Elazar Benyoëtz, Opferlahm: „Das grobschlächtige Verbrechen des Mordens wird durch die Bezeichnung »Opfer« zur frevlerischen Tat zu einer himmelschreienden Blasphemie. Mit »Opfern« werden die mildernden Umstände, die man sich im nachhinein wünscht, hervorgezaubert, durch ihre Benennung legitimiert.“

Opferlahm

Von Elazar Benyoëtz

Es genügt nicht, seine Opfer darzubringen, sie müssen auch geschlachtet werden.

»Juden sind gemordet worden, weil sie Juden waren, nur Opfer sind sie gewesen, so viele Opfer, aber doch wohl nicht, damit man heute endlich daraufkommt, schon den Kindern zu sagen, daß sie Menschen sind? Etwas zu spät, findest du nicht? Nein, das versteht eben niemand, daß die Opfer zu nichts sind! Genau das versteht niemand, und darum beleidigt es auch niemand, daß diese Opfer auch noch für Einsichten herhalten müssen.« Ingeborg Bachmann[1]

Man bringt seine Opfer dar, um seine Taten zu sühnen, nicht um an sie erinnert zu werden.

Das grobschlächtige Verbrechen des Mordens wird durch die Bezeichnung »Opfer« zur frevlerischen Tat zu einer himmelschreienden Blasphemie. Mit »Opfern« werden die mildernden Umstände, die man sich im nachhinein wünscht, hervorgezaubert, durch ihre Benennung legitimiert. Daß eine Mordtat Gott vom Menschen abschlägt, Himmel und Erde auseinandertreibt, sollen die »Opfer« verdecken, die eine Welt als Altar suggerieren, zu dem Opfer wie Opfernde gehören, damit zu verstehen gebend, es sei vorgesehen und vorgeschrieben und geschehe vor dem Herrn, der seine Opfer begehrt und darum auch die Opfernden schätzt: Es ist an der Bezeichnung »Opfer« etwas Verdammtes, denn Opfer werden immer gutgeheißen

Quelle: Elazar Benyoëtz, Allerwegsdahin. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche, Zürich-Hamburg: Arche, 2001, S. 172.


[1] Ingeborg Bachmann, Unter Mördern und Irren, in: Ders., Werke, Bd. 1, München: Piper, 1978, S. 177.

Hier der Text als pdf.

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