Luise Schottroff, Reichtum im Neuen Testament: „Die Auseinandersetzung mit Reichtum ist im Neuen Testament kompromißlos. Reichtum und Geld sind eine widergöttliche Macht, die verhindert, dass Reiche Jesus nachfol­gen. Absoluter (frei­williger) Besitzverzicht zugunsten der Armen wird ge­fordert.“

Reichtum im Neuen Testament

Von Luise Schottroff

Anders als Armut wird Reichtum im Neuen Testament in der Re­gel mit negativen Vorzeichen dargestellt: Der reiche Kornbauer Lk 12,16-21 hortet Getreide, um den Preis hochzutreiben – ein wesentlicher Grund für Hungers­nöte in dieser Zeit (vgl. Offb 6,6). Der reiche Mann ge­währt dem armen Lazarus vor seiner Tür (Lk 16,19-31) nicht einmal Almosen, obwohl Mose und die Prophe­ten gebieten, den Armen Essen und Kleidung zu geben (Material zur jüd. Armenfürsorge Bill. IV, 536-610). Der reiche Mann (Mk 10,17-27 parr – bei Mt ist er ein Jüngling) ist trotz seiner Sehnsucht nach ewigem Leben und trotz seiner Treue zur Tora unfähig, Jesus nachzu­folgen, weil Jesus von ihm vollständige Preisgabe seines Besitzes zugunsten der Armen verlangt. Als Grund für seine Verweigerung wird sein großer Reichtum angegeben (Mk 10,22 parr). In Offb 18 wird ein Bild vom Reichtum der Stadt Rom gezeichnet, von dem bes. Könige, Kaufleute und Schiffsherren (Reeder) profitiert haben.

Das gute Leben der Reichen wird sehr genau beschrie­ben: ihre Kleidung, mit der sie sich öffentlich als Rei­che darstellen (Lk 16,19; Mt 11,8 par; Offb 18,12.16; Jak 2,2); ihr Essen (Lk 6,25; 16,19-31; 1Kor 11,17-34), ihr Schmuck (Jak 2,2; Offb 18,12.16). Ihr Wohlstand ist mit politischer Macht verbunden (Lk 1,51-53; 1Kor 1,26), die von den Armen als Machtmißbrauch erfahren wird (Lk 1,51; Mk 10,42 parr).

Die Erfahrungen der christl. Gemeinden in dieser Zeit mit Reichen sind ambivalent. Einerseits gibt es Reiche, die Jesus nachfolgen (Lk 19,2 Oberzöllner Zachäus; Mk 15,43 parr Josef von Arimathäa könnte ein [reicher – so Mt] Mann der Oberschicht sein, vielleicht nicht Jünger Jesu [so Mt/Joh], sondern ein Gleichgesinnter in der Erwartung des Gottesreiches wie bei Mk). Auch Nikodemus wird der Oberschicht zuzurechnen sein (Joh 3,1ff; 7,50; 19,39). Nikodemus und Josef von Ari­mathäa werden andererseits bei Johannes wegen der Feigheit, sich öffentlich zu Jesus zu bekennen, und im Blick auf übertriebenen Luxus bei der Ehrung der Lei­che Jesu (Joh 19,38-40) kritisiert. Reiche in der ko­rinthischen Gemeinde stören durch egoistisches Ver­halten die Abendmahlsgemeinschaft (1Kor 11,17ff). Reiche erwarten und erhalten Privilegien in der Ge­meinde (Jak 2,3).

