Predigtmeditation zu Matthäus 4,1-11
Von Hans Joachim Iwand
Eins wird jede Predigt dieses berühmten, an Tiefe unerschöpflichen Textes als Gesamtausrichtung festhalten müssen: die Entscheidung, die hier fällt, bedeutet für Jesus das Kreuz und für uns das Heil. Beides ist nicht einmal in Gedanken voneinander zu trennen. Denn, wie Luther in einer Predigt zu unserm Text sagt: „yr wyst, das Christus der werck keyns seinethalben than hat“ (WA 11, 21,16). Seine Entscheidung bedeutet für uns das Leben. Darin liegt die sachliche, und nicht nur formale Ähnlichkeit zwischen der Versuchungsgeschichte und dem Kampf Jesu in Gethsemane. Das Heil der Welt beruht einzig und allein darauf, daß dieser eine Mensch Jesus Christus standhält. Die Erlösung der Welt ist also niemals als ein System zu fassen, das sich folgerichtig entfaltet und entfalten läßt, sondern sie ist Akt, Tat, Entscheidung. Sie ist Wirklichkeit geworden dadurch, daß ein Mensch den Gehorsam aufbrachte, demgegenüber der Versucher machtlos war (vgl. Röm. 5,19). Indem uns die Schrift Zeuge sein läßt dieser amata tenacitas voluntatis (Anselm), läßt sie uns einen Einblick tun in das Geheimnis unserer Erlösung. Daß der Satan mit seiner uralten Strategie an einem im schlichten Gehorsam befangenen willen zuschanden wird — es sind ja die Gebote Gottes, unter denen Jesus bleibt — das ist die Erlösung der Welt, Propositum erat Domino humanitate diabolum vincere, non potentia (Hieronymus).
Wer also immer über diesen Text predigt, wird sich aufs genaueste davor in acht nehmen müssen, nicht in irgendeiner Weise ins psychologische abzugleiten. Denn dieser Text will nichts aussagen über das Seelenleben Jesu oder seine innere Entwicklung, sondern er macht uns zu Zeugen des Geheimnisses unserer Erlösung. Das „versucht gleichwie wir, doch ohne Sünde“ (Hebr. 4,15) bleibt der abgründige Graben, über den keine auf menschliche Analogien angewiesene Psychologie Brücken schlagen kann und soll. Die Brücke ist vom anderen Ufer her zu uns geschlagen, da. mit Gott uns in der Anfechtung nahe sein kann „zu rechtzeitiger Hilfe“ (Hebr. 2,18).
Auf der Ebene der menschlichen Geschichte hat dies Ereignis nur eine einzige „Analogie“, und auch dies nur im paradoxen Sinne: den Fall des Menschen. Dort erlag der Mensch dem Zauber des eritis sicut Deus, hier erliegt der Satan dem nüchternen Gehorsam des einen, der Gott gleich war. was uns hier „erzählt“ wird, hat in Phil. 2,5ff. und Hebr. 5,8f. seine „theologische“ Formulierung gefunden. In dieser Versuchung, in die ihn der Geist hineintrieb, derselbe Geist, der in der Taufe auf ihn herabkam (Matth. 3,16), erlangt Jesus durch Erniedrigung seine Vollkommenheit. Tentatio haec specimen est totius status exinationis (Bengel). Das Entweder-Oder zwischen der diabolischen Möglichkeit des Übermenschentums und dem Leidensweg des Gottesknechtes, der „gehorsam war bis zum Tode“, wird als die Versuchung aller Versuchungen, die Anfechtung aller Anfechtungen sichtbar. Der Satan redet Jesus auf sein „Gottesbewußtsein“ an (vgl. das stereotype „wenn du Gottes Sohn bist“, V. 3 und 6), aber Jesus verbirgt sich vor ihm ganz und gar in seinem Menschsein (vgl. übrigens die ähnliche Lage Matth. 27,40). Denn wer Jesu Gottessohnschaft nicht findet in seinem Gehorsam gegen den Vater, dem muß sie verborgen bleiben. Jesus stellt seine Herrlichkeit nicht selbst heraus, ein anderer ist es, der das tun wird, Gott (Joh. 8,50; 5,41).
