Die Proklamation der Offenbarung gegenüber der Religion. Zu Karl Barths Kirchlicher Dogmatik
Von Hans Joachim Iwand †
I.
Das Thema, das in gewissem Sinne das Thema geworden ist, welches eine so grundlegende Änderung in allen unseren wissenschaftlichen und kirchlichen Fragen hervorgerufen hat, ist beschlossen in der Frage: Was ist Theologie? Die Theologie hat anders, als das im neunzehnten Jahrhundert der Fall war, eine zentrale Bedeutung erhalten. Wenn man Schleiermacher als einen der typischen Vertreter dieses Jahrhunderts ins Auge faßt, dann wird man sagen dürfen: ihm ist die Theologie ein unentbehrliches Moment im Rahmen der gesamten Kultur der Menschheit. Auch der Herdersche Satz, wonach Humanität ohne Religion nicht denkbar sei, gehört hierher. Und darum, weil der Mensch, die Gesellschaft, und zwar gerade die auf Humanität ausgerichtete Gesellschaft, im Zentrum des philosophischen und spekulativen Interesses steht, ist das Phänomen der Religion in allen seinen seelischen und geschichtlichen Auswirkungen das zentrale Problem, welches dieses Jahrhundert beschäftigt. Nur insofern und insoweit als sie Religionswissenschaft ist, treibt man Theologie. Theologie ist nicht prima scientia, denn das Primäre ist das Leben, insonderheit das fromme Leben. Hier zeigen sich die echten Phänomene; die Theologie ist demgegenüber, wie alle Wissenschaft dem Leben gegenüber, sekundär, ist Reflexion, ist Ordnung, Systematik dieser Lebensvorgänge. Das Leben selbst, hier also das Gotterleben, ist letztlich etwas Irrationales, etwas, worauf wir nur hindeuten können, ein ineffabile, ein mysterium tremendum, dem gegenüber wir nur ehrfurchtsvoll den Finger auf den Mund legen können …
II.
Was ist Religion im Lichte der reformatorischen Theologie? — Religion ist nomos, der religiöse Mensch ist der Mensch unter dem Gesetz, und der areligiöse Mensch ist der Mensch „ferne vom Gesetz“, Religion ist natürliche Theologie — und nach der Meinung der Reformatoren ist die tiefe und bewegende Kluft zwischen Gesetz und Evangelium eben das, was wir Religion und Offenbarung nennen. Denn Offenbarung ist das Jenseits aller Religion, ist Gottes Wort und Gottes Gegenwart, ist die Präsenz des neuen Äons mitten in der alten, vergehenden Welt.
Lex, religio, peccatum, ira Dei — das steht alles auf einem Nenner, auf der anderen Seite aber steht gratia, verbum Dei, promissio, fides. Das ist der große Erfolg von Karl Barths Römerbrief, daß er die paulinische Theologie nun auf einmal mit den Augen der Reformatoren liest, daß Römer 7 der Schrei des unerlösten, des religiösen Menschen ist, daß das Beste aller natürlichen Religion die Frage ist, daß uns, wenn wir ehrlich sind, nichts anderes übrig bleibt, als dem „unbekannten Gott“ einen Sockel zu errichten — als mitten unter diesem Synkretismus modern-heidnischen Götzendienstes die erschütternde Erkenntnis einzusetzen, daß wir nichts wissen, daß alles, was man da Gott nennt, ein Menschengott ist, daß hier Feuerbach gesiegt hat oder noch siegen wird, weil es hier — im Zuge der Religionswissenschaft — nicht um Theologie, sondern um Anthropologie geht.
