Das Fundament der Kirche und die Pflichten ihres Amtes (1548)
Von Johannes Brenz
Eingeleitet und übersetzt von Martin Brecht
Im Zusammenhang der Vorbereitungen auf den 500. Geburtstag von Johannes Brenz sind auch handschriftliche Materialien zugänglich geworden, die zuvor kaum beachtet worden sind. Dabei handelt es sich um Reden, die Brenz vor der Synode der Pfarrer des Gebiets der Reichsstadt Schwäbisch Hall gehalten hat. Diese jährliche Zusammenkunft der Pfarrer war Bestandteil der überörtlichen Kirchenleitung, die mit der endgültigen Kirchenordnung von Schwäbisch Hall 1543 eingerichtet worden war. In den prinzipiellen Reden bei diesem Anlaß führte Brenz so etwas wie eine Pastoraltheologie für das junge, noch keineswegs konsolidierte evangelische Kirchentum aus. Damit wird eine Seite der theologischen und kirchenleitenden Arbeit von Brenz sichtbar, die bisher kaum bekannt war.
Geboten wird hier in deutscher Übersetzung die letzte dieser Reden, die 1548 kurz vor dem endgültigen Weggang von Brenz aus Schwäbisch Hall gehalten worden und im Stadtarchiv Nördlingen überliefert ist. Damals drohte die zwangsweise Rekatholisierung durch das Interim und damit der Untergang der evangelischen Kirche in Schwäbisch Hall. Es ist schon historisch tief eindrücklich, was Brenz in dieser Situation seinen Amtsbrüdern als Vermächtnis hinterlassen hat. Darüber hinaus behält es bleibende Bedeutung überall da, wo man sich um die Kirche Sorgen macht und wo wegen des Auftrags der Amtsträger Verunsicherung herrscht.
Die Rede ist fast durchweg aus sich selbst verstehbar. Nach einer Einleitung, die auf die bedrängenden Zeitumstände eingeht, gelangt Brenz zu seinem Thema: das feste Fundament der Kirche. Dafür beruft er sich ausgerechnet auf die Verheißung Christi an Petrus Mt 16,18f. Außerdem wird die Schlüsselstelle Röm 1,16 herangezogen. Die Interpretation lenkt dann hin auf die Diener der Kirche als deren Grund. Darauf werden drei Hauptpflichten der Kirchendiener benannt und ausgeführt. Die erste besteht in der Predigt des Evangeliums und dem dazu erforderlichen Studium der Heiligen Schrift. An zweiter Stelle wird die Fürbitte für die Kirche genannt. Zuletzt versäumt Brenz nicht, auf die Wichtigkeit des guten Beispiels für eine glaubwürdige Amtsführung hinzuweisen. Die anschauliche Explikation weiß jeweils kundig auf einschlägige biblische Zusammenhänge zurückzugreifen. Die Rede dürfte es somit wert sein, pastoraltheologisch studiert zu werden. Dabei könnte sie die Adressaten weiterhin trösten und mahnen.
Die Rede, die Johannes Brenz auf der Synode der Pfarrer von Schwäbisch Hall 1548 gehalten hat.
Ich zweifle nicht, meine heben Kollegen in Christus, daß ihr selbst bei euch bedacht habt, daß diese Synode nicht wegen des feierlichen Brauchs oder des gemeinsamen Mahls stattfindet, sondern daß wir untereinander beraten, was zur Leitung unserer Kirche nützlich und notwendig erscheint. Alles soll zur Auferbauung geschehen, sagt Paulus (1Kor 14,26). Weil der Herr Superattendent (Johannes Isenmann) mir jetzt die Rede übertragen hat, möchte ich, unterstützt von der Milde Gottes und euren Bitten, einiges ausführen, wodurch wir sowohl über unser Amt ermahnt als auch ermuntert werden, die Stellung zu bewahren, in die wir mit ordentlicher und darum göttlicher Berufung gestellt worden sind. Es war nämlich nicht nötig, nach einem Thema eigens Umschau zu halten. Die Sache selbst und die jetzige Zeit legen es uns nahe oder drängen uns vielmehr genug Stoff zum Reden auf. Wir sehen nämlich, daß nicht nur fremde Nationen nach Deutschland eingedrungen sind, sondern daß auch unseren Kirchen die äußerste Verwüstung droht. Es wird ein päpstliches Konzil gehalten, auf dem alles sich dahin zu kehren scheint, daß die Lehre unseres Evangeliums verdammt wird. Die politische Obrigkeit, die der Nährer der Kirche sein sollte, unterstützt entweder das Wüten der Papisten, oder sie weicht zurück und fürchtet sich, oder sie kann der Kirche doch nicht beistehen, so sehr sie auch will. Ich zweifle nämlich nicht am ehrlichen Willen des Rates dieser Stadt, daß er sich auf jede mögliche Weise um die Kirche verdient machen und sie in gute und fromme, ruhige Verhältnisse versetzen will. Aber schauen wir uns die Zeiten an: Es fehlt den besten Männern nicht am Wollen, sondern an der Möglichkeit. Deshalb scheint es nicht nur um die wahre Lehre des Evangeliums, sondern auch um das Heil der wahren Kirche Gottes völlig geschehen zu sein. Solche Gedanken pflegen den Sinn der Kirchendiener so zu verwirren, daß einige feiger und nachlässiger werden, einige den Mut gänzlich fallen lassen und den Spieß, wie man zu sagen pflegt, wegwerfen, weil sie meinen, es sei kein Mittel mehr vorhanden, wodurch sie der angefochtenen und verzweifelten Sache der Kirche noch Beistand leisten könnten. Dazu haben wir zu sagen, daß wir das Vertrauen bewahren, aufwachen und unser Amt fortführen sollen, auch wenn der Erdkreis unterzugehen scheint.
