Emmanuel Jungclaussen über das Jesusgebet: „Der Weg des Jesusgebetes ist und bleibt in erster Linie ein Weg der demütigen Hingabe an Jesus Christus im Bewußtsein der eigenen Sündhaftigkeit.“

Jesusgebet

Von Emmanuel Jungclaussen

Das Jesusgebet – in westlichen Spra­chen auch „Herzensgebet“ genannt (griechisch und slawisch meist: geisti­ges bzw. inneres Gebet) – ist eine Ge­bets- und Meditationsform aus dem ostkirchlichen Bereich, die zuneh­mend auch im abendländischen Chri­stentum Verbreitung findet. Sie wird hier nicht selten in ihrer Methodik als eine Entsprechung zu außerchristli­chen (asiatischen) Meditationsformen betrachtet. Als Hauptquelle dieser Verbreitung muß das Buch „Aufrich­tige Erzählungen eines russischen Pil­gers“ gelten.

Die Redaktionsgeschichte dieses sei­nerzeit anonym erschienenen Buches ist noch nicht völlig erforscht. Jeden­falls ist die allen Übersetzungen zu­grunde liegende russische Ausgabe der ersten vier Erzählungen von 1884 in Kazan bereits die 3. Auflage, die sich von der 2. Auflage (1881) und mit die­ser nochmals von der 1. Auflage (um 1870) durchaus unterscheidet. So viel scheint sicher zu sein, daß die 3. Auf­lage von dem großen russischen Starez Bischof Theophan dem Klausner (1815-1894) redigiert wurde. 1911 er­schienen in Moskau – auch anonym – drei weitere Erzählungen, die einen mehr lehrhaften Charakter tragen.

Der in den beiden Teilen der „Aufrich­tigen Erzählungen“ dargelegte und pro­pagierte Gebetsweg ist das Ergebnis einer mehr als anderthalb Jahrtau­sende währenden geschichtlichen Ent­wicklung. Die Ursprünge dieses We­ges liegen im NT, und zwar in den an Jesus gerichteten Stoßgebeten: Mt 15,22; 20,31; Mk 10,47; Lk 17,13; 18,13 und 18,38; ferner in der Mah­nung, unablässig zu beten: Lk 18,1; Eph 6,18; 1 Thess 5,17 (1 Thess 5,17 ist der Ausgangspunkt der „Aufrichtigen Erzählungen“). Die entscheidende Ausprägung erfolgt im Zusammen­hang mit dem Hesychasmus. Zur Ein­übung des Immerwährenden Gebetes wurden zunächst die verschiedensten kurzen Stoßgebete benutzt, auch Ein-Wort-Gebete genannt. Diese lassen sich auf zwei, allerdings nicht streng voneinander zu trennende Grundty­pen zurückführen: „steh mir bei!“ (Bitte um Hilfe) und „… erbarme dich!“ (Bitte um Vergebung). Diese mündliche oder auch rein innerliche Übung von meist biblischen Kurzfor­meln (oftmals Psalmverse) ist die ur­sprüngliche Form christlicher „Meditatio“. Allmählich gewinnt der Name „Jesus“ in den genannten Stoßgebeten eine beherrschende Stellung. Im „Le­ben des hl. Dositheus“ (6. Jh.) findet sich erstmals die geläufige Form: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ Im sinaitischen Mönchtum, vor allem in der Centurie des Hesychius vom Batos-Kloster (7./8. Jh.), wird das Jesusgebet schon im Zusam­menhang mit dem Atem gesehen, ohne daß eine bestimmte Methode erkenn­bar ist.