Aber so erschreckend diese Bestandsaufnahme ist, so groß ist doch die unter diesem Erschrecken verborgene Freude, die geheime Hoffnung, die diese Erkenntnis in sich birgt. Denn wenn es so ist, wenn die Offenbarung jenseits dieses Gebietes liegt, das mit dem Namen Religion umschrieben ist, dann bedeutet ja der Einbruch des Gegners in dieses Feld, dann bedeuten die moderne Säkularisation und die Skepsis, dann bedeutet all das, was man Nihilismus nennt, gar nichts. Dann ist der Sieg, den die moderne Wissenschaft mit dem Sturz dieser Götter errungen zu haben glaubt, nur ein Scheinsieg, dann ist in Wahrheit die Schlacht noch gar nicht in das Zentrum, in die Schlüsselstellung der eigentlichen Position des Glaubens vorgedrungen, dann hat Gott nun doch noch Seine Position verborgen gehalten und, wer weiß, was geschehen wird, was geschehen könnte, wenn Er von dort aus gegen die allzu sicheren, allzu übermütig ihren Sieg feiernden Menschen seinen Gegenangriff startet. Das Evangelium ist frei, es hat seine eigene Strategie behalten. Mag sich der moderne Mensch darin, daß er der moderne Mensch sei, noch so sehr verfestigen, mag er noch so sicher darin sein, daß er die Welt entzaubert habe und damit nun auch den Mythos der Offenbarung des Christengottes aufgedeckt, zunichte gemacht habe — er hat seine ganze Sicherheit auf der These aufgebaut, daß Religion das Ganze sei, daß der Mensch, nicht Gott, das A und O ist, daß der fromme, der religiöse Mensch nun durch den gottlosen, den aufgeklärten Menschen abgelöst sei, der begriffen hat, daß Gott tot ist -, diese These des modernen Menschen ist seine tiefste, ureigenste Blindheit. Evangelium heißt, daß es eine Botschaft gibt, die in „keines Menschen Herz gekommen ist“, daß auch all dies besorgte, geschäftige und ziellose Bemühen der Theologen und Kirchenmänner, sich apologetisch mit diesem „modernen Menschen“ auseinanderzusetzen, verlorene Mühe ist. Man sollte dieses große Heer von fragwürdigen Soldaten nach Hause schicken: denn wenn Gott seine Schlachten schlägt, dann macht er das mit seinem Gideon und jener kleinen Schar, die mit Gottes Macht und seinem Feldruf ins Lager der Feinde einbricht. Freude bedeutet darum diese Erkenntnis, weil sie uns den Blick auf die Möglichkeiten Gottes — die totaliter aliter sind als das, was in diesem Äon und von diesem von Tod und Blindheit und Sünde her gezeichneten Menschen als Möglichkeit einsichtig ist.
An die Stelle des religiösen Erlebens tritt ein anderes „Ereignis“, dem nun die theologische Existenz zugeordnet wird — die Verkündigung. Verkündigung in jenem biblischen Sinne, daß Gott redet und geredet hat und nun Zeugen dieser seiner Botschaft auftreten. Die Theologie hat es also mit einem solchen Einbruch mitten in unsere menschliche Existenz, mit dem Einbruch des Gegners mitten in unsere Reihen zu tun. Ganz im Sinne des Satzes: Verbum Dei, quoties venit, venit adversarius hominis (Luther), ist Offenbarung hier als Angriff verstanden und Glaube wäre dann nichts anderes als der Sieg des Angreifers.
III.
„Wenn ich sterbe — ich sterbe aber nicht mehr — und es findet jemand meinen Schädel, so predige es ihm jener Schädel noch: ich habe keine Augen, dennoch schaue ich Ihn; ich habe kein Gehirn noch Verstand, dennoch umfasse ich Ihn; ich habe keine Lippen, dennoch küsse ich Ihn; ich habe keine Zunge, dennoch lobsinge ich Ihm mit euch allen, die ihr seinen Namen anruft. Ich bin ein harter Schädel, dennoch bin ich ganz erweicht und zerschmolzen in seiner Liebe; ich liege draußen im Gottesacker, dennoch bin ich drinnen im Paradies. Alles Leiden ist vergessen. Das hat seine große Liebe getan, da er für uns sein Kreuz trug und hinausging nach Golgatha“ (Kohlbrügge, in Barth, Die christliche Dogmatik im Entwurf, Bd. 1, 1927, S. 110). Was ist das für ein Ton? Paßt der noch hinein in jenes bewußtseinsimmanente Schema des in Lust oder Leid um sich selbst schwingenden Menschen? Hier ist offenbar der ‚gebrechliche Nachen der Existenz verlassen, in dem wir über das aufgeregte Wasser treiben, und der Sprung, der Sprung auf die Felsplatte des Glaubens gelungen — hier heißt es Dennoch! Was hier gesagt wird, ist keine einfache Rede, kein Schluß von hier nach drüben oder von drüben nach hier, es heißt nicht: da ich ihn schauen werde, muß etwas Göttliches in mir sein, oder da nichts Göttliches in mir ist, werde ich ihn nicht schauen, es sei denn, es werde in mir geboren; weder auf die Geburt noch auf die Wiedergeburt wird hier der Glaube gegründet, sondern der Glaube sagt, neu und souverän, was beide sind, wie beide im Dennoch Zusammenhängen, der Glaube sagt und wagt das extra nos zu denken und reißt gerade damit das Denken selbst heraus, los von dem Kreisen um das „Ich bin“, um das homo sum, entdeckt ein Geheimnis, ein Rätsel, größer als alle