Die christliche Verkündigung im heutigen Europa[1]
Von Karl Barth
Europa ist der Lebensbereich, in welchem wir alle, Deutsche und Schweizer, Franzosen und Engländer, Schweden und Italiener, beieinander sind und zusammengehören als eine durch eine lange, inhaltsreiche Geschichte verbundene Gemeinschaft und Familie. In der heutigen Situation scheinen viele Zeichen darauf hinzuweisen, daß Europa seine einstige politische und kulturelle und glaubensmäßige Zentralstellung in der Welt verloren hat. Das braucht nicht das Ende der Welt zu sein; wohl aber scheint das Ende der Welt da zu sein welche von unserem Europa her regiert und bestimmt war, das Ende der Glanzzeit des europäischen Menschen.
Europa war einmal das Römische Reich — das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, wie dann sein wichtigster Teil lange Zeit geheißen hat — begründet durch die Antike und das Christentum, eine große, lebenskräftige, leuchtende Einheit der Politik, der Kultur und des Glaubens. Seine Form begann freilich schon früh zu zerfallen; aber noch im Besitz dieses Erbes bekam Europa Weltbedeutung, durfte der europäische Mensch jahrhundertelang in der Vorstellung leben (die doch die Kraft einer Realität hatte!), daß Macht und Recht, Wissenschaft und Bildung, Religion und Sitte notwendig das seien, was wir in Europa so nennen, die großen Geister der Menschheit natürlich die, die wir für solche halten und als solche verehren, Geist und Gestalt das, was wir darunter verstehen.
Diese Vorstellung scheint heute ihre Kraft verloren zu haben. Sie begann sie wohl heimlich schon lange zu verlieren. Aber in unseren Tagen — nach dem, was in den zwei großen Weltkriegen, welche beide in der Mitte Europas ihren Ausgang nahmen, um dann auch wieder zu diesem ihrem Ursprung zurückzukehren —, in diesen unseren Tagen hat, so scheint es, Europa auf gehört zu sein, was es einst gewesen ist. Der große deutsche Irrtum und der ihm folgende furchtbare deutsche Ruin scheinen auch den Anspruch des ganzen alten Europa widerlegt zu haben; es scheinen der Glanz und das Dominieren dieses unseres ganzen Lebensbereichs über alle anderen dahin zu sein. Ein anderer, ein nicht europäischer, ein vom europäischen entweder schon in seinem Ursprung verschiedener oder längst von ihm emanzipierter Geist und Lebenswille scheint nun in der Welt bestimmend zu werden, und Europa und der europäische Mensch scheinen nun umgekehrt unter seinen Einfluß und seine Macht gekommen zu sein. «Europa braucht Ruhe» hat man einst gesungen, und das scheint heute zu bedeuten: es braucht Ruhe, um sich in der Stellung und Rolle einer abgesetzten und mehr oder weniger zur Magd oder gar zur Bettlerin gewordenen Königin zurechtzufinden. Diese Tatsache ist wohl die große geheime Wunde, die alle anderen Nöte, an denen wir heute leiden, so schmerzhaft macht.
Was ist geschehen in diesen unseren Tagen, um diese große Veränderung herbeizuführen? Man kann es mit ganz kurzen Worten sagen: Es geschah auf dem Höhepunkt der europäischen Entwicklung, es geschah hier in der Mitte, hier im Herzen Europas, daß eine Revolution sondergleichen sich erhob — die Revolution des Nihilismus hat man sie genannt; aber sie war doch auch die Revolution der Barbarei, sie war doch auch einfach die Revolution der Mittelmäßigkeit, sie war in ihrem, christlich betrachtet, bedenklichsten Aspekt unter dem Namen des Antisemitismus die Revolution gegen Israel und damit gegen das Geheimnis der Fleischwerdung des göttlichen Wortes. Sie war jedenfalls die Schilderhebung, der Aufruhr gegen alles, was in Europa bis dahin Recht und Ordnung und Glaube geheißen, gegen alles das, was die europäische Lebensgemeinschaft in der Welt groß und führend gemacht hatte.
Es hat nicht gefehlt an Widerstand gegen dieses Unternehmen. Er war in ganz Europa, er war auch in Deutschland selber auf dem Plan, und wir haben Anlaß, ehrfurchtsvoll und dankbar an die noch lebenden und an die dahingegangenen Kämpfer und Opfer dieses Widerstandes zu denken, auch und vor allem an alle die Namenlosen, die bewußt oder unbewußt für die Sache des alten Europa gelitten haben und gestorben sind: in den Konzentrationslagern Deutschlands und in den Widerstandsbewegungen draußen in Frankreich, in Holland, in Norwegen und anderwärts. Wir denken mit Respekt daran, wie England im Jahre 1940 die Stunde seiner fast tödlichen Gefahr durchgestanden hat, und ich denke in aller Bescheidenheit äuch gerne daran, wie wir Schweizer in diesen Jahren im Bewußtsein einer nötigen und insofern guten Sache unsere Grenzen gehütet haben. Es war richtig und es war notwendig, daß dieser Widerstand gegen jene Revolution auf den Plan trat. Es war vielleicht das letzte Aufgebot des alten und echten Europa, das da stattgefunden hat.
