Der Prophet Ezechiel. Eine pathographische Studie (1947)
Von Karl Jaspers
Über Verfasser und Deutung des Buches Ezechiel sind die Alttestamentler nicht einig. Viele halten das Buch für die wohldisponierte Sammlung und Redaktion der Aufzeichnungen des Propheten durch diesen selbst. Andere meinen, daß eine Reihe, etwa zwanzig, Dichtungen des Propheten aus dem Anfang des 6. Jahrhunderts, später, im 5. Jahrhundert, von einem anderen Verfasser in seine theologischen Erörterungen eingebaut sind. Wieder andere halten das ganze Werk für ein Produkt der alexandrinischen Zeit. Alle sind einig, daß zahlreiche Glossen in den wie immer entstandenen Text hineingeraten sind, und daß der Text ungewöhnlich schlecht überliefert ist. – Audi die geistesgeschichtlichen Deutungen widersprechen sich. Ezechiel ist der erste Apokalyptiker – oder dieses Buch ist in der Zeit apokalyptischen Denkens von dort beeinflußt worden. Er ist der erste Schriftprophet –, oder er ist noch echter Prophet in gegenwärtiger mündlicher Aktion, aber hat seine Aktion selber schriftstellerisch berichtet. Er ist der erste, der auf dem Wege verabsolutierenden gesetzlichen und kultischen Denkens geht — oder ein Grundbestand echter Prophetie ist durch breite Texte aus dem schon entwickelten Gesetzesjudentum umkleidet.
So sieht sich der Nichtfachmann vor einem Gegenstand, der ihm, wenn er ihn als festes Dokument untersuchen möchte, ins Bodenlose gleitet.
Bei den kritischen Erörterungen der Alttestamentler spielt eine große Rolle der Geist der Texte, der einheitlich oder nicht zueinander passend ist. Es ist die Frage, ob hier ein psychopathologisches Gutachten den Alttestamentlern etwas sagen kann. Das wäre dann der Fall, wenn außer den sinnhaften Zusammengehörigkeiten, die der Geisteshistoriker aufdeckt, ein Zugleichsein von Phänomenen aufgewiesen werden könnte, die nicht sinnhaft, sondern als Symptome einer durch Erfahrung gekannten typischen Erkrankung zusammengehören. Das ist vielleicht der Fall. Eine Gewißheit ist bei der Art der vorliegenden Dokumentation nicht zu erreichen. Jedenfalls ist aber das Buch Ezechiel das einzige im Alten Testament, das durch die Menge der Angaben eine solche Betrachtung immerhin nicht ganz unsinnig erscheinen läßt.
Vergegenwärtigen wir zunächst die psychopathologisch in Betracht kommenden Tatbestände:
Ezechiel hatte Visionen in abnormen Zuständen. Die Hauptbeispiele sind (zitiert unter Auslassung psychologisch nichtssagender Sätze):
1. „Es ereignete sich … am fünften des Monats … (man errechnet das Jahr 593), da tat sich der Himmel auf, und ich sah ein göttliches Gesicht … Es kam dort über ihn die Hand Jahwes … Ich sah aber, wie ein Sturmwind vom Norden her kam und eine große Wolke und zusammengeballtes Feuer, und rings um jene her waren Strahlen, und aus diesen heraus blinkte es wie Glanzerz. Und zwar schienen aus ihm die Gestalten von vier Wesen hervor … Und zwischen den Wesen sah es aus, wie wenn feurige Kohlen glühten … und von dem Feuer gingen Blitze aus. Und die Tiere liefen hin und her wie der Schein des Blitzes … Und weiter sah ich, daß auf der Erde neben den vier Wesen je ein Rad war … und als ich ihre Felgen ansah, – da waren ihre Felgen ringsum voll Augen … Und ich hörte das Rauschen ihrer Flügel, wie das Rauschen gewaltiger Wasser, wenn sie gingen … Es war aber ein Getöse oberhalb der Veste, die sich über ihrem Haupte befand … Oben über der Veste aber war es anzusehen wie ein Saphirstein … ein Gebilde wie ein Thron … auf dem Throngebilde war ein Gebilde anzusehen wie ein Mensch … Ich sehe es leuchten wie Glanzerz … So war die Erscheinung der Herrlichkeit Jahwes anzusehen.
