Von Friederike Popp
Wandern, unterwegs sein, auf dem Wege sein – das sind Worte des tatsächlichen Gehens. Gleichzeitig beschreiben sie aber auch Bewegungen im Bereich der persönlichen Entwicklung und des geistlichen Lebens: „Mein Lebensweg, auf dem besten Wege, ein Ereignis bewegt mich, ich gehe mit einer Frage um, ich bewege Worte im Herzen …“
So können Wanderungen mit der Gruppe und Auf-Fahrt-Gehen beides zugleich sein: ein wunderschönes Ferienerlebnis, Abenteuer, das die Gemeinschaft fester prägt. Gleichzeitig ist das Wandern ein Bild dafür, dass wir immer unterwegs sind, und dass es im Glauben Worte gibt, die sich tatsächlich nur in Bewegung und im Unterwegs-Sein er-fahren lassen.
Seit Abraham werden in der Bibel viele Geschichten von Gott mit den Menschen „auf dem Weg“ erzählt. Der Aufbruch Abrahams, der aus dem Vertrauen auszieht in das Land der Verheißung, die Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste, die langen Wanderungen der Propheten, die Wallfahrtspsalmen und schließlich all die Geschichten von Jesus, der ja in ganz Palästina umherzog, wandernd, als Fremdling, nirgends zu Hause, und der nach seiner Auferstehung zwei seiner Jünger auf dem Weg nach Emmaus begegnet.
Diese Erzählungen lassen sich gut spielen und nacherleben. Statt einer Andacht im Kreis können wir einzelne Verse lesen und anschließend wirklich losziehen: wie mancher Prophet allein, zu zweit im nachdenklichen Gespräch wie die Emmaus-Jünger, als Gruppe wie das Volk Israel oder die Jünger Jesu. Wir ziehen los, brechen auf, sind unterwegs, schweigend, miteinander sprechend, vielleicht auch singend. Und dann kommen wir an, kommen ans Ziel, feiern das Heimkommen mit einem besonderen Abschluss.
Dazu nun einige Vorschläge von passenden Bibelworten, die während des Gehens im Herzen bewegt werden können:
1. Mose 12,1 „Und der Herr sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will.“
Psalm 18,34 „Du gibst meinen Schritten weiten Raum, dass meine Knöchel nicht wanken.“
Psalm 23
Psalm 25,4 „Herr, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Pfade!“
Psalm 37,5 „Befiehl dem Herrn deine Wege und vertrau ihm.“ (Passend dazu auch die erste Strophe des Liedes 294 aus dem Gesangbuch: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“)
Psalm 121
Psalm 122
Psalm 138,7 „Wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickst du mich.“
Psalm 139,3 „Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.“
Jesaja 40,31 „Die auf den Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“
Meditationsübung „Gehen“
Für Jugendliche und Erwachsene kann das Gehen selbst eine gute Übung sein, Glauben zu erfahren. Wir nehmen keinen Bibeltext, den wir nachvollziehen oder im Gehen bedenken wollen, sondern wir versuchen, ganz bewusst zu gehen. Wir tun nichts anderes als zu gehen und im Gehen zu spüren, was wir da tun.
Wir gehen, berühren festen Boden, einen Augenblick nur, dann rollen wir den Fuß ab, wagen mit dem anderen Fuß einen Schritt auf neuen Boden, stehen für einen winzigen Augenblick auf diesem Stück Erde und bewegen uns weiter, immerzu im Wechsel: Festen Grund spüren und uns ins Neue wagen. Immer weiter, eine fließende Bewegung, ganz sicher sind wir, dass der Boden uns tragen wird …
Wir verweilen nicht, wir machen uns nicht fest, kein Stehenbleiben, Anhalten, Erstarren … Wir bewegen uns weiter, eine neue Strecke Weges eröffnet sich uns, wir wagen uns weiter, nur so öffnen wir uns dem Neuen, wir laufen immerfort.
Darin spiegelt sich eine der Möglichkeiten, unser Leben zu beschreiben: Wir vertrauen dem sicheren Boden, wir glauben, bewegen uns mit der uns geschenkten Kraft und wagen uns hinein in das Kommende.
Meditationsübung: „Gehen auf ein Ziel hin“
Eine weitere Meditationsübung ist es, nicht im Gehen das Gehen selbst zu erspüren, sondern im Gehen die Gedanken auf das Ziel richten: Wohin gehen wir denn? Wohin auf dieser kleinen Wanderung, auf dieser Fahrt? Wohin geht unser Leben? Was ist unser Ziel?
„Wohin denn gehen wir? – Immer nach Haus.“ (Novalis)
Wer sich auf den Weg macht, spürt und stellt sich der Frage nach dem letzten Ziel seines Lebens. Als Menschen müssen wir nach dem Sinn des Lebens fragen und losziehen, diesen Sinn zu suchen. Wir müssen unterwegs bleiben und suchen nach dem Anderen, dem Nicht-Sehbaren, wohin uns die Sehnsucht ruft. Im Gehen antworte ich auf den Ruf der Sehnsucht nach einem letzten Zuhause und tue das mit meiner ganzen Person, mit Gedanken, Gefühlen und meinem Leib. So ein bewusstes Gehen, eine halbe Stunde ganz im Schweigen, schenkt mir sicherlich nicht die Antwort nach dem Sinn des Lebens. Aber im Gehen selbst vollziehe ich schon ein Stück lebendige Antwort: Ich mache mich auf den Weg, ich wende mich hin auf Gott.
Quelle: Glaubenswege. Verkündigung gestalten, hrsg. v. Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP), Landesverband Bayern, Nürnberg o.J. [1990], S. 71-73.