Odo Marquard, Narrare necesse est (1999): „Je mehr wir rationalisieren, umso mehr müssen wir erzählen. Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher wird die Erzählung.“

Narrare necesse est

Von Odo Marquard

Erst seine Widerfahrnisse und Geschichten machen den Menschen als solchen erkennbar

Hat die Erzählung noch eine Zukunft? Oder stirbt im nun beginnenden Jahrtausend – in der modernen Welt zunehmender wissenschaftlicher und technischer und ökonomischer und informationeller Objektivierung – das Erzählen ab? Ich glaube nicht an die Absterbensthese, sondern meine: Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher wird das Erzählen.

Narrare necesse est: Wir Menschen müssen erzählen. Das war so und bleibt so. Denn wir Menschen sind unsere Geschichten, und Geschichten muss man erzählen. Jeder Mensch ist der, der …; und wer er genauerhin ist, sagen immer nur Geschichten: Columbus ist der, der Amerika entdeckt hat; Rotkäppchen ist die, die vom Wolf gefressen wurde; Odysseus ist der, der zwanzig Jahre für die Heimkehr aus Troja brauchte. Menschen sind die, die …; und bei jedem von uns stehen für uns selbst Geschichten, die wir erzählen, und seien sie auch noch so kurz: Unsere kürzeste Kurzgeschichte ist unser Personalausweis; selbst eine Personalnummer ist eine verschlüsselte Erzählung. Wer auf das Erzählen verzichtet, verzichtet auf seine Geschichten; wer auf seine Geschichten verzichtet, verzichtet auf sich selbst.

Geschichten müssen erzählt werden. Sie sind nicht prognostizierbar wie naturgesetzliche Abläufe oder wie geplante Handlungen, die zu Geschichten erst dann werden, wenn ihnen etwas dazwischenkommt. Solange ihnen nichts dazwischenkommt, sind sie voraussagbar, und es wäre witzlos, sie zu erzählen: wenn Columbus Indien amerikalos erreicht hätte, wenn Rotkäppchen die Großmutter wolflos besucht hätte, wenn Odysseus ohne Zwischenfälle schnell nach Hause gekommen wäre, wären das keine – richtigen – Geschichten gewesen. Vorher gäbe es – als Voraussage oder Planung – die Prognose, hinterher nur die Feststellung: Es hat geklappt.

Das Unvorhergesehene macht Geschichte

Erst wenn einem naturgesetzlich geregelten Ablauf oder einer geplanten Handlung ein unvorhergesehenes Widerfahrnis widerfährt, müssen sie erzählt werden und können sie auch nur erzählt werden: Geschichten sind Ablauf-Widerfahrnis-Gemische beziehungsweise Handlungs-Widerfahrnis-Gemische. Und es gilt: Wir müssen erzählen, weil wir unsere Geschichten sind. Das war so und bleibt so: Darum wurde nicht nur in der Vergangenheit erzählt, sondern es wird auch in der Zukunft erzählt werden: Die Erzählung hat Zukunft.

Nun wird man nicht bezweifeln: Die moderne Welt beginnt dort, wo die Menschen – durch wissenschaftliche, technische, ökonomische, informationelle Rationalisierung – ihre Wirklichkeit in großem Stil in laborfähige Objekte und planbare Handlungen verwandeln. Das ist nur dort möglich, wo es mit Absicht gleichgültig wird, in welchen lebensweltgeschichtlichen – sprachlichen, religiösen, kulturellen, familiären – Traditionen und Geschichten die Wisser oder Macher und das Gewusste oder Gemachte stehen: Rationalisierungen leben von der vorsätzlichen Neutralisierung der lebensweltlichen Geschichten.

Also sterben die Geschichten modern doch ab? Mitnichten. Sondern etwas anderes passiert: Da ist nur einerseits zwar die Neutralisierung der Geschichten; da ist aber andererseits – und das wird häufig übersehen oder vergessen – ihre Kompensation. Ich bin in meiner Branche – bei den Philosophen – als Kompensationstheoretiker verschrien: als einer, der an allen möglichen und unmöglichen Stellen mit dem Kompensationsbegriff kommt.