Da deshalb der schreckliche Untergang der Kirche zu drohen scheint, legt es sich nahe, am Anfang über das Fundament der Kirche zu reden, daß wir erkennen, auf welche Weise wir die Kirche, soviel an uns liegt, durch Gottes Güte nicht nur in der Gegenwart erhalten, sondern auch für die Nachkommen fortpflanzen können. Denn das Fundament, auf das die Kirche gegründet ist, liegt nicht in weltlichen Reichen oder in der Macht der politischen Obrigkeit, sondern ist gelegt allein auf das Amt der Predigt des Evangeliums Christi, auf unser Amt, sage ich, und auf die Lehre, die wir von den Propheten und Aposteln empfangen haben. Da aber in dieser Sache sehr viel daran hängt, unseren Sinn zu bestärken, worin das Geschick der Kirche liegt, ist es der Mühe wert, darüber die Zeugnisse der Schrift zu hören. Bei Matthäus (16,16-19), als Petrus öffentlich in seinem und seiner Kollegen Namen bekannt hatte, Jesus sei der wahre Christus, und sagte: Du bist Christus der Sohn des lebendigen Gottes, hört er umgekehrt von Christus: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. Nicht auf den Jerusalemer Bürgermeister oder auf den römischen Kaiser. Dazu legt er dieses Fundament nicht auf die Person des Petrus oder seine Nachfolger. Er sagt nicht: Ich werde meine Kirche auf diesen Petrus, sondern auf diesen Felsen bauen. Etwas anderes ist Petrus, etwas anderes der Fels, obwohl das eine vom anderen abgeleitet wird. Ich will hinzufügen, was vielleicht gewagt gesagt zu sein scheint, ist dann wahr, wenn es recht verstanden wird. Aber Christus legte das Fundament seiner Kirche nicht auf seine eigene Person. Obwohl Christus nämlich wahrhaft jener Eckstein ist, auf dem der Bau der Kirche immer bleibt (Eph 2,20f), und er ein ewiges Fundament ist, worauf seine Kirche gründet, redet Christus hier von dem Fundament, wodurch er selbst wie durch ein äußeres Werkzeug seine Kirche in dieser Welt erhält und gegen die Pforten der Hölle beschützt. Da er aber nicht immer in diesem leiblichen Leben verweilen wollte, ist es offensichtlich, daß er, was seine äußere Person anbetrifft, nicht jenes äußere Werkzeug ist, wodurch die Kirche bis zum Jüngsten Tag in dieser Welt erhalten wird. Denn wenn du darauf schaust, ist Christus nur der Diener der Beschneidung gewesen, wie Paulus sagt (Röm 15,8), das heißt, er hat das Evangelium nur unter den Juden gepredigt. Auch Christus selbst sagt (Mt 15,24): Ich bin nicht gesandt, außer zu den Schafen usw. Wenn deshalb Christus ein solches Fundament der Kirche errichtet, daß es das äußere Werkzeug sei, durch das die Kirche in dieser Welt bis zur Vollendung erhalten wird, versteht er unter dem Wort Fels nicht seine eigene äußere Person, sondern das Bekenntnis des Petrus, das besagt: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Dieses Bekenntnis, diese Lehre ist jener Fels, auf den Christus seine Kirche in dieser Welt gebaut hat. Und da es unser Amt, unser Dienst ist, daß wir diese Lehre ganz sorgfältig und standhaft vorbringen, ist klar, daß in dieses unser Amt und diesen unsern Dienst das Fundament der Kirche gelegt ist. Daher schreibt Paulus an die Römer (1,16): Das Evangelium ist eine Kraft Gottes zum Heil usw. Er verleiht dem Evangelium, d.h. der Predigt des Evangeliums, den bedeutendsten Titel, er nennt es eine Kraft Gottes, nämlich ein mächtiges und wirksames Werkzeug, durch das Gott die ganze Kirche rettet.