Für Jerusalem bis 70 nC läßt sich durch israelische Gra­bungen im jüd. Viertel der Altstadt (Avigad 1980) ein Bild von den Häusern der reichen, an Rom orientierten Oberschicht gewinnen. Darüber hinaus sind röm. Wohngebäude mit entsprechendem Wasser- und Hei­zungsluxus sowohl in Palästina als auch überall sonst im Römischen Reich (Brödner) Zeichen für wohlha­benden Lebensstil der kleinen Oberschicht (Alföldy: 1 % der Bevölkerung im Röm. Reich). Die Oberschicht kommt aus der Elite Roms, aber auch aus den herr­schenden Familien in den Städten der von Rom unter­worfenen Völker (s. dazu Aelius Aristides, Oratio 26, 59.64: Herrschaftsprinzip Roms sei es, durch »die an­gesehensten und mächtigsten Männer … überall in eu­rem [d.h. Roms] Interesse die eigene Vaterstadt« über­wachen zu lassen).

Die Auseinandersetzung mit Reichtum ist im Neuen Testament kompromißlos. Reichtum und Geld sind eine widergöttliche Macht (Mt 6,24 par), die verhindert, daß Reiche Jesus nachfol­gen (Mk 10,17-27parr, bes. 10,25 parr). Absoluter (frei­williger) Besitzverzicht zugunsten der Armen wird ge­fordert (Mk 10,21 parr). In dieser kompromißlosen Haltung läßt sich zw. einzelnen ntl. Schriften kein grundsätzlicher Unterschied herausarbeiten, auch wenn das Thema nicht überall gleichartig präsent ist. Die Vision, an der sich diese Auseinandersetzung ori­entiert, ist die des Hannaliedes (1Sam 2, vgl. Tritojes, bes. Jes 61): Gott macht dem Unrecht des Gegensatzes von Reichen und Armen ein Ende und stürzt unge­rechte Herrschaft um (Lk 1,46-54; 1Kor 1,26-31 u. v.a. Stellen). Diese Vision enthält keine Rachephantasien, sondern die Vision, daß die Armen satt und glücklich sein werden. Ihr Weinen hat ein Ende. Daß die Reichen hungern werden, sagt nur Lk 6,25. Das Hauptinteresse liegt auf der Überwindung der tiefen Kluft zw. Reichen und Armen, die der Kluft zw. Himmel und Hölle ent­spricht (Lk 16,26). Sie ist nur überwindbar durch die Umkehr, d. h. den Besitzverzicht der Reichen (Lk 16,29-31).

Die Macht des Reichtums korrumpiert auch Arme, die sich durch Aussicht auf Wohlstand verführen lassen. Diese Verführung ist (neben dem Verfolgungsdruck) Haupt­grund dafür, daß Gemeindeglieder abtrünnig werden (Mk 4,19 parr). Die Mahnung gegen die Habgier (pleonexía) gehört in die Grundsubstanz aller sog. La­sterkataloge (Röm 1,29; Kol 3,5 u. ö.). Habgier ist Göt­zendienst (Kol 3,5; Eph 5,5 vgl. Mt 6,24 par). Der theo­logischen Analyse, nach der Reichtum eine widergöttliche Macht ist, steht die Verheißung eines Reichtums bei Gott ge­genüber: Gott ist reich an Güte, Geduld und Langmut (vgl. nur Röm 2,4) und der Glaube macht Menschen reich vor Gott (Lk 12,21; 1Kor 1,5 u. ö.).

Die scharfe Analyse des Reichtums als widergöttlicher Macht steht in jüd. Tradition (CD IV, 15ff; TestGad 5,1; TestAss 2,5 5,1; weiteres Material ThWNT VI, 269!) und ver­steht sich oft als Auslegung des 9. und 10. Gebotes mit seinem Verbot des Begehrens. Habgier ist eine epithymía (Apg 20,33). Die jüd. und frühchristl. Analyse der zerstörerischen Macht der Geldwirtschaft ihrer­seits gehört in den Kontext gr. und röm. Kritik an der Geldwirtschaft (PliniusNatHist. 33; weiteres Material bei L. Schottroff 1986), die allerdings hier nicht in ihrer religiösen Dimension benannt wird.

