Von Paul Valéry
Die Geschichte ist das gefährlichste Elaborat, das die Chemie des Intellekts produziert hat. Seine Eigenschaften sind allbekannt. Es bringt die Völker ins Träumen, versetzt sie in Rausch, gaukelt ihnen eine Vergangenheit vor, übersteigert ihre Reflexe, hält ihre alten Wunden am Schwären, stört sie in ihrer Ruhe auf, treibt sie zu Größenwahn oder auch zu Verfolgungswahn und macht, dass die Nationen verbittert, auftrumpfend, unausstehlich und eitel werden.
Die Geschichte rechtfertigt, was immer man will. Sie lehrt schlechterdings nichts, denn es gibt nichts, was sich mit ihr nicht belegen ließe.
Was wurden nicht schon