Von Karl Barth
Zum dritten Male[1] — diesmal im Rückblick auf die Jahre seit 1948 — bin ich nun mit anderen Zeitgenossen von Christian Century aufgefordert, darüber zu berichten, was ich seither neu oder in neuer Weise erlebt, erfahren, gedacht und getan habe und insofern — kein Anderer, aber anders Derselbe gewesen bin, der ich immer war und wohl auch bleiben werde. Mehr als ein — von mancherlei Versuchung umgebenes und übrigens nicht strikte notwendiges — Parergon kann ein solcher Bericht nicht sein. Aber da er gewünscht wird, warum soll ich nicht versuchen, ihn zu liefern? Sei es denn!
Einiges Persönliche zuerst: Es gibt heute unter dem Namen „Gerontologie“ eine besondere Wissenschaft von den Möglichkeiten des alten Menschen. Ich bin nun notorisch ein alter Mensch geworden. Das Wichtigste, was mir von den Ergebnissen jener Wissenschaft Eindruck gemacht hat, ist dies, daß es am besten sei, sich über sein Alt- und Älterwerden nur die nötigsten, d. h. die praktisch ganz unvermeidlichen und also so wenig als möglich Gedanken zu machen, statt dessen ruhig fortzufahren, nun eben — Mensch zu sein. Die Jahre, in denen ich zu Pferd durch Feld und Wald zu eilen pflegte und auch die anderen, in denen ich noch jener bescheidenen soldatischen Leistungen fähig war, von denen ich in meinem letzten Bericht erzählte, liegen nun freilich weit zurück. Bergauf zu steigen, ist mir keine reine (vgl. Koh. 12,5a) Lust mehr. Und auch mein Arbeitstempo am Schreibtisch ist merklich langsamer geworden. Ich darf aber im Blick auf die Beschwerden so vieler Gleichaltriger wahrhaftig dankbar sein für das Unverdiente, daß ich mich von keiner mir bewußten Krankheit angefochten finde, daß Luft, Wasser, sinnvolle Ernährung und mäßige Bewegung mir noch und noch dazu helfen, mich in angemessener Weise munter zu erhalten, und daß mir auch die treu gerauchte Pfeife nach wie vor nicht schlecht, sondern gut bekommt und darum von meinem weisen Arzt nicht verboten, sondern erlaubt ist. Den solidesten irdischen Beitrag zur Erhaltung dieses meines äußeren Zustandes meine ich freilich folgenden zwei unter sich zusammenhängenden Faktoren zu verdanken: einmal der „Kirchlichen Dogmatik“, die nach Fortsetzung und Vollendung ruft, mir also nicht erlaubt, den Kopf hängen und die Hände sinken zu lassen — und sodann die Einladung des Regierungsrats der Stadt Basel, mit meinem Unterricht an der Universität über die übliche Altersgrenze hinaus fortzufahren, mich also immer wieder von den Ansprüchen der studentischen Jugend beunruhigen und erfrischen zu lassen. Mit einem Wort: eben der „Mühe und Arbeit“, von der im 90. Psalm die Rede ist, habe ich wahrscheinlich den besten irdischen Motor zu verdanken, den ich jetzt mehr als je nötig habe. Wie lange das noch so sein kann, ist eine Frage für sich. Aber in diesen letzten zehn, durch meinen Übergang vom siebenten zum achten Dezennium gekennzeichneten Jahren war es so.