Offenkundig bejaht er deshalb, daß unser Amt, dem die Predigt des Evangeliums aufgetragen ist, jenes Fundament ist, auf das die Kirche Gottes sich stützt. Was soll ich von der Stelle sagen, die er an die Korinther (1Kor 3,9f) schreibt: Gottes Mitarbeiter sind wir, Gottes Ackerwerk, Gottes Bau seid ihr nach der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, daß ein weiser Architekt das Fundament gelegt hat, ein anderer aber darauf baut? Wenn er sagt, er habe das Fundament gelegt und wir seien an diesem Bauwerk die Mitarbeiter Gottes, was lehrt er damit anders, als daß das Amt, das wir in der Kirche ausüben, jenes Werkzeug sei, durch das die Kirche gegründet und erhalten wird zum ewigen Heil? Deshalb fügt er auch hinzu, einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. So nennt er nämlich jetzt die Predigt des Evangeliums. Es kommt auch dies hinzu, was Epheser (4,10f) steht: Der hinabgestiegen ist in die untersten Teile der Erde, ist eben derselbe, der auch aufgestiegen ist über alle Himmel, daß er alles erfülle. Und dieser hat manche zu Aposteln, manche aber zu Propheten, manche zu Evangelisten, manche zu Hirten, manche zu Lehrern gemacht. Er sagt nicht, Christus sei in den Himmel aufgestiegen, damit er der Kirche politische Obrigkeiten gebe. Obwohl es nämlich eine Gabe Gottes und mit höchstem Dank von Gott zu empfangen ist, wenn die Mitglieder der Obrigkeit Christus anerkennen und Sorge tragen, sich um die Kirche verdient zu machen, ist dennoch ihre Macht nicht das Fundament der Kirche, sondern Christus ist in den Himmel aufgestiegen, daß er der Kirche Hirten und Lehrer gebe. Zu welchem Zweck? Es folgt (Eph 4,12f): zu verbinden und zu bestärken die Heiligen, zu dienen und zu lehren das Evangelium zur Auferbauung des Leibes Christi, bis wir alle zur Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen. Und was kann deutlicher vom Grund der Kirche gesagt werden, als was Paulus wenig vorher im selben Brief (2,19f) schreibt: So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, aufgerichtet auf dem Fundament der Apostel und Propheten, dem Eckstein Jesus Christus selbst. Hier wird mit klaren Worten der Bau der Kirche beschrieben. Und als Eckstein wird Christus selbst gesetzt, für das übrige Fundament aber die Lehre der Propheten und Apostel von Christus. Weil diese Lehre unserem Amt übertragen ist, deshalb ist es klar, daß unser Amt das Fundament der Kirche ist.
Aber ich will darauf verzichten, mehr Zeugnisse von dieser Sache aufzuführen, wenn ich noch eines hinzugefügt habe. Paulus schreibt an seinen Timotheus (1Tim 4,16): Habe acht auf das Lesen, die Ermahnung, die Lehre, und er fügt hinzu: wenn du dies tust, wirst du dich selbst retten und die, die dich hören. Hier ordnet Paulus offenkundig der Lehre des Evangeliums das Heil des Dieners wie der Hörer zu. Er sagt: Du wirst dich selbst retten und die, die dich hören. Wir haben deshalb deutlich gemacht, daß die Kirche Christi nicht auf weltliche Gewalt, sondern auf die Lehre des Evangeliums, d.h. unser Amt, gegründet ist. Wir wollten aber dies ein wenig reichlicher ausführen, daß wir erkennen, daß, auch wenn die gottlose Welt die Kirche stürzt oder verfolgt, diese trotzdem nicht stürzt oder unterdrückt oder zerstört wird, wenn wir es an unserem Amt nicht fehlen lassen, das das Fundament der Kirche und durch göttliche Macht übertragen und aufs stärkste begründet ist.