Damit wird deutlich, daß die drei Versuchungen überzeitlichen Charakter haben, sie entfalten die diabolischen Möglichkeiten des Wie-Gott-Seins in drei konkreten Punkten, aber sie entstellen damit zugleich Gott. Die Magenfrage wird — unter impliziter Anspielung auf Gott, den Schöpfer — zur Glaubensfrage (vgl. übrigens hierzu Joh. 6,26ff.; Phil. 3,19; 1.Kor. 6,13), das Gottvertrauen wird zum „wagenden“ Gottversuchen (vgl. Ps. 95,9 u. ö. Hebr. 3,9; 1.Kor. 10,9), die Gottesherrschaft wird zur Weltherrschaft. Mit drei Strichen ist der Erlösungsmythos skizziert, der, solange die Welt besteht, nicht aufhören wird, seine faszinierende Kraft zu erweisen. Gefeit gegen den Hunger, gefeit gegen den Tod, gefeit gegen den Mißerfolg — so sieht der Gottmensch aus im Entwurf des Verführers. Daß der Verführer dabei auch die Schrift zu Hilfe nimmt (Ps. 91,11), Zeigt nur, daß es mit dem bloßen „es steht geschrieben“ noch nicht getan ist, sondern scriptura per scripturam interpretanda et concilianda (Bengel). Und wir wissen ja aus Dostojewskis erschütterndem Gemälde — wenn wir es nicht noch besser und tiefer aus dem Text selbst erkennen — daß gerade die Kirche der eigentliche Ort ist, wo diese Versuchungen real werden, weil die Menschen immer wieder meinen, das Göttliche irgendwie herausstellen und demonstrieren zu müssen.
Es scheint mir aber wesentlich zu sein, daß wir bei der Auslegung des Textes nicht das Hauptgewicht auf die diabolischen Möglichkeiten legen — gerade für einen begabten Prediger bedeutet die Linie von Dostojewski eine Gefahr —, daß wir also nicht den „Teufel an ihm selbst ansehen“ und so selbst gebannt werden und andere bannen. Denn man muß „den tod yn dem leben, die sund in der gnadenn, die hell ym hymell ansehen“ (Luther), wie uns ja auch der Text dartut, daß und wie hier der Satan in Christus überwunden ist. Jesus Christus wird offenbar als der Sieger über den Fürsten dieser Welt und sein Sieg will uns Weg und Hoffnung sein für unsern eigenen Kampf.
Schniewind weist darauf hin, daß die Antworten Jesu, mit denen er die Versuchungen abweist und enthüllt, alle aus dem Deuteronomium stammen. Das bedeutet, die Gebote Gottes sind der Halt des Menschen in der Anfechtung. Sie sind die Bollwerke, die der Feind nicht nehmen kann. Gerade das „du sollst“ ist unsere Rettung! „Wende von mir den falschen Weg und gönne (!) mir dein Gesetz“ (vgl. übrigens den ganzen Psalm 119).
Jesus besiegt den Satan mit den Waffen, die uns allen zur Verfügung stehen. Er nimmt sie aus dem Arsenal der Schrift. Allen Antworten Jesu geht das „es steht geschrieben“ voran. Es ist kein übermenschlicher, sondern ein jedem Menschen verheißener Sieg, der hier erstritten wird. Gottes Wort hilft dem Menschen zum Sieg über den Versucher, was nun die einzelnen Worte angeht, so würde ich vorsichtig sein, bei dem Brotwunder von einer „Lösung von der natürlichen Ordnung durch eigenmächtige Schöpfertat“ zu reden, wie das Schlatter tut. Deut. 8,2ff. redet nicht von „Schöpfungsordnungen“, sondern im Gegenteil von Störungen derselben, die als Anfechtungen über die Menschen Gottes kommen, um damit offenbar zu machen, wovon der Mensch lebt, daß Gott, sein Reden, sein Wort unsre Lebensfrage ist. Wie hoch wird damit der Mensch geachtet! (Vgl. Matth. 6,21; 25 f.; Joh. 4,34; und Luther „wo aber Vergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit“.)