bisher bekannten, im Bewußtsein oder im Unterbewußtsein entdeckten und vermuteten Geheimnisse, ein Rätsel, das größer ist als alle Vernunft: „Ich habe kein Gehirn noch Verstand, dennoch umfasse ich Ihn“. Jawohl, ich Ihn — wenn man den Nerv des Ansatzes finden will, der Barth wieder Dogmatik möglich macht, könnte man ihn gerade in diesem Kohlbrügge-Zitat finden. „Nicht nur Gott, sondern Gott und der Mensch zusammen bilden den Inhalt des in der Schrift bezeugten Wortes Gottes, nur daß das Verhältnis zwischen beiden eben kein gleichmäßiges, kein umkehrbares ist, kein solches, in welchem der Mensch nun eben doch , so etwas wie der Partner und Werkgenosse Gottes wäre, kein solches, das es uns erlaubte, an Stelle des biblischen Menschen uns selbst einzuschalten, mit unserem Nachdenken und Befinden über uns selbst; mit den Grundsätzen und Gesichtspunkten, nach denen wir selbst zu entscheiden pflegen. Sondern Gott und der biblische Mensch stehen sich gegenüber als der Herr dem Knecht, als der Schöpfer dem Geschöpf, als der Versöhner dem begnadigten Sünder, als der Erlöser dem auf seine Erlösung immer noch Wartenden, wie der Heilige Geist der Jungfrau Maria. Dieser Mensch bildet mit Gott (mit diesem Gott) zusammen den Inhalt des von der Schrift bezeugten Wortes Gottes … wir dürfen also nicht erwarten, über die Wirklichkeit des Offenbarwerdens Gottes an und unter den Menschen etwas in Erfahrung zu bringen aus einer von der Heiligen Schrift verschiedenen Erkenntnisquelle; wir haben vielmehr die Suffizienz der Heiligen Schrift als Erkenntnisquelle auch in dieser Hinsicht einzusehen; wir sind von ihr auch nach dieser, nach der subjektiven Seite, tatsächlich keineswegs allein und unserer eigenen Problematik und damit den Entdeckungen einer religiösen Anthropologie überlassen, auch nicht denen einer christlichen Anthropologie, die etwas anderes sagen wollte, als was ihr tatsächlich vorgesagt ist“ (Kirchliche Dogmatik I, 2, 227).
Das nennt Barth die Lehre vom Heiligen Geist als der „subjektiven Wirklichkeit der Offenbarung“. Die „objektive Wirklichkeit der Offenbarung“ ist das fleischgewordene Wort, ist Jesus Christus. Hier kann man sagen: Kommet und sehet! Hier ist das Eine und Einmalige mitten in der Zeit, mitten im Fließenden das Stehende. Darauf kann man hinzeigen und sagen: „Sehet Gottes Lamm“! Aber beim Menschen kann man nicht sagen: „Sehet“. Er ist nicht etwas Greifbares, etwas, woran wir „anknüpfen“ könnten. Er ist nicht der Übergang, um aus dem, was wir sehen, wissen und fühlen, also aus dem „Gewissen“, den Aufstieg ins „Ungewisse“ zu unternehmen. Die Lehre vom Geist Gottes schließt die Türe zu, die hier die Aufklärung in ihrer achristlichen wie in ihrer christlichen, in ihrer rationalistisch-deistischen wie in ihrer pietistisch-romantischen Gestalt meinte gefunden zu haben. Ich glaube an den Heiligen Geist — auch das muß, so meint Barth, nun ganz ernst genommen werden, wenn wir Offenbarung und Erlösung, wenn wir das, was die Reformation gefunden hat, nicht gerade umgekehrt verlieren wollen — wenn wir den Menschen immer schon und immer noch in der Kirche sehen wollen. „In welcher Christenheit er mir samt allen Gläubigen täglich und reichlich alle meine Sünden vergibt …“, dies Wort Luthers zitiert Barth ausdrücklich. Wir kommen nicht erst „in die Kirche hinein“, wir haben also nicht den Übergang zu untersuchen, wie der homo naturalis mit seinem Selbstverständnis, seiner Weltangst und vielleicht auch Weltlust, seinem Sein unter dem Nomos oder seinem Fernsein vom Nomos in die „Kirche“, beziehungsweise in den Bannkreis der Offenbarung tritt, sondern dies ist Gottes Geheimnis, das eben weder für die wissenschaftliche noch für die praktische Theologie ein faßbares, ein in seiner ganzen Tiefe und Höhe anfaßbares Thema ist. Wie komme ich zu Jesus Christus? — Antwort: der Heilige Geist hat mich berufen! Es ist Gottes eigenes Werk und Geheimnis. Niemand kann diese Mitte erfassen, in der ich erfaßt bin, ich kenne nur das Woher und Wohin, ich kann nur wie der „Reiter über den Bodensee“ davon reden und mit Schaudern feststellen, über welche Tiefen mich das Tier, auf dem ich reite, getragen hat, und werde es erst einmal ganz und völlig feststellen können, wenn wirklich das feste Land unter meinen Füßen sein wird. Jetzt aber bin ich eben noch in Bewegung, der „Heilige Geist“ heißt eben Bewegung, und diese Bewegung, in der ich mich da befinde, die Kraft, die mein Gesicht nach vorn richtet, so daß ich vergesse, was da hinten ist, und mich strecke nach dem, was (immer noch) vor mir ist, die nennt sich eben jenes „unaussprechliche Seufzen“, in dem ich bekenne, daß die Rechtfertigung noch nicht die Erlösung ist, daß das Fleisch nicht vergeistigt wird, sondern daß das eine sterben muß, damit das andere ganz Wirklichkeit werde.