Aber du sagst, es herrscht ein solches Wüten dieser Welt gegen das wahre Evangelium Christi, daß wir, die wir es predigen, entweder ins Exil getrieben oder grausam getötet werden. Wie sollen wir darum unser Amt ausführen? Oder wie wird in dieser Fleischbank der Kirchendiener die Kirche bestehen? Nichts als Böses haben wir nämlich von dieser undankbaren und gottlosen Welt zu erwarten. Deinetwegen nämlich, sagt der Psalm (44,23), werden wir den ganzen Tag getötet. Wir sind geachtet wie Schlachtschafe. Was aber ergibt sich daraus? Meinen wir, wenn wir dem Tod übergeben werden, daß auch das Amt des Evangeliums mit uns untergehe und die Kirche mit uns fallen werde? Wird dies etwa der allergnädigste Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, zulassen, daß die Kirche, die vor Erschaffung des Erdkreises erwählt und vom ewigen Sohn Gottes als dem höchsten Eckstein gegründet worden ist, es überleben wird, daß diese unsere gebrechlichen und sterblichen Leiber gleich seien den Propheten, Aposteln, den Evangelisten Petrus, Johannes, Matthäus, Paulus, so vielen so heiligen Dienern der Kirche, die auf verschiedene Arten ums Leben gekommen sind. Im Gegenteil, damit wir nicht sterben, auch wenn wir sterben werden allein im Vertrauen auf den Sohn Gottes, werden wir befestigt, was auch immer uns widerfahren wird. Der Tod, sagt Paulus (Phil 1,21), ist mir Gewinn. Daher laßt uns unsere Pflicht tun, wenn wir in dieser Situation sind, und fortfahren, Christus mit höchstem Glauben unserer Berufung entsprechend zu predigen. Das Übrige wird Gottes Sorge sein, der, je mehr die Heiden murren und die Völker Vergebliches planen, desto stärker das Fundament seiner Kirche festigen wird, daß sie geschützt werde gegen alle Pforten der Hölle. Da es sich so verhält und klar ist, daß die Kirche Christi auf unser Amt gegründet ist, bleibt nur übrig, daß wir zeigen, was wir zu tun haben zu unserer und der Kirche Erhaltung in einer solchen Verwirrung aller Dinge. Es sind aber hauptsächlich drei Pflichten unseres Amtes, durch die die Kirche durch den Sohn erhalten wird.
Die eine besteht darin, das Wort Gottes rein und wahr zu verkündigen und zu lehren. Dazu rufen uns Christus selbst und Paulus, sein Apostel: Prediget das Evangelium aller Kreatur (Mk 16,15) und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe (Mt 28,20). Ferner: Ein Bischof muß lehrhaft sein (1Tim 3,2), d.h. fähig zum Lehren. Und wiederum: Er muß halten an dem, was der Lehre gemäß ist, treu in der Rede sein, daß er durch die gesunde Lehre zu ermahnen und die Widersprechenden zu überzeugen vermag (Tit 1,9). Wie aber willst du lehren, wozu ermahnen, wenn du nichts von den heiligen Schriften je gelernt hast? Wenn deshalb der Heilige Geist vom Diener der Kirche die Lehre des Wortes Gottes fordert, fordert er von ihm den höchsten Eifer und die beständige Lesung der Heiligen Schrift. Wir meinen aber nicht, daß dies so einfach von uns in unserem Amt gefordert werde, wie es mir von einigen wenigen erinnerlich ist. Es geht um eine ernste Sache. Wehe nämlich uns, wenn wir nicht alle unsere Sorgen und Gedanken auf das Studium der frommen Lehre richten und wenn wir nicht Nacht und Tag im Gesetz des Herrn, wie die Schrift sagt (Ps 1,2), meditieren. Immer sollen wir die Ohren und unseren Sinn dem prophetischen Ausspruch offenhalten, mit dem Gott durch den Propheten Hosea (4,6) das gesamte gottlose Volk, hauptsächlich aber die lässigen Diener der Kirche anredet: Weil du das Wissen verworfen hast, verwerfe ich auch dich, daß du das Priesteramt mir nicht ausüben sollst. Und weil du des Gesetzes deines Gottes vergessen hast, will auch ich deiner Kinder vergessen. Das ist eine ganz schwere Drohung, die man nie außer acht lassen darf. Gott droht den Lässigen nicht allein ihre eigene, sondern auch die Verwerfung ihrer Nachkommen an. Lächerlich ist es, was man sich vom Pfarrer von Kalenberg erzählt: Wenn dieser eine Predigt hielt, soll er in der Vorrede gesagt haben, er teile seine Predigt in drei Abschnitte. Der erste lautete: Ihr versteht nicht; der zweite: Ich verstehe nicht; der dritte: Weder ihr noch ich verstehen. Zum Lachen wird dies von einem Pfarrer erzählt, aber damit wird ernstlich die Menge der Pfarrer getadelt. Ein großer Teil von ihnen geht alle Tage müßig oder praßt oder betreibt schmutzige Geschäfte. Wenn dann die Kirche gelehrt werden soll, bringen sie ganz abgeschmackt vor, was ihnen in die Backen kommt, daß gar keine Frucht der Lehre an die Kirche gelangt. Wir pflegen die Kirche aus Paulus (1Kor 8,9) zu ermahnen, daß die Freiheit nicht in Willkür verkehrt werden