vierzehn strophen gott
1.
Von dem das wenigste gewusst
und das meiste
gesagt wird, der ist es.
Den einen fällt in dieser Ferne,
die Gott heißt, der Mund zu,
den anderen
öffnet sich die Sprachschleuse
sperrangelweit, diese wieder
begrüßen die Enthemmung der Propheten,
während jene mit nicht wenigen
Worten ein Sühneschweigen fordern.
In dieser Schaukel fährt
der schwer zu Nennende daher
und alle meinen ihn zu haben,
nicht habend ihn zu haben
oder habend ihn zu haben,
jedenfalls zu haben.
Mit vollem Mund,
mit leerem Mund,
alle stammeln.
2.
Sie schieben,
was ihnen wie Gott vorkommt,
hinauf, damit
sie ein sicheres Dach haben.
Schieben
ihn hinab,
damit nichts über ihnen lastet,
schieben ihn weg,
auf dass er keiner Erfahrung im Weg
sein kann.
Sie schieben ihn nach hinten,
nach vorn, schieben ihn hinein.
Sie werfen einander vor,
er sei dahin oder dorthin falsch verschoben worden.
Wissend, besorgt und kompetent
wird er in seine Funktions-
orte eingewiesen.
Was immer die Gottversorger
mit ihm anstellen, es bleibt etwas.
Der ihnen wie Gott vorkommt,
passt nirgendwo ganz hin,
es bleibt etwas über.
Das wird er wohl sein,
der nicht Unterzubringende.
3.
In gar keiner Weise,
vor niemand und niemals
buckeln.
Jederzeit sich gerade aufrichten
in allen Zuständen.
Nicht mitzujammern,
nicht zum Winseln sind wir da.
Die Sinne seien mit aller Andacht
auf die Welt gerichtet.
In die fatale Predigt von der Nichtigkeit der Dinge
stimmen wir nicht ein.
Wir belauschen das Gras, in
dem die Säfte steigen.
Es ist genug getan,
dass die Ungewöhnlichkeit
der Sandkörner bemerkt werden kann:
Löst eure Saugnäpfe vom Firmament.
Ihr habt den Text der Erde nicht gelesen.
Buchstabiert noch ein wenig.
Hier unten.
4.
Gefragt,
wie viel sinnliche Greifbarkeit
sie sich an Gott wünsche, sagte sie prompt: Nicht
arg viel.
Es wäre ihr schon genug,
wenn auf dem Trottoir vor ihrem Wohnhaus
ein Paar leerer Holzschuhe
auf und ab ginge, laut aufschlagend,
im unregelmäßigen Rhythmus,
dass die Gasse davon widerhallte.
Das wäre zwar
keine totale Befriedigung der Augen,
aber die Figur gäbe ihr
deutlichen Anhalt genug,
zugleich den scharfen Umriss
und das offene Rätsel,
das sie nicht an platte Evidenzen
verlieren will.
5.
Was habe ich,
wenn ich Gott habe?
Einen Haufen Vorschriften,
einen Gastfreund,
einen Liebhaber des Lebens,
das Abenteuer einer unheimlichen Bekanntschaft,
die belastbarste Adresse für meine Zornausbrüche,
ein unermüdliches Gehör für meine Lieder,
eine geräuschlose Wirklichkeit,
eine Auskunft für meine Fragen
und einen Brunnen für meine Rätsel,
einen Unruhestifter in meiner Seele, eine Instanz,
um die ich nicht herumkomme, einen, der sich
– bei aller Undurchsichtigkeit seines Verhaltens –
herausnimmt,
einmal mein Richter zu sein.
Ich habe Gott habend
auf meiner Seite die blanke Freude
an den unlösbaren Gesichtern
der Schöpfung.
6.
Könnte
es der ewigen Weisheit die Sprache verschlagen,
wenn ein alt gewordenes Kind drüben ankäme,
mit einem Lächeln vor sie hinträte
und ohne große Betonung,
ohne Tremolo in der Stimme sagte:
Das ganze Leben lang
hast du mir wehgetan.
Geschlagen von deinen Leuten,
vergiftet von deinen Worten, vollgepresst mit deinen Befehlen,
mag ich nicht auf meine Knie fallen.
Die Luft ist
stehen geblieben in meiner Lunge.
Da bin ich nun,
und hätte dich lieber versäumt.
Mach doch jetzt,
dass ich bin
und dich niemals mehr bemerke.
7.
Scheherezade,
war schön genug,
das Mädchen im arabischen Epos, ihr Leben zu
retten vor dem Messer des Sultans.
Sie erzählt ihm tolle Geschichten
so spannend, so mitternächtlich,
dass sie der furchtbare Mann
schließlich heiratet.
In der biblischen Gottesgeschichte
wird die Methode des Hinhaltens,
die Verlangsamung der himmlischen
Eilfertigkeit in Sachen Strafe
ebenfalls geschätzt und drastisch angewendet.
Scheich Abraham feilscht
mit dem Allmächtigen um
das Schicksal der Schwulensiedlungen
Somdoma und Gomorrha.
Der Patriarch setzt nicht den Eros ein,
er rechnet Jahwe vor,
wie bescheiden er sein könnte
in seinem Willen zur Strafe
und hat keinen Erfolg.
8.
Still erlischt Gott
in der Gleichgültigkeit der Seele,
auf einmal
ist er verschwunden,
ohne Schrei,
ohne Blutflecken auf dem Hemd.
Wie der Wind stehen bleibt in den Erlen,
kein Blatt sich regt in der Niemandluft
kaum eine Mücke tanzt
über dem wellenlosen See,
die Möwen wissen nicht mehr,
wozu sie ihre Flügel haben,
das Ruder führt ohne Widerstand
durch das Wasser,
in den Öfen gefriert die Asche,
die Gräser faulen im Garten,
der Dornbusch wartet umsonst auf das Feuer
und Moses behält seine Schuhe an.
