnen, dem Heidentum und dem nicht minder fleischlichen Nationalstolze verfallen sein mögen, das Buch malt uns den Gang dieses Volkes durchaus im Rahmen der Menschheitsgeschichte. Als zweiteilige Bibel wird es zu der anschaulichen Verkündigung der großen Gewißheit, mit der Paulus einst zu den Athenern trat: „Gott hat gemacht, daß von Einem (Blute) jegliches Volk der Menschen über alle Erdfläche hin wohne, unter Festsetzung bestimmter Zeitpunkte und der Begrenzung ihrer Siedelung“ (Apostelg. 17, 26). Die universalistische Hoffnung der Propheten ist zum klaren Grundsätze der apostolischen Mission geworden. So hat die Predigt der Propheten und Apostel in der Menschheit das Bewußtsein ihrer Einheit geweckt, indem sie die Christenheit von ihrem Recht und ihrer Pflicht überführte, die Menschheit zu umspannen. Der Name des Humanismus, zuerst für die Wiedergeburt des Heidentumes gebraucht, stammt von dem antiken Aristokratismus der Bildung auf dem Hintergrunde der Sklaverei; Herder aber, der begeisterte Prophet der Humanitätsidee im universalistischen Sinne, der Verkünder der Menschheilsentwickelung, ist ein evangelischer Geistlicher gewesen. Gegen den „Humanitätsdusel“ tritt heute der naturalistisch-heidnische Volksegoismus in die Schranken. Die Anklage des Christentumes auf Semitisierung der Völker und ihres Eigenrechtes gilt zuletzt der kraftvollen Vertretung nicht nur der Internationalität, sondern der übernationalen Einheit der Menschheit und ihrer Pflichtforderung. An diese Proben wird erinnert, weil es an ihnen handgreiflich wird, daß wir es der Bibel verdanken, wenn man das Christentum nicht zum verknechtenden Mittel des selbstischen Volkstumes hat herabdrücken können. Der Bibel und dem in ihr strahlenden Lichte der Offenbarung, der Vorbereitung, Verheißung und Erfüllung verdanken wir das Menschheitsbewußtsein; nirgend außerhalb ihres Leuchtkreises hat es sich entfaltet. Über dem Wiedererzählen der biblischen Geschichte ist der Christenheit und ihr zuerst der Gedanke einer Weltgeschichte aufgegangen. Ist uns dieses Bewußtsein ein edler Schatz, so sollen wir nicht vergessen, wem wir ihn danken.
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Freilich, was heißt Menschheitsbewußtsein? Es will eben doch mehr sein als Anerkennung der gleichen Art innerhalb einer Wesensgattung. Soll es nur ein unbestimmt für der Arbeit der Geschlechter her schwebendes Strebeziel, ein schimmerndes Zukunftsbild sein? Solche Losungen entflammen und fassen nur für begrenzte Bewegungen zusammen; sie haben nicht die Macht, ein dauerndes Bewußtsein zu schaffen, aus dem man durch Jahrhunderte hin gemeinsam lebt. Die Bibel könnte das Menschheitsbewußtsein nicht wecken und nicht erhalten, wenn sie den Menschen nicht die Menschheit zeigte. Weil sie das Bild der Menschheit ist, darum macht sie jenes Bewußtsein wirksam auch dort, wo es zu keiner Klarheit des Gedankens erhoben wird. In der Bibel atmet das Kind und der einfachste Mensch den Odem der Menschheit, ohne deutlich darum zu wissen, wie er ja auch um sein Leben oder seinen Odem nicht deutlich weiß.
Jedem Bibelleser wird es eindrücklich, es handle sich nicht allein um das Verhältnis zwischen dem guten Hirten und dem verlorenen Schaf ohne Unterschied der Hürde, aus der es lief. Erkennt eine Geschichte des einheitlichen Geschlechtes, und wenn er nur die ersten Blätter des alten Testamentes, Römer 5, 12—18 und die letzten Abschnitte der Offenbarung aufschlägt. An diese starken Pflöcke hängt sich ihm aber ein langes Gewinde von Tatsachen und Worten; und im Umgange mit ihnen wird er daran gewöhnt, an die Liebe Gottes zur Welt, an ihre Versöhnung mit ihm, an ihre Vollendung in und mit dem Samen Adams durch den Samen Abrahams und Davids zu denken. Das ist Anschauungsunterricht. Ihr der Wirklichkeit entlehnter Anschauungsstoff gehört freilich allein der vergangenen alten Welt an. Aber der unter Augustus pazifizierte Erdkreis, als er „in der Fülle der Zeiten“ den andern Adam aufnehmen durfte, bietet das Vorbild für jede Zusammenfassung der Menschheit in steigender Umfassung — auch für den Erdkreis, wie er eine durch Bildung und Verkehr wirklich einheitlich gewordene Menschheit tragen wird. Im Blick auf den Gang bis dahin gewinnen alle vorwärts greifenden Verbürgungen Glaubwürdigkeit und Lebensfarbe. — Von der Schöpfung bis zur Parusie eine einzige, zuerst zwar in Auseinanderlegung und Zersplitterung, dann jedoch auch in der Vereinheitlichung begriffene Menschheit; oder wenigstens in jener natürlichen Menschheit eine zweite am Werke, sie in sich aufzunehmen und von sich aus innerlich umzugestalten. Solche umfassende Betrachtung ist die Frucht schlichten biblischen Unterrichtes. Das ist mehr als der an sich schätzbare Gedanke der Gleichheit unter den Menschen. Es legt nicht nur die Forderung des Altruismus auf das Gewissen; es flicht jeden Christen in diese langlebende einheitliche Menschheit und ihr Geschick hinein; ihn geht alles an, von „Adams Apfelbiß“ bis dahin, wann das Zeichen des Menschensohnes erscheint.
Trotzdem bleibt diese Vorstellung leicht ein leeres Gespenst. Nicht bloß wissen muß die Menschheit um sich, um ihr einheitliches Werden und Geschick. Der Mensch in seiner Menschheit oder seinem Menschentum und die Fülle der Menschen in ihrer Zusammengehörigkeit müssen sich in diesem Bilde wiederfinden, um sich von der Verläßlichkeit jener großen Umrisse, ihrer Beleuchtungen und Verheißungen überführen zu lassen. Auch an diesem Anschauungsunterricht fehlt es nicht.
Dieses Buch besteht aus vielen Büchern; und diese Bücher sind zum Teil aus andern zusammengefügt. Ihre Abfassungszeit erstreckt sich nach kritischem Urteile von 1250 vor bis etwa 100 nach Christus: berücksichtigt mau die neuen Entdeckungen alter asiatischen Kulturen, so mögen leichtlich noch Jahrhunderte hinzutreten. Jedenfalls ist das ein Zeitraum, wie der seit der Völkerwanderung verstrichene. Sein Inhalt hat sich in dieser Literatur abgeprägt: ihre Erinnerungen aber greifen darüber hinauf in das Gebiet der Sage: alle Anfänge menschlicher Geschichte tauchen ja dort hinab. Der Inhalt dieses langen Zeitraumes prägt sich vielfach mit voller Frische des Erlebens in diesen Schriftstücken ab. Erwägen nur zunächst den Weg von dem Nomadenleben Abrahams inmitten der großen Kulturvölker, durch die Knechtschaft in Ägypten, durch die Einwanderung ins gelobte Land, die Königreiche, das babylonische Elend, die Zeiten des Bingens Judas mit den Seleukiden bis zu dem vernichtenden Zusammenstoße mit dem weltherrschenden römischen Kaisertume — welch ein Gang der Kulturentwickelung vor den Augen des aufmerksamen Lesers und welch ein Reichtum von Zuständen und Umständen des Lebens wie von wirtschaftlichen und geschichtlichen Wandlungen! In den Umfang dieses Geschehens treten die großen Kulturmächte der einheitlichen antiken Geschichte hinein, eine nach der andern, und bis zu dem Titlos am Kreuze Jesu legt sich die lebendigste Wechselwirkung zwischen dem im Mittelpunkte stellenden Volke Israel und den andern geschichtlichen Größen dar. Hier fehlt keine Erscheinung; aus den Felsengräbern und dem Wüstensande ist noch keine Kultur aufgestanden, die ihre Spuren nicht in die Bibel eingezeichnet hätte. Die großen vorsemitischen und semitischen Landmächte Vorderasiens, das uralte Nilreich, die phönikischen Weltkolonisatoren und die Lichtgestalt des Indogermanen Koresch, die makedonischen Diadochen und die römischen Imperatoren, alle sind im Gesichtskreise. Wer das überlegt, wird wohl eingestehen, daß der Versuch vergeblich bleiben müsse, aus andern erhaltenen Quellen einen gleich einheitlichen und vielseitigen Auszug aus den Denkmälern des Werdens der Menschheit bis zum vollen Aufbrechen des Menschheitsbewußtseins in der christlichen Ara zusammenzubringen. Und dieser Auszug ist nicht absichtvoll unter diesem Gesichtspunkt zurecht gemacht, sondern von selbst gewachsen.