soll. Oder wie Paulus (Gal 5,13) sagt: Wir sollen mit der Freiheit dem Fleisch nicht Raum geben. Warum singen nicht auch wir diese Weise? Das Evangelium hat uns nämlich befreit von der unnützen Lesung der kanonischen Stundengebete, wie sie es nennen. Wozu? beschwöre ich euch. Etwa, daß wir alles Studium der frommen Wissenschaften und der Gebete unterlassen und lässig schnarchen? Nichts weniger als das! Wir sind erleichtert von dieser Last, daß uns etwas Größeres, freilich auch Nützlicheres auferlegt werden soll. Wir haben nicht die eine oder andere Stunde auf die Lesung der Stundengebete der Jungfrau Maria oder des Rosenkranzes zu verwenden, sondern die gesamte Zeit unseres Amtes und sogar unseres Lebens ist auf die Lesung der Heiligen Schrift und auf die Kenntnis der frommen Lehre zu verwenden. Der gute Hirte, sagt Christus (Joh 10,14), läßt sein Leben für seine Schafe. Aber wie läßt du dein Leben für deine Kirche, wenn du nicht wenigstens Stunden auf das Studium der frommen Lehre um deiner Gemeinde willen aufwendest? Es mag uns freilich beschämen, an Eifer und Sorgfalt von einem heidnischen Maler (am Rand: Apelles) übertroffen zu werden. Dessen beständige Gewohnheit war es, täglich wenigstens eine Linie zu ziehen. Wird nicht dieser im Gericht Gottes aufstehen und jene lässigen Kirchendiener verdammen, die viele Tage lang nicht einmal einen Vers der Heiligen Schrift durchlaufen? Denkwürdig ist es, was in den Makkabäern (1Makk 12,9) der Hohepriester Jonachas bemerkt: Wir bedürfen des Schutzes der Heiden nicht. Unser Trost sind die heiligen Bücher, die wir in Händen haben. Hier ermahnt der Hohepriester, die heiligen Bücher niemals aus den Händen zu legen; das Befinden der Kirche hänge vom Studium der heiligen Bücher ab. Deshalb soll uns nichts vorrangiger und nichts letztgültiger sein, als daß wir mit ganzem Sinn dafür Sorge tragen, womit wir die fromme Lehre sowohl selbst sorgfältigst erkennen als auch wahr der Kirche vorlegen. Wenn wir dies tun, sagt Paulus (1Tim 4,16), werden wir uns selbst retten, und die, die uns hören. Soviel über die erste Pflicht unseres Amtes.
Die andere Pflicht besteht darin, zu beten oder Gott den Vater unseres Herrn Jesus Christus anzurufen und Gott durch den Sohn Gottes das Heil der Kirche mit frommen Bitten anzubefehlen. Wir haben unserem Amt nicht genuggetan, wenn wir die eine oder andere Predigt in der Woche halten, sondern es ist auch erforderlich, daß wir unsere Knie beugen, wie Paulus sagt (Eph 3,14.16f), vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus für seine Kirche, daß er ihr gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, wodurch sie stark gemacht wird durch den Heiligen Geist und Christus durch den Glauben in euren Herzen wohnt. Das ist bitten, daß Gott unserem Amt Wachstum verleihe. Im Gesetz Moses hatten die Priester nicht nur die Ochsen zum Opfer zu schlachten, sondern auch den Weihrauch hinzuzufügen. Wegen der allgemeinen Bedeutung für das Opfer Christi werden die Kirchendiener durch diese Reden ermahnt, daß sie nicht nur die Kirche das Evangelium von Christus lehren, sondern auch Weihrauch für sie aufdampfen lassen, das ist, sie Gott empfehlen mit frommen und eifrigen Bitten. Bei Ezechiel (13,5) zürnt Gott den Propheten und unter ihrem Namen den Dienern der Kirche ernstlich, daß sie nicht die Mauer ihres Gebets für das Haus Gottes aufrichten: Ihr seid nicht mir gegenüber aufgestanden, sagt er, und habt euch nicht als Mauer für das Haus Israel entgegengestellt, daß ihr steht im Kampf am Tag des Herrn. Und wiederum (22,30f): Ich habe unter ihnen einen Mann gesucht, der einen Zaun dazwischen stellte und mir entgegenstünde, daß ich es nicht verderbte, aber ich fand keinen. Und ich schüttete meinen Zorn über sie aus. Weiter ist das Bild dieses Amtes fein abgebildet im Beispiel Moses, das im Buch Exodus (17,10-12) steht: Israel stritt in einem Gefecht mit den Amalekitern. Mose aber ging mit Aaron und Hur auf den Berg und hob seine Hände zum Himmel, während die Israeliten kämpften. Schau mir aber das sehenswerte Wunder an: Wenn die Hände Moses in die Höhe erhoben werden, siegt Israel, wenn sie aber nur ein wenig nachlassen, siegt Amalech. Deshalb stützten Aaron und Hur mit einem daruntergestellten Stein auf jeder Seite seine Hände, damit sie stark wären und Israel endlich den Sieg davontrüge. Dies ist ein Bild unserer Bitten, mit denen wir durch Christus als den wahren Eckstein gestärkt, die ständig mit dem Satan und seinen Engeln kämpfende Kirche unterstützen sollen. Mit Lehren und Beten nämlich besiegen wir die Feinde und bewahren die Kirche.
