Von Gerhard Sauter
1. Sprache ist (a) eine (spezifisch menschliche?) Handlung: eine Repräsentation von Wirklichkeit mittels Zeichen, ohne daß diese immer auch als Laute artikuliert werden müßten; Sprache vollzieht sich (b) als Verständigung zwischen Partnern, die die Zeichen verstehen, sich also über die jeweils bezeichnete Wirklichkeit einig sind oder werden; schließlich heißt Sprache (c) eine zusammenhängende Folge von Zeichen, die mit anderen Zeichensystemen (»Sprachen«) vergleichbar sind und eine Übersetzung von der einen in die andere erlauben. In diesem weiten Sinne umfaßt »Sprache« beispielsweise auch eine nicht akustisch, sondern visuell wahrnehmbare Verständigung (z.B. Körpersprache) und deckt sich mit Kommunikation. Zu ihr gehören auch Kunstsprachen oder rein logische Zeichensysteme, die allerdings zu ihrer Erläuterung die Alltagssprache benötigen und darum nicht über sie hinausführen, etwa zu einer idealen Sprachwelt, die von Trübungen und Mißverständnissen zwischenmenschlicher Verständigung frei wäre. Zur Klärung verhilft oft eine besonders ausgebildete, auf genaue Begriffe bedachte Sprache, die sich auf einen schon gegebenen Sprachzusammenhang bezieht und diesen beschreibt. Diese Sprachebene liegt über der »natürlichen« Sprache und heißt deshalb »Metasprache«. Manche theologischen Sätze verstehen sich als Regeln über den Gebrauch elementarer Glaubenssprache (z.B. Regeln über rechtes und falsches Reden von Gott oder die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium). Allerdings sind in der Theologie und mehr noch im kirchlichen Reden solche metasprachlichen Elemente häufig mit der Glaubenssprache vermischt, was manche Verwirrung stiften kann.
2. Wie werden wir auf Sprache aufmerksam?
a) Von jeher sind Texte ein Anlaß gewesen, über das Verstehen von Sprache nachzudenken. Was ein Text ist, wie er zustande kommt, rekonstruiert und ausgelegt werden kann, wird freilich in den verschiedenen Methoden heutiger Sprachwissenschaft unterschiedlich beurteilt (Hermeneutik; Linguistik als Untersuchung von Sprachstrukturen und formalen Bedingungen). Relativ unabhängig davon ist die Beobachtung, daß jedes Wortzeichen einen Gegenstand (realer oder nichtrealer Art) bezeichnet, während ein Gegenstand oft durch verschiedene Ausdrücke wiedergegeben werden kann, auch in derselben Sprache. Die Bezeichnung ist ein selten ganz abgeschlossener Vorgang, und die Möglichkeiten der Bedeutungserweiterung und -übertragung erwecken die Vorstellung eines fortwährenden produktiven Sprachprozesses, sind aber auch eine Quelle von Mißverständnissen.
b) In einem weiteren Bereich der Entdeckung von Sprachen liegen Verstehensprobleme, etwa in der Wahrnehmung des Sinnes überlieferter Texte oder bei der Übersetzung aus einer Sprache in die andere. Auch eine wortwörtliche Übersetzung kann den Sinn des Gemeinten verfehlen; oft stellt sich erst bei nachfolgender Auslegung heraus, daß ein für die Übersetzung gewählter Ausdruck eine Sinnverschiebung bewirkt. Ein aus der Kirchen- und Missionsgeschichte bekanntes Beispiel ist das Problem, Sachverhalte von Sprache zu Sprache zu übertragen, für die es in der neuen Sprache keinen Ausdruck gibt oder nur Wörter von annähernder, möglicherweise aber auch andersartiger Bedeutung. Eine andere Gefahr hat die Entwicklung von Wissenschaftssprachen deutlich gemacht: die durch sie erreichte Genauigkeit ist oft um den Preis erkauft, daß sie von Lebensvorgängen abstrahieren und dadurch zur Weltbewältigung mit künstlichen Mitteln beitragen. Eine zusätzliche und häufig unterschätzte Gefahrenquelle entsteht aus dem Bedürfnis, wissenschaftlich exakt formulierte Sachverhalte wegen ihrer Bedeutung für die Öffentlichkeit mittels einer »Bildungssprache« verständlich zu machen, die eine Übersetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Alltagssprache gera-de nicht leistet, sondern meistens einen Nebel ungefähren Bescheidwissens erzeugt, der selber seine eigenen Orientierungsprobleme produziert. Das hat sich in Kirche und Theologie etwa am Schlagwort »Entmythologisierung« gezeigt.