Wollte aber einer sagen: Das ist für uns nur die Abmalung einer Leiche; wie soll uns diese vergangene Geschichte unsre moderne Menschheit kennen und verstehen lehren! Hat doch der Romanschreiber in die Gewänder von Persern, Ägyptern und Römern moderne Herzen und Seelen stecken müssen, um uns zu fesseln und zugleich zu täuschen. Dann übersieht man den entscheidenden Vorteil dieser Sachlage. Bei dem uns Naheliegenden sind wir beteiligt mit unsern Leidenschaften, Neigungen, Vorurteilen. In der Bibel liegt eine abgeschlossene Geschichte vor Nils, fremd genug für uns, um ruhige Betrachtung zu gestatten; sie fordert ein unparteiisches Urteil wie von selbst ein. Und das ist nicht ein beliebiger Ausschnitt aus den Geschicken eines Menschheitteiles; nein es ist die Einleitung zu der einheitlichen Entwickelung während unsrer Zeitrechnung. Welches Volk auch, und zu welcher Zeit es in die einheitliche Entwickelung hineingezogen wird, hier muß es die Wurzel des Wachstums suchen, dem es sich einfügt. Wie den Romanen und Deutschen wird auch ihm dieser Prolog der Menschheitsgeschichte unabweislich an Stelle seiner einsamen Anfänge zur Geistesheimat.
Malt sich so der geschichtliche Aufstieg des Menschenlebens mit seinen uns, den späten Nachkommen, unvorstellbaren und unbeurteilbaren Ursprüngen auf diesen Blättern ab, so faltet sich zugleich das Menschenleben nach allen Richtungen vor dem Betrachter auseinander. Ein Volksleben in seinen Fortschritten durch Jahrhunderte und in seinen Wechselwirkungen mit seinen Nachbarn umspannt gewiß am ehesten die Fülle menschlicher Lebensformen und Beziehungen. Mag eine schematische Übersicht von Sammelnamen noch das eine oder andre zur Vervollständigung herzubringen; dafür fehlt ihr die Anschaulichkeit des Lebens. Und hier liegt nicht eine beschreibende Archäologie vor uns, sondern der eigentümlich geartete und wahrlich nicht spärliche Rest einer ganzen Volksliteratur, und in ihr hat sich das Volksleben selbst in aller Unbefangenheit abgezeichnet. Der Bibelleser lebt das Handeln und die Geschicke dieses Teiles der Menschheit mit durch, und diese sich selbst abmalende Menschengruppe darf zu ihm sprechen: ich achte nichts Menschliches mir fremd.
Allerdings ist es eine religiöse Schriftensammlung. Jedoch sie unterscheidet sich bemerkenswert von den andern uns bekannten. Solche enthalten Kultusordnungen, kultische Gesänge oder Reden, in diesen daneben mythische Einzelberichte, auch wohl Beschreibungen der Gottheit in bildlicher Rede verkündet. Die kultischen Ordnungen schließen dann Sittliches oder Volkstümliches und Staatliches mit ein. Es fehlt in unsrer Bibel an etwa Entsprechendem nicht. Das sind ja auch durchaus zum Menschenwesen gehörende Dinge. Indes kein christlicher Bibelleser hat den Eindruck, daß das die Hauptsachen in seiner Bibel und für sie selbst seien. Er hat den Inhalt zuerst als biblische Geschichte und als Katechismus kennen gelernt. Er findet nachher die Bibel viel reicher, indes er findet jene Auswahl durchaus kennzeichnend. Das große Stück des alttestamentlichen Grundbuches voll gottesdienstlicher und die Sitten bestimmender Satzungen heißt in der Bibel selbst veraltet und ersetzt durch das Evangelium vom Reiche Gottes (Hebr. 8, 13). Und hier sind alle Satzungen beseitigt. Man hat Mühe, aus den neutestamentlichen Zeugnissen sich ein Bild des urchristlichen Kultus zu machen, so sehr tritt das zurück. Und eben durch diese Verknüpfung der zwei so verschiedenen Stufen des religiösen Lebens heben sich in dem vorderen umfänglicheren Teile der Sammlung für den gelehrigen Leser drei eigenartige Erscheinungen heraus: die zusammenhängende Geschichte des Volkes unter der Erziehung seines Gottes; die eigenartigen Gestalten der Propheten, deren Reden alles unter den sittlichen Maßstab und in das Licht einer zuversichtlichen Hoffnung auf die menschheitliche Zukunftsgeschichte stellen; und der reiche individuelle Ausdruck eines auf Gott unter diesen bestimmenden Gesichtspunkten bezogenen Sinnens, Strebens und Ringens. Um diese großen Grundzüge reihen sich die mannigfaltigsten Bilder unsres Lebens. In voller Frische der Wirklichkeit sind die Vorgänge in den engsten Kreisen mit denen van umfassendster Wirkung verschlungen. Hier die Familie; man denke an Paul Gerhards Ehestandslied, um einen Überblick zu gewinnen. Ihre letzte Wurzel in „den Liedern der Liebe, den ältesten und schönsten aus dem Morgenlande“ nach Herder; die Entwickelung der Monogamie aus der Polygamie; die Erhebung des Weibes, bis Christus sie in das volle Gleichrecht einsetzt: die Entartungen und ihre Schäden; wer gedächte nicht des Weibes des Urias; aber auch das unsterbliche Wort der Ruth und das Lob des tugendsamen Weibes im Spruchbuche sei so wenig vergessen, wie die Witwen mit ihrem Leid und ihrem Opfersinn oder die Mütter in ihren opferfreudigen Blühen, Versuchungen und Verlusten bis hin zu der Maria unter dem Kreuze. Hier die nie verklungene Klage Davids um seinen treuen Freund und das Selbstzeugnis des Jüngers, der in Jesu Schoße lag mitten in dem Kreise derer, die der Menschenfreund seine Freunde genannt hat. Dort wiederum die weltgeschichtlichen Wetter, deren Nahen in den Prophetenworten grollt und deren Entladungen in ihnen Nachhallen. Volkshelden, von Simson, dem sagenumwobenen Nasiräer bis zu den tatkräftigem und klugen Heerführern, die sich mit den geschulten Truppen der Weltmächte messen. Strahlende Gestalten des Volksbegründers und Gesetzgebers, neben dessen Nachwirkung Solon und Lykurg verbleichen, des siegreichen Kriegesfürsten und des an Bildung und Verkehrsschätzen reichen Friedensfürsten. Dann wieder Elend der Zerrissenheit und des Niederganges unter ihren Nachfolgern. Eine Fülle hervorragender Männer, aber mich Weiber — und diese viel zahlreicher und wirksamer als sonst im Altertume — mit ihren Taten und Geschicken; daneben die breiten Massen mit ihren Trieben und kaum bewußten Bewegungen. Endlich, was etwas ganz besondres bedünkt, eine nicht geringe Anzahl für andre und das Ganze ersichtlich kaum etwas bedeutender Menschen; aber die Erlebnisse und der Ausdruck des inneren Lebens dieser „Namenlosen“ oder doch „Unbedeutenden“ spiegelt das Dasein der sogenannten „Zähler“ im Ganzen ihrer Lebenskreise deutlich ab. Namentlich um die herrschende Gestalt dieses Buches, um den Heiland, sammeln sich diese Augenblicksbilder. Es ist ein tiefer Blick in diesen Zug, wenn ein Jesusliebender Künstler den Schächer, die Syrerin, den Zöllner von Jericho und die große Sünderin als die evangelischen Heiligen gemalt hat. Der Menschensohn, dieser Liebhaber der Menschheit, erhellt mit seinem Ewigkeitslichte in seinem unermüdlichen Verkehr und in seiner gleichnisreichen Rede verheißend die Breiten und die Niederungen des Menschenlebens.