Hierher gehört auch jenes Beispiel Moses, das im selben Buch beschrieben ist (Ex 32,10): Laß mich, daß mein Grimm erzürne gegen sie und ich sie zerstöre. Mit diesen Worten bezeugt Gott selbst, daß er sich von den Bitten der Diener der Kirche zurückhalten lasse, daß er nicht gegen sie wüte. Er spricht, sagt der Psalm (106,23), daß er sie vertilgt hätte, wenn nicht Mose, sein Erwählter, in den Riß vor ihm getreten wäre, damit er seinen Zorn abwende, daß er sie nicht vertilge.
Sieh mir auch Samuel (1Sam 7,9) an. Während dieser nämlich opfert und betet, besiegen die Israeliten die Philister, und später (1Sam 12,19.23), als die Israeliten baten, daß er bete, damit sie nicht stürben, sagte er: Das sei ferne, daß ich aufhöre für euch zu beten und euch den guten und rechten Weg zu lehren. Groß und ausgezeichnet sind diese Wunder Moses und Samuels, durch die bedeutet wird, daß es nicht nur zur Pflicht der Kirchendiener gehöre, das Heil der Kirche Gott mit frommen Bitten zu empfehlen, sondern auch, daß ihre Bitten der Kirche sehr viel helfen. Aber es mag jemand unter uns sagen, wir sind nicht Moses und Samuel, wie sollten wir uns trotzdem zu versprechen wagen, daß die Kirche durch unsere Bitten gerettet werde? Das ist richtig, wenn wir uns mit den Personen und ihren persönlichen Gaben vergleichen. Wenn man jedoch die Ämter betrachtet, ist gewiß unser Amt größer sowohl als das Moses als auch das Samuels. Diese hatten das Amt des Gesetzes, das ist des Todes. Wir haben das Amt des Evangeliums, das ist des Lebens, wie Paulus an die Korinther (2Kor 3,6f) lehrt. Und: Ist nicht alles, was geschrieben ist, uns zur Lehre geschrieben (Röm 15,4)? Viel vermag, sagt der unter dem Namen des Jakobus geschriebene Brief (5,16), das ernste Gebet des Gerechten. Und er fügt hinzu (5,17f): Elias war ein Mensch den Anlagen nach ähnlich wie wir, und er betete, daß es nicht regne, und es regnete auf Erden drei Jahre und sechs Monate nicht, und er betete wieder, und der Himmel gab Regen und die Erde brachte ihre Frucht hervor. Ähnlich den Anlagen nach wie wir, sagt er, daß du verstehst, diese Beispiele der Heroen sollen uns nicht vom Gebet abschrecken, sondern eher einladen. Seien wir also unserer Pflicht eingedenk, daß wir nie aufhören, das Heil der Kirche mit ernsten Bitten dem Herrn, Gott dem Vater, durch seinen Sohn Jesus Christus anzuempfehlen. Und wir sollen nicht befürchten, daß unsere Mühe umsonst sei. Wie der Regen niemals vergeblich vom Himmel fällt, ohne die Erde zu befeuchten und sie ausschlagen zu lassen, so steigen die frommen Bitten niemals vergebens zum Himmel, ohne durchzudringen zum Thron der göttlichen Majestät und nach dem Sinn des Geistes zu erreichen, was immer sie verlangt haben. Und nimm an, du betest nur für gottlose und verworfene Leute wie Saul, trotzdem wird auch so nicht einmal dein Gebet vergeblich sein. Wenn da ein Kind des Friedens sein wird, spricht er (Lk 10,6), wird der Friede auf ihm bleiben, wenn aber nicht, wird euer Friede zu euch zurückkehren. Und das soll über den zweiten Teil des Amts gesagt sein.