Eine solche Methode findet ihre deut­liche Ausprägung erst auf dem Berg Athos und wird dort in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts literarisch greifbar vor allem bei drei Schriftstel­lern, dem Mönch Nikephoros, Gregor Sinaita (1255-1346), der vom Sinai über Kreta zum Athos kam, und in ei­ner Schrift eines Pseudo-Simeon des Neuen Theologen, der möglicherweise mit dem Mönch Nikephoros identisch ist. Die von den drei Schriftstellern be­schriebene. Methode läßt sich stich­wortartig etwa so darstellen: sitzen auf einem 17-20 cm hohen Schemel, Kopf und Schultern gebeugt, die Augen in Richtung auf das Herz oder auf den Nabel gerichtet. Die Atmung soll ver­langsamt und dabei gleichzeitig mit dem Rhythmus des Gebetes abge­stimmt werden. Beim Einatmen: „Herr Jesus Christus (Sohn Gottes)“, beim Ausatmen „erbarme dich meiner (über mich Sünder)“, dabei sammelt der Be­ter (der Hesychast) sein Bewußtsein im Herzzentrum. Während er durch die Nase einatmet und den Atem in seine Lunge hinunterleitet, läßt er seinen Geist mit dem Atem „hinabsteigen“ und sucht inwendig nach dem Ort des Herzens. Die Anweisungen sind nie völlig eindeutig, wohl deshalb, weil für die komplizierten Übungen ein erfah­rener Lehrer notwendig ist. So scheint z. B. bei Nikephoros das Verfolgen des Atems und die Suche nach dem Ort des Herzens dem eigentlichen Jesusge­bet vorauszugehen.

Diese „Methode“ findet bald warnen­den Widerspruch, vor allem von Seiten des Mönches Barlaam aus Kalabrien († 1348). Gregor Palamas (1296-1359) verteidigt sie: Da der Leib in sich gut ist, können eine bestimmte Körperhal­tung sowie die Atemkontrolle der in­neren Sammlung durchaus dienlich sein, zumal beim Anfänger.

Später allerdings haben die großen russischen Starzen des 19. Jahrhun­derts die körperlichen Techniken mit wenig Nachdruck behandelt. Der Rat, den Bischof Ignatij Brianchaninow (1807-1867) gibt, ist typisch: „Wir empfehlen unseren geliebten Brüdern, nicht zu versuchen, diese Technik zu einem festen Bestandteil ihres inneren Lebens zu machen, außer, wenn sie sich von allein offenbart … Das We­sentliche des Gebetes besteht in der Vereinigung des Geistes mit dem Her­zen, und dieses Werk wird durch die Gnade Gottes vollendet zu der Zeit, die Gott bestimmt. Gezielte Atemtech­nik wird völlig ersetzt durch das ruhige Aussprechen des Gebetes … und durch das Einschließen des Geistes in die Worte des Gebetes.“

In Rußland läßt sich das Jesusgebet schon in der ersten Hälfte des 12. Jahr­hunderts nachweisen. Durch Nil Sorskij (1433-1508) kommt jedoch erst das eigentlich hesychastische Moment in der Übung des Herzensgebetes zum Tragen. Ihre große Blütezeit erlebt diese Übung durch das Wirken des Starez Paisij Weliikowskij (1722-1794). So ist der Ausgang des 18. Jahrhunderts und das ganze 19. Jahrhundert in Rußland zugleich das Zeitalter der großen Lehrmeister des geistlichen Lebens, der Starzen. Diese Blütezeit des Jesusgebetes und des Starzentums, die schließlich auch die „Aufrichtigen Erzählungen“ zei­tigt, ist untrennbar verbunden mit dem Erscheinen der „Philokalie“, die auch in den „Erzählungen“ eine wichtige Rolle spielt. Die „Philokalie“ ist ein mehrbändiges Sammelwerk, in wel­chem Texte von mehr als 30 Schrift­stellern des christlichen Ostens, und zwar aus dem 3.-15. Jahrhundert zusammengefaßt sind. Diese Texte bezie­hen sich alle in irgendeiner Weise auf die Übung des Jesusgebetes, auf seine Methode und auf die damit notwendi­gerweise verbundene Lebensführung, fernerauf die aus vertieftem Beten sich ergebenden mystischen Erfahrungen, auf deren Erscheinungsform wie auf deren theologische Deutung. Die „Philokalie“ erschien 1792 in Venedig, und zwar auf griechisch, herausgegeben vom Mönch Nikodemus vom Berge Athos und vom Bischof Makarios von Korinth. 1793 folgte eine kirchenslawi­sche „Philokalie“ aus der Feder des Paissij Weličkowskij, die im wesentlichen eine Übersetzung der griechi­schen darstellt. Der schon genannte Bischof Theophan der Klausner be­sorgte eine russische Neubearbeitung. Später wurde die „Philokalie“ ganz oder teilweise auch in westliche Spra­chen übersetzt. So erlangte das Werk eine ungemeine Verbreitung auch un­ter Laien und ist bis heute als Summe der geistlichen Überlieferung der Ost­kirche für die orthodoxe Spiritualität wegweisend geblieben.