Das sind nur herausgegriffene Proben. Im erbaulichen Bibellesen ist man in Gefahr, den Wald vor lauter Bäumen zu übersehen, über der fleißigen Anwendung der biblischen Geschichten den Blick für das umfassende und bis in das Kleinste hinein reiche lebendige Menschheitbild zu verlieren. Indes dieses Bild wirkt, ohne daß es mit Bewußtsein als solches erfaßt würde. Wenn man beobachtet hat, daß sonst ungeschulte eifrige Bibelleser ein auffallend reifes Urteil aussprechen, wenn Bauerngemeinden sich an Davids Geschichte in Zeiten politischer Umwälzung zurechtfanden, so sind das Belege dafür, in welchem Maße die Bibel eben die Menschheit und ihr Leben kennen lehrt. Wohl am meisten könnten davon die Missionare Zeugnis ablegen, zumal die ältesten, weil ihnen keine Sammlung von den Erfahrungen ihrer Vorgänger den Weg unter überraschenden neuen Verhältnissen im voraus zeigen konnten. Im Umgange mit diesem reichen Bilde der Menschheit hat es ihnen nicht an den Mitteln gefehlt, um sich in ihren Verlegenheiten zurecht zu finden.
Ehe wir nun denjenigen besondern Zug an der biblischen Schilderung der Menschheit herausheben, der sie unvergleichlich und zur verläßlichen Führerin macht, nämlich ihr unbestechliches Urteil, muß ihr Reichtum noch in einer andern Richtung herausgehoben werden. Man hat Luthers Übersetzung auch darum bewundert, weil er imstande war, so sehr verschiedene Ausdrucksweisen entsprechend wiederzugeben. Diese Aufgabe hat ihm doch der Reichtum an Ausdrucksweisen sowohl verschiedener Schriftgattungen als verschiedener Zeitstimmungen gestellt. Da wird unbefangen ausmalend berichtet, was von den Vätern her erzählt war; da wird aus vorliegenden Urkunden oder Tagebüchern unter bestimmtem Gesichtspunkte Auswahl getroffen; da werden in notdürftiger Zusammenfügung Urkunden zusammengestellt. Neben der trockenen Ausführlichkeit von Rechtssatzungen steht die stark und tief erregte, in der vollen Bilderpracht des Morgenlandes erglänzende Rede des Propheten. Spruchdichtung und Spruchweisheit breitet sich aus, bis sie ihre höchste Vollendung Zugleich mit der prophetischen Rede im Munde des Meisters aus Nazaret findet. Das Lied durchläuft alle Töne des menschlichen Herzens von dem unmittelbarsten Erguß über die verborgensten Erlebnisse der Seele bis. zum Chorgesang der Gemeinde, zu dein Mitfühlen der Volkserlebnisse und der anbetenden Betrachtung von Natur und Geschichte. Der leuchtende Morgen und Mittag der Prophetie wirft im Buche Daniel und den Johanneischen Gesichten den Abendschein einer Geschichtsphilosophie, die sich in bedeutsame Bilder kleidet. Man hat daran erinnert, daß auch eine Fabel nicht fehlt, und darüber gestritten, ob man in der tiefsinnigen und prächtigen Dichtung von Hiob ein Drama zu sehen habe; ein geistreicher Philosoph hat sie mit der göttlichen Komödie und dem Faust aus dem Schema der Dichtungs-Gattungen herausgestellt und inkommensurabel genannt. Wichtiger ist es, auf die eigentümliche Ausbildung hinzuweisen, welche das Charakterbild in den Evangelien und der Brief in den Zuschriften der neutestamentlichen Gemeinde- und Seelenhirten findet. Hat Herder Stimmen der Völker gesammelt; hier hört man die Stimmen der Menschheit in einer schier unendlichen Abwandlung durcheinanderklingen. Wer es sich zur Aufgabe macht, sie vor den Ohren später Geschlechter wieder vernehmlich zu machen, wird nicht der Gefahr erliegen, eintönig zu werden.
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Freilich, was frommte ein Bild, wenn es sich in einem verzerrenden Glase spiegelt? Und ist das hier nicht der Fall? Wir sehen ja hier mit semitischen Augen. Die Sage, und der fromme, dogmatisierende Wahn soll ja selbst das Bild der eigentlichen Hauptgestalt mitten in einer geschichtlichen hell beleuchteten Zeit fast bis zur Unkenntlichkeit gewandelt haben. Wir dürfen diese peinlichen Untersuchungen hier beiseite schieben. Es handelt sich im Augenblick nicht um die geschichtliche Verläßlichkeit der einzelnen Berichte, sondern nur um ein treues Bild unsres Lebens, wie es sich zum Leben der Menschheit entfaltet. Da hat nun kein geringerer als der Geschichtsphilosoph Thomas Carlyle auf die unerbittliche Wahrhaftigkeit der Bibel unter dem sittlichen Gesichtspunkt aufmerksam gemacht. Sie mißt nicht bloß quantitativ; darum steigert sie die Unsittlichkeit nie ins Titanische, auch in einem Ischariot nicht. Sie verhüllt nicht und erspart keiner ihrer Gestalten das Selbstgericht. Mit herbem Spotte haben Schriftsteller die großen Gestalten der Patriarchen und Davids übergossen, weil eine irrende Pietät sie unbedingt zu Mustern stempeln wollte; die Bibel ist an beiden Mißgriffen so wenig schuld wie an der Heiligsprechung eines Petrus und seiner Genossen. Sie hat der Gelegenheiten genug, um dem einzelnen Menschen und der menschlichen Gesellschaft die ganze Stufenleiter und Verzweigung der Unsittlichkeit vor den Blick zu stellen. Soll uns das einzige ihrer Bilder, weil es keinen Flecken zeigt, weil es ungleichartig „aus dem Schwarm ragt“, an dein hier waltenden Urteil und seiner Unbestechlichkeit irre machen? Das ist jenem englischen Propheten der in der Geschichte waltenden Gerechtigkeit nicht widerfahren. Was mehr sagen will: das ist nun fünfzig Geschlechtern der Menschheit, so weit sie mit diesem Bilde in Berührung kamen, nicht widerfahren. Stünde nicht dieser Einzige mit seiner Unanfechtbarkeit an dem beherrschenden Platze dieses Menschheitsgemäldes, man würde, von den Weltpropheten einer echt-menschlichen oder übermenschlichen Sittlichkeit unterrichtet, das sittliche Urteil der Bibel, wie aufrichtig es abgegeben werde, nicht für maßgebend und nicht für anwendbar achten. Nur von der lebensvollen Wirklichkeit dieses unsündlichen Bildes überführt beugt man sich unter den herben Ernst des kategorischen Imperatives, wie er sich in steigender Klarheit auf diesen Blättern geltend macht und wie ihm das Gewissen der Heiden, die Gottes offenbartes Gesetz nicht kennen, Zeugnis gibt.
Und was ists im Tiefsten, weshalb jegliches Gewissen der Menschen eigentlich so urteilen muß? Hier „rumort kein idealistischer Pessimismus mit seinen moralischen Maximen in der Weltgeschichte umher“ und kappt ihre Mohnköpfe. Das herbe Urteil der Gerechtigkeit wird getragen — und dafür hatte leider Carlyle keinen Sinn — von einer Zuversicht zum Menschen und zur Menschheit; und diese bedarf keiner Verblendung über unsre Wirklichkeit, denn sie fließt aus dem Glauben an die Menschenfreundlichkeit Gottes unsres Heilandes.
Schon in die Verbannung der ersten Eltern flicht sich ein Lichtstrahl und die Bibelleser haben ihn nie übersehen. Die Verheißung ist älter als das Gesetz: das wird Paulus nicht milde an Abraham aufzuzeigen. Die Fülle eines uns Menschenkindern durch unsre Sünde nicht entfremdeten Herzens befaßt die Selbstverkündigung Gottes an Mose (1. Mose 34, 6f.). Welche bewegenden Töne schlagen die Propheten bei diesem Thema an! Wie rechten und ringen die Beter, zumal die singenden, ebenso sehnlich wie getrost mit diesem ihm bekannten Gottesherzen! Bis dann endlich vorgemalt und angepriesen wird: also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab; in ihm hat er die Menschheit und ihre Welt mit sich versöhnt, denn dieser lebendige Gekreuzigte ist die Versöhnung für aller Welt Sünden. (1. Joh. 2, 2). — Hier ist nichts von idealistischer Einseitigkeit, kein Menschheitshaß gegen cette maudlite race, keine Menschenverachtung. Hier macht sich der Unsündliche zu der Zöllner und Huren Gesellen und ihm ist der verlogene Verräter noch den freundlichen, mahnenden Gruß wert.