Laßt uns auch zum dritten Teil kommen, der darin besteht, die Kirche mit guten Beispielen zum Eifer für die Frömmigkeit anzustacheln und zu entzünden. Es ist nämlich nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit der Tat zu lehren. Und die Kirche ist nicht nur mit der Predigt, sondern auch mit den Werken zu erbauen. An Timotheus (1Tim 4,12) schreibt Paulus: Du sollst ein Beispiel sein für die Gläubigen in der Rede, im Wandel, in der Liebe, im Geist, im Glauben, in der Reinheit. Und Petrus sagt (1Pt 5,3): Seid Beispiele für die Herde. Ich bitte euch deshalb, mir zu erlauben, frei zu reden und von hier aus unsere Sitten zu vergleichen. Wir sind nämlich nicht gerade viele, wie die Gegend, aus der wir zusammenkommen, weder weit noch groß ist, und trotzdem findet man unter uns welche, die den Namen des Herrn zu Flüchen und Beschimpfungen ganz schamlos mißbrauchen. Andere geben sich äußeren und schmutzigen Geschäften hin, andere prassen die ganzen Tage und bisweilen auch die ganzen Nächte, andere sind anderer Verbrechen schuldig. Mit solchen Sitten kann es nicht ausbleiben, daß die Kirche schwerstens angefochten wird. Laßt uns deshalb sorgfältig erwägen, was jenes Wort Christi (Mt 18,6) meint: Wer eines von diesen kleinen Kindern ärgert, die an mich glauben, der verdient, daß ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt werden würde. Was also verdient der, der nicht nur eines, sondern seine gesamte Kirche so mit lässiger Lehre wie auch verbrecherischem Leben ärgert? Welche Strafe, bitte ich dich, verdient der, der, nachdem er vom Fürsten beauftragt worden ist, dessen höchst ehrbare Braut zu beschützen, trotzdem entweder selbst als erster ihr Schande antut oder sie andern zum Schänden überläßt? Welche gerechte Strafe könnte für ein solch frevelhaftes Verbrechen verhängt werden? Christus, der Sohn Gottes, aber vertraute die Kirche, die seine Braut ist, seinen Dienern an. Und die tun ihr Schande an, indem sie sie entweder mit bösen Sitten ärgern oder Gottloses lehren, oder sie durch ihre Nachlässigkeit dem Satan zum Verderben aussetzen. Solch eine verbrecherische und ungeheure Untat verdient nicht nur mit einem an den Hals gehängten Mühlstein, sondern mit dem ewigen Feuer der Hölle bestraft zu werden. Der Apostel befiehlt im Hebräerbrief (13,17), daß die Hörer ihren (Kirchen)dienern gehorchen sollen, und fügt hinzu: Jene wachen über eure Seelen, als die da Rechenschaft geben sollen. Mit ganz wenigen Worten legt er das Amt der Diener der Kirche aus, nämlich daß die für die Kirche wachen, die ihretwegen Rechenschaft geben werden. Jedoch, beschwöre ich dich, welche Rechenschaft mag der geben, der nie oder ganz selten ernstlich über die fromme Lehre, über die wahre Anrufung Gottes und über das ehrbare Vorbild seines Lebens nachdenkt? Überhaupt haben wir bestrebt zu sein, daß wir mit dem Apostel (1Kor 4,4) sagen können: Ich bin mir nichts bewußt, obwohl ich darin nicht gerechtfertigt bin. Und (Act 20,27) ich habe nicht unterlassen, euch den ganzen Rat Gottes anzusagen. Auch wir haben zu bedenken, daß wir, sooft wir predigen, in das Gericht nicht nur des Verstandes, sondern unseres ganzen Lebens kommen, sowohl des bisher geführten als auch des künftig noch zu führenden. Deshalb prüfen wir uns mit unserem ganzen Sinn daraufhin, daß wir das, was wir mit dem Wort des Evangeliums bauen, mit der Hand der bösen Beispiele nicht einreißen, damit wir nicht, wenn wir anderen predigen, selbst verwerflich erfunden werden (1Kor 9,27).