Aber es gibt in der Geschichte unwiderrufliche Dinge: Geschehnisse, die nicht wieder gutzumachen sind. Vielleicht gehört zu diesen unwiderruflichen und nichtwiedergutzumachenden Dingen dies, daß es hier, in der Mitte, im Herzen Europas, hier im Lande Meister Eckharts und Luthers, Kants, Goethes und Beethovens, nun einmal geschehen ist, daß Millionen von Händen sich zum Gruß erhoben haben vor einem Manne, der nun doch nichts anderes als die verkörperte Verneinung allen Rechtes, allen Glaubens und aller Kultur gewesen ist. Ich will von alledem nicht reden, was dem — leider freiwilligen, leider von Herzen kommenden, leider begeisterten — Grüßen dieses Mannes dann gefolgt ist. Der europäische Widerstand war vielleicht zu spät gekommen, und er war vielleicht doch zu schwach, um noch wirklich etwas zu bedeuten. Der große Irrtum brach auf und durfte sich ausrasen. Wir vergessen nicht, daß an der Olympiade 1936 alle Nationen ihre Fahnen um die Fahne des Hakenkreuzes versammelt haben. Wir vergessen nicht, daß 1938, in den Tagen von München, als das Übel zum erstenmal über die Grenzen Deutschlands hinauszugreifen begann, auch die Glocken der christlichen Kirchen in ganz Europa geläutet haben, als ob dort nicht endgültig das kommende Unheil und für Millionen und Abermillionen der Tod beschlossen und besiegelt worden wäre. Und wir vergessen auch nicht, daß es dann in allen Ländern Quislinge, Verräter, Kollaborationisten, Sympathisierende und Schwachmütige gegeben hat: es gab solche auch in meinem schweizerischen Vaterland. Das alles waren Anzeichen dafür, daß der große deutsche Irrtum zutiefst ein europäischer Irrtum gewesen ist. Und nun kann es sein, daß mit dem großen deutschen Irrtum nicht nur Deutschland, sondern Europa sein gutes Gewissen und damit seine Glaubwürdigkeit und damit seine Stellung und Bedeutung in der Welt für immer verloren hat. Es kann sein, daß die deutschen Ruinen nicht nur das Ende des ganzen bisherigen Deutschland, sondern auch das Ende einer ganzen bisher laufenden, der europäischen Geschichtsepoche anzeigen.
Der Widerstand hat freilich zuletzt gesiegt. Es war und es ist recht so, und der müßte unvernünftig sein, der wünschen könnte, es möchte anders gegangen sein. Aber er siegte leider letztlich und entscheidend mit anderen als europäischen Kräften. Europa befreite sich nicht selbst, sondern es wurde befreit. Welche Schande, hat neulich jemand geschrieben, daß sie zu Lande und zu Wasser Tausende von Kilometern weit herkommen mußten, um die Deutschen von gewissen Deutschen, Europa von gewissen Europäern zu befreien! Eben damit wurde Europa nämlich entmündigt und blickt nun sorgenvoll oder auch hoffnungsvoll nach dem Osten und nach dem Westen mit der Frage, was wohl seine Befreier — sie selber bedrückt genug von ihren Gegensätzen unter sich und von so mancher andern Verlegenheit — zu seinen Gunsten oder Ungunsten verfügen möchten. Wo ist die europäische Initiative, die europäische Führung hingekommen? Wir sind ein Bereich geworden, über den heute entscheidend von außen bestimmt wird.
Müssen und werden wir uns nun von Amerika her erneuern lassen? Stellen wir uns vor, es hätte am Ende des 15. Jahrhunderts, als Amerika entdeckt wurde, jemand diese Frage gestellt! Sie ist heute eine sehr ernste Frage geworden. Denn daran kann kein Zweifel sein, daß wir heute Anlaß haben, Amerika um seine Machtmittel und seine ungebrochene Vitalität zu beneiden, daß wir Amerikas Geld und seine Technik brauchen und geistig und wirtschaftlich in seiner Kraftzone stehen. Wird das bedeuten, daß von nun an amerikanische Demokratie, amerikanische Wirtschaft, Psychologie und Soziologie, amerikanische Moral und amerikanisches Christentum auch für uns maßgebend sein werden? Und wenn uns das aus allerlei Gründen nicht wünschenswert erscheinen sollte, so erhebt sich sehr ernstlich die Frage, ob wir zu einer echten und damit fruchtbaren Auseinandersetzung mit diesem mächtigen Westen überhaupt noch fähig sind? Oder wollen wir uns damit trösten, daß die Amerikaner selber bis heute in Europa so selbstbewußt und interessiert und missionarisch, wie man es erwarten konnte, gar nicht aufgetreten sind? Aber wie, wenn sie und wir nun gar nicht mehr gefragt wären? Wie, wenn das vielleicht so oder so einfach unser Schicksal und unsere Zukunft sein sollte: ein amerikanisiertes Europa?