Bei zunehmendem Verständnis für die Geschichtlichkeit alles menschlichen Wesens und so auch meiner eigenen Existenz habe ich es gelernt, mir meiner Zusammenhänge mit meinen näheren und ferneren Vorfahren aufmerksamer und liebevoller bewußt zu werden als früher und zugleich auch am Leben meiner Kinder und Kindeskinder immer wärmeren Anteil zu nehmen. Zu dem, was mich besonders freut, gehört die Tatsache, daß in diesem Jahrzehnt auch zwei meiner Söhne ins theologische Lehramt eingetreten sind: der eine im fernen Chicago mit dem Neuen, der andere im noch ferneren Djakarta mit dem Alten Testament beschäftigt. Ihre anregende Gegenwart — sie wissen und können so vieles, was ich nun nie mehr lernen werde — fehlt mir. Doch tröstet mich die zwischen ihnen und mir stehende Einmütigkeit und der kühne Gedanke, daß die Sonne nun beständig auch mindestens einen von unserem Stamm wachend und im Dienst der schönsten aller Wissenschaften an der Arbeit findet. Mein jüngster Großsohn, in Indonesien geboren und eben von dort im Flugzeug zum Besuch hier eingetroffen, heißt Daniel. Er ist erst zwei Monate alt, erfreut mich aber bereits durch merkliche Anzeichen von Intelligenz, Musikalität und Frömmigkeit.
Ich komme zunächst zu den politischen Dingen. Meine Einstellung zu ihnen hat mir das Leben schon in früheren Zeiten nicht eben erleichtert. Sie hat mich in diesen zehn Jahren in weitere Schwierigkeiten verwickelt. Was geschah? Was habe ich getan? Was ist mir widerfahren?
Es war die Ost-West-Frage, die seit dem Ende des zweiten Weltkrieges uns alle, und so auch mich begleitet und beschattet hat. Eben in dieser Frage konnte und kann ich mit der großen Mehrzahl der mich umgebenden Geister nicht einig gehen. Nicht, daß ich für den östlichen Kommunismus im Blick auf seine bisherige Selbstdarstellung irgendeine Zuneigung aufzubringen vermöchte; ich ziehe es entschieden vor, nicht in seinem Bereich leben zu müssen, und wünsche es auch keinem anderen, dazu gezwungen zu sein. Ich sehe aber nicht ein, daß es politisch und gar noch christlich geboten oder erlaubt sein soll, solcher Abneigung und Ablehnung die Folgen zu geben, die man ihr im Westen seit fünfzehn Jahren in zunehmender Schärfe gegeben hat. Ich halte den prinzipiellen Antikommunismus für das noch größere Übel als den Kommunismus selber. Kann man übersehen, daß dieser das unwillkommene, aber in seiner ganzen Unart natürliche Ergebnis und Gegenspiel westlicher Entwicklungen ist? Spukt nicht gerade der totale, der gewiß unmenschliche Zwang, den wir ihm zum schwersten Vorwurf machen, in anderer Gestalt von jeher auch in unseren angeblich freien westlichen Gesellschafts- und Staatsordnungen? Und war es denn auf einmal etwas Neues und besonderen Entsetzens wert, daß der Kommunismus sich für eine alle Menschen und Völker beglückende und darum über die ganze Welt zu verbreitende Heilslehre hält? Gibt es nicht auch andere Systeme dieser Art und Tendenz? Weiter: Konnte man den von ihm beherrschten Völkern und der durch ihn bedrohten Welt — konnte man auch nur einem einzigen der unter seinen Auswirkungen leidenden Menschen damit zu helfen meinen, daß man ein exklusives Feindverhältnis ihm gegenüber als die einzige Möglichkeit proklamierte und praktizieren wollte? Hatte man vergessen, daß es sich eben in diesem absoluten Feindverhältnis zu ihm, auf das nun im Westen jeder brave Mann zu verpflichten und alles und jedes auszurichten wäre, um eine typische Erfindung und Erbschaft unserer verflossenen Diktatoren handelt — daß nur der „Hitler in uns“ ein prinzipieller Antikommunist sein kann? Weiter: Wer hat sich im Westen die Mühe genommen, die seit 1945 entstandene peinliche Lage auch einmal vom östlichen, speziell vom russischen Standpunkt aus durchzudenken? War man über den sowjetischen Beitrag zur Überwindung der nationalsozialistischen Gefahr nicht eben noch, und das mit gutem Grund, ziemlich froh gewesen? Waren es nicht die Führer des Westens, die dem Sowjetstaat einen bestimmenden Einfluß im östlichen Europa gegen Ende des Krieges in aller Form zugestanden und garantiert haben? War das gewiß übertriebene Sicherungsbedürfnis, aus dem heraus er das ihm Angebotene zu halten