Das erschöpfende Bild der Menschheit ist auch ein wahres und wahrhaftiges, ein gerechtes Bild. Es lehrt die wirkliche Menschheit in den Grundzügen wie in dem Reichtum ihres Wesens kennen und schätzen.
Von einem Bilde reden wir. Man sieht die Dinge nicht ohne das Licht: es macht sie zugleich sichtbar und zeigt dem ausfassenden Auge ihre Gestalt durch den Unterschied von Licht und Schatten; es läßt die vor uns liegende Landschaft durch die wechselnde Beleuchtung das Herz bewegen. „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben“ (Goethe). So entsteht auch in der Bibel das Bild der Menschheit durch die Beleuchtung. Diese Beleuchtung besteht in der Selbstoffenbarung Gottes, unter deren eindringendes Verständnis und unabwendliches Urteil alles gestellt wird. Man sagt gemeinhin: es dreht sich hier alles um das religiöse Leben. Allerdings. Doch von Eintönigkeit und Einfarbigkeit ist keine Rede. Man braucht ja nicht das junge Volk Israel die Stufen der religiösen Bildungen vom Fetisch und Tabu bis zum Glauben an den Dreifältigen durchlaufen zu lassen. Man kann gegen diese Entdeckungen seine Zweifel behaupten und wird doch sagen dürfen und müssen, daß sich an dem hier sich abprägenden Gange die verschiedensten Arten des Götzendienstes in reicher Abfolge darstellen, von Malsteinen und Ascheren bis zu dem auch innerhalb des neuen Testamentes noch zu bekämpfenden Götzendienste, dem gegen den Mammon. Die mehr oder minder harmlosen Irrgänge der Frömmigkeit, ihre groben Entartungen, ihre feinsten giftigen Verkehrungen, Prophetenmund hat sie aufgedeckt und verurteilt von der Zerstörung des Stierbildes in der Wüste bis zu dem großen Wehe Jesu vor seiner Abschiedsweissagung und bis zu dem Ausblick seiner Apostel auf die, so die Jünger abwendig machen hinter ihnen her (Apostelg. 20, 30). Die kindliche Gottesverehrung der Erzväter; der prächtig sich entfaltende Sühnkultus der beiden Tempel; die Verödung in einem Fanatismus, dem das religiöse Vorrecht des Volkes dazu gereicht, das; es Gott selbst aus Sinn und Rede verliert (Esther); ein mit der Weltbildung liebäugelndes politisches Priestertum (Kaiphas und die Sadduzäer) und eine in ihrer Absonderung ebenso einflußreiche als sich hoffärtig verstockende religiöse Partei (Pharisäer); der asketische Prophet und der in das Verkehrsleben hineintretende Volkslehrer, der freie Verein der Christusanrufer mit seiner Sparsamkeit an zusammenfassenden Bräuchen und in seiner alle Welt mit seinem Blick umspannenden Werbekraft, das alles greift man hier mit Händen, und unter diesen wechselnden Erscheinungen seht sich der Zweck Gottes durch, immer im vorausgreifenden Bewußtsein der Zeugen noch festgehalten, bis er in seinem, scheinbaren Scheitern sich vor den gehaltenen Augen verwirklicht, um die neue eine Menschheit inmitten der zerrissenen alten als Menschheit von Gottesmenschen zu begründen.
Es bedarf kaum mehr der Erinnerung, daß das sich nicht hinter Tempelmauern oder in Schulen und Klöstern vollzieht. Nein, in voller Wechselwirkung mit den Religionen, den Kulturen, den politischen Unternehmungen jenes Jahrtausends. Die Offenbarungsreligion setzt sich unaufhörlich mit diesen Kräften und Bildungen auseinander, und man wird jeden ihrer Grundzüge und jede ihrer Grundgestalten von den Zeugen Gottes oder durch die geschichtlichen Fügungen in dem hellen Lichte der Erkenntnis Gottes scharf gekennzeichnet und beurteilt finden. Worauf man heute wieder einmal den Finger legt, um den bloß menschlichen Ursprung des Christentumes zu beweisen, das ist vielmehr ein neuer Beleg ihrer Menschheitlichkeit. Die hier sich abprägende Entwickelung hat freilich von allen Seiten tiefe Einwirkungen empfangen, hemmende und fördernde; nur wenige große Errungenschaften haben sie unberührt gelassen. Was sie aber aufnimmt, setzt sie in ihr Eigentum um; alles muß ihr dienen, ihr Eigenstes zur vollen Ausgestaltung zu bringen. Und dieses Eigenste ist die Vertretung des Einheitlich-Menschlichen. Hat ein Renan an Jesu von Nazareth den Mangel gerügt, daß ihm der Sinn für die Erzeugnisse und Genüsse der hellenisch-römischen Kultur abgegangen sei, — gibt es ein klareres Urteil über die Bildungswelt in den Tagen der Julier als den Gang dieses Menschenfreundes, wenn er sich begnügt ihre Opfer erbarmend an sich zu ziehen, um an dem Versagen ihrer stolzen Rechtspflege seinen Untergang zu finden! So vielgestaltig tritt alles Menschenleben in diesen scharf religiös beleuchteten Kreis hinein, daß man wahrlich nicht selten in der Christenheit der Versuchung erlegen ist, in der Bibel statt der anschaulichen Kritik der Erscheinungen vielmehr die Muster für die Gestaltung der Verhältnisse zu suchen und, um mit Luther zu reden, „der Juden Sachsenspiegel“ zum anwendbaren Urbilde des gesellschaftlichen Lebens zu machen. Solchen Mißgriff veranlaßt unsre eingewurzelte Neigung, immer nur auf uns und unser Treiben zu schauen, deshalb auch eifriger nach der Religion zu forschen, als nach dem, den sie allein meint, und nach seiner Offenbarung. Dieser Hintergrund aber ist es doch, auf dem sich die Erkenntnis von der Einheit der Menschheit erhebt: die Ewigkeitsbeziehung gibt mit dem bleibenden Inhalte den Jahrtausende durchdauernden Zusammenhang. Am Lichte der Selbstoffenbarung Gottes entzündet sich das Menschheitsbewußtsein und in ihrer Beleuchtung die glaubensvolle Erkenntnis einer Weltgeschichte. Nur hierher stammt der Tiefblick, der Leopold Ranke seine Weltgeschichte mit dem Kapitel beginnen läßt: Amon-Ro, Baal und Jehovah.
Man denkt hierbei leicht vornehmlich an die Formen, in die sich das religiöse Leben gefaßt hat. Indes der Fortschritt einer positiven Religion vom nationalen Partikularismus mit fernschimmerndem universalem Horizont zu der an keine geschichtliche Form gebundenen, geistlichen Missionsreligion ist nicht das Ganze. Zugleich folgt man der Geschichte des Glaubens. Er hat sich durch die Aufgaben und die rauhen Tatsachen der Geschichte hindurch zu behaupten: er ringt aber auch mit der sinnenden Beobachtung und dem forschenden Gedanken, mit dem das innerste Leben erschütternden Zweifel. „Gottes Furcht der Weisheit Anfang“, dabei bescheidet sich verzichtend ein prüfendes Nachdenken, dem alles eitel geworden ist. Um die Zuversicht zu einem gerechten Gott ringen die tiefsinnigen Dichter. Und der unlösbar geschürzte Knoten in dem Verhältnisse zwischen Verheißung und Erfüllung, Partikularismus und Universalismus, sich kreuzend in dem Tode des Messias Israels durch die Verstockung seines Volkes, ruft die kühnsten Gedankengänge des Heidenapostels hervor, die ihm in aller ihrer Bruchstück-Art doch zu triumphierendem Lobpsalm führen. Soll hier noch einmal an den Reichtum der Entfaltung des betenden Glaubens in den Reden der Propheten und in den Psalmen wie des bekennenden, werbenden, zurechtweisenden, Licht spendenden Glaubens in den Episteln erinnert werden? Daneben hat dieser Glaube es doch auch auf den verschiedenen Stufen aufsteigender Entwickelung verstanden, sich in dieser Welt zurechtzufinden, sei es mit dem niedereren Gesichtskreise der „Weisheit auf der Gasse“, sei es mit dem Scharfblick des Sehers wenn er für die Heiden und ihr Unvermögen dazu, Natürliches und Persönliches recht zu teilen, in den Haustafeln die ersten Grundlinien zu einer christlichen Gesellschaftslehre zieht. Die Kehrseite der Geschichte des Glaubens — es kann nicht anders sein — ist die Geschichte des Unglaubens, die Geschichte der Sünde; denn ihre Wurzeln sind Betrug oder Lüge und Zweifel an der Wahrheit; das sind die Ketten, von denen allein der Sohn frei macht. Auf die zwei Worte: Ungehorsam und Gehorsam bringt der “Apostel des Glaubens das ganze Rätsel der Menschheitsgeschichte zurück. Umsonst ringt der Idealismus mit der Obmacht des Bösen, wo den Menschen nicht die Vollmacht geschenkt wird, „sich tot für die Sünde zu achten, und lebendig für Gott“ (Röm. 6, 11). Gottlosigkeit die fruchtbare Wurzel der Sünde in ihrer unendlichen Abgestaltung des Selbstischen, das stellt dieses Buch Blatt für Blatt unerbittlich dar. Heute beginnt man wohl wieder zu verstehen, warum ein Paulus die Gottlosigkeit an der Selbstentwürdigung jener Laster aufzeigt, in denen beide Geschlechter „wider den eigenen Leib sündigen“ (Röm. 1, 25f. 1. Kor. 6, 18).