Oder werden wir uns nun von Rußland aus erneuern lassen müssen? Auch das eine merkwürdige Frage, wenn sie etwa noch im Jahre 1905 gestellt worden wäre! Heute ist auch sie sehr ernst geworden. Rußland heißt heute wesentlich: Kommunismus, und Kommunismus bedeutet jedenfalls, wie man sich auch zu der Sache stelle, radikale Lösung der sozialen Frage, die wir in Europa auf die lange Bank geschoben haben. Eine letzte Warnung vielleicht, der gegenüber dann höchste Aufmerksamkeit mehr am Platze sein dürfte als ein voreiliges Alarmrufen, zu dem wir Europäer in dieser Sache eigentlich ein besseres Gewissen haben müßten. Aber ist da auch eine Hoffnung? Offenbar nur dann, wenn Europa noch die Kraft hat, jene Warnung aufzunehmen und also sein Versäumnis in einer eigenen und europäischen Gestalt des Sozialismus nachzuholen. Ob wir dazu noch den nötigen Enthusiasmus, die nötige Entsagung und auch die nötige Härte aufbringen werden? Und nun bedeutet Rußland ja nicht nur Kommunismus, sondern auch ganz einfach die nun sichtbar und wirksam zurückschlagende Welle des durch den deutschen Drang nach Osten seit bald einem Jahrtausend zurückgedrängten Slawentums. Es war das Werk eines verhängnisvollen Mutwillens, durch das im Juni 1941 gerade diese Schleuse geöffnet worden ist! Aber das ist nun geschehen, und auch das ist nun nicht mehr rückgängig zu machen. Das heutige Rußland ist aber darüber hinaus auch einfach die neue Gestalt des zaristischen Imperialismus, ist vielleicht letztlich auch ganz einfach der kommende Aufbruch Asiens. Sind wir vielleicht auch hier gar nicht gefragt, ob uns die Sache gefällt oder nicht, und bleibt uns vielleicht nur die letzte kleine Frage möglich: ob wir wenigstens dazu noch die Kraft haben, wenigstens einen Rest abendländischen Geistes inmitten dieses Ansturms zu schützen und zu bewahren?
Ich fasse zusammen: Europa ist heute zwischen zwei Mühlsteine geraten. Es ist zum Lebensbereich einer vom Westen wie vom Osten her ernstlich bedrohten Menschheit geworden. Sollten wir vielleicht unser Erbe wirklich — und das zuletzt in einem Salto mortale ohnegleichen vertan und verschleudert haben wie der verlorene Sohn, so daß wir uns nun nicht wundern dürften, uns auf einmal in der Fremde zu befinden? Müssen wir nun wirklich damit büßen, daß wir in unserem eigenen Hause nicht mehr wir selber sein dürfen, sondern von Anderen, ganz Anderen in unserem Dasein und Sosein bestimmt werden? Ich stelle in Rechnung, daß England und die skandinavischen Länder vielleicht noch gesund und stark genug sind, sich aus dieser Entwicklung herauszuhalten. Und ich stelle auch in Rechnung, daß man sich bei uns in der Schweiz keineswegs kampflos mit dieser Entwicklung abfinden, sondern ihr an Gegenwirkungen das Menschenmögliche entgegensetzen wird. Aber diese möglichen und sogar wahrscheinlichen Ausnahmen werden dann doch nur die Regel bestätigen. «Untergang des Abendlandes», so lautete der Titel eines nach dem Ende des ersten Weltkrieges vielgelesenen Buches. «Untergang?» Man sollte dieses große Wort vielleicht nicht zu schnell in den Mund nehmen. Daß so etwas wie ein Niedergang Europas vorläufig unaufhaltsam im Gange ist, das werden wir doch nicht leugnen können.
Und nun gibt es inmitten dieses niedergehenden Europas christliche Kirchen mit der Aufgabe christlicher Verkündigung. Ich möchte, indem ich auf diese Sache zu reden komme, zunächst ganz einfach, sozusagen von außen, auf gewisse historische Tatsachen hinweisen, in welchen das Leben der christlichen Kirche im heutigen Europa sich darstellt. Wenn ich recht sehe, so geht es wesentlich um vier Punkte, die hier zu beachten sind.
1. Man muß und darf feststellen: noch existieren die christlichen Kirchen auch in diesem heutigen Europa. Sie haben — das versteht sich nicht von selber, aber es ist wahr — den großen Irrtum, den großen Ruin, sie haben den Niedergang Europas bis heute überstanden trotz der Bedrohung, trotz der Bedrückung, ja Verfolgung, der gerade sie dabei an vielen Orten unterworfen waren. Sie haben das alles überstanden, und man darf sagen: besser überstanden als manche andere Institution unseres europäischen Lebens. Man kann hinzufügen, daß die Kirche heute an vielen Orten ganz deutlich in höherem Ansehen steht als vor dem Beginn dieser großen Katastrophe. Man darf daraus den Schluß ziehen: der Auftrag der christlichen Kirche scheint ihr auch inmitten der europäischen Menschheit von heute erhalten zu sein. Und es scheint das Angebot, das der europäischen Menschheit durch die Existenz der christlichen Kirche seit so viel hundert Jahren gemacht ist, auch über den heute sichtbaren Wendepunkt hinaus immer noch offen zu sein.