und zu befestigen suchte, nach Allem, was seit 1914 vorangegangen war, so ganz unbegreiflich? Mit welchem Recht hat man nach 1945 alsbald von einem notwendigen roll back zu reden begonnen? War es unvermeidlich, darin, daß man sich auf der anderen Seite gegen solches roll back vorsah, ohne weiteres eine militärisch-offensive Bedrohung der übrigen Welt zu erblicken? Hatte man dem östlichen Partner gegenüber keine andere Wahl als die, ihn durch ein massives westliches Defensiv-Bündnis, durch seine Einkreisung mit Bombenstützpunkten, durch die Begründung der ihm wie eine geballte Faust unter die Nase gerückten Deutschen Bundesrepublik, durch deren Wiederbewaffnung, durch deren Ausrüstung mit Nukleargeschossen bis aufs Blut zu reizen — ihn so in der ihm seinerseits in gewiß nicht geringerem Maß eigenen Bosheit zu bestärken und zu den entsprechenden machtmäßigen Gegenmaßnahmen herauszufordern? Wußte der Westen schließlich keinen besseren Rat, als seine Zuversicht auf seine infamen A- und H-Bomben zu setzen, und geschah es ihm nicht recht, erfahren zu müssen, daß der Andere auf diesem Gebiet auch nicht müßig und erfolglos geblieben war? Gab es ihm gegenüber keine bessere Diplomatie als die, die die Welt nun in diese, wie es scheint, ausgangslose Sackgasse hineinmanöveriert hat? Und weiter: Was war das für eine westliche Philosophie, politische Ethik — und leider auch Theologie, deren Weisheit darin bestand, den östlichen Kollektivmenschen in einen Engel der Finsternis, den westlichen „organisation man“ aber in einen Engel des Lichtes umzudichten und mit Hilfe dieser Metaphysik und Mythologie (daß diese auch ein östliches Gegenstück hat, ist keine Entschuldigung!) dem absurden Wettlauf des „Kalten Krieges“ die nötige höhere Weihe zu geben? War man der Güte der westlichen Sache und war man der Widerstandskraft des westlichen Menschen nicht sicherer als so, daß man diesen nur vor die sinnlose Alternative: Freiheit und Menschenwürde oder gegenseitige atomare Vernichtung! zu stellen wußte, und eben diese letztere für alle Fälle zum vornherein als ein Werk der wahren christlichen Nächstenliebe auszugeben wagte?!
Eben in dieses ganze Narrenwerk — ich kann es nicht anders nennen — habe ich mich in allen diesen Jahren in keiner Weise finden können. Ich denke, daß in dieser ganzen Sache aus lauter Angst vor dem Feuer in unverantwortlicher Weise mit dem Feuer gespielt worden ist. Ich denke, daß der Westen, der es besser wissen konnte, zu der gewiß gebotenen kritischen Auseinandersetzung mit der Macht und mit der Ideologie des kommunistischen Ostens bessere Wege suchen und finden mußte als die, die er bisher beschritten hat. Möglichkeiten zu einer würdig, umsichtig und fest geführten Ko-Existenz- und Neutralisierungspolitik waren ihm in diesen Jahren mehr als einmal geboten und er hätte dem Namen der „freien Welt“, dessen er sich rühmt, wenn er sie ergriffen hätte, mehr Ehre gemacht, wäre dann auch zu brauchbareren und verheißungsvolleren praktischen Ergebnissen gekommen als die, vor denen wir heute stehen. Ich denke, daß insbesondere die westliche Presse und Literatur, statt den Inhumanen ausgesprochen inhuman zu begegnen, eben die gepriesene Humanität des Westens durch ein ruhiges Sehen und Verstehen der östlichen Personen und Verhältnisse in ihrer dialektischen Wirklichkeit unter Beweis zu stellen gehabt hätte. Und ich denke vor allem, daß es Auftrag der christlichen Kirchen gewesen wäre, den politisch führenden Verantwortlichen und der öffentlichen Meinung durch ihr überlegenes Zeugnis vom Frieden und von der Hoffnung des Reiches Gottes zu Hilfe zu kommen. Sie haben der Sache des Evangeliums durch die weithin völlig unbesonnene Art, in der sie sie mit der eben so schlecht konzipierten wie ungeschickt geführten Sache des Westens identifiziert haben — Rom war darin nicht besser als Genf und Genf nicht besser als Rom! — einen Schaden zugefügt, der nach menschlichem Ermessen auch durch die besten ökumenischen und missionarischen Anstrengungen auf längste Zeit nicht wiedergutzumachen sein wird. Sie haben der östlichen Gottlosigkeit, statt sie praktisch zu widerlegen, neue, schwer zu überwindende Argumente geliefert.