Sünde und Tod im Ungehorsam selbstischen, irdischen Sinnes, Gerechtigkeit und Leben im Glauben aus der Gnade des lebendigen Gottes, das ist das tiefste Thema der Menschheits- oder Weltgeschichte. Das kann und soll jeder aus der Bibel lernen. Sie spricht das in voller Bestimmtheit und Nacktheit des Urteiles aus. Allein dieses Verdikt prangt weder als Titel, noch als Schlußwort; es will gefunden sein. Der Leser soll es als Lösung der ihn beunruhigenden Rätsel finden, nachdem er dafür vorbereitet ist durch die Anschauung des Menschheitbildes in der klaren Beleuchtung des göttlichen Urteiles unter Vergleichung mit allem, wes er unter solcher Beschäftigung im eignen Herzen gedenken muß oder was er auch erst dabei in ihm entdeckt. Denn jenes Thema spricht ihn an aus den großen Zügen eines in sich geschlossenen Vorganges von da ab, als der irdische Mensch eine lebendige Seele ward, bis der himmlische Mensch sich lebendig erwies, um verkündigt zu werden und den (Glauben zu erwecken: es spricht ihn an in tausend einzelnen Erlebnissen verschiedenster Kreise und Menschen von den Schilderungen des Paradieses bis zu den Gesichten von dem zur Erde niedersteigenden Jerusalem. Was jene vielartigen und bruchstückweisen Berichte auch im Sinn ihrer Aufzeichner zunächst bezweckt haben mögen — wie sie uns vorliegen, fügen sie sich zusammen wie die Variationen einer Symphonie: sie scheinen dem Ungeübten ein willkürliches Spiel, dorr von bestrickender Anmut, hier befremdend oder abstoßend; wer es versteht, das Thema durch die ganze Komposition hindurch zu verfolgen, dem entfaltet es sich in seinem eigentümlichen Leben und in seiner Ergiebigkeit. Und in der Bibel werden die Akkorde des Thema oft und stark genug angeschlagen, um nicht leicht überhört zu werden. Immer nur wenigen unter uns ist es gegeben, die Lebensregungen in allgemeine Formeln zu fassen und in diesen entfärbten Begriffen zugleich von diesem Leben noch das Wesentliche anzuschauen; den meisten sind jene abgezogenen Gedanken erst zugänglich, wenn sie als Beleuchtung die wirklichen Dinge in ihrer Eigentümlichkeit und ihrem Werte für uns erscheinen lassen. So „deutet die Muse aus, was da lebet im Ringe“. Mit sicherem Griffe sind die menschlichen Dinge in diesem Buche der Bücher so behandelt. Das eben ist es, was man inne ward und ihm einen Ausdruck gab, wenn man den heiligen Geist seinen ersten und eigentlichen Urheber nannte. Man braucht den Ausdruck, ja den — immer abstrakten — Begriff der Menschheit nicht zu kennen und lernt doch die so benannte Tatsache kennen, sobald man lernt, das Bild Gottes in jedem Erdgeborenen zu achten, den Menschensohn zu lieben, „jedes Menschenherz als eine Festung anzusehen, die man für ihn erobern müsse“ und dafür zu brennen, daß das Geheimnis: „der Messias unter den Heiden, die Hoffnung der Herrlichkeit“ durch den Dienst der Heidenboten offenbar werde „bis an die Enden der Erde“.
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So lehrt die Bibel die Menschen und in ihnen die Menschheit sich selbst erkennen. Sich selbst erkennen lehren, das heißt: dahin führen, daß man seine Fähigkeiten und seine Bestimmung, seinen Selbstwert und seine Bedingtheit durch und für das Gemeinschaftsleben erkenne. Sich selbst erkennen lehren, nicht bloß und nicht zuerst mit Vorschriften allgemeiner Währung, sondern durch lebendiges Vorbild und Übung voll Fall zu Fall, das heißt erziehen. So ist die Bibel das zweckmäßigste Erziehungsbuch zur Menschheit, d. h. zum wahren Menschsein und zum Sinne für den Dienst an der Einheit aller Menschen und ihrer Geschichte.
Dazu gehört nun freilich, daß man lerne, neben der Wirklichkeit des Menschen und der Menschheit auch noch die Wahrheit der Menschheit zu erfassen. Daß die Bibel eben dieses leiste, ist freilich schon unter der Hand zur Darstellung gebracht. Indes es muß auch sonderlich herausgehoben werden. Es hat alle Zeit Leute gegeben, und heute sind sie wieder besonders eifrig an der Arbeit, die es nicht ertragen können, daß irgendwo die Wahrheit aufhören könne, der Menschen Strebeziel oder Ideal zu sein, daß sie irgendwo auch wirklich geworden sei. Mit der verschiebbaren Steigerung des gemein Wirklichen im Superlativ sind sie überaus freigebig im Kultus des Genius oder des Heros; aber den einfachen Positiv des wirklichen Guten im Gegensatz zu der allgemeinen Wirklichkeit des Bösen gelten zu lassen, gewinnen sie nicht über sich. Vor dieses Entweder-Oder führt aber die Bibel unweigerlich. Ihre letzte Hälfte ist ja das Zeugnis voll dem Wirklichgewordensein des wahren Menschen, um die wirklichen Menschen auch wirklich zu wahren Menschen zu machen. „Ich bin die Wahrheit“, die Wahrheit Gottes und die Wahrheit des und der Menschen. Die Antwort lautet immer wieder: „Was machst du aus dir selbst!“ Er hat dafür sterben müssen und soll dafür immer wieder als Tyrann der Geister vom Thron der Weltgeschichte gestoßen werden. Aber er ist wirklich und bleibt der Herr der Geister. Nicht der Übermensch, der öde Superlativ selbstischen Wesens, sondern der Menschensohn, der zu nichts anderm gekommen ist, als um zu dienen, zeigt in dem wahren Menschen zugleich die ganze Menschheit, weil ihm weder der Säugling an der Mutterbrust, ob er auch alsbald dahinwelken sollte, noch der Krüppel und der unheilbar Kranke, der doch nur eine Last der Gesellschaft ist, noch der Entartete in seiner Sterbestunde ferner steht als „die Gesunden“, sintemal jedes von ihnen, und, wer sonst noch, „auch Abrahams Kind“ ist, denn „wer Christi ist, ist auch Abrahams Säule.“ Wahres Wesen des Menschen und Wesenseinheit aller Menschen, Menschheit als Wesensbestimmung und als Sammelname, beides in seinen uns so oft stoßenden scheinbaren Widersprüchen stellen uns die kurzen Jahre vom Jordan bis auf Golgatha und den Ölberg dar. Ein grausames Buch wäre diese Bibel mit ihrem unerbittlichen Gericht über die Sünde und ihrem schwermütigen Gemälde davon, daß alles Fleisch wie Heu und alle Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume ist, wenn sie ohne ihr Schlußstück bliebe oder wenn es gewissen Gelehrten gelänge, für enge oder weite Kreise dieses Schlußstück in ein wirres Traumbild einer schwärmerischen Sekte zu wandeln. Vielmehr ist diese Bibel vom ersten bis zum letzten Blatt die Predigt: „Herr Herr Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da bewahret Gnade in tausend Glieder und vergibt Missetat, Sünde und Übertretung und vor welchem niemand unschuldig ist; der da die Missetat der Väter heimsuchet auf Kinder und Kindeskinder bis ins dritte und vierte Glied.“ Die Bibel ist die Predigt von dieser ernsten, züchtigenden Gnade, weil sie ihr Schlußstück hat; dem: aus der Zusage dieser Gnade ist eben in ihm atmende, wirkende, unwiderstehlich die Herzen erobernde Wirklichkeit inmitten der Menschheit geworden. Da liest, da schont man es: das Wort, das bei Gott war, ist Fleisch, ist Mensch geworden, um uns von der Menschheit abgefallene Menschenkinder dadurch zu uns selbst zu bringen, das; es uns zu Gott hinführt und uns den Zugang zum Vater eröffnet, selbst der lebendige Weg zu ihm. Nichts als Menschensohn und doch der einzige dieses Namens Würdige; geboren und geworden in der Menschheit wie nur alle und doch der „neue Mensch“; der Ausgestoßene — aber in der Zugehörigkeit zu ihm nehmen wir alle die neue Art eines Gottesmenschen an, die alle natürlichen und geschichtlichen Unterschiede zu dienenden Mitteln herabsetzt, damit das Haupt aus den Millionen einen gegliederten Leib gegenseitigen Dienstes herausbilde, die Menschheit Gottes, jene Stadt, darinnen Gott und das Lamm Tempel, Sonne und Mond sind.