c) Ein drittes Feld zur kritischen Besinnung auf Sprache bilden Verständigungsschwierigkeiten: Sprache in allen ihren eingangs genannten Erscheinungsformen kann gemeinsame Wirklichkeit ebenso aufdecken wie auch verdecken. Was gesagt wird, ist nicht immer identisch mit dem, was damit gemeint ist. Auf ein noch tieferliegendes Problem weisen die mannigfachen »Sprachregelungen« hin, die nicht aus dem Bemühen um eine klare und allgemeinverbindliche Erfassung eines Gegenstandes erwachsen, sondern die Bedeutung eines Wortes für eine bestimmte Gruppe zum Zwecke ihrer sozialen oder politischen Selbstbehauptung festlegen. Begriffe werden so zur Waffe der Auseinandersetzung.
Dies macht auf die sozialen Beziehungen von Sprache aufmerksam, die zu letzten sprachkritischen Fragen führen: Ist es möglich, ein Wahrheitskriterium für Aussagen anzugeben, das nicht selber schon sprachlich vermittelt und womöglich völlig willkürlich festgelegt worden ist? Kann die Frage nach der Wahrheit aus dem Zirkel der Sprache heraustreten? Ist »Wahrheit« vielleicht nur ein hochgegriffener Ausdruck für die Gewöhnung an die Bedeutung bestimmter Wörter? Was kann überhaupt anders als durch Sprache verstanden werden? Die sprachliche Vermitteltheit alles dessen, was wir erfahren können, läßt darauf schließen, daß die Grenzen unserer Sprache (bzw. der Gesamtheit unserer Sprachen) auch die Grenzen unserer Welt sind (Ludwig Wittgenstein).
Eine Antwort auf diese Fragen ist bisher nicht gegeben worden und scheint auch unmöglich zu sein, wenn man annimmt, Sprache sei eine letzte Gegebenheit, die dann auch der Uranfang aller unserer Erkenntnis und ihre bleibende Voraussetzung sein müßte.
3. Wie ist Sprache entstanden, und wie entwickelt sie sich? Von den Antworten, die sprachwissenschaftlich gegeben worden sind, hat sich eine anthropologisch-soziologische als besonders erklärungskräftig erwiesen: Sprache ist eine Reproduktion der Welt, eine Wiedergabe des Erlebten, das dann auch unabhängig von eigener Erfahrung wiederholt und weitergegeben werden kann. Durch die Sprache wird und bleibt die Welt gegenwärtig, und durch sie wird der Mensch frei von der Last, sich einen begrenzten Ausschnitt der Wirklichkeit jeweils von neuem und unmittelbar aneignen zu müssen. Er kann vielmehr die im Sprachzeichen präsente Wirklichkeit in größerem Zusammenhang für seine Lebensführung einsetzen und sich dessen versichern, was ihm mit den Menschen seiner Umwelt gemeinsam ist und worauf ihre Gemeinschaft beruht. – In Ergänzung zu dieser Theorie ist psychologisch das Zusammenwirken von Erlebnissen und ihrer Bezeichnung sowie das Verhältnis von Aufnahme und Wieder- bzw. Weitergabe von Sprache untersucht worden. In manchen Theorien erscheint Sprache nur als Außenseite des Menschen in seinem sozialen Verhalten. Die Soziologie erforscht die Regeln (auch in Form verbindlicher Bedeutung), welche die Sprache als soziale Erscheinung gestalten, und deren Einwirkung auf das individuelle Sprechen.
4. Religiöse Sprache stellt für solche Analysen einen Sonderfall sozialer Leistung dar. Aus den Anfängen der Kultur hervorgegangen, legt sie das Ganze der Wirklichkeit so aus, daß Menschen ihr nicht mehr hilflos ausgeliefert sind, sondern zumindest eine sprachliche Zuordnung vollziehen und dadurch tätig werden können. Religiöses Sprechen ist ursprünglich Aussprechen von Wirklichkeit, nicht Aussage über sie. Die richtigen Worte sind wirksam, mit ihnen gewinnen Menschen Macht über ihr Dasein, auch indem sie ihre letzten Nöte und Fragen äußern (vgl. Magie).