Indem ich die Dinge so gesehen habe und noch sehe, habe ich mich in diesen Jahren mehr als einmal bloßstellen müssen: in den selteneren Fällen, indem ich, wo die meisten geschwiegen haben, redete — öfters, indem ich, wo sie redeten, geschwiegen habe. Man hat mich deshalb, wenn man mich nicht geradezu als Krypto-Kommunisten oder mindestens als fellow traveller verdächtigen wollte, entweder als einen politisch ahnungslosen Dilettanten oder — unter mißbilligendem Vergleich mit gewissen alttestamentlichen Propheten — als einen prinzipiellen Non-Konformisten hingestellt, der sich ein mutwilliges Vergnügen daraus mache, d’épater le bourgeois. Man hat mich hundertmal des flagranten Selbstwiderspruchs bezichtigt, der darin bestehe, daß ich mich weigere, was ich einst dem Nationalsozialismus gegenüber vorgebracht, nun auch dem Kommunismus gegenüber zu wiederholen. Man hat mich des schnöden Undanks gegenüber den Vorzügen und Wohltaten der „freien Welt“ angeklagt. Man hat meine Äußerungen und besonders meine Nicht-Äußerungen als Dokumente gefährlicher Knochenerweichung und Verwirrung (erklärlich nur aus meinem hohen Alter!) an den Pranger gestellt. Idi bin in den führenden politischen und kirchlichen Kreisen Westdeutschlands noch unpopulärer geworden, als ich es dort auch in den besten Zeiten ohnehin war — mußte mir aber auch von einigen sowjet-deutschen Amtsstellen bescheinigen lassen, ich vertrete Anschauungen ausgesprochen „antidemokratischen“, ja „antihumanistischen“ Charakters. Besonders schlimm erging es mir in meiner schweizerischen Heimat, wo es merkwürdigerweise ganz auffallend viele kleine McCarthy’s gibt — wo im Jahr 1951 ein seither verstorbener führender Politiker einen förmlichen Feldzug gegen mich gestartet hat — und wo ich auch später (bes. zur Zeit der Ungarn-Krise und dann wieder bei Anlaß der wunderlichen Diskussion über eine schweizerische Atom-Aufrüstung) unüberhörbar vernehmen mußte, daß ich als ein zweifelhafter Eidgenosse anzusprechen sei, daß ich jedenfalls die mäßigen Sympathien, die mir in der Hitlerzeit zugefallen waren, nun gänzlich verspielt habe. Und wer war es doch, der mich wegen meines Schweigens über Ungarn beschuldigt hat, im Unterschied zu dem bußfertigen J. P. Sartre ein Unbußfertiger zu sein und einem ebenso unbegreiflichen wie unchristlichen Ressentiment gegen — Amerika Raum zu geben? Oh, ich meine die Nekrologe bereits zu lesen, in denen man dereinst zusammenfassend von mir sagen wird, daß ich mir zwar in der Erneuerung der Theologie und allenfalls im deutschen Kirchenkampf gewisse Verdienste erworben habe, in politischer Hinsicht aber ein bedenkliches Irrlicht gewesen sei!