2. Es ist offenkundig so, daß die christlichen Kirchen hier in Deutschland und in anderen Ländern im ganzen und in der Regel zu den Elementen jenes rechten und notwendigen Widerstandes gegen die große revolutionäre Gefahr gehört haben. Sie gehörten mindestens zu den Elementen, welche dieser Drohung gegenüber mehr oder weniger beharrt haben. Es kann keine Frage sein, daß das, was heute noch in Europa an Sinn für Recht und Kultur lebendig ist, letztlich in dem durch die Kirche vertretenen, die europäische Menschheit direkt und indirekt noch immer mitbestimmenden christlichen Glauben begründet ist. Und es kann vor allem keine Frage sein, daß unzählige einzelne Menschen in diesen Jahren dank der Existenz und der Wirksamkeit der Kirche die Möglichkeit hatten, durch das Dunkel des Saeculums als gerettete und bewahrte oder doch getröstete Menschen hindurchzugehen: als solche, denen ein Licht auf ihrem Wege in dieser Zeit nicht einfach gefehlt hat. Das ist wahr und es ist auch wahr, daß die Kirchen gerade in diesen hinter uns liegenden Jahren der Katastrophe und des Niedergangs merkwürdigerweise zu einem ganz neuen Selbstbewußtsein im Blick auf ihren Auftrag und ihre Aufgabe erwacht sind. Es ist darüber hinaus auch das wahr, daß es in diesen Jahren vielfach zu einer vorher so nicht verwirklichten Begegnung und Berührung zwischen den verschiedenen Kirchen auch in deren einander entgegengesetzten Gestalten gekommen ist.
3. Indem das alles zuzugeben ist, muß aber ebenso klar gesehen und gesagt werden: Es hat das christliche Rom, wo nach katholischer Lehre der Stellvertreter Christi und Nachfolger Petri sein unfehlbares Wort zu sprechen hat, es hat die Existenz Wittenbergs, das einst der Ausgangspunkt der reinen Lehre Luthers und seiner Reformation gewesen ist, es hat die Existenz des alten calvinischen Genf und es hat die des neuen Genf der ökumenischen Bewegung den Irrtum, den Ruin und den Niedergang Europas bis jetzt nicht aufzuhalten vermocht. Es war bis jetzt nicht so, daß von diesen christlichen Kirchen — sagen wir in paritätischer Gerechtigkeit von irgendeiner dieser Kirchen — zur rechten Zeit ein prophetisches, ein führendes, ein wegweisendes, ein zur Ordnung rufendes Wort ausgegangen und gehört worden wäre. Fromme Worte, kluge Worte, ja! Aber kein solches Wort auf jeden Fall, das wirksam gewesen wäre, das die Kraft gehabt hätte, das Unheil aufzuhalten. Wir stellen einfach fest: Das haben die christlichen Kirchen nicht geleistet, das hat ihre Existenz nicht bedeutet. Es war bis jetzt kein großes, wirklich erhellendes Licht, das von ihnen her in die Welt des niedergehenden Europas hineingeleuchtet hätte.
4. Bei aller furchtbaren Bedrängnis der Menschheit unserer Zeit, in der Dinge geschehen sind, die nur mit dem, was in der Offenbarung des Johannes als die letzten Plagen geschildert wird, zu vergleichen sind, ist es in Europa doch nicht zu einer irgendwie bemerkenswerten christlichen Erweckung gekommen, zu keiner irgendwie sichtbaren Bekehrung der so schwer getroffenen und geschlagenen europäischen Menschheit. Die Schläge kamen, die Bomben fielen, die Gerichte entluden sich in ihrer ganzen Furchtbarkeit, und die Menschen duckten sich, richteten sich wieder auf und gingen ihren Weg weiter, wie sie ihn vorher gegangen waren. Ich rede nicht nur von der unchristlich, ich rede auch und zuerst von der christlich gesinnten Menschheit. Denn auch in den christlichen Kirchen, in den christlichen Kreisen sind diejenigen unter Theologen und Nicht-Theologen zahlreicher, denen an Restauration viel mehr gelegen ist als etwa an einer neuen Reformation des christlichen Wesens — zahlreicher die Anhänger und Verkündiger einer zu allen Zeiten gleich billig zu habenden neutralen Christlichkeit als die, die dem bittern Ernst der Zeit standhalten möchten, weil sie den Ruf gehört haben und selber laut ausschreien möchten: daß jetzt in der Leitung, der Predigt, dem Unterricht, der Seelsorge, der Theologie der Kirche vom Abc des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung her ein Neues werden und gepflügt werden müßte. Nein, der Schrei nach Umkehr und Neuaufbau ist auch für das christliche Leben im heutigen Europa von ferne nicht bezeichnend. Wie sollte er da in der Welt mächtig sein können? Dürfen sich die Christen wundern, daß materielle und technische Interessen außerhalb der Mauern der Kirche mehr als je die Menschen beherrschen, daß das Wort: «Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’!» für den äußeren Zustand des armen Durchschnittsmenschen bezeichnender ist als je zuvor? Wir müssen in aller Ruhe feststellen: Katastrophen, Unheil und Not, wie sie über uns hereingebrochen sind, haben offenbar in sich und als solche keine erleuchtende und keine bekehrende Wirkung. Sie haben an sich und als solche nicht die Kraft, die Kirchen zu erwecken und lebendig, und auch nicht die Kraft, die Welt für ihre Botschaft offen zu machen. Katastrophen bringen das nicht fertig. Sie werden es auch in Zukunft nicht tun, und wenn sie noch zehnmal und hundertmal gewaltiger über uns hereinbrechen würden. Das Wort «Not lehrt beten» steht nun einmal nicht in der Heiligen Schrift, und es ist auch sonst nicht wahr. Not kann auch fluchen lehren und stumpf machen. Der Mensch ist ein zähes Wesen, widerspenstig und unbelehrbar von Grund aus, und wenn wir das sagen, so wollen wir gerade als Christen nicht in erster Linie an die Weltkinder, an die sogenannten säkularen Menschen denken, sondern an das zäheste aller menschlichen Wesen, und dieses ist gerade der fromme, der kirchliche Mensch.