Organe des Erzählens

Ich tue es auch hier und stelle fest: Die moderne Welt ist nicht nur die Welt der rationalisierungsermöglichenden Neutralisierung der lebensweltlichen Geschichten, sondern sie ist auch die Welt ihrer Kompensationen, und zwar durch Organe für Geschichten, also gerade durch Organe des Erzählens. Ich nenne hier – ohne Vollständigkeitsanspruch – drei dieser Kompensationen. Spezifisch zur modernen Welt gehört: a) die Ausbildung des historischen Sinns. Gerade weil – wie Joachim Ritter sagte – die moderne Welt zwecks Rationalisierung „geschichtslos“ wird, wird gerade in ihr – kompensatorisch – wie niemals zuvor und wie nirgends sonst das Geschichtliche zum großen Positivthema. Zur modernen Fortschritts- und Innovationskultur, die auf Emanzipation aus den Traditionen setzt und zum Wegwerfen verführt und schließlich sogar die lebensweltlichen Geschichten ausrangiert, gehören – als Kompensation – spezifisch modern die Entwicklung und Blüte der Erinnerungs- und Bewahrungskultur, die Entstehung und Konjunktur des Museums, der Denkmalspflege, der konservatorischen Maßnahmen, der Hermeneutik als Altbausanierung im Reiche des Geistes, der historischen Wissenschaften, die Konjunktur der geschichtlichen Orientierung nach rückwärts und vorwärts: also der historische Sinn.

Rationalität kompensieren

Spezifisch zur modernen Welt gehört: b) der Siegeszug der erzählenden Kunst des Romans. Nicht nur die Realgeschichte expandiert, sondern auch die fiktive Erzählung: nicht nur die history, sondern vor allem auch die story. In seinem schönen Essay „Die Kunst des Romans“ hat Milan Kundera beschrieben: Zur Erfolgsgeschichte der exakten „europäischen Wissenschaften“ gehört die – den „Geist der Theorie“ durch den „Geist des Humors“ kompensierende – Parallelgeschichte des „europäischen Romans“, der „europäischsten aller Künste“. Zu Galilei und Descartes und Newton und Kant und Comte und Mach und Husserl gehören Rabelais und Cervantes und Sterne und Goethe und Balzac und Dickens und Tolstoi, Thomas Mann, Proust, Joyce und Kafka. Weil die geschichtliche „Lebenswelt“ zu Gunsten der Welt der Objekte „ausgeklammert“ wird, muss sie – kompensatorisch – festgehalten werden auch und gerade durch den Roman, der – als moderne erzählende Kunst – auch in Zukunft für die Moderne unverzichtbar ist. Spezifisch zur modernen Welt gehört schließlich:

c) die Entstehung und Entwicklung der Geisteswissenschaften, also der erzählenden Wissenschaften. Der Etablierungszeitraum der exakten Naturwissenschaften beginnt im sechzehnten Jahrhundert, der Etablierungszeitraum der Geisteswissenschaften beginnt im achtzehnten Jahrhundert: die Geisteswissenschaften sind jünger als die exakten Naturwissenschaften. Als Organ für die Geschichten – eben als erzählende Wissenschaften – antworten sie auf die Geschichtslosigkeit der modernen Welt. Darum machen die exakten Wissenschaften die Geisteswissenschaften nicht überflüssig, sondern allererst nötig. Der Erfolg der exakten Wissenschaften löscht und mindert also nicht, sondern er erzeugt und steigert vielmehr den Bedarf an Geisteswissenschaften: Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften, also – als Kompensation der rationalisierungsermöglichenden Neutralisierung der lebensweltlichen Geschichten – die erzählenden Wissenschaften.

Das Narrative ist zwingend

Die Erwartung des Endes der Erzählung in unserer gegenwärtigen und zukünftigen Welt ist also eine Fehlerwartung. Es gibt – Harald Weinrich hat das in seinem Buch Tempus unterschieden – die „besprochene Welt“ und die „erzählte Welt“. Vielleicht nicht ganz im Sinne des Autors verstehe ich das so: Wir leben von der besprochenen Welt und leben in der erzählten Welt. Je mehr, je erfolgreicher die moderne Welt zur besprochenen Welt wird, desto mehr muss die erzählte Welt in ihr eigens festgehalten werden; dafür entwickelt die moderne Welt verschiedene Kompensationsgenera: also mindestens den historischen Sinn, den Roman und die Geisteswissenschaften. Die Rationalisierungen machen die Narrationen nicht obsolet; ganz im Gegenteil: sie erzwingen Erzählungen mit neuen Formen der Erzählung. Je mehr wir rationalisieren, umso mehr müssen wir erzählen. Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher wird die Erzählung: narrare necesse est.

Einleitungsstatement zur Podiumsdiskussion »Die Zukunft der Erzählung« der Gesprächsreihe »campus 99« zum 80. Geburtstag des Bauhauses in Weimar am 29.6. 1999 in der Bauhaus-Universität in Weimar.

Quelle: Die politische Meinung 362 (2000), S. 93-95.

Hier der Text als pdf.

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