Weil eben der Mensch in Bewegung ist, darum kann er nicht „Anknüpfung“ oder „feststehender Punkt“ sein, darum ist alles, was heute an ihm so ist, morgen anders, darum ist auch das scheinbar Festeste an seiner Existenz doch nur ein Aggregatzustand, der sich über Nacht in einen fließenden, wandelbaren auflösen kann, und sei es Tod oder Sünde oder auch das Nichts. Der Tod kann seine Schrecken verlieren und die Sünde kann aufhören, uns von Gott wegzutreiben und das Nichts kann geradezu das Wort werden, das wir brauchen, um Gott zu finden! Das „Suum nihil“ — wie Luther es nannte! Indem ich den Menschen und also mich so in Bewegung sehe, sehe ich ihn als Glied jenes Volkes, des alttestamentlichen wie des neutestamentlichen Bundesvolkes, das „herausgerufen“ und „auf-dem-Wege“ ist. Der Mensch in dieser seiner Besonderheit des Noch-Nicht und des Schon, des Herausgerufenseins aus seinem „Vaterlande“ und des in Marsch-Gesetztseins auf das Land der Verheißung hin ist der erwählte, der in Jesus Christus erwählte und so der Kirche eingegliederte Mensch. Das ist das Große an Karl Barths Dogmatik, daß sie die Türe erst im dritten Artikel zumacht, die die alte Kirche im ersten, die Reformation im zweiten bereits geschlossen hatte; daß nun auch im dritten Artikel Gott die Ehre gegeben wird. Oder sagen wir genauer: Gott innerhalb der Theologie, in der Lehre, die Ehre gegeben wird. Die Aufklärung hatte hier ein Loch gegraben, um Gott sozusagen von hinten her nun eben doch natürlich zu erkennen. Um eine Stelle zu finden, wo es nicht mehr heißt: Höre, Israel, Dein Gott redet, sondern wo es heißt: Höre, Mensch, in dich selbst, da ist die offene Tür! Vor dieses Paradies, das eben ein verlorenes Paradies ist, stellt Barth den Engel mit dem gezogenen Schwert. Hier sagt er jenes absolute Nein, das er dann Brunner so bedingungslos entgegenschleuderte. Hier setzt er jene Erwählung in Jesus Christus, die allen Menschen gilt, wenn anders wir sie im Glauben sehen.
Darum nennt Barth seine Dogmatik kirchliche Dogmatik, er ist der Meinung, daß er den Artikel von der Kirche (in seiner Sprache vom Gnadenbund Gottes in Jesus Christus) als Ergänzung und Erfüllung durchzuführen berufen ist. „Es gibt Jesus Christus gegenüber nicht zuerst Gläubige und dann, aus diesen gebildet, die Kirche, sondern: zuerst gibt es die Kirche und dann, durch sie und in ihr, die Gläubigen. Ist Gott gewiß an die Kirche sowenig gebunden wie an die Synagoge, so sind es doch die Empfänger seiner Offenbarung: sie sind, was sie sind, indem Kirche ist, und indem sie in der Kirche sind, nicht ohne die Kirche und nicht außer der Kirche. Wobei unter Kirche nicht nur zu verstehen ist die innere und unsichtbare Zusammengehörigkeit derer, die Gott in Christus die Seinigen nennt, sondern auch die äußere und sichtbare Zusammengehörigkeit derer, die, daß sie in Jesus Christus sind, in der Zeit gehört, haben und sich zu diesem Hören bekannt haben. Das Empfangen der Offenbarung geschieht innerhalb, nicht außerhalb dieser doppelten Zusammengehörigkeit“ (Kirchliche Dogmatik I, 2, 231).