So — wir haben beide Seiten der Sache gewissenhaft zu sehen und zu erwägen versucht —, so steht es mit der christlichen Verkündigung im heutigen Europa, wenn man sie historisch und also gewissermaßen von außen betrachtet.
Aber nun soll uns die gleiche Sache, die christliche Verkündigung im heutigen Europa, nun doch noch ein wenig anders als so beschäftigen. Versuchen wir es jetzt, nicht als scharfsinnige und gerechte Zuschauer, sondern als Christen über diese Sache nachzudenken! Betrachten wir sie nun also nicht von außen, sondern von innen, nicht historisch, sondern so, wie sie sich denen darstellen muß, welche an die christliche Verkündigung glauben und welche sich dafür, daß sie ausgerichtet, und zwar recht ausgerichtet wird, verantwortlich wissen. Ich denke als evangelischer Christ und Theologe, wie es sich gehört, in erster Linie an die Verkündigung meiner, der evangelischen Kirche. Was erwartet sie, was ist von ihr erwartet im Lichte des Wortes Gottes, von dem sie sagt, daß es ihre Quelle und ihr Gegenstand ist?
Treten wir von daher noch einmal an die Sache heran, dann werden wir eines ohne weiteres mit voller Klarheit sehen und feststellen müssen: daß die christliche Verkündigung sich heute nicht mehr darauf verlassen kann und darf, wie bisher umgeben und getragen zu sein von der Herrlichkeit und dem Pathos der Kultur und der Politik eines aufsteigenden und herrschenden Europas. Ihre Zukunft wird sich nun in einem bescheiden, ja kümmerlich gewordenen Raum abspielen müssen: in einem Raum, in welchem sie auf viele, viele wichtige und nützliche Anknüpfungspunkte, auf die sie sich bisher verlassen durfte, zu verzichten haben wird. Die Kirche wird es wieder lernen müssen, ihrem Herrn wie Petrus nicht auf einem gebahnten, mit Stufen und schönem Geländer versehenen Pfad, sondern auf den Wellen entgegenzugehen. Sie muß es wieder lernen, über der Untiefe zu leben, wie sie es einst in ihren Anfängen mußte und getan hat. Sie muß es wieder lernen, ihren Auftrag dennoch auszurichten: allein in der Stoß- und Anziehungskraft ihres eigenen Anfangs und ihres eigenen Zieles.
Das bedeutet, daß sie sich nicht wird aufhalten lassen können durch die Frage, ob und inwiefern der heutige europäische Mensch mit seinen besonderen Befürchtungen und Hoffnungen ihr entgegenkommen, ihr sein Interesse, seine Gunst, sein Wohlgefallen wohl zuwenden werde. Sie hätte sich das wohl immer verboten sein lassen müssen. Und gerade wenn sie den heutigen europäischen Menschen richtig sicht und versteht, wird sie es nun wirklich unterlassen, weiterhin um sein Interesse zu werben und zu betteln. Oder ist es nicht so, daß dieser heutige europäische Mensch hier in Deutschland, aber auch anderswo aller der Worte müde, gänzlich müde geworden ist, denen er es anspürt, daß sie ihm nach dem Munde geredet sind, daß sie ja doch nur wiederholen, was er sich auch selber sagen könnte, daß sie bestimmt und abhängig sind von seinen eigenen jeweils herrschenden Meinungen und von seinem eigenen jeweils herrschenden Willen? Was er braucht und was er im Grunde auch sucht, ist ein Wort aus der Höhe, so gewiß er selbst heute in der Tiefe lebt. Die christliche Verkündigung im heutigen Europa muß also sein und wieder werden ein freies, ein unabhängiges Wort — unabhängig von allen herrschenden Winden, unabhängig von der Frage: Revolution oder Tradition? Optimismus oder Pessimismus? Westen oder Osten? Die christliche Verkündigung kann ein solches freies Wort darum sprechen, weil ihr Anfang und Ausgangspunkt Gottes freie Gnade ist, welche jeder Mensch — und jeder Mensch in jeder denkbaren und möglichen Situation — nötig hat als das Einzige, was ihm helfen kann, welche ihm aber auch in jeder denkbaren Situation, indem er sie ganz und gar nicht verdient hat, tatsächlich zugewendet ist. Die christliche Verkündigung sei Verkündigung von diesem Anfang und Ausgangspunkt her. Sie rede von Gottes freier Gnade für das Volk der Sünder und Elenden, deren Gott dennoch gedacht hat und gedenken will; dann ist sie auch die rechte Verkündigung für das Europa der heutigen Zeit.