Das ist es, was mir auf diesem Feld widerfahren ist: gewiß kein Martyrium, gewiß überhaupt nichts Schreckliches, über das mich zu beklagen ich Grund hätte, aber immerhin eine Anfechtung, die mich in diesem Jahrzehnt faktisch dauernd begleitet und auch beschäftigt hat, die darum hier zu beschreiben war. Je älter ich werde, desto mehr bestätigt sich mir die Einsicht, daß es — weil die Dinge früher oder später von selber in den richtigen Proportionen ans Licht zu kommen pflegen — ratsam ist, sich, wenn man in solcher Anfechtung ein gutes Gewissen hat, nicht allzu eifrig oder noch besser gar nicht verteidigen und rechtfertigen zu wollen. Ein Versuch dazu soll denn auch hier nicht gemacht werden. Ich schreibe dies an dem Tag der letzten Nachrichten von Nixons Besuch in Moskau und über die beabsichtigte Zusammenkunft zwischen Chruschtschew und Eisenhower. Ich lese sie ohne Optimismus, immerhin aber auch ohne apriorische Skepsis im Blick auf das, was zwischen den östlichen und den westlichen Menschen und Völkern, Mächten und Ideologien noch möglich werden könnte. Wie, wenn die unselige Aera Dulles-Adenauer einmal zu ihrem Ende kommen sollte? Wie, wenn sich die deutschen Lutheraner eines Tages von ihren bösen Wegen bekehren würden? Wie, wenn vom Vatikan oder von Genf her eines Morgens statt unverbindlicher Allgemeinheiten ein prophetisch-apostolisches Buß- und Friedenswort zu vernehmen wäre? Man wagt es kaum, solches zu hoffen. Aber warum sollte es ausgeschlossen sein, daß Solches oder Ähnliches auch noch vor dem Ende und Neuanfang aller Dinge Ereignis werden könnte?
Ich mußte über diese Dinge notgedrungen etwas ausführlicher werden, als ich es wollte und als es ihrem Gewicht in meinem Leben entspricht. Mein eigentliches Interesse galt doch auch in dieser Zeit meiner nun einmal übernommenen und in bestimmtem Sinn angefaßten Aufgabe im spezifisch theologischen Bereich.
Sie führte mich in der Ausarbeitung der „Kirchlichen Dogmatik“ nach einer die Lehre von der Schöpfung abschließenden Teildarstellung der christlichen Ethik zu der in bisher drei Stücken entfalteten Lehre von der Versöhnung und damit in die lebendige Mitte aller Probleme theologischer Erkenntnis. Auch hier — und hier erst recht — war in möglichst treuem und beweglichem Merken auf das Zeugnis des Alten und des Neuen Testamentes und in möglichst aufgeschlossener Auseinandersetzung mit der älteren und neueren Überlieferung sehr vieles neu und frisch durchzudenken und darzustellen. Noch ist das Ziel nicht erreicht, und ob ich es erreichen werde, steht dahin. Der höchste Berg auf dem zu durchschreitenden Weg dürfte nun aber hinter mir — und so auch hinter den Lesern — liegen. Die Anstrengung, die mich die Sache kostet, ist nicht kleiner geworden. Sie erscheint mir aber darum als lohnend und ich finde mich darum immer wieder aufgerufen, sie fortzusetzen, weil so viel Menschen aufmerksam mit mir lernend an ihr teilnehmen wollen. Ich bin mir bewußt, daß ich es auch in dieser Hinsicht unverdient gut habe. Die Übersetzungen des Werks ins Englische und Französische sind in gutem Fortgang und mit der Übersetzung ins Japanische ist jedenfalls ein hoffnungsvoller Anfang gemacht. Wie es in diesen weiteren Bereichen — jeweils nach Überwindung des ersten Erstaunens und Befremdens — aufgenommen und sich auswirken wird, kann ich von ferne nicht übersehen. Ich verfolge aber seinen Lauf auch in anderer Hinsicht wie jenes Huhn, das das von ihm ausgebrütete Entlein auf einmal schwimmen sah. Die Zahl der ihm — in seiner Gesamtheit oder in bestimmter Auswahl — zugewendeten Aufsätze, Schriften, Dissertationen und ganzen Bücher wuchs und wächst zusehends und mit ihr die Fülle der Hypothesen über die Entwicklung und Struktur