Er geht nicht auf den Berg.
9.
Gott ist da
und lässt mich in Ruhe, sagt Epikur,
er desavouiert sein Anwesen nicht
durch die Wucht,
mit der er auf meinen Gefühlen lasten könnte,
dass ich ihn aus lauter Angst erfinden müsste.
Er will unbewiesen da sein,
ohne dass ihn eine Laus
für nötig halten will,
er will aus dem puren Selbst aufquellen,
nicht herantransportiert
von irgendwelchen Nützlichkeiten,
taub in den Ohren für die Schreie derer,
die ihn brauchen wollen
und meinen, er sei so gut wie tot,
wenn er nichts leistet.
Das ist ihm lieber als die Knechtschaft,
unter die ihn ihre Wünsche zwingen.
Meint der Grieche.
10.
Wird das Gott-Wesen
leicht zu erkennen sein, wenn ich auf es treffe?
muss ich nach seiner Identität fragen?
Habe ich darauf zu warten, dass es sich vorstellt?
Seltsame Figuren werden sich vordrängen und
schreien
ich bin es,
ichbaal
ichosiris, ichodin.
ichisis.
Oder ist das Numen auf seine Weise kenntlich,
dass im Augenblick klar ist. Der! Die!
Das! Niemand sonst!
Kann ich nach dem Gesicht suchen?
Darf ich mit plötzlichen Eingebungen rechnen?
Die Kenntlichkeit Gottes scheint den Mystikern
geschenkt zu sein,
Es führt ihnen ein süßer Schuss durch die Seele,
und schon schreien sie Gott!
11.
Weil er uns sonst niederhaut,
preisen wir ihn alle laut (Nestroy).
Die Gottbeschwichtigungs-Lieder
könnten nach diesem Vers
den ganzen Sinn der Religion enthalten.
Die Sprache der Gottesdienste
stützt diesen Verdacht,
sie stellt uns häufig einen Gott vor,
dem die Lieder zu seiner Ehre
ganz und gar nicht zuwider sind,
der über dem Genuss schläfrig wird
und dreinzuschlagen, wie vorgehabt,
ganz vergisst.
Ist Orpheus der Magier dieser Kunst?
Der Allwissende des Himmels
wird ihm leicht auf die Schliche kommen,
es sei denn, die Zauberei der Musik
lähmt auch den göttlichen Scharfsinn. –
Die Lenkung des himmlischen Reiches scheint
kein Leichtes zu sein.
Die Pfiffigkeit der Bürger ist gern darauf aus, die
Weltregierung dümmlich
aussehen zu lassen; unfähig, die
wahre Motivation der Bürger klar
zu durchschauen.
12.
Was ist die stärkste
Zündung für deine Gottesvermutung?
Die Schönheit,
wenn du eine Sommerwiese siehst?
Ist es eine leuchtende Frau?
reißt dich die Gutheit hin,
für die du keine Worte hast?
Oder imponiert dir die Gewalt der Natur,
ihre kosmische Wucht?
Animiert dich das überallhin dringende Licht?
Das wachsende Können des Menschen?
die zusammenstimmende Kraft der Musik?
Du weißt es nicht zu nennen.
Aber ohne Unterbrechung
brennt die Gewissheit in dir,
dass in diesen Zündungen
die göttliche Macht zu dir spricht,
die sich nicht scheut,
in ihrem Vokabular
das Glück und die Katastrophe zu mischen.
13.
Über alle Benennung,
im unendlichen Schwung
aufwachsender Gott,
Nie simpel vorhanden in rundum begrenzter
Form,
die wie ein Sack Mehl
vor mir steht,
Abgewendeter,
auf der Flucht vor denen, die ihn in ihren Sprach-
spielen grammatisieren wollen.
Was allmählich in Wort und Gehör
zwischen uns zustande kommt,
ist kein stationäres Verhältnis,
ein ungeheuer ziehender Flug
hat uns erfasst, Angst stellt sich ein,
der Abstand könnte mit jeder
geschöpflichen Zuwendung größer werden.
Da wird mir gesagt:
ins nächtliche Ohr.
Er trägt deinen Zuruf mit sich fort.
Es ist, als rittest du
auf dem Rücken eines Blauwals
durch den Atlantik.
14.
Der den Stein betritt.
Wer ist es?
Inständig der Gedanke: Da muss
doch jemand sein,
der die Fremde im Inneren
dieses rund geschliffenen Dinges
aufsuchen kann.
Nicht um dieses Wissen zu bewirtschaften,
um es zu haben vielmehr.
Sollte nicht Gott das Organ
für das Innerste der Materie sein?
Ungeheure Oberflächlichkeit,
die mich in keine Tiefe entlässt.
Je härter ich mit dem Hammer andringe;
um den Meißel zu treiben,
umso gewisser
weicht es zurück, dieses Stein-Sein,
das sich an der Oberfläche
so viel Form abgewinnen lässt.
Die gottrufende Sprachlosigkeit.
Gottfried Bachl (* 16. April 1932 in Linz; † 23. Mai 2020) war ein österreichischer Theologe und Universitätsprofessor für Katholische Dogmatik.
Quelle: SALZ. Zeitschrift für Literatur, Jg. 36, Heft 143 (März 2011), S. 52-55. Wieder abgedruckt in: Das flüchtige Nu des Lebens: Ein Gottfried-Bachl-Lesebuch, herausgegeben von Wilhelm Achleitner, Innsbruck: Tyrolia, 2024, S. 61-74.