Damit steht nun im Zusammenhang dies, daß die christliche Verkündigung sich auf alle Fälle nicht verwickeln lassen darf in die Frage, ob der künftige Weg Europas uns irgend einmal wieder aufwärts führen wird oder ob es noch weiter abwärts mit uns gehen muß. Gerade wenn sie den europäischen Menschen von heute wirklich erreichen, ihm wirklich helfen will, dann wird sie bedenken müssen, daß dieser Mensch nun so viel wunderbare Verheißungen und auf der anderen Seite so viel schreckliche Drohungen gehört hat, daß er für die einen wie für die anderen von Herzen stumpf geworden ist. Die christliche Verkündigung hat hier weder zu verheißen noch zu drohen. Sie ist Verkündigung eines ewigen Wortes und eben als solche das rechte Wort für jede Zeit, für die Menschen der aufsteigenden und der niedergehenden Geschichtsepochen. Die Hoffnung auf eine Wiedergeburt — auch die Hoffnung auf eine christliche Wiedergeburt Deutschlands und des Abendlandes ist eine schöne, aber doch nur eine menschliche Hoffnung, die zu verkündigen die christliche Kirche keinen Auftrag hat. Und so ist die Furcht vor dem endgültigen europäischen Zerfall zwar eine heute sehr naheliegende, aber doch nur eine menschliche Furcht, der Raum zu geben die christliche Verkündigung nun eben auch keinen Auftrag hat. Ihr Ziel ist das Reich Gottes, dessen Offenbarung wir über die Höhen hinweg, aber auch durch die Tiefen hindurch entgegengehen dürfen, nachdem es verborgen in unserer Mitte und in der Mitte aller Zeiten schon Ereignis geworden ist: das Reich, das Friede, Freude und Freiheit unter allen Umständen bedeutet für die Lebenden und für die Sterbenden. Es kann ja so sein, daß unsere Zukunft vielleicht doch noch in einer jetzt nicht zu erwartenden Form die irgendeiner Wiederherstellung sein wird. Es kann aber auch sein, daß unsere Zukunft so aussieht, wie es dem Land, den Menschen und der Kirche im alten Nordafrika, im alten Kleinasien und Syrien ergangen ist, wo einst blühendes Leben, höchste Kultur war und dann für viele Jahrhunderte nur noch Schafweide! Es kann beides sein, und wir wissen nicht, welches von beiden unsere Zukunft sein wird. Aber nicht das ist wichtig, sondern das andere: daß so oder so am Ziel aller Ziele Gottes Reich offenbar werden, Gott recht behalten und damit auch uns Menschen, den Lebenden und den Sterbenden, unser Recht widerfahren wird. Die christliche Verkündigung verkündige diese Zukunft! Sie tröste und ermahne die Menschen damit, daß sie dieser Zukunft entgegengehen dürfen! Sie lehre der Menschheit von heute mit ihrem bangen Fragen und angesichts ihrer verhüllten Zukunft in neuer Dringlichkeit, aber auch in neuer Ruhe zu beten: Dein Reich komme! Für die Anzeige dieses Zieles ist auch heute, ist auch im heutigen Europa unter allen Umständen die rechte Zeit.
Gottes Gnade und Gottes Reich und also der Anfang und das Ziel der christlichen Verkündigung trägt aber einen Namen, den Namen Jesus Christus. So kann sie auch im heutigen Europa nur in der Verkündigung dieses Namens bestehen: in der Verkündigung der wahren Gottheit dessen, der diesen Namen trägt und also seiner Herrschaft im Himmel und auf Erden und in der Verkündigung seiner wahren Menschheit, das heißt des Dienstes, in den er sich gestellt hat, und in dem er der Allergeringste und Verachtetste geworden ist, uns zugute. Die christliche Verkündigung verkündige seinen Tod als die in ihm geschehene Zurechtbringung und Erlösung für alle Menschen und seine Auferstehung als die Offenbarung und Inkraftsetzung dieser allen Menschen zugedachten Zurechtbringung und Erlösung. Er, Jesus Christus, ist selber die freie Gnade, ist selber das Reich Gottes. Er ist’s, der da war, der da ist und der da kommt. Er ist der Inhalt der christlichen Verkündigung. Das heutige Europa wartet darauf, daß er ihm als die alte befreiende Wahrheit in neuen Zungen angezeigt werde.