Entwicklungstheorien der Religion beschäftigen sich mit dem Übergang von sprachlichen oder durch Sprache begleiteten Handlungen (bes. im Kultus; Ritus) zu einer Stufe ausdrücklicher Auslegung von Welt in der Hinwendung zu einer »Überwelt« mittels der Sprache. Bei einer Untersuchung religiöser Sprache steht heute das Problem im Vordergrund, ob diese der Frage nach ihrer Begründung außerhalb des eigenen Vollzuges offensteht oder ob sie allein nach den Regeln beurteilt werden kann, die sie selber enthält. Diese Alternative erweist sich aber als fraglich, da Kriterien stets relativ zu den Sprachsystemen sind, in denen sie formuliert werden. Abhilfe verspricht hier nur eine metasprachliche Klärung von »gegebener« Sprache, d.h. Rechenschaft über die Ebene, auf der gesprochen und gedacht wird. Denken ist nun nicht mehr Instanz vor und über der Sprache, sondern selber eine Sprachform, über deren Bezug zur reflektierten Sprache Auskunft zu geben ist.
5. Die Theologie hat Chancen und Schwierigkeiten der Sprache, des Sprechens und der Sprachen im Blick auf das Verhältnis von Gott und Mensch wahrgenommen. Dabei gelang es ihr, Beziehungen von Sprache zur Geltung zu bringen und sie Kriterien zu unterstellen, die zwar auch nicht anders als sprachlich formuliert werden können, aber doch aus dem Bannkreis der Sprache heraustreten, weil sie nicht an das Gelingen von Verständigung gebunden sind.
Entscheidend dafür wurde, daß und wie die biblische Religion mit dem Wort Gottes einsetzte. Das Wort Gottes begründet den absoluten Unterschied zwischen Gott und Mensch und zugleich die von Gott geschaffene und gewährte Gemeinschaft mit dem Menschen in der Schöpfung. Nicht die Sprache steht am Anfang der Geschichte des Menschen, der sich in seiner Welt zurechtfinden muß, sondern Gottes schöpferisches Wort und seine Anrede an den Menschen. Und am Ende aller Dinge wird das letzte Wort Gottes stehen, sein richtendes und rettendes Urteil, das vergehen läßt, was vor ihm keinen Bestand hat, und in die Gemeinschaft mit Gott aufnimmt, was mit ihm leben wird in einer alle menschlichen Sprachmöglichkeiten übersteigenden Schau (Metapher).
Nach 1.Mose 2,19 wird Adam von Gott angewiesen, die Geschöpfe zu benennen und sie dadurch in seine Verantwortung zu nehmen. Sprache verspricht deshalb, nicht nur Medium zwischen Mensch und Welt zu sein, sondern die Menschen in ihrer gemeinsamen Wahrnehmung der Welt zu vereinen. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel (1.Mose 11) zeigt jedoch, wie diese Gelegenheit durch menschliche Anmaßung zerstört werden kann. Diese Erzählung will den Ursprung der Vielsprachigkeit erklären, weist aber zugleich darauf hin, wie menschliche Gemeinschaft hoffnungslos verwirrt wird, wenn keine Sprache zur Bezeichnung gemeinsamen Handelns mehr zur Verfügung steht. Die Pfingstgeschichte (Apg 2) schildert demgegenüber ein Sprachwunder, das Menschen trotz bestehender Sprachverschiedenheit zusammenführt: in der Wahrnehmung der großen Taten Gottes durch das Hören des Heilswortes, das alle Sprachbarrieren überwindet.
Gleichwohl bleibt es eine Frage, ob von Gott angemessen geredet werden kann und wie dies möglich wird. Die paulinische Auseinandersetzung mit den »Sprachbegeisterten« (Zungenrednern) in der korinthischen Gemeinde (1.Kor 14) zeigt, daß die Überzeugung bestand, von Gott könne eigentlich nur unverständlich, d.h. in radikaler und ausschließlicher Zuwendung zu Gott geredet werden, ohne jede Rücksicht auf zwischenmenschliche Verständigung. Paulus hat dagegen eingeschärft, daß das Reden von Gott verstehbar sein müsse, weil es im Dienst des Geistes Gottes stehe. Die Versöhnung der Welt mit Gott umfaßt die Sprache, welche die Grenzen der Welt bildet, die gerade deshalb von Gott in Anspruch genommen werden. Daß Gottes Wort Fleisch geworden ist (Joh 1,14), heißt auch, daß es in menschliche Sprache eingeht, ohne in ihr aufzugehen.