An diesem Punkt, an der Lehre vom Heiligen Geist als der subjektiven Möglichkeit der Offenbarung und der von da gegebenen Lehre von der Kirche als dem „auserwählten“ und insofern eben „erwählten“ Volk, liegt das inhaltlich Entscheidende in Barths dogmatischem Ansatz. Gott und Mensch sind auch bei ihm — natürlich — zwei, aber sie sind zwei innerhalb des einen Wortes Gottes, ihr Gegenüber ist geradezu durch das verbum konstituiert, so, wie in Gott durch das Wort das Gegenüber von Vater und Sohn konstituiert ist. Die Dogmatik hat es also nicht zu tun mit einem vorausgesetzten Sein des Menschen zu Gott oder zu sich oder Gottes zu ihm, sondern dem im Wort der Offenbarung gesetzten Sein des Menschen zu Gott und Gottes zu ihm. Abgesehen vom Wort — und zwar bis hin zu dem in der Verkündigung der empirischen (evangelischen, katholischen, freikirchlichen, jedenfalls irgendwie noch biblisch redenden) Kirche — gibt es dieses Sein des Menschen zu Gott oder Gottes zu uns zwar (wie sollte Gott in seiner Freiheit nicht auch das in der Hand haben?), aber es gibt dies nicht für uns! Es ist potentia absoluta, nicht potentia ordinata. Die Kirche ist das besondere, das heilvolle, das den Menschen in ein besonderes Werden, Neuwerden, Sich-selbst-Loswerden (hineinziehende), ihn freimachende Sein des Menschen coram Deo! „Gott ist heiliger, das heißt abgesonderter und abgesondert bleibender Geist, der actus purus des Geistes. Er ist auch in seinem unbegreiflich unmittelbaren Nahesein als der Geist des Sohnes der unbegreiflich ferne Geist des Vaters; gerade en pneumati, in wirklicher Gemeinschaft mit Gott kann man zu Gott nur beten. Beten heißt aber: bei Gott alles suchen müssen, darum und darauf ‚hin, daß man von Gott gänzlich gefunden ist. Beten kann man nur makroten hestos (von ferne stehend) wie der Zöllner im Tempel. Gerade en pneumati bekennt man sich zu seiner völligen Armut, zu seinem gebrochenen Gewissen, zu seiner Weltlichkeit, zu seinem geängsteten und zerschlagenen Herzen …“ (Die christliche Dogmatik im Entwurf, Bd. 1, 1927, S. 208).
So unternimmt nun Barth die gewaltige Leistung eines Neubaus der Kirchlichen Dogmatik, von dem nun schon sieben Bände vorliegen. Mitten in einer Zeit, die von den furchtbarsten Erschütterungen bewegt wird, vollzieht sich hier in einer einzigartigen Konzentration, in einer bewunderungswürdigen Verbindung von Genie und Arbeit in zwanzig Jahren ein Geschehen, das an innerer Bedeutung dem, was wir heute um uns her erleben, gleichkommen dürfte.: Vergessen wir nicht: alles, was geschieht, ist irgendwie geistig bedingt. Das ist die tiefe Wahrheit der Ideologien, die die Menschen gebrauchen, um Geschichte zu machen. Menschen sind nun einmal geistige, sie sind auch unvermeidlich religiöse Wesen. Sie können nicht anders. Ihr Dasein und folglich auch ihre Geschichte ist immer Geistes-, ist immer Religionsgeschichte. Auch ihr Turmbau zu Babel, auch das Weib auf dem Tier und das Tier aus dem Abgrund mit seinem falschen Propheten ist Religionsgeschichte. Die Aufklärung hat geirrt, wenn sie meinte, zwischen Religion und Alltag, zwischen religiöser und vernünftiger Wirklichkeit unterscheiden zu müssen. Darum verstehen die Menschen auch nicht mehr, was um sie und mit ihnen geschieht, daß alles Geschehen eben doch in der Religion — im Glauben — seine Wurzel hat, das offenbare wie das gottabgewandte. Barths Dogmatik ist ein unermüdliches Gegen-diesen-Strom-Schwimmen, ist die Proklamation der Offenbarung gegenüber der Religion.
Quelle: Kirchen in der Zeit. Evangelische Kirchenzeitung, 21. Jg., Nr. 5, Düsseldorf 1966, S. 206-208.