der in ihm vorgetragenen Theologie, aus denen ich oft mehr über mich selbst erfahre, als ich mir träumen ließ. Mehr noch als diese in ihrer Weise gewiß auch zu schätzende Art von Beachtung freut es mich, wenn ich doch immer wieder höre, daß die „Kirchliche Dogmatik“ in nicht wenig Pfarrhäusern gelesen, studiert und (sei es denn: da und dort einfach als Nachschlagewerk!) für die Arbeit in Predigt, Unterricht und Seelsorge fruchtbar gemacht wird und so indirekt auch in die weitere Gemeinde kommt. Darüber, daß ihrer faktischen Auswirkung sowohl in der akademischen Wissenschaft wie in der kirchlichen Verkündigung sehr bestimmte Grenzen gesetzt sind und wohl auch gesetzt bleiben werden, glaube ich mich nicht zu täuschen. Man kann in beiden Bereichen sehr wohl an ihrer Anleitung und Aussage vorbei kommen: sei es, indem man ihre Existenz überhaupt nicht zur Kenntnis nimmt — sei es, daß man auf ein bloßes Hörensagen hin oder nach einer flüchtigen Einsichtnahme mit ihr fertig ist, bevor man mit ihr angefangen hat — sei es, daß man sich dies und das an ihrer Haltung oder aus ihrem Inhalt wohlgefallen läßt, um es, gerade dem Entscheidenden ausweichend, im Handkehrum mit Konzeptionen ganz anderer Art und Richtung zu vermengen und irgendwie zu trivialisieren. Indem ich Anlaß habe, für so viel ernste Aufmerksamkeit dankbar zu sein, kann, darf und will ich mich auch darüber nicht beschweren. Imperialistische Gelüste wären ja auf dem Feld der Theologie wirklich eine doppelt häßliche Sache.
Unter den Unternehmungen, die ich die theologischen Zeitgenossen in diesen Jahren wagen und durchführen sah, hat mich wie viele andere R. Bultmanns (freilich schon zuvor in Angriff genommene) „Entmythologisierung des Neuen Testamentes“ am meisten beschäftigt: weniger um ihrer konkreten Problematik willen, als deshalb, weil sie sich mir als eine höchst eindrucksvolle Wiederaufnahme des Themas und der Methode der von Schleiermacher inspirierten Theologie darstellte und damit Anlaß gab, meinen vor vierzig Jahren in Abweichung von dieser Überlieferung gewonnenen Ausgangspunkt neuer Überlegung, Prüfung und Präzisierung zu unterziehen. Ich konnte Bultmann schließlich nicht folgen: seiner besonderen These nicht und erst recht nicht seinem grundsätzlichen Verfahren, in welchem ich die Theologie (trotz aller Versicherungen des Gegenteils) von neuem in die Gefangenschaft im ägyptischen oder babylonischen Land einer bestimmten Philosophie geraten sah. Im Umgang mit dem in Basel studierenden theologischen Nachwuchs schien es mir, als ob das eine Weile alles andere verschlingende Interesse an einer wie in alten Tagen „historisch-kritisch“ zu sichernden „existentialen Interpretation“ verhältnismäßig bald wieder im Abflauen begriffen sei. Doch kann das anderswo anders aussehen und ich würde mich nicht wundern, wenn die Sache in den Formen, in denen sie in allerlei Varianten von Bultmanns Schülern vertreten wird, noch eine beachtliche Zukunft haben sollte. Sicher ist, daß man Bultmann dankbar sein muß für die Warnung: daß die noch lange nicht durchgefochtene Befreiung der Theologie aus jener Gefangenschaft so leicht und einfach nicht zu haben sein wird, wie manche (unter ihnen wohl auch manche meiner Leser und Freunde) es sich gelegentlich vorgestellt haben mögen. — Merkwürdig war und ist es mir, die heutige alttestamentliche Wissenschaft speziell in Sachen des alten und immer neuen Themas „Glaube und Geschichte“ im ganzen auf viel besseren Wegen zu sehen, als die maßgebenden Neutestamentler, die sich zu meiner nicht geringen Verblüffung aufs neue, mit Schwertern und Stangen bewehrt, auf die Suche nach dem „historischen Jesus“ begeben haben, an der ich mich nach wie vor lieber nicht beteiligen möchte.
