Gunda Schneider-Flume (1941-2024), Meditation zu Psalm 139,5: „Fragment deshalb auch die Theologie, / Bruchstück geschulten Denkens / in der Fülle der Geschichte Gottes.“

Meditation zu Psalm 139,5

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.“

Begreifen ganz
Anfang und Ende
principium und finis,
alles umfassend,
das ist das Ziel
wissenschaftlicher Spekulation.
Aber der Beter bekennt, dass Gott
– gewiss Anfang und Ende –
sei viel mehr:
„Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,
ich kann sie nicht begreifen.“
Ist das Kapitulation des Denkens,
Flucht aus der Verantwortung
der Wissenschaft?
Doch der Beter
spricht von Erfahrung,
die ihm widerfährt
in Rede und Gegenrede,
in Spruch und Widerspruch.
An dieser Erfahrung
arbeitet Theologie sich ab,
obwohl sie den Sinn und das Ganze
– principium und finis –
nicht fassen kann.
Fragment deshalb auch die Theologie,
Bruchstück geschulten Denkens
in der Fülle der Geschichte Gottes.

Quelle: Gunda Schneider-Flume, Grundkurs Dogmatik. Nachdenken über Gottes Geschichte, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2. A., 2008, S. 33f.

Hier der Text als pdf.

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