Wer an diese christliche Verkündigung glaubt und sich für sie verantwortlich weiß — und wir wollen uns jetzt gegenseitig dabei behaften, daß eben dies unser Fall ist —, der läßt alle unnützen Fragen, weil er bedrängt, bewegt und beschäftigt, aber auch beseligt ist durch ganz bestimmte, nun wirklich ernsthafte Arbeits- und Lebensfragen, die sich aus diesem ihrem Inhalt ergeben.
Ich formuliere die Arbeits- und Lebensfragen der christlichen Verkündigung im heutigen Europa für diesmal folgendermaßen:
1. Die Frage der Erkenntnis. Ist es uns klar, daß es heute wie zu allen Zeiten eine Schule gibt, in welcher wir alle, Große und Kleine, Gelehrte und Ungelehrte, Jesum Christum und also die freie Gnade und das Reich Gottes und also den Anfang und das Ziel der christlichen Verkündigung zunächst einfach einmal kennenlernen dürfen? Ich meine die Schule der Propheten und Apostel, die Schule der Heiligen Schrift, die für die Kirche auch im neuen Europa, auch inmitten von dessen Niedergang, die wichtigste, die entscheidende Schule ist und bleiben muß. Ist es uns klar, daß wir in diese Schule gehen und daß wir in ihr verharren dürfen, daß wir eingeladen sind, für alle unsere Lebenstage diese Schule zu besuchen?
2. Die Frage des Glaubens. Ist es uns deutlich, daß die Verkündigung Jesu Christi und also der freien Gnade und des Reiches Gottes nicht die Angelegenheit einer unverbindlichen Erwägung und Mitteilung sein kann, nicht die Sache eines Gefühlsausbruchs und nicht die einer Meinungsäußerung, sondern daß es in dieser Verkündigung nur um die Proklamation einer unmittelbaren und unerschütterlichen, einer absoluten Gewißheit gehen kann? Um diese Gewißheit handelt es sich, wenn wir vom Glauben reden. Ist es uns klar, daß diese Gewißheit und also der Glaube, welcher allein der christlichen Verkündigung Sinn und Kraft geben kann, eine Sache ist, die wir uns in keiner Weise nehmen und selber verschaffen können, sondern die uns von Gott immer wieder gegeben werden muß? Ist es uns also klar, daß wir aufgerufen sind, immer wieder um diese Gewißheit, um den Glauben zu bitten: heute, morgen, unser Leben lang?
3. Die Frage des Gehorsams. Steht es uns vor Augen, daß Jesus Christus uns, jeden Christen, zu einer Entscheidung zwingt und auf einen Weg stellt, auf welchem unser Glaube nicht verborgen bleiben, nicht nur eine Herzens- und Privatsache, nicht mehr bloß eine Angelegenheit einer neutralen Gesinnung im stillen Kämmerlein sein kann, sondern auf welchem es dazu kommen muß, daß wir mit unseren Worten, mit unserer Tat, mit unserer Verhaltungsweise, mit unseren eigenen Entscheidungen sichtbare Zeichen auf richten: Zeichen unserer Erkenntnis und unseres Bekenntnisses, Zeichen unserer Freude und Dankbarkeit, Zeichen des Anfangs, von dem wir herkommen, und Zeichen des Zieles, dem wir entgegengehen? Ist es uns klar, daß wir als Christen in diesem konkreten Gehorsamsverhältnis stehen, zum Sichtbarmachen solcher Zeichen verbunden sind?
4. Die Frage der Aufrichtigkeit. Sind wir uns darin einig, daß der Gehorsam gegen Jesus Christus uns notwendig ganz nüchtern machen muß? Und daß das heute bedeutet, daß er uns nötigt, unsere Lebenssituation von heute, die Dinge, wie sie heute stehen, aber auch die Verhältnisse und Ereignisse, die dazu führten, den ganzen Zusammenhang von Schuld und Sühne, in welchem wir heute nun einmal stehen, nüchtern, offen und ruhig und also unter Vermeidung aller intellektuellen Ausweichkünste und Fluchtversuche anzuerkennen und uns selbst endlich für verantwortlich zu halten? Sind wir uns darin einig, daß wir uns nun einmal aller Ausreden — welche daran erkenntlich sind, daß sie mit Jesus Christus als unserem Anfang und Ziel nichts zu tun haben — enthalten und uns also frei machen lassen, nun wirklich das zu denken, zu sagen und zu sein, was wir heute in Wahrheit — nämlich in der Wahrheit Jesu Christi, in der Wahrheit der freien Gnade und des Reiches Gottes — zu denken, zu sagen und zu sein haben?