Ein besonderes Wort erfordert das, was sich in diesem Jahrzehnt zwischen der römisch-katholischen Theologie und mir zugetragen hat. Den seltsamen Ruhm wird man mir, wie man auch sonst von mir denke, lassen müssen: daß seit der Reformation keine Gestalt evangelischer Theologie dort so viel kritische, aber doch auch positive und jedenfalls ernstliche Teilnahme gefunden hat, wie sie mir nun widerfährt. Kein Zweifel: die umfassendsten Darstellungen, die eindringendsten Analysen und auch die interessantesten Beurteilungen der „Kirchlichen Dogmatik“ und meiner übrigen Arbeit kamen bis jetzt (abgesehen von wichtigen Ausnahmen wie dem Werk von Berkouwer und einer mir neulich vorgelegten Heidelberger Dissertation eines jungen Amerikaners) aus jenem Lager. Führend war in dieser Hinsicht das bekannte Buch meines Basler Freundes Hans Urs von Balthasar. Und siehe da: die Zustimmung hielt dort der Reserve und dem Widerspruch gegenüber bis jetzt mindestens die Waage. Ist es, um hier nur das auffallendste Beispiel zu nennen, nicht geschehen, daß ein in Rom sieben Jahre lang tüchtig genug ausgebildeter junger Luzerner in Paris mit einem Buch promoviert hat, in welchem man haarscharf nachgewiesen findet, daß zwischen der reformatorischen Lehre, so wie sie jetzt von mir ausgelegt und vorgetragen werde, und der recht verstandenen Lehre der römischen Kirche gerade in dem zentralen Punkt der Rechtfertigung kein wesentlicher Unterschied bestehe! Das Buch ist drüben bis jetzt von keiner offiziellen Stelle desavouiert, vielmehr von verschiedenen Prominenten ausdrücklich gelobt worden. Was soll man dazu sagen? Ist das Millennium angebrochen oder wartet es doch hinter der nächsten Ecke? Wie gerne möchte man es glauben! Aber die Ausrufung des hl. Laurentius von Brindisi (eines fanatisch antireformatorischen Kapuziners des 16. Jahrhunderts) zum doctor ecclesiae (— in einem Rang mit Athanasius, Augustin, Thomas usw.!), die Millionenwallfahrt zum „heiligen Rock“ von Trier und die milde, aber nun doch ein wenig arg substanzarme erste Enzyklika des neuen Papstes dürften leider darauf hinweisen, daß der Kurs der römischen Kirche als solcher von dem der theologischen Avantgarde, die mir so viel Mühe und Liebe zuwendet, noch nicht bestimmt oder auch nur mitbestimmt ist. Es bleibt aber doch die Feststellung, daß dort eine solche Avantgarde — und das bis jetzt immerhin unverboten — am Werk ist, und für uns Andere, für mich zumal, die schöne Möglichkeit, nein: Notwendigkeit, mit ihr in Fühlung zu bleiben.
Im theologischen Unterricht in Basel ist mir neben der Vorlesung die direkte Zusammenarbeit mit den in immer neuen Generationen sich folgenden Studenten in zunehmendem Maß wichtig geworden. Ich kann wohl sagen, daß es mir ein Vergnügen ist, mich mit ihnen zu unterhalten, ihre Fragen und Einwürfe zu hören und zu beantworten, sie auf die Spuren zu leiten, die ich für die richtigen halte. Das geschieht im Seminar etwa im Studium von Texten von Luther oder Calvin, aber auch von Schleiermacher, Bultmann, Tillich und anderen großen Männern der Neuzeit oder von solchen aus dem katholischen Bereich — in den in deutscher, französischer und englischer Sprache gehaltenen Übungen an Hand von irgendwelchen Abschnitten aus den früheren Bänden der „Kirchlichen Dogmatik“. Und ich habe den Eindruck, daß die Studenten ihrerseits noch immer (obwohl doch der Altersunterschied zwischen ihnen und mir immer größer wird) gern und eifrig dabei sind. Auch das mag sich einmal ändern, aber bis jetzt ist es so.