Deut. 6,16 — die zweite Antwort Jesu — enthält die Antithese: Gott versuchen — seine Gebote bewahren. Gott versuchen heißt: Gott eigenen Zwecken dienstbar machen. Hier läuft eine Linie vom Zauber und der Magie bis hin zur Theologie des sog. „religiösen Bedarfs“. Dieser Weg führt immer dazu, aus dem lebendigen Gott ein neutrum zu machen, also „das Göttliche“, „die Kraft“, „das Schicksal“ usw. Gott wird zur Sache, weil er Mittel zum Zweck wird. Das nannte Luther concupiscentia spiritualis. Gott läßt sich aber nicht in den Dienst unsrer, wenn auch noch so guten und edlen Zwecke stellen, sondern will, daß wir ihm dienen, und zwar ihm allein.
Das zeigt die Abwehr der dritten Versuchung Deut. 5,9; 6,13. Der Schutz gegen das Angebot der Weltherrschaft von Satans Gnaden ist das erste Gebot! Der Mensch kann nicht zwei Herren dienen. Darum muß die civitas Dei und die civitas terrena geschieden bleiben, solange dieser Äon währt. Jetzt erst sagt Jesus dem Verführer ins Gesicht, wer er ist: Mit seiner Demaskierung ist sein Spiel zu Ende. Das Angebot der „christlichen Welt“ — so hat es Kähler einmal genannt — wird bei Lukas noch farbiger ausgeführt. Hier stellt sich der Verführer als der Herr aller Reiche, als der „Fürst dieser Welt“ vor. Er verlangt nichts Materielles, er verlangt nur — die Anbetung! Sein Angebot hält der Größe nach dem Abgründigen der Bedingung die Waage: Die Welt für den Christus — dafür die Anbetung des Gegenspielers Gottes. Verstehen wir, daß in solchem Angebot eine Versuchung liegt — wirken dürfen, aber unter falschem Vorzeichen?!
Jesus Christus hat die drei Möglichkeiten, bei denen das Kreuz umgangen wird, als Versuchungen enthüllt. Er hat die Unvereinbarkeit dieses Weges mit dem der wahren Erlösung statuiert, wir haben die Ur-Entscheidung nicht mehr zu treffen; wenn wir erkennen, daß wir dadurch gerettet sind, dann wird uns diese Erkenntnis selbst fest und nüchtern machen, weil Jesus mit diesem Nein zugleich Ja sagt zum Kreuz, darum ist auch unser Ja zu ihm nicht denkbar ohne dasselbe klare und feste Nein, wie uns die Ermahnungen der Apostel an die Gemeinden im Neuen Testament reichlich zeigen, „wir wollen aber daran nicht Meynen, ein Christlich leben stehe allein in rue. Wir haltens, der Tewfell sey Todt, darumb fallen wir in so viell sundt … Wan wir anhubenn frume zw weren, wurden wir woll lernen, daß wir an anfechtung nicht mochten in Himel kwmen, szo wurden wir sie auch lernen uberwinden“ (Luther, WA 9, 588,22).
Daß Lukas die zweite und dritte „Versuchung umstellt, hat wohl den Sinn, daß ihm in der Tempelversuchung der Höhepunkt zu liegen schien, „vielleicht hängt das damit zusammen, daß das Kerygma des Matthäus auf die neue Gemeinde ausgerichtet ist, das des Lukas auf die Niedrigkeit des Christus. So frei geht die Urgemeinde mit dem Kerygma um!
Die Versuchungsgeschichte schließt bei Matthäus, in Analogie zu 1. Kön. 19,5 (Elias) mit dem Dienst der Engel. Markus hat den seltsamen Ausdruck: „er war mit den Tieren“. Ist das Anspielung auf Jes. 11? Oder sind die Tiere, wie Lohmeyer meint, die Repräsentanten des Satans, wie die Engel die Boten Gottes sind? Zum Dienst der Engel vgl. Luk. 22,43. Daß sie ihm dienen, zeigt, daß Jesus gesiegt hat. Es ist wahr geblieben, was über ihn gesagt ist: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Matth. 3,17).
Quelle: Georg Eichholz (Hrsg.), Herr, tue meine Lippen auf. Eine Predigthilfe, Bd. 1, Die altkirchlichen Evangelien, Wuppertal-Barmen: Emil Müller Verlag, 7. A., 1964, Seiten 93-97.
Der Vermittler zwischen Gott und jedem Menschen, ist in uns.