Von dem Sündenfall ab bis an den Sinai; von den zehn Worten auf den steinernen Tafeln weiter durch die Propheten in ihren Reden und ihrer im Glauben beurteilenden Berichterstattung bis zum Täufer erzieht die Bibel sich ihre Leser, damit ihr inneres Auge fähig werde, die Herrlichkeit Gottes auf dem Antlitze Christi, die reine, im (Gehorsam sich vollendende Menschheit in seinem Leben zu erkennen und demgegenüber die Stimme des Gewissens lauter, stetig und durchschlagend zu machen. Wird uns sein Bild dann im Glauben gewiß und durch den Geist von Tage zu Tage durchsichtiger und strahlender, während wir durch das Hineinschauen in dieses Bild von Tage zu Tage von einer Klarheit zur andern geführt werden (Joh. 16, 14. 14, 9. 2. Kor. 4, 4. 6. 3, 17. 18) dann fällt sein Licht zurück auf den langen und breiten Prolog seines Lebens im alten Testamente, bestätigend, verständigend und sichtend.
Nicht die Bibel und das allzustarke Vertrauen auf ihren Wert ist daran schuld, wenn man starke und gefährliche Irrtümer aus ihr stärkte und beschönigte. Die das getan, wußten eben noch nicht, wes Geistes Kinder sie sein sollten und sein konnten (Luk. 9, 53). Wenn man immer ernstlich und geduldig zuerst bei dem in die Schule gegangen wäre, in dem Gott zuletzt in dieser Zeit gesprochen hat, und sich an seine Verklärung durch den Tröster hingegeben hätte, dann hätte man auch nicht einen Fetzen von dein ungenähten Rock zerrissen, der um die Gestalt des treuen Zeugen wallt. Wenn wir aus der Wahrheit sind und soweit es uns gelingt, wider unsern alten Adam aus der Wahrheit zu sein, hören wir seine Stimme, sonst immer noch den alten Eigensinn. Das Buch von der Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes ist nicht der Quell von Hader, Gesetzesjoch, Haß und Mord. Werden auch alle diese Stimmen in ihm laut — es ist ja das Buch von der Wirklichkeit der Menschheit; doch über sie alle hin tönt die Stimme der Seligpreisungen, und die Wahrheit ist dieses Buch eben nur so, wie es das Buch für den und von dem ist, der diese Seligpreisungen gesprochen, sie bis in Tod und Auferstehung betätigt und ihnen die Macht über Millionen voll Herzen gegeben hat. Ist er uns zum Herrn geworden, so können und sollen wir eben lernen, seine Bibel zu lesen, wie er sie gelesen und gebraucht hat bis an das Kreuz.
So dürfen wir denn das alte Testament ein Vermächtnis von ihm an die Christenheit nennen; das neue Testament aber ist der einzige unveränderliche Abdruck seines geschichtlichen Vermächtnisses. So nahe man an den, von dem der Tröster alles nimmt, herankommen kann, kommt man an ihn heran in seiner Bibel. So hat es sein sollen für alle einzelnen, für alle Völker, für alle Zeiten. Sie brauchen sich nicht zu begnügen mit einem konfessionellen, mit einem nationalen, mit einem antiken oder einem modernen Christus. Sie können zunächst durch den Dienst der Glieder seines Leibes und ohne ihn kaum, aber sie können, nachdem sie diesen Dienst erfahren haben, an das Haupt und seine belebende, ordnende, reinigende Kraft heran. Sie spüren das, und wenn sie ihrer selbst mächtig werden fordern sie das auch. Wenn man den Menschensohn in seiner Einzigkeit und seine herrschende Stellung in seinem Buche nicht erfasst, dann mag man, auf der Suche nach einem deutschen oder chinesischen Gott sich durch die Bibel gehemmt und beengt fühlen. Diese Unbehaglichkeit wird bei mangelnder Reife durch das an sich berechtigte Bemühen gemehrt, die Einzelnheiten der Bibel „zeitgeschichtlich“ zu verstehen. Das ist lediglich Sache geschichtlichen Forschertriebes und wird nur denen dienlich, die gewohnt sind, alle Vermittelungen wissenschaftlicher Auffassung zu durchlaufen und dann für das Ergebnis wieder zu beseitigen. Es gibt ein unvermitteltes geistliches Verständnis, dem der geschichtlich lebensvolle, bildliche Ausdruck manchmal deutlicher und ergreifender ist, als der seiner zeitlichen Darbietung entkleidete Gedanke. Der alttestamentliche Bilder-Vorrat steht den sogenannten Wilden oft näher als unsre Katechismen und Dogmatiken. Ein Negerweib fand bei seinem Sinnen über Jesaja 11, das dunkle Wort vom Pardel und Lamm mahne sie selbst daran, wie sie einst mit ihrem Manne wie eine wilde Bestie gelebt, nun aber zu Menschen geworden seien. Es ist der durch alle Menschenzungen redende Gott, dessen Ernst und Barmherzigkeit von dem Menschenherzen immer herausgehört wird. Die Bibel ist Gotteswort durch Menschen an den Menschen und darum an und für die Menschheit.