Es wird die Leser von Christian Century besonders interessieren, zu hören, daß ich an den jüngeren und älteren Amerikanern, die nun schon ziemlich zahlreich für einige Semester oder auch Jahre nach Basel kamen, aufrichtige Freude hatte und noch habe. Sie haben sich — aus den verschiedensten Denominationen stammend — in dem so ganz anderen geistigen Klima, in das sie hier (nicht zuletzt auch bei mir) gerieten, fast alle mit Ernst und auch mit gutem Erfolg einzuleben gewußt und mehr als einer von ihnen ist dann auch als Basler Doktor ehrenvoll in seine Heimat zurückgekehrt und dort selber schon Dozent geworden. Unter dem mir zugeschriebenen anti-amerikanischen Komplex sollte doch wohl keiner von ihnen zu leiden gehabt haben! Ich denke übrigens, daß ich in dieser Form Gediegeneres und Nützlicheres auch für Amerika leisten kann, als wenn ich mich mit so vielen Europäern auf Reisen begäbe, um mich drüben da und dort vorübergehend persönlich sehen und hören zu lassen. Ganz abgesehen davon, daß ich mich dort durch meinen Sohn in Chicago aufs beste — authentisch und originell zugleich — vertreten weiß und daß, wer das will, mich dort ja nun auch, in korrektes Englisch übersetzt, in Ruhe lesen und studieren kann.
Im Blick auf meine Basler Tätigkeit wäre noch zu erwähnen, daß, wenn ich gelegentlich predige, das hiesige Gefängnis in diesen Jahren mein bevorzugter Ort geworden ist. Es dürfte wohl nur wenige Theologieprofessoren geben, deren Predigthörer man nur werden kann, wenn man sich zuvor einer gröblichen Übertretung der bürgerlichen Rechtsordnung schuldig gemacht hat.
Im Mai 1956 bin ich 70 Jahre alt geworden. Ich durfte eine ganze Fülle von Zeichen freundlichen Gedenkens aus der Nähe und aus der Ferne empfangen und habe sie vergnügt und dankbar gegen Gott und Menschen entgegengenommen: wie ich hoffe, unter mannhaftem Widerstand gegen die Versuchung, mich selbst als Jubilar und sonst allzu wichtig zu nehmen. Mir war denn auch 1956 tatsächlich noch bedeutsamer als das Jahr, in welchem vor 200 Jahren W. A. Mozart geboren wurde. Und sein Höhepunkt bestand für mich darin, daß ich eingeladen wurde, bei der in Basel veranstalteten Feier die Gedenkrede auf diesen Mann und sein Werk zu halten. Ich bin kein ästhetisch besonders begabter und gebildeter Mensch und überdies gewiß nicht geneigt, die Heilsgeschichte mit irgendeinem Stück Kunstgeschichte zu verwechseln und gleichzusetzen. Aber die goldenen Klänge und Weisen der Mozartschen Musik haben nun einmal — nicht als Evangelium aber als Gleichnisse des im Evangelium von Gottes freier Gnade offenbarten Reiches — von jeher zu mir geredet und tun es in größter Frische immer wieder. Ohne sie könnte ich mir, was mich persönlich wie in der Theologie, wie in der Politik bewegt, könnte ich mir auch das Lebensjahrzehnt, von dem ich hier einiges zu erzählen versuchte, nicht denken. Es gibt wohl auch nur wenige theologische Studierzimmer, in denen das Bild Calvins und das Mozarts auf gleicher Höhe nebeneinander zu sehen sind.
Ursprünglich in englischer Sprache in The Christian Century vom 20. Januar 1960 veröffentlicht.
Evangelische Theologie 20 (1960), S. 97-106.
[1] Die entsprechenden Rückblicke auf die Jahre 1928-1938 und 1938 bis 1948 finden sich Evang. Theol. 8, 1948/49, S. 268-282. (Ernst Wolf).