Ein Sendbrief über die Frage, ob auch jemand ohne Glauben verstorben, selig werden möge (1522)
Von Martin Luther
Gnade und Frieden in Christus! Amen.
Gestrenger Herr!
Mein gnädiger Herr, Graf Albrecht zu Mansfeld usw., hat mich auffordern lassen, ich sollte euer Gestrengen schriftlich über die Frage unterrichten, ob Gott auch die, die ohne Glauben sterben, selig machen könne oder werde, damit euer Gestrengen, nachdem sie viel mit den Ungläubigen leiblich gestritten, auch einen geistlichen Harnisch habe, um ihnen oder anderen, die um derentwillen fragen, mit kräftigen und rechten Gründen sicher zu begegnen. Denn es erscheint auch hier bei uns, so wie zu Zeiten der allerbedeutendsten Leute wie Origenes und seinesgleichen, allzu hart, streng und der Güte Gottes so unangemessen, daß er die Menschen so verstoßen und zur ewigen Pein geschaffen haben sollte.
Sie haben sich dabei auf den 77. Psalm (V. 8ff.) berufen, da er spricht: „Sollte Gott ewiglich verstoßen und nicht weiter gnädig sein? Oder sollte es denn ganz und gar aus sein mit seiner Barmherzigkeit, oder hat er seines Erbarmens vergessen und vor Zorn seine Barmherzigkeit verschlossen?“ Weiter aus Paulus, I. Tim. 2,4: „Gott will, daß alle Menschen selig werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Von hier aus sind sie [noch] weitergegangen und haben angenommen, daß auch die Teufel endlich erlöst und nicht ewig verdammt bleiben werden, und dergleichen mehr: eins spinnt sich aus dem anderen heraus.
Um aber hierauf zu antworten, muß man unser Meinen und Gottes Wahrheit gar weit auseinanderhalten und ja darauf sehen, daß wir Gott nicht Lügen strafen, sondern viel eher zulassen, daß alle Menschen, Engel und Teufel verlorengehen, als daß Gott in seinen Worten nicht wahrhaftig sein sollte. Solch Fragen kommt aus der angeborenen, vorschnellen Wißbegier der menschlichen Natur, die sich sehr dadurch beunruhigt fühlt, daß sie den Grund und Sinn solchen strengen und ernsten göttlichen Urteils nicht wissen soll, und wenn es nicht Gottes Urteil wäre, durchaus geneigt ist, einfach zu folgern, es wäre Frevel, Gewalt und Unrecht.
Und dies ist fürwahr nicht einer der kleinsten Anstöße, mit denen uns der Teufel anficht und aus dem Glauben scheele Augen wider Gott zu machen wünscht. Denn er weiß, daß eben dies die alleradligste und teuerste Tugend des Glaubens ist, daß er in diesem Fall seine Augen schließt und solches Forschen einfältig beiseite läßt und Gott fröhlich alles anheim stellt, nicht wissen will, warum Gott so handelt, aber dennoch Gott für die höchste Güte und Gerechtigkeit hält, obwohl hier gegen und über alle Vernunft, Sinn und Erfahrung lauter Zorn und Unrecht erscheint. Denn darum heißt der Glaube „argumentum non apparentium“, ein Zeichen des, das nicht erscheint, ja das Gegenteil zu sein scheint.
Darum ist das auch die höchste Ehrung und Liebe Gottes, ja der höchste Grad der Gottesliebe und -ehrung, wenn man ihn hierin für gut und gerecht halten und preisen kann. Denn da muß das Auge der Natur ganz ausgerissen sein und lauter Glaube da sein; sonst geht es nicht ohne greuliche, gefährliche Ärgernisse ab. Und wenn hierauf die verfallen, die im Glauben noch jung und ungeübt sind und dies mit dem Licht der Natur betrachten wollen (wie es ja allgemein geschieht, daß jedermann mit den höchsten Dingen anfangen will), so sind sie nah daran, daß sie einen großen Sturz und Fall tun und in einen heimlichen Widerwillen und Haß gegen Gott geraten, dem danach schwer zu raten ist.
Deshalb ist ihnen zu raten, daß sie sich nicht mit Gottes Gericht einlassen, bis daß sie im Glauben erwachsener geworden sind, und daß sie sich derweil von Milch nähren und so starken Wein sparen, wie Sankt Petrus sagt, I. Petr. 2,2, sich an dem Leiden und der Menschheit Christi üben und sein liebes Leben und Wandeln ansehen. Sonst wird es ihnen nach dem Spruch Salomos ergehen: „Qui scrutator est maiestatis, opprimetur a gloria, Wer nach der Majestät forschet, den wird die Herrlichkeit erdrücken.“
So ist es nun nicht schwer, auf diese Frage zu antworten. Aber wenn wir die finden, die solche Antwort dulden und tragen können, so besteht die Gefahr, daß wir Kinder an diesen starken Wein kommen lassen oder sie damit tränken. Natur und Vernunft ertragen sie nicht, sie erschrecken zu sehr davor; der schwache Glaube erträgt sie auch nicht, er stößt sich zu sehr daran. Denn hier geht es, wie Christus sagt, Matth. 9,17: „Wenn man Most in alte Schläuche tut, so zerreißt er die Schläuche und wird verschüttet.“ So verdirbt auch diese Antwort diese schwachen und vernünftigen Menschen und kommt um und wird verachtet. Wie soll es denn sein? Neue Schläuche, spricht er, soll man zu dem Most nehmen, d. h. der Angelegenheit von Gottes Gericht als des höchsten und trefflichsten soll man sich entschlagen, bis wir fest und ganz stark werden; sonst ists vergeblich und schädlich, was man davon denken, schreiben und sagen kann.