5. Die Frage der Liebe. Sind wir darüber belehrt, daß der Gehorsam gegen Jesus Christus uns notwendig dazu führt, daß wir unsere Mitmenschen — nicht nur die Gleichgesinnten, nicht nur die, die uns als Mitchristen erkennbar sind, sondern unsere Mitmenschen als solche, wie sie auch heißen und wer und was sie auch sein mögen — vorbehaltlos zu Gott rechnen, das heißt, daß wir im Gehorsam gegen Jesus Christus von jedem dieser erschrockenen, elenden, irrenden, verkehrten und vielleicht wirklich gottlosen Menschen wesen rund um uns her nicht zuerst das Böse denken dürfen, sondern, entsprechend dem, was wir uns selbst zurechnen möchten, das Gute, und zwar nicht irgendein, nicht sein menschlich Gutes, sondern das Gute, das darin besteht, daß Jesus Christus für uns alle, auch für die, die draußen sind, auch für die, die ihn nicht mehr oder noch nicht erkennen, gestorben und auferstanden ist? Sind wir belehrt darüber, daß wir lieben — vielleicht streng und zornig, aber auch so im Grunde immer lieben und darum heute vor allem auch den Humor nicht verlieren dürfen?
6. Die Frage der Treue. Sind wir entschlossen, nicht etwa zwischen Gott und den Menschen hin und her zu schwanken; aber wohlverstanden: auch nicht etwa für Gott gegen die Menschen Partei zu ergreifen und als eine Art Kreuzritter den Heiligen Krieg gegen sie zu führen, wie wir Christen aus der Burg unserer Kirchen heraus das so gerne tun? Sind wir entschlossen, Gott und eben damit auch den Menschen, der Kirche, aber eben damit auch der Welt, dem Himmel, aber, Brüder, eben darum auch der Erde treu zu sein? Sind wir entschlossen, nicht nur Menschen sein zu wollen — gewiß nicht! — aber auch nicht nur Christen, sondern wie es uns zukommt: Christen- Menschen, das heißt zwischen Gott und die Menschen hineinzutreten mit unserer Fürbitte, mit unserem Denken und dann gewiß auch mit den rechten Worten, den rechten Taten und in der rechten Haltung?
7. Die Frage der Hoffnung. Wird es uns gegeben sein, im Blick auf Jesus Christus, welcher dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat, trotz allem immer ein wenig mehr im Ja zu leben als im Nein, trotz allem immer ein wenig mehr in der Freude als in der Trauer, trotz allem immer ein wenig mehr in der Geduld als in der Ungeduld, trotz allem, trotz dem ganzen europäischen Niedergang, immer ein wenig mehr im Dank als im Seufzen und also trotz allem immer ein wenig mehr in der Zuversicht als in der Verzweiflung? Um etwas anderes als um dieses «ein wenig mehr» wird es sich gewiß nicht handeln können. Etwas anderes als dieses «ein wenig mehr» ist nicht von uns verlangt. Dieses «ein wenig mehr» aber ist von uns, da wir eine solche Hoffnung haben, verlangt. Und wenn es gilt, daß wir mit Ernst Christen sein wollen, dann muß es uns gegeben sein, dann ist es uns tatsächlich erlaubt, immer ein wenig mehr im Ja, in der Freude, in der Geduld, im Dank und in der Zuversicht zu leben als im Gegenteil.
Ich bin am Ende. Die interessante Frage hinsichtlich der christlichen Verkündigung von Gottes Gnade und Reich, der Verkündigung Jesu Christi im heutigen Europa kann nur heißen: ob denn diejenigen, welche an diese Verkündigung glauben, welche sich selber für sie verantwortlich wissen, tatsächlich mitten in diesen eben angeführten Arbeits- und Lebensfragen stehen? Wir — wir, die es angeht — haben sie zu beantworten. Wie werden wir sie beantworten? Beachten wir wohl: Christen sind niemals, Christen sind auch heute nicht Menschen, die selber Fragen zu stellen haben, sondern Menschen, denen es aufgegeben ist, schlecht und recht Antworten zu geben. Ob wir das tun, ob wir also wirkliche Christen sind, davon hängt es wohl ab, ob es im heutigen Europa, sei es im endgültig niedergehenden oder im aufsteigenden, sei es im amerikanischen oder im russischen oder in einem anderen Europa, jedenfalls einen ganz klaren, ganz sicheren, ganz tröstlichen Faktor geben wird, einen «ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht». Die Ausgießung des Heiligen Geistes als die Erhörung der Bitte, die uns auf die Lippen gelegt ist: Veni creator Spiritus! Komm, Schöpfer Geist! kann nur darin bestehen, daß Gott ein paar Menschen erweckt, welche sich durch diese Arbeits- und Lebensfragen der christlichen Verkündigung bedrängen und bewegen und beseligen lassen — und welche der uns gegebenen, der wahrhaftig bereitliegenden Antwort auf diese Fragen nicht ausweichen können und wollen.
Quelle: Neue Schweizer Rundschau 14 (1946-1947), Heft 6, S. 323-336. Auch als Separatdruck erschienen: Karl Barth, Die christliche Verkündigung im heutigen Europa. Ein Vortrag, München: Chr. Kaiser Verlag, 1946.
[1] Das Folgende ist die Wiedergabe eines Vortrages, den ich im vergangenen Sommer in Düsseldorf, Köln, Bonn und einigen andern deutschen Städten gehalten habe.