Das wollte ich, meine lieben Kollegen in Christus, in eurer Gegenwart verhandeln, damit wir, nachdem wir in diesen höchst schwierigen Zeiten ohne allen menschlichen Schutz sind, den Mut für die Erhaltung der Kirche nicht fallen lassen, sondern erstens alle Hilfe vom Sohn Gottes erbitten, der sagt (Joh 14,18), er werde seine Kirche nicht als Waise zurücklassen. Darauf laßt uns unser Amt mit sorgfältigem Eifer anpacken mit der Lehre der Heiligen Schrift, mit der frommen Anrufung des Namens Gottes um das Heil seiner Kirche und mit ehrbaren Beispielen des Lebens. Christus, der Sohn Gottes, wird uns nicht im Stich lassen, wenn wir es an unserem Amt nicht fehlen lassen. Ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt, sagt er (Mt 28,20). Was uns darum an Widrigem bei der frommen Leitung der Kirche widerfahren wird, das ist als Gewinn zu rechnen. Sind wir mitgestorben, sagt er (2Tim 2,11 f), so werden wir auch mitleben, leiden wir, so werden wir auch mitherrschen. Denn wenn wir recht gekämpft haben werden, ist für uns die Krone der Gerechtigkeit bereit, die uns an jenem Tag der gerechte Richter, unser Herr Jesus Christus, geben wird (2Tim 4,7f), dem mit dem Vater und dem Heiligen Geist Ehre sei in Ewigkeit usw. Amen.
Der Syllogismus (das Schlußverfahren), aus dem die ganze Rede besteht.
Das kirchliche Amt erhält die Kirche.
Das Evangelium Christi zu lehren, Gott, den Vater Christi, aus Glauben für das Heil der Kirche anzurufen und ehrbare Beispiele zu geben, sind die Teile oder Pflichten des kirchlichen Amtes. Also erhalten Lehren, Gott Anrufen und gute Beispiele Geben die Kirche.
Es folgt die Bitte für die Kirche
Gnädigster Gott, Vater unseres Herrn Jesus Christus, wir sagen dir größten Dank, daß du in dieser ungeheuren Verschwörung der Völker und im Wüten gegen das Evangelium seines Sohnes deine Kirche erhältst und uns, ihre Diener, inmitten der Teufel nach deiner unermeßlichen Güte beschützest. Wir bitten dich flehentlich und gehorsam durch Jesus Christus, deinen Sohn, daß du uns nicht verwirfst von deinem Angesicht noch deinen Heiligen Geist von uns nimmst, sondern fortfährst, unser Amt mit deinem Geist zu begaben, daß es, wie dein Sohn, unser Herr Jesus Christus, verheißen hat, gegen die Pforten der Hölle besteht und fortdauert.
Wo wir auch unsere Augen herumschweifen lassen, sei es bei den Sitten der Menschen, sei es bei der Macht der Feinde der frommen Lehre, sei es auf den Reichstagen, sei es bei den Konzilien, alles scheint den völligen Untergang des Evangeliums deines Sohnes und seiner Kirche anzudrohen. Aber du, Herr, unser Gott, der du im Himmel bist, bist größer, als der in der Welt ist. Du hast durch deinen Propheten zu deiner Kirche gesagt (Jes 54,7): Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Im Augenblick des Zorns habe ich mein Angesicht ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Barmherzigkeit erbarme ich mich deiner.
Es scheinen aber auch wir in diesen Zeiten von allen aufs äußerste verlassen, auch du scheinst dein Angesicht vor uns verborgen zu haben; aber wir vertrauen auf deine Wahrheit, daß, nachdem bei uns erfüllt ist, was du über das Verlassen und das Verbergen deines Angesichts gesagt hast, bei uns auch erfüllt werde, was folgt, daß du uns versammelst mit großem Erbarmen und uns sammelst mit immerwährender Barmherzigkeit.
Erhebe dich darum, warum schläfst du, Herr? Erhebe dich und verstoße uns nicht endgültig. Weshalb wendest du dein Angesicht ab und vergißt unsere Not und Trübsal (Ps 44,24f)? Du kennst gewiß die Worte deines Knechts David. Auch wir kennen sie und haben tatsächlich erfahren, daß die Übel, die nach ihm der Kirche seiner Zeit widerfahren sind, teils auch der Kirche zu unserer Zeit widerfahren, teils von den Feinden der frommen Lehre grausam angedroht werden. Deshalb bitten wir flehentlich, daß du uns mit demselben Geist stärkst, unser Amt segnest und deine Kirche in allen Widrigkeiten verteidigst durch Jesus Christus, deinen Sohn, unsern Herrn usw. Amen.
Vater unser usw.
Quelle: Theologische Beiträge 30 (1999; Heft 6), S. 318-327.