Dieser Kontext orthodoxer Spirituali­tät muß mit seinen wesentlichen Inhal­ten auch für den westlichen Beter des Jesusgebetes maßgebend bleiben, soll der Weg des Jesusgebetes nicht ein Irr­weg werden. Er ist und bleibt in erster Linie ein Weg der demütigen Hingabe an Jesus Christus im Bewußtsein der eigenen Sündhaftigkeit. Dabei ge­winnt die Rolle des rettenden Namens Jesu gerade in der neueren russischen Frömmigkeit eine immer stärkere Be­deutung; so sehr, daß im Anschluß an das 1907 erstmalig erschienene Buch „Auf den Bergen des Kaukasus, Ge­spräch zweier Einsiedler-Starzen über die innere Vereinigung mit dem Herrn unserer Herzen durch das Jesus-Ge­bet“ – einem der letzten umfassenden geistlichen Werke über das Jesusgebet – 1912/13 auf dem Athos und in Ruß­land ein heftiger Streit um die Gött­lichkeit des Namens Jesus entbrannte. Der Frage nach der Göttlichkeit des Namens Jesus versucht später katholischerseits der russische Theologe I. von Kologrivof dadurch gerecht zu werden, indem er die Bedeutung des Namens im Jesusgebet folgenderma­ßen charakterisiert: „Der Name Jesus ist hier mehr als nur ein äußeres Zei­chen. Er offenbart den Herrn und macht Ihn gegenwärtig, wie Er in einer geweihten Ikone oder in anderen Sa­kramentalien gegenwärtig ist. Solange dieses Gebet nur eine mechanische, überwachte Übung bleibt,, verfehlt es seinen Zweck. Der Geist muß gleich­sam darin untertauchen, das Gebet muß von ihm Besitz ergreifen, damit der göttliche Strahl den tiefsten Grund des Seins durchdringt und erleuchtet.“ Wohl in diesem Sinne ermahnten die Starzen ihre Schüler „vom Hirn hinab­zusteigen in das Herz“.

Gerade als Namensgebet stellt das Je­susgebet noch einmal die Frage nach den religionsgeschichtlichen Paral­lelen bzw. nach den Entsprechungen bei den außerchristlichen asiatischen Meditationsformen, die schon in den „Aufrichtigen Erzählungen“ zur Spra­che kommen. Der ununterbrochene Anruf des Gottesnamens ist der Kern der Übung. Daher sind die Entspre­chungen weniger im Zen oder im Yoga zu suchen als vielmehr im dhikr der Sufis, im nama-japa, dem Murmeln des Gottesnamens in der hinduisti­schen Überlieferung und am stärksten wohl im nembutsu des Jodo-shin-shu, des Amida-Buddhismus. Es ist be­zeichnend, daß gerade der Shin-Buddhismus als Weg gläubigen Ver­trauens die größte Nähe zum Jesusgebet aufweist. Dabei lassen sich bezüg­lich des Namensgebetes direkte Ein­flüsse und Abhängigkeiten zwischen den verschiedenen Religionen kaum nachweisen. Hier hat eine umfassende Theologie der Religionen das klärende Wort zu sprechen.

Literatur: E. Jungclaussen (Hrsg.), Aufrichtige Er­zählungen eines russischen Pilgers (Freiburg 161987); K. Ware / E. Jungclaussen, Hinführung zum Herzensgebet (Freiburg 31986); E. Chr. Suttner, Philokalie und Jesusgebet im westlichen Europa un­serer Tage (mit umfassender Literaturübersicht), in: A. Rauch / P. Imhof (Hrsg.), 1000 Jahre zwischen Wolga und Rhein (München 1988).

Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, Sp. 672-677.

Hier der Text als pdf.

Zur Einübung siehe auch Jungclaussens Leitsätze zur Übung des Jesusgebets.

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