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Endlich wagen wir zu behaupten, die Bibel sei das in der Christenheit fortdauernde Pfingstwunder. Die Apostelgeschichte berichtet nicht von einer neuen einheitlichen Sprache, sondern von vielen Zungen und gleichem Verständnisse der Zuhörer. Zuerst sind das Hebräische und das Hellenistische durch die geistliche Arbeit der berufenen Zeugen zürn durchsichtigen Gefäße für das geworden, „was kein Auge geschaut, kein Ohr gehört, und in keines Menschen Herz gekommen ist.“ Der Vorgang wiederholt sich unaufhörlich. Die Bibel kommt zu allen Völkern in ihrer Sprache als ein Geschenk christlicher Liebe und dergestalt als ein Geschenk dessen, von dem sie stammt. Danach will dieses fremdartige Buch von dem Volke angeeignet sein, bis es als nationale Bibel wie aus langer Arbeit neu geboren ist. Das ist Menschenleben: Gegebenes aneignen, um es dann zu eigen und als Schatz zu besitzen und zu nutzen. Über jener Arbeit der Umsetzung einer geschenkten, vorläufigen, in eine endgiltige, selbst erarbeitete Volksbibel geht eine mächtige Erziehung der Geister vor sich. Damit die Sprache des Bibelwortes mächtig werde, müssen die Geister seines Inhaltes, seiner Wahrheit mächtig geworden sein. Jedesmal lernt die Kirche Christi eine neue Sprache reden und schreiben, damit diese Muttersprache ihre Kinder christlich denken, glauben und beten lehre. Eine reiche Fülle neuer Anschauungen, eine entscheidende Grundanschauung und eine ihr entsprechende Anschauungsweise hat sich entwickeln müssen. Die nationale Bibel hat der Nation eine neue Anschauungssprache geschenkt. Die hat sie aber allen bisher geschenkt und schenkt sie immer weiter. So werden die — wie Homer sie nennt — „redenden Menschen“ für das Evangelium erobert und gewinnt die wachsende eine Menschheit eine gemeinsame Anschauungssprache. Wenn du die Sprache der Fremde kaum stammelst und im Gespräche noch mit dem Verständnis ringst, gehe in die Kirche, und Predigt wie Gebet wird dir mühelos verständlich sein; du hörst ja den Mutterlaut der Bibel. Bibelfeste Christen haben sich verständigen können, indem sie einander Stellen in der Bibel je des andern aufschlugen, in denen der mitzuteilende Gedanke ausgesprochen ist; sie kamen nicht in Verlegenheit, so menschheitlich reich bis ins Kleinste ist dieses Buch. Das ist freilich nur ein sehr nebensächlicher Erfolg von dem gemeinsamen Besitze dieses Menschheilsgutes. Handelt es sich aber um die Verständigung über „der Menschheit höchste Gegenstände“, so ist diese wichtigere Aufgabe für Bibelgläubige mit Zuversicht anzufassen. Gehen doch die Bilderbibeln unaufhaltsam von Volk zu Volk, und erst wenn man sie ausgerottet hätte, wäre auch diese wirksame Anschauungssprache vernichtet; denn Bild und Anschauungssprache sind Geschwister, wenn doch das Bild in der Wirklichkeit auch die Wahrheit abzubilden vermag. Die Kunst hat ein verständnisvolles Gefühl für den Menschheitscharakter der biblischen Geschichten bewiesen, sowohl wenn sie in Zeiten, da man nichts kannte als die eigne Gegenwart, ihre Gestalten in das Gewand der eignen Zeit kleidete, als wenn sie nach dem Schwinden dieser Unbefangenheit ihre Gegenstände ohne archaistische Pedanterie oder Affektation in Lebensformen einer idealisierten Anfangszeit darstellte. In diesem Hinweise auf die Kunst wird zugleich klar, daß diese Anschauungssprache eben eine Lebenssprache ist; sie redet durch geschilderte Personen und Tatsachen. Auf ihrem Gipfel steht der Bildnismeister; seine Gleichnisreden gehen in nicht abgebrauchter Frische durch die Jahrtausende. Von ihrer schlichten Kraft der Verdeutlichung und Einprägung gewinnt unsere durch die Gewöhnung von Kind an abgestumpfte Empfänglichkeit einen überwältigenden Eindruck, wenn uns die schlichte, ergreifende Handlung seiner bildlichen Erzählungen von einem verständnisvollen Künstler gemalt werden. Da tritt der Mensch aller Zeiten und also auch unserer Zeit vor das Auge der Seele; wir spüren es, daß wir mit Dem verkehren, der in dem verborgenen Buche unsers eignen Herzens blättert. Und deshalb ist und bleibt diese Anschauungssprache das nicht versagende Verständnismittel über die Grenzen der Zeiten und des Völkertumes hin. Hier ist das Element, in dem unser Sinn sich gebildet, sich selbst und alles um ihn messen gelernt hat. Hier sind wir zu Hause; umsonst versucht man es künstlich, mit gelehrten Entdeckungen über Wotan und Herta einen überspannten Volksstolz zu entflammen — die christianisierten Völker haben ihre Geistesheimat da, wo die Bibel jene Anschauungssprache erzeugt hat; der schon gefundene wie der zu suchende Wortausdruck hat seine Fundstätte unausbleiblich in der Bibel.
Barbaren sind die Völker einander um des im Volksbewußtsein entwickelten Stolzes und seiner Selbstsucht willen; die unverständlichen Sprachen sind die äußeren Zeichen dieser Geschiedenheit und die schwer niederzulegenden Schranken. Der Weltsinn im Dienste des Verkehrs fordert für die Bewältigung der Natur eine Weltsprache; sie ist nur denkbar mittels Vergewaltigung aller Sprachen durch eine, wie zu Roms Zeiten, oder durch einen ausgeklügelten Ersatz, der vielleicht dem Verstände zum Austausche genügt, aber dem Gemüte für den lebendigen Ausdruck versagen muß. Denn Sprache ist Schöpfergabe, Naturgewächs und nicht Kulturerzeugnis. Der Kulturgebrauch läßt die Sprachen verarmen und entarten, bis zu armseligem Stammeln wie in der Lingua Franca. Diese Schwierigkeiten und Übelstände hat der Dienst am Wort in der Ausführung der Marschordre seines Herrn längst zum großen Teil überwunden und ist mit Erfolg weiter an der Lösung der Aufgabe. Er hat den Völkern die einheitliche Anschauungssprache der Menschheit geschenkt und schenkt sie ihnen weiter. Sie vergewaltigt die Volkstümer nicht; denn sie gehören zur Schöpfung Gottes. Im Gegenteil, sie erhält sie dadurch, daß sie zur vollen Menschheit erhoben werden; aus der vollendeten Volksbibel geht aber die Volkssprache verjüngt hervor. Und wo die Erneuerung eines Volkes nicht mehr gelingt, da legt die Bibel, vielleicht das einzige oder einzig überlebende Buch in seiner Sprache, das Gedächtnis an seine Art und seinen Geistesausdruck in dem großen geschichtlichen Archiv der Menschheit, in der Weltliteratur und in der Kirchengeschichte nieder. Was wir an diesem Gut haben, das mögen wir da spüren, wo es uns aus den Händen zu entgleiten droht. Die Völker Europas zittern, weil sie Rebecka gleichen, in deren Schoße sich zwei Völker stießen. Überall stoßen zwei Gruppen aufeinander, weil ihre Angehörigen sich über die einfachsten und höchsten Grundlagen und Aufgaben des Menschenlebens nicht mehr verstehen. Die gleichsprachigen Glieder desselben Volkes sind einander abgesagte Feinde und merken es, daß friedliche Verständigung kaum denkbar ist; sie halten einander die Berufung auf die Gewalt entgegen, welcher Mittel sie sich auch bedienen, der blinden Mehrheit und der zerstörenden Macht. Dagegen die Bekenner des biblischen Evangeliums sind Brüder; sie verstehen oder verständigen sich, wie einst Paulus und Petrus in Antiochien, denn sie glauben, denken und reden die Anschauungssprache ihrer Heimat, die der Bibel. In ihr klingt der Friedenston der Hoffnung und sie verspricht aus dem nicht trügenden Munde: „Ein Hirt und eine Herde.“
Diese Hoffnung stützen wir zuletzt nicht auf das Sichtbare und Aufweisbare. Die übersetzten Bibeln von den ältesten, von der griechischen Septuaginta und der syrischen oder lateinischen Vulgata an, sind größtenteils nicht unanfechtbare Musterleistungen; aber solche mangelhaften Arbeiten haben unberechenbar gewirkt. Durchmustert man die Bewegungen in der Geschichte der Christenheit, so wird man nicht selten auf die Spuren stoßen, daß die Bibel nicht zum Bande des Friedens, vielmehr zum Anlaß des Haders geworden ist. Diese Gottesgabe ist eben kein Zaubermittel, nicht für das Kleinste, nicht im Umfassenden. Der Gott, dessen Weihnachtsgabe ein hilfloses Menschenkind, dessen Rettungsmittel der duldende Gottesknecht am Kreuz, der geschichtlich von der Menschheit ausgestoßene und nur für den Glauben dieser Menschheit in seiner Auferstehung wiedergeschenkte ist, — dieser Gott gibt nicht unfehlbare Mittel um die sittliche und geschichtliche Arbeit zu ersparen. Und darum ist auch seine Bibel dergleichen nicht. Gott zwingt nicht zum Kindesstand und in die Menschheit Gottes hinein, sondern er ruft. Äußerlich geschätzt treten seine Mittel in den Wettkampf menschlicher Kampfesarbeit gleichartig hinein; sie können abgelehnt, sie können mißbraucht werden. Doch in stiller Überwindermacht durchdringen sie in Sauerteigsarbeit die Menschenleben und das Menschheitsleben, und die großgemessenen Züge dieser Gottesarbeit sind für geistlich erleuchtete Augen erkennbar in allem, was hinter uns liegt. Ein hervorragender unter diesen Zügen ist es, wenn die Bibel, die ja nach Inhalt und Beschaffenheit das Buch der Menschheit ist, eben das auch zu ihrer Verbreitung vor unsern Augen wird, unaufhaltsam und unvergleichlich.