Die christl. Auslegungstradition dieser frühchristl. Er­fahrungen und Analysen läßt sich in der dominanten westlichen Exegese als Entschärfung kennzeichnen: Der reiche Jüngling scheitere, weil er als Individuum eine falsche Einstellung zum Reichtum habe. Es gelte, sich innerlich zu be­freien, dann sei Reichtum mit dem christl. Glauben vereinbar. Daneben findet sich in der w Auslegung des Neuen Testaments immer wieder die Annahme, daß viele Christen und Christin­nen zu ntl. Zeit reich waren, weil im Neuen Testament erwähnt werde, daß sie ein Haus haben, oder sonst Gründe für ihren Reichtum konstruiert werden (z. B. Purpurhandel Apg 16,14; zur kritischen Analyse dieser Auslegungstradi­tion vgl. Schottroff 1990; Richter Reimer). Die kriti­schen Anfragen an diese westliche Auslegungstradition (vgl. bes. Richter Reimer, Gutiérrez) von Befreiungstheolo­gien aus unterschiedlichen Kontexten der Zweidrittel­welt werden bisher im westlichen Kontext kaum aufgenommen. Die Erwähnungen von Frauen aus den städtischen Oberschichten Antiochias in Pisidien (Apg 13,50), Thessalonichs (17,4) und Beröas (17,12) zeigen, wie at­traktiv das Judentum für Frauen nichtjüd. Herkunft (aus der Oberschicht, aber auch aus der Unterschicht, vgl. Apg 16,13) ist. In der Frage der Zustimmung zur christl. Botschaft urteilen diese Frauengruppen unter­schiedlich, die Gruppe in Antiochia bekämpft die christl. Botschaft, die in Thessalonich und Beröa (und Philippi) akzeptieren sie. Die verbreitete Auffassung, die Frauengruppe um Jesus nach Lk 8,3 sei vermögend, ist nicht zwingend. Das »Vermögen«, mit dem sie »die­nen«, muß sich nicht auf ökonomisches Vermögen be­ziehen, es kann sprachlich auch das Vermögen an Kraft bezeichnen.

Lit.: DB(S) X, 645-687. EWNT III, 273-278. ThWNT VI, 266-274.316- 330. M. Hengel, Eigentum und Reichtum in der frühen Kirche, S 1973. G. Gutiérrez, Theologie der Befreiung, M 21976. G. Theißen, Studien zur Sozio­logie des Urchristentums, T 1979. N. Avigad, Discove­ring Jerusalem, Israel Exploration Society, Jerusalem 1980. G. Alföldy, Römische Sozialgeschichte, Wies 51984. L. Schottroff, in: L. und W. Schottroff, Wer ist unser Gott?, M 1986, 137-152. T. E. Schmidt, Hostility to Wealth in the Synoptic Gospels, Sh 1987. E. Brödner, Wohnen in der Antike, Da 1989. J.L. González, Faith and Wealth, SF 1990. L. Schottroff, Befreiungserfahrungen, M 1990. Dies. – W. Stegemann, Jesus von Nazareth, S 51990. I. Richter Reimer, Frauen in der Apo­stelgeschichte des Lukas, Gü 1992. W.A. Meeks, Urchristentum und Stadt­kultur, Gü 1993. L. Schottroff, Lydias ungeduldige Schwestern, Gü 1994. J.-P. Gérard, EThL 71, 1995, 71-106 (Lk). S.E. Wheeler, Wealth as Peril and Obli­gation, GR 1995. H.J. Held, Den Reichen wird das Evangelium gepredigt, N 1997 (Lk, Apg). H. Giesen, IKaZ 27, 1998, 1-14. K.-J. Kim, Stewardship and Almsgiving in Luke’s Theology, JSNT.S 155, 1998. J. Meggitt, Paul, Poverty and Survival, E 1998.

Quelle: M. Görg/B. Lang, Neues Bibellexikon 3, Zürich 2001, Sp. 313-315.

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