Und als ich sie erblickte, da hei ich auf mein Angesicht … Da kam der Geist in mich … der stellte mich auf meine Füße, und ich hörte die Stimme … Und er sprach zu mir: Menschensohn, iß diese Buchrolle … Da öffnete ich meinen Mund, … und ich aß, und sie ward in meinem Munde so süß wie Honig …
Und der Geist Jahwes hob mich empor, und ich vernahm hinter mir das Getöse eines starken Erdbebens … und das Getöse der Flügel der Tiere … und das Getöse der Räder … Und ich ging traurig in der Erregung meines Geistes dahin, indem die Hand Jahwes auf mir lastete. Und so gelangte ich zu den Verbannten an dem Fluß Kebar … und ich saß daselbst sieben Tage vor mich hinstarrend unter ihnen“ (1, 1 ff).[1]
2. „Im sechsten Jahr aber … am fünften des Monats (man errechnet das Jahr 592), als ich in meinem Hause saß, und die Vornehmen von Juda vor mir saßen, fiel daselbst die Hand des Herrn Jahwe auf mich. Und ich sah hin, da war ein Gebilde, das sah aus wie ein Mann; von seinen Hüften an abwärts war Feuer … aufwärts war es wie Lichtglanz anzusehen … Und er reckte etwas wie eine Hand aus und erfaßte mich bei den Locken meines Hauptes, und der Geist hob mich empor zwischen Himmel und Erde und brachte mich nach Jerusalem in einem göttlichen Gesicht … (es folgt der dramatische Bericht der Wahrnehmung der Greuel im Tempel und in der Stadt, dann der Vernichtung von Stadt und Tempel und Menschen dort, durchsetzt mit pedantisch kleinlichen Schilderungen und mit Weissagungen durch die Stimme Jahwes, zum Abschluß): Und der Geist hob mich empor und brachte mich im Gesicht, durch den göttlichen Geist, ins Chaldäerland zu den Verbannten. Und das Gesicht, das ich geschaut hatte, hob sich hinweg von mir“ (8, 1 – 11,24).
3. „Es kam über mich die Hand Jahwes, und er führte mich hinaus im Geiste Jahwes und ließ mich Halt machen mitten in der Thal- ebene: die war voller Gebeine …“ (es folgt die Schilderung der Wiederbelebung des Leichenfeldes) (37, 1 ff.).
4. „Im fünfundzwanzigsten Jahre … kam die Hand Jahwes über mich und brachte mich ins Land Israel und ließ mich auf einem sehr hohen Berge nieder; auf diesem befand sich mir gegenüber etwas wie der Aufbau einer Stadt … zeigte sich ein Mann, der sah aus wie aus Erz … und redete mich an: Menschensohn, siehe mit deinen Augen und höre mit deinen Ohren und richte deine Aufmerksamkeit auf alles, was ich dir zeigen werde …“ (es folgt dann in Kapitel 40—48 die genaue Schilderung von Tempel, Verfassung, Gesetzen und Ordnungen, Landverteilungen usw., ohne daß von dem visionären Zustand oder seinem Abschluß noch die Rede wäre) (40, 1 ff.).
Der dritte und vierte Bericht sind offenbar psychologisch nichtssagend, weil mit nur wiederholten Formeln etwas Typisches gesagt wird. Der erste und zweite Bericht aber bringen Phänomene, die die Veränderung des Bewußtseinszustandes charakterisieren:
Die elementaren optischen, akustischen und haptischen Phänomene, – die länger hingestreckte Bewußtseinsveränderung mit dem Vorsichhinstarren, – das plötzliche Überfallenwerden im Kreise unter den Juden, – das Fernsehen Jerusalems (analog Erlebnissen bei Swedenborg), — die szenenhaften Wahrnehmungen, – das Erwachen. Vielleicht treten auch körperliche Erscheinungen, wie Hinfallen, auf: „ich fiel auf mein Angesicht“ (1, 28. 9, 8.11, 13. 43, 3).
