Fridolin Stier, Denksprüche: „Das Schlimmste, was einer Wahrheit passieren kann, ist: ein Gemeinplatz zu werden.“

Denksprüche

Von Fridolin Stier

„Ich verlasse mich ganz auf Gott“, sagte einer, und fragte sich im selben Augenblick – er wußte nicht, wies kam – ob Gott sich auch auf mich verlassen kann?

Andere Version:
„Mein Gott, ich vertraue auf dich“, betete einer und erschrak, als er sich fragte: Ob Gott sich auch auf mich verlassen kann?

„Immanuel“ – „Gott mit uns!“ – Ob aber auch wir mit Gott sind?

„Dein Reich komme!“ – Aber, was geschähe mit mir, wenn es käme?

„Wunder“ – das Wunderlichste wäre, wenn es keine Wunder gäbe.

Der Mensch will das Gute für sich.
Gott will das Gute für den Menschen
– jenes ist das Menschliche,
dieses das Göttliche,
auch wenn ein Mensch es tut.

„Gib ihnen die ewige Ruhe“ – wenn sie aber leben, laßt uns beten: Gib ihnen die ewige Freude.

„Was ich nicht sehe, das glaube ich nicht“ – sagte der Gottblinde. Da riß ihm ein Windwirbel den Hut vom Kopf. „Siehst du“, sagte der andere, „da hast du’s!“

„Nicht vom Brot allein lebt der Mensch…“ – wenn er aber das nicht hat, lebt er auch vom anderen nicht.

Als die Tugend sich von Wächtern umgeben sah, fand sie es schwer, ihre Reinheit zu bewahren.

Ein gutes Beispiel geben – ja,
aber hüte dich, mit dem Zaunpfahl zu winken.

Die „moralische Entrüstung“ täte gut,
ihre Motive auf Herz und Nieren zu prüfen.

Der Selbstgerechte ist selbst nicht gerecht
– weder anderen noch sich selbst gegenüber.

Wenn du nicht oft so langweilig wärest,
sprach das Laster zur Tugend,
hätte ich keine Chance.

Oder:
Du bist schöner als ich,
sprach das Laster zur Tugend,
gewiß, aber ich hätte keine Chance,
wenn du nicht oft so langweilig wärst.

Sag die Sache,
weich ihr nicht mit Worten aus.

Geh nicht auf Stelzen,
geh nackten Fußes auf dem Boden der Sachen.

Veränderer der anderen seid ihr viele
– laßt sehn, ob ihr selbst Veränderte seid.

Das Schlimmste, was einer Wahrheit passieren kann, ist: ein Gemeinplatz zu werden.

Quelle: Fridolin Stier, Wenn aber Gott ist … Ein Lesebuch, hrsg. v. Eleonore Beck und Gabriele Miller, Hildesheim: Bernward, 1991, S. 96f.

Hier der Text als pdf.

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