Zu 1. Samuel 24
Von Walter Lüthi
Der Atem kommt einem zum Stocken, wenn man die Ereignisse verfolgt, die sich in den Gemsbergen, in jener Höhle, ereignen (Kap. 24). David mit seinen Schicksalsgefährten hat Unterschlupf gefunden in der Tiefe einer Höhle. Saul trifft etwas später ein, legt sich ahnungslos vorn in der gleichen Höhle nieder und sinkt in einen Schlaf der Erschöpfung. Damit ist diesmal Saul in Davids Hand gegeben. Kann David diese Gelegenheit, seinen Todfeind loszuwerden, nach allem, was geschehen ist, ungenutzt lassen? Vermag es David anders zu sehen, als dass nun endlich die Stunde der Befreiung, der Tag der Erlösung vom Elendsdasein eines Maquisarden (eines Partisanen) und Widerstandskämpfers für ihn und seine Männer geschlagen hat? Wenn David jetzt seinen Feind abstechen würde, müsste, sagen wir einmal, ein schweizerisches Schwurgericht den Mann, der in solch äusserster Notwehr zur Selbsthilfe griff, nicht schon in der ersten Sitzung freisprechen? Ja, haben nicht Davids «betrübte Männer» recht, einfach recht, wenn sie David bestürmen, beschwören, ihn schliesslich unter den Druck des prophetischen Wortes setzen: «Siehe, das ist der Tag, davon der Herr dir gesagt hat: Siehe, ich will deinen Feind in deine Hände geben, dass du mit ihm tust, was dir gefällt» (24,5). So ist es mit Händen zu greifen, ein Blinder kann es sehen, ein Tauber kann es hören, dass das nun eine Sternstunde ist.
David schwankt für Augenblicke. Seine Hand schneidet dem schlafenden König mit dem Dolch einen Zipfel seines Königsmantels weg. Dabei aber schlägt ihm das Herz darüber, dass er Hand an den Gesalbten des Herrn legen will. Und David verlässt die Höhle. Der Erwählte Gottes hat die angebliche Gottesstunde als Stunde der Versuchung erkannt, als Versuchung zur eigenwilligen Selbsthilfe. Damit tut er, was jetzt gegen allen Verstand spricht: David verschont seinen Todfeind und Verfolger, weil dieser ein Gesalbter des Herrn ist. Samuel hat seinerzeit Saul im Auftrag Gottes zum König gesalbt. Man verniedlicht diesen Vorgang, wenn man hier lediglich Davids Grossmut rühmt. Wenn hier etwas zu rühmen ist, dann ist es Gottes Wille, der seinen Auserwählten vor sündhafter Selbsthilfe bewahrt. Ja man kann sich ernstlich fragen, wer hier der eigentlich Verschonte sei, Saul oder David. Saul hat viel zu verlieren, David aber mehr. Ja, Saul hat schon verloren, was er verlieren konnte. David aber wird hier davor bewahrt, aus der Gnade der Erwählung zu fallen. Selbsthilfe hätte hier den Verlust seiner Erwählung zur Folge haben können. So baut Gott sein Reich, indem er nicht nur den Verworfenen an seinem verwerflichen Tun hindert, sondern auch den Erwählten vor Selbstzerstörung bewahrt.
Aber diese Kapitel drängen schliesslich unaufhaltsam hin zu einer letzten Feststellung, ohne die wir nicht Amen sagen könnten: Tausend Jahre später sehen wir den Erwählten aus dem Hause und Geschlechte Davids verraten und in die Hände der Menschen überantwortet. Schon am Eingang seines Erlöserweges hat der Versucher in der Wüste probiert, ihn vom schmalen Weg des Erlösergehorsams auf den Abweg eigenwilliger Selbsthilfe zu locken. Er hat den gleichen Versuch später wiederholt. Und bis zuletzt tönt es von unten und von allen Seiten auf ihn ein: «Hilf dir selber.» Und er hilft sich nicht selber. Er ist der Eine, der sich nicht selber hilft. Damit aber, dass er auf Selbsthilfe verzichtet und den Weg des Gehorsams bis ans Kreuz zu Ende geht, hilft er uns. Dort aber treten im letzten Augenblick keine Philister auf den Plan, ihn zu befreien. Er bleibt am Kreuz und stirbt. Und so, so über und wider alles Begreifen baut Gott sein Reich. Amen.
Quelle: Walter Lüthi, Das erste Buch Samuel, ausgelegt für die Gemeinde, Basel: Friedrich Reinhardt, 1964.