6. Deshalb verbietet sich für Theologie und Kirche die Vorstellung, das Reden von Gott sei ein heiliger Sprachbezirk, in dem durch sorgsam gehütete Sprachgeheimnisse die göttliche Ordnung der Welt bewahrt werden müßte. Zwar sind in biblischer und christlicher Überlieferung einzelne Wörter aus der Alltagssprache herausgehoben und zu spezifischen Begriffen gebildet worden (etwa »Glaube«, »Verheißung«, »Liebe«). Doch bei Begriffen wie »Hoffnung« und »Freiheit« zeigt sich, daß diese nur in Verhältnisbestimmung zu ihrem gängigen Sinn verstanden werden können, weil die Glaubenssprache keine eigene Welt, sondern eine Orientierung in der Welt vermittelt. Hierbei teilt theologisches Reden eine Eigenart religiöser Sprache: sie ist immer auf Auslegung angewiesen und wird dadurch in dem, was sie wirklich zu sagen hat, nicht geschmälert – anders als etwa die poetische Sprache, die durch jede Deutung an Gehalt einzubüßen droht und eigentlich nur rezitiert werden kann.
7. In der Untersuchung biblischer Texte sind Redeformen zu beachten, die auf Mitteilungsweisen im täglichen Leben und in besonderen Situationen zurückgehen (u.a. der Botenspruch, mit dem sich auch die Autorität des Absenders mitteilt; Rede, Gegenrede und Urteil im Gerichtsverfahren; Dialoge im Prozeß der Wahrheitsprüfung). Auf eine theologisch grundlegende Unterscheidung hat Luther (1483-1546) aufmerksam gemacht: »Heißelworte« beschreiben Vorhandenes, benennen Sachverhalte, vermitteln auch Informationen; »Tätelworte« dagegen bewirken etwas, sie schaffen eine neue, mit dem wirksam mitgeteilten Wort geschaffene Situation (»Du bist frei«; »Dir sind deine Sünden vergeben«; »Ich taufe dich«). Zu den Tatworten gehören Verkündigung und Sakramente; durch die zu ihrem Vollzug gesprochenen Worte werden sie zum Handeln Gottes an uns. – In vergleichbarer Weise betont die neuere Sprachanalyse die funktionalen Verschiedenheiten von »Sprechakten« bzw. »Sprachhandlungen«. Von besonderer Bedeutung auch für Religion und Theologie ist die von dem Oxforder Philosophen John L. Austin (1911-1960) entwickelte Theorie, die den »konstatierenden« Aussagen (Feststellungen und Kennzeichnungen) die »performativen« Äußerungen gegenüberstellt, welche hervorbringen, was sie sagen und deshalb Handlungen sind, in die Sprecher und Angesprochener verwickelt werden (Beispiel: »Ich verspreche dir«). Die Frage, ob Ausgesprochenes wahr oder falsch ist, stellt sich bei diesen beiden Typen verschieden: im ersten Fall verlangt sie möglichst neutrale Beobachtung, im zweiten kann gar nicht von einem Unbeteiligten entschieden werden, ob sie zutreffen oder nicht; um sie zu beurteilen, muß man sich in den Prozeß der Kommunikation hineinbegeben, zu dem sie gehören.
Lit.: Zur Philosophie der Sprache: Apel, K.-O.: Transformation der Philosophie, Bd. 1: Sprachanalytik, Semiotik, Hermeneutik, Suhrkamp 1973. – Zur anthropologischen Grundlegung: Gadamer, H.G./Vogler, P. (Hg.): Philosophische Anthropologie 2, Thieme 1975, Neue Anthropologie 7 (verschiedene Positionen). – Zur Analyse religiöser Sprache: Martin, J.A.: Philosophische Sprachprüfung der Theologie, Kaiser 1974 (amerikanische Einführung). – Dalferth, I.U. (Hg.): Sprachlogik des Glaubens, Kaiser 1974 (Textsammlung). – Dalferth, I.U.: Religiöse Rede von Gott, Kaiser 1981. – Just, W.-D.: Religiöse Sprache und analytische Philosophie, Kohlhammer 1975. – Zu theologischen Fragestellungen: Schneemelcher, W. (Hg.): Das Problem der Sprache in Theologie und Kirche, A. Töpelmann 1959. – Ebeling, G.: Einführung in theologische Sprachlehre, Mohr 1971 (Hermeneutik). – Track, J.: Sprachkritische Untersuchungen zum christlichen Reden von Gott, Vandenhoeck 1977.
TRT4 (1983), Bd. 5, S. 90-94.
Gott leibt
Gott wirkt
Gott bleibt
für den Menschen
nicht fassbar
in der Seele
jedes Menschen
indem was
er verschlüsselt
offenbart
zu Einsicht
durch die Traumbotschaft
an jedem Tag