Und von diesem Vorgange darf die britische Gesellschaft demütig und dankbar an diesem Zeitabschnitt sagen: cujus et ego non minima pars fui (dazu habe auch ich erklecklich beigetragen). Wir sollen ihr dankbar dafür sein, daß sie zur Teilnahme an ihrer Dankfeier auffordert. Unter dem starken Eindrücke der Versuche, das Ansehen der Bibel bei den Christen zu erschüttern, ist man unter uns geneigt, nur danach zu fragen, aus welchen menschlichen Quellen ihre Stoffe und ihre Stücke stammen, und dann schaut man in allerlei Unsicherheiten hinein. Da frommt es, den Blick von der strittigen Ursprungsgeschichte auf die klar vorliegende Geschichte des Ganzen der Bibel zu lenken. An den Geist Gottes glaubt man nicht nach genauer Prüfung der Akten über den äußeren Vorgang am ersten christlichen Pfingsten, sondern der glaubt an ihn, der Luthers „was ist das?“ zum dritten Artikel bekennen kann. Die neue Menschheit wird an dem Offenbarungsansehen ihres Buches der Bücher nicht irre werden, so lange sie mit ihm in dankbar empfangender Wechselwirkung steht. Dazu aber gehört für jeden von uns, treu zu sein im Umgange mit der Bibel zu eigner Förderung und dann auch in dem Dienste daran, daß sie immer völliger werde, was sie ist, das Buch der Menschheit. Ihr Recht darauf hat uns ein Einblick in sie, ihre Macht dazu ein Rückblick auf ihre Geschichte gezeigt; ein kundiger Umblick und ein wohlbegründeter Ausblick kann und soll zu solchem Dienst an ihr den Mut wecken und bis an das Ziel erhalten.
Vortrag gehalten am Mittwoch, 10. Februar 1904 in den Thalia-Sälen in Halle bei der Missionskonferenz der Provinz Sachsen im Hinblick auf das 100jährige Jubiläum der British and Foreign Bible Society am 7. März 1904.
Quelle: Allgemeine Missions-Zeitschrift. Monatshefte für geschichtliche und theoretische Missionskunde, hrsg. v. Gustav Warneck, Bd. 30, Berlin: Martin Warneck, 1904, S. 49-65.105-124. Im gleichen Jahr erschien Kählers Vortrag unter dem gleichen Titel als Separatdruck bei Warneck. Der Vortrag wurde außerdem wiederabgedruckt in: Martin Kähler, Dogmatische Zeitfragen. Alte und neue Ausführungen zur Wissenschaft der christlichen Lehre, Bd. 1: Zur Bibelfrage, Leipzig: Deichert, 1907, S. 219–265.
[1] Von den 40 veralteten abgesehen. Außer der britischen und ausländischen Bibelgesellschaft sind auch noch von andren Bibelgesellschaften und Anstalten Drucke von Bibelübersetzungen veranstaltet worden.
[2] Scheerer, Geschichte der deutschen Literatur. 1883. S. 30.
[3] Wenn hier eine kurze Übersicht über die Bibelverbreitung nach Sprachen, mithin Übersetzungen gegeben wird (vgl. P.R.E. 33, S. 1f. E. Reuß, d. Gesch. der h. Schriften d. N. T. 6. A. 4. Buch), so ist es nicht auf eine Prahlerei mit Zahlen abgesehen. So lange man dabei hauptsächlich an die ehrlichen Bestrebungen der evangelischen Kirchen denkt, hat man den fleißigen Bibelgebrauch der einzelnen Christen im Auge. Das konnte und kann für den ersten Ansatz vielfach gar nicht der Erfolg, nicht einmal die Absicht sein. Die Übersetzungen dienen vorerst dem Vorlesen und für dieses kommt aus manchen Gründen selten Vollständigkeit in Betracht: daher gehören schon sogenannte Lektionarien oder Vorlesebücher für den Gottesdienst hierher. Wo sich an die Lesung Besprechungen anschließen, kann auch die minder gelungene Übersetzung ihren Dienst tun. Deshalb sind hier nicht bloß vollständige Bibeln gemeint, auch nichts über den Wert der Übersetzungen ausgesprochen. Auch kommt es hier nicht auf den Unterschied zwischen Übertragungen aus den Ursprachen oder aus einer Übersetzung an; die meisten während des Mittelalters geben die lateinische Kirchenbibel wieder. Ein unanfechtbarer Buchstabe galt, trotz vorhandener Anwandlungen nicht; das beweist auf den entwickelteren Gebieten der Kirche die Fülle von Arbeiten nebeneinander und von Bearbeitungen der verbreiteten Texte. Nur das soll anschaulich werden, daß innerhalb der Kirche im Ganzen das Bestreben herrschte, die Bibel zum Eigentum aller christianisierten Völker zu machen, samt seinem Erfolge, sozusagen in brutto. — Bei den Kirchenvätern finden sich prahlende Versicherungen einer Allsprachigkeit der Bibel zu ihren Zeiten. Sichere Spuren hat man aus dem 3. Jahrhundert von dem Beginn der Arbeit unter den Syrern, die bis in das 7. eine Familie von Übersetzungen geschaffen hat; in jene Zeit gehören vielleicht schon koptische Texte. Im 4. hat Hieronymus die älteren lateinischen Texte, seien es verschiedene, seien es verwilderte, in die Form der Vulgata gebracht, Ulfila den Gothen gewiß das Neue Testament, er oder andre wohl das alte Testament nach der griechischen Übersetzung geliefert und ist die älteste äthiopische zu datieren, der noch im 14. eine Umarbeitung in das Amharische gefolgt ist. In das 5. Jahrhundert setzt man die armenische, in das 6. die Georgische. Unter der Herrschaft des Islam entstanden in Palästina aramäische Lektionarien, mancher Orts Weiterübersetzungen in das Arabische und in der Blütezeit des Neupersischen in diese Mundart. Im 9. Jahrhundert erhielten die Slaven durch Kyrill ihren Text, von dem sich ihre Kirchenbibeln verzweigt haben. — Bei Germanen und Romanen beginnt mit der kirchlichen Bildung in verschiedener Gestalt die Aneignung des Gehaltes der Vulgata. Vor der Reformation gab es Übersetzungen in das Katalanische, Kastilianische, Südfranzösische (Waldenser), Italienische, Nordfranzösische, Böhmische (vollständig vor Hus); Ansätze auch in Skandinavien. Die meisten kamen auch noch zum Druck; nur die älteste ganze Bibel in einer neueren Sprache, die englische Wyklefs konnte nicht dazu gelangen, hat aber trotzdem ihren Dienst getan. Über Deutschland siehe oben. — Mit der Reformation beginnt, unterstützt von der humanistischen Bildung, eine neue Arbeit in allen evangelisierten Gebieten mit gehobener Bildung. Manche Versäumnis inbetreff eingesprengter Volksteile und der in den Gesichtskreis tretenden Heiden in den Kolonien fielen freilich erst recht spät auf das Gewissen. Dann setzte im Ausgang des 18. Jahrhunderts die Entwickelung der evangelischen Heidenmission ein und mit ihr bald die Arbeit der Bibelgesellschaften, im ersten Anlauf bis in die römische und russische Kirche hinein. Die römische Kirche hat sich auch weiterhin dem Zuge nicht völlig verschließen können; es gibt bischöflich und päpstlich approbierte Übersetzungen, vielmals zugleich mit Auslegungen, gemäß dem tridentinischen Dekrete. Doch ist das meistens nur für Gebildete und unter ihnen für Auserwählte. Das Ergebnis ist im Text angedeutet. Das britische Museum zählt seinen Besitz au ganzen Bibeln in allen Sprachen auf 244 Foliospalten auf; der Katalog der Stücke ist noch nicht erschienen. Die 370 Sprachen, in denen die britische und ausländische Bibel-Gesellschaft die Bibel ganz oder teilweise gedruckt und verbreitet hat, verteilen sich auf Europa: 77; Asien: 133; Afrika: 84; Amerika: 28; Ozeanien: 48. In diesen 370 Sprachen sind ganze Bibeln 97, Neue Testamente 93, Bibelteile 180; von ihnen kommen auf Europa: 36, 19, 22; auf Asien: 3b, 42, 56; auf Afrika: 13, 20, 51; auf Amerika: 3, 4, 2l; auf Ozeanien: 10, 8, 30. — Es sind die Hauptsprachen der Welt, in welche die Bibel bereits übersetzt ist. Beinahe Dreivierteln der Menschheit ist das Lesen der Bibel ermöglicht.
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