Darum ist mein Rat, euer Gestrengen sehe hier darauf, wer und mit wem diese Sache verhandelt wird, und danach richte sie es ein, daß sie davon reden oder still schweigen. Sind es von Natur vernünftige, hohe, verständige Leute, so meide sie diese Frage nur bald. Sind es aber einfältige, tiefe, geistliche und im Glauben versuchte Menschen, kann man mit ihnen nichts Nützlicheres treiben als dies. Denn wie der starke Wein für die Kinder der Tod ist, so ist er für die Alten Erquickung des Lebens. Darum kann man nicht mit jedermann über allerlei Lehren verhandeln.
Kommen wir nun auf die Antwort: wir haben gar starke Sprüche, daß Gott niemand ohne Glauben selig machen will noch kann. So heißt es bei Markus im letzten Kapitel (Mark. 16,16): „Wer nicht glaubt, der geht verloren.“ Ebenso Hebr. 11,6: „Ohne Glauben ists unmöglich, Gott zu gefallen.“ Weiter Joh. 3,5: „Wer nicht aus dem Geist und Wasser von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen.“ Weiter (Joh. 3,18): „Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet.“
Wenn Gott nun jemand ohne Glauben selig machte, so würde er gegen diese seine eigenen Worte handeln und sich selbst Lügen strafen, ja sich selbst verleugnen; das ist unmöglich. Denn Gott kann sich, wie Paulus (II. Tim. 2,13) sagt, selbst nicht verleugnen. So wenig es nun möglich ist, daß Gottes Wahrheit lügen kann, so wenig ists möglich, daß er ohne Glauben selig mache; das ist klar leicht und hell zu verstehen, wie ungern auch der alte Schlauch diesen Wein faßt, ja auch nicht fassen und halten kann.
Das wäre allerdings eine andere Frage, ob Gott einigen im Sterben oder nach dem Sterben den Glauben geben und sie so durch den Glauben selig machen könnte. Wer wollte daran zweifeln, daß er das tun könne? Aber daß er’s tue, kann man nicht beweisen. Denn wir lesen wohl, daß er Tote zuvor wieder auferweckt und so den Glauben gegeben hat. Er tue hierin nun, was er tue, er gebe Glauben oder nicht: jedenfalls ists unmöglich, daß jemand ohne Glauben selig werde. Sonst wäre alle Predigt des Evangeliums und Glaubens vergeblich, falsch und verführerisch, sintemal das ganze Evangelium den Glauben nötig macht.
Daß sie aber aus dem Psalm anführen, Gott werde seinen Zorn nicht ewiglich halten usw. (Psalm 103,9), wie dort erzählt wird, beweist nichts; denn der ganze Psalm redet von jeglichem Leiden der Heiligen auf Erden, wie das die folgenden und vorhergehenden Worte und alle benachbarten zeigen; denn die, die im Leiden sind, meinen immer, Gott habe ihrer vergessen und wolle ewiglich zürnen. Und S. Paulus Spruch: „Gott will, daß alle Menschen selig werden“ reicht nicht weiter, als vorher zu lesen steht: daß Gott will, wir sollen für alle Stände bitten, jedermann die Wahrheit lehren und Predigen, daß wir jedermann behilflich sein sollen, leiblich und geistlich. Weil er uns nun solches befiehlt und von uns getan haben will, sagt S. Paulus recht, es sei Gottes Wille, daß jedermann genese, denn es geschähe nicht ohne seinen Willen. Aber daraus folgt nicht, daß er alle Menschen selig macht.
Und wenn der Sprüche mehr vorgebracht würden, müssen alle dermaßen verstanden werden; sonst wäre die göttliche Vorsehung und Erwählung von Ewigkeit nichts, worauf doch S. Paulus sehr dringt.
Solches will ich, gestrenger Herr, euch zuliebe geschrieben haben, und bitte, euer Gestrengen wolle die hohen und fliegenden Geister über solche Dinge nicht verhandeln lassen, sondern sie, wie ich gesagt, an Christus Menschheit binden, daß sie sich zunächst stärken und lernen, bis sie erwachsen genug geworden sind. Denn zu was sollte uns der Mensch Christus als eine Leiter zum Vater gegeben sein, wenn wir ihn liegenlassen und über ihn dahinfahren und mit eigener Vernunft zum Himmel fahren und Gottes Gericht messen wollen? Es ist nirgends besser zu lernen als aus Christus Menschheit, was uns nötig ist zu wissen; denn er ist unser Mittler, und niemand kann zum Vater kommen, außer durch ihn (Joh. 14,6). Ich bin die Pforte, ich bin der Weg, sprach er zu Philippus (Joh. 14,9), der nach dem Vater auch außerhalb von Christus fragte. Tenn alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis liegen in ihm verborgen (Kol. 2,3). Hiermit befehle ich euer Gestrengen der Gnade Gottes und erbiete ihr jederzeit bereit meine christlichen Dienste.
WA 10-I, S. 322-326 (Brief an Hans von Rechenberg).
Quelle: Martin Luther, Die Hauptschriften, hrsg. v. Kurt Aland, Berlin: Christlicher Zeitschriftenverlag, 21951, S. 339-342.