Dazu kommen Hinweise auf ein Symptom, das, wenn es klar nachweisbar wäre, diagnostisch große Bedeutung hätte, die „kataplektischen Anfälle“ von Bewegungslosigkeit und Stummheit:
1. „Man wird dir Stricke anlegen und dich damit binden … und ich werde deine Zunge an deinem Gaumen kleben lassen, daß du verstummest … Wenn ich aber mit dir rede, will ich deinen Mund auftun, und du sollst zu ihnen sprechen“ (3, 25 ff. vgl. 24, 27).
2. „Und zwar werde ich dir Stricke anlegen, daß du dich nicht von einer Seite auf die andere um wenden kannst“ (4, 8).
3. „Nun war am Abend vor dem Eintreffen des Flüchtlings die Hand Jahwes über mich gekommen, und er hatte mir den Mund aufgetan, ehe jener am Morgen zu mir kam, und mein Mund blieb aufgetan und ich war nicht länger stumm“ (33, 22).
Das Auftreten Ezechiels wird nicht selten in starker Erregung stattgefunden haben, ohne daß darin an sich ein Symptom zu sehen wäre. Aber für sein Bild ist es charakteristisch. Hinweise sind:
„Schlag in deine Hand und stampfe mit dem Fuß und rufe Wehe über alle die Greuel des Hauses Israel …“ (6, 11).
„Du aber, Menschensohn, … mit zusammengebrochenen Lenden und in bitterem Schmerze seufze vor ihren Augen!“ … (21,11).
Ezechiel braucht, wie auch andere Propheten, sexuelle Gleichnisse für den Abfall von Jahwe und die Preisgabe an andere Götter. Aber Ezechiel malt die sexuellen Elemente mit einer Breite und Direktheit aus, die trotz der Unbefangenheit der ganzen Antike gegenüber dem Sexuellen doch ungewöhnlich sind. Dies nun ist ein Tatbestand, der bei Schizophrenen nicht selten ist. Die Hauptstellen sind Kapitel 16 und 23. Auffallend ist weiter die Art der sinnbildlichen Handlungen des Propheten. Solche Handlungen (wie etwa die des Jeremias, der ein Joch trägt, das dann von seinem Gegner Hananja zerbrochen wird, worauf Jeremias mit einem eisernen Joche wiederkehrt) sind eine Methode prophetischer Mitteilung. Aber bei Ezechiel sind solche Handlungen erstens besonders zahlreich und zweitens wunderlich verzwickt, umständlich und ausgedacht. Es kann sein, daß einzelne dieser Handlungen, wie das Unbeweglichliegen auf einer Seite (wie mit Stricken gefesselt), schizophrenen Zuständen erwachsen und erst sekundär sinnvoll gedeutet sind.
Hauptbeispiele solcher Handlungen sind: Spiel mit einem Belagerungsmodell auf einem Ziegelstein, gegen den eine Pfanne als Belagerungswand dient (4, 1-3). Liegen auf der linken und auf der rechten Seite (4, 4-8). Genuß rationierter und unreiner Speisen (4, 9-17). Verbrennen und Zerstreuen abgeschnittener Haare (5, 1-4). Ostentatives Wandern von Ort zu Ort; ein Loch durch die Wand schlagen (12, 3-7). Kochen im Topf, an dem der Rost sitzt (24, 3-14). Unterlassen aller Trauerzeremonien nach dem plötzlichen Tod seiner Frau – so werden die Juden nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem nicht klagen und nicht weinen (24,15-25).
Schließlich lassen sich im Stil und der Stimmung vieler Teile des Ezechiel-Buches Züge aufweisen, die man charakterisieren kann als grelle Deutlichkeit, oder als pedantische, kleinliche Durchführung von Entwürfen (besonders des Tempels und der Verfassung, Kap. 40-48), oder als Monotonie und Neigung zum Wiederholen, oder als eine Weise von Versinnlichung des Geistigen, die nicht nur derb, sondern gefühllos und schamlos wirkt, oder als Abwechslung von abstraktem Verstandesrationalismus und von Willkür. Es ist bei ihm in aller Leidenschaft oft eine Kälte, eine unmenschliche Fremdheit spürbar. Aber wie in schizophrener Kunst kommen eigentümliche, unvergeßliche, großartig-grausige Bilder vor.
Es ist eine Frage, ob es durch alle geistesgeschichtliche Interpretation hindurch ein ungeschichtlich Identisches gibt in diesem schizophrenen Geist. Er würde nie rein an sich da sein können, denn immer bewegt er sich notwendig im geschichtlichen Material des Geistes. Aber es müßte etwas Gleichbleibendes fühlbar sein – wie etwa zwischen der grotesken schizophrenen Kunst der Villa Palagonia auf Sizilien aus dem 18. Jahrhundert und entsprechend modernen Gebilden.
Ezechiel ist voll von großartigen Zügen. Sein Ernst ist bezwingend, aber bitter. Er gerät an die Grenze des Lächerlichen. Geistige Grundgedanken des Prophetismus gewinnen bei ihm eine äußerste Gestalt. Aber ihm fehlt doch die Erhabenheit des Jesaias, das in der schlichten Begrenzung einfach Große, oder die Tiefe und die Herzenskraft des Jeremias. Es könnte sein, daß sowohl der Mangel wie das Eindrucksvolle, zum Erschauern Bringende durch den schizophrenen Einschlag bedingt wären. —
Bei einem schizophrenen Prozeß fragt man nach dem Beginn und nach der chronologisch feststellbaren Reihe der Phasen bis zum Endzustand. Da im Ezechiel-Buch ungewöhnlich häufig Datierungen vorkommen, könnte man in dieser Beziehung eine Hoffnung haben. Die Berichte liegen von 593-571. Als Wendepunkt des Verhaltens wird die Zerstörung des Tempels in Jerusalem 586 deutlich. 597 ist Ezechiel als Angehöriger eines vornehmen Priestergeschlechts unter den nach Babylon Deportierten. Vier Jahre liegen also zwischen der Deportation und der ersten berichteten Vision, der Berufungsvision. Der Umschlag vom Unheils- zum Heilspropheten liegt sieben Jahre nachher, gebunden an den Augenblick der endgültigen Zerstörung Jerusalems. Noch fünfzehn Jahre liegen von da bis zur letzten berichteten Vision, die aber als erlebte Vision mehr als zweifelhaft ist.
Die Daten sind also sinnvoll durch Bezug auf die Zeitgeschichte, nicht faßbar als Daten in der Entwicklung eines Prozesses. Aber es steht hier ebenso wie bei allen diesen Berichten. Nicht als Dokumente einer Krankengeschichte, sondern als Sinn einer geistigen Wirkung sind sie berichtet. Darum kann überall eine Identifizierung von Sinn mit einem brutalen psychopathologischen Faktum stattgefunden haben – nur können wir es nirgends beweisen.
Was die Zeitfolge angeht, so läßt sich immerhin einiges sagen: Die Visionen liegen besonders in den ersten Jahren seiner Wirksamkeit (die Berufungsvision 593, die Vision, von der er im Kreise der Ältesten ergriffen wird, 592). – Die Dichtungen liegen zu einem Teil vor der Zerstörung des Tempels, zum größten Teil sind es die Vernichtungsdichtungen gegen die Volker und diese liegen unmittelbar nach der Zerstörung (eine ist in das Zerstörungsjahr datiert). Es ist wahrscheinlich, daß auch die Dichtungen in den früheren Jahren entstanden sind. – Dagegen stammen die breiten Entwürfe über den kommenden Tempel und die Verfassung aus den letzten Jahren. – Diese, wenn auch nur im groben Ganzen geltenden chronologischen Angaben sind ein Hinweis auf die Entwicklung des schizophrenen Prozesses bis zum Endzustand. –
Man hat angesichts des außerordentlich verschiedenen Geistes, der im Ezechiel-Buch etwa zwischen den Dichtungen einerseits, den Tempel- und Verfassungsentwürfen andererseits, oder zwischen dem dichterisch sich mitteilenden Propheten und dem theokratisch-gesetzlich-kultisch denkenden Theologen offensichtlich zu sein scheint, zwei Verfasser des Buches angenommen. Es ist die Frage, ob es sich um zwei Lebensphasen des Verfassers handle, die dramatisch mit dem Zeitpunkt der Tempelzerstörung 586 sich scheiden, oder um zwei Krankheitsphasen. Diese wären die Stadien im Krankheitsprozeß – lebendig bewegte Anfangsjahre, ruhiger Endzustand – und wären erst bei der Redaktion um jenen Zeitpunkt 586 gruppiert. Das letztere ist nicht überzeugend aufzuzeigen. Wir haben ferner nur Aufzeichnungen nach der Berufungsvision, die selber schon schizophrene Züge trägt, haben also nichts aus der gesunden Zeit. Und wir haben nur grobe Hinweise durch den Gesamtaspekt auf Phasen innerhalb der Krankheit. –
Bei der pathographischen Analyse Ezechiels wird man sich auf hypothetische Versuche beschränken müssen. Mit einem so geringen Material sind keine zwingend gewissen Antworten möglich. Was uns von Ezechiel vorliegt, ist an Umfang und Sicherheit der Dokumentation nicht zu vergleichen mit Fällen aus neueren Zeiten, die diagnostisch zu Ezechiel in eine gewisse Nähe rücken würden, etwa mit Swedenborg oder Strindberg, über die wir entschiedene und fraglose psychiatrische Erkenntnis besitzen. Aber es liegt auch so, daß Ezechiel der einzige Prophet ist, bei dessen Texten die psychopathologischen Gesichtspunkte anzuwenden überhaupt möglich ist. Und man muß sich eher verwundern, daß aus so früher Zeit überhaupt ein so weitgehend zur psychopathologischen Betrachtung auffordernder Bericht vorliegt. Der Fall steht durch seine Zugehörigkeit zur Frühzeit einzig da in der Weltliteratur. Daher der Reiz, sich trotz allem auch unter psychopathologischen Gesichtspunkten mit ihm zu beschäftigen.
Dabei wäre es uninteressant, gewisse Erscheinungen als hysterische zu klassifizieren. Denn damit würden sie nur unter allgemeine menschliche Möglichkeiten gebracht. Wesentlich wird die Frage nur, wenn die Diagnose eines Krankheitsprozesses, hier des schizophrenen, naheliegt.
Man hat Ezechiel den ersten Apokalyptiker genannt, oder man hat das Buch, wenn man es als ein späteres Werk auffaßte, unter dem Einfluß der apokalyptischen Literatur gesehen. Diese Literatur ebenso wie die der Gnosis bietet so viele Inhalte und Erlebnisse, die wir bei Schizophrenen kennen, daß man immer wieder versucht ist, nach der Schizophrenie zu suchen. Durchweg vergeblich. Sobald solche Literatur da ist, setzt sie sich fort und wird bereichert durch die Gesunden. Daß irgendwo – vielleicht selten, aber entscheidend – Schizophrene den ersten Stoff in reicher Fülle geliefert haben, möchte man vermuten, kann es aber nicht beweisen. Denn zum Nachweis der Krankheit genügt nie ein typischer Inhalt, den man einfach krank nennen könnte, sondern dazu gehört das Auftreten einer Reihe erfahrungsgemäß zusammengehörender Symptome. Diese müssen dann aber so klar psychologisch berichtet sein, daß an ihrem Dasein nicht zu zweifeln ist. Dann kann wohl einmal ein einziges Symptom zum Nachweis genügen. Dieser Fall liegt bei Ezechiel nicht vor, und meines Wissens ist aus der apokalyptischen und gnostischen Literatur kein solcher Fall aufzeigbar. Das ist verständlich, weil man sich dort nie für Psychopathologie, sondern allein für die sachlichen Inhalte der Erlebnisse und Gedanken interessiert. In dieser Literatur wird ein Erlebnisinhalt zum Typus, der, wenn er bei einem Autor begegnet, fälschlich für individuelle Erfahrung und nicht für Überlieferung gehalten wird. –
Es bedarf keiner neuen Auseinandersetzung über die Selbstverständlichkeit, daß psychopathologische Analyse nichts über den sachlichen und geschichtlichen Wert der geistigen Gehalte aussagt. Ezechiel hat seinen anerkannten Platz in der Prophetie auf dem Wege vom Deuteronomisten zum Gesetzesjudentum des Tempelstaates. Er ist unter den Exulanten in Babylon als Zeitgenosse des Jeremias, der in Jerusalem geblieben war und von so völlig anderem Geiste ist, ein Wendepunkt in der Entwicklung des Judentums. All das ist kein Problem der Psychopathologie. Wohl aber ist die Frage möglich, ob dieser neue Gehalt sich in dem individuellen, vielleicht psychopathologisch zu charakterisierenden Material eines Menschen mitteilt, der dadurch der geistigen Erscheinung eine Farbe und Stimmung gibt, die ihm ohne die Schizophrenie nicht zugekommen wäre. Diese wäre dann mit dem Gehalt nicht notwendig verknüpft, könnte ihn sogar verschleiern und in ihm an sich fremde Irrwege führen.
Weiter noch führt die Frage, ob der durch die Schizophrenie bestimmte Geisteszustand förderlich gewesen sein könne für Entwicklungen, die zwar in der Natur der Sache liegen und auch ohne jenen psychopathologischen Grund bei anderen denselben Verlauf genommen hätten, die aber erleichtert wurden durch die eigentümliche Kälte und durch die äußerlichen Rationalisierungstendenzen im schizophrenen Endzustand. Dazu könnten gehören:
a) In der Hiob-Frage wird von Ezechiel das ungeheure Problem durch eine bloße Behauptung erledigt (Kap. 18). Den Vers, der die persönliche Schuldlosigkeit vieler Menschen für das sie treffende Unheil spottend aussprach: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern werden die Zähne stumpf“, diesen Vers soll niemand melir hersagen. Jeden Menschen trifft das Glück und Unglück nach dem Maße seines persönlichen Verdienstes und seiner persönlichen Schuld.
b) Die Gottesvorstellung des Ezechiel ist von einer Erhabenheit, die als Willkür Gottes erscheint. Es ist ein Gott ohne Liebe.
c) Das priesterlich-hierokratische Denken ergeht sich in pedantischen Umständlichkeiten, im Ausdenken von Kleinigkeiten, von Rituellem, bei denen Frömmigkeit und Gott verloren zu gehen scheinen in der Endlosigkeit von Vorschriften.
Beim Studium des Ezechiel ist es möglich, im Endergebnis ein Absinken des Geistes zu sehen, der in der prophetischen Religion erwachsen war. Die Herausarbeitung aus der Naturreligion und aus dem Kultus zur reinen Gottesidee und damit zum reinen Ethos, zur Tiefe der Gottesanschauung und zum Ursprung des Menschseins, aus dem Rausch zur Klarheit, aus der verwirrenden Leidenschaft des irdischen Lebens zur hinreißenden Leidenschaft des Lebens im Dienste der Gottheit, das ist bei Ezechiel ins Äußerste und Maßlose getrieben durch das Absinken in die Rationalisierung des bloß ordnenden Verstandes und in die sinnliche Vergegenwärtigung, beides durch Hineingeraten in beschränkende Endlichkeit und damit neuer wilder Leidenschaft.
Es ist jedenfalls ein Gesichtspunkt unter anderen, aus dem man nach dem Grund dieses Absinkens bei Ezechiel in einer Krankheit fragen darf.
Quelle: Karl Jaspers, Rechenschaft und Ausblick. Reden und Aufsätze, München: Piper, S. 80-89.
[1] Die Übersetzungen nach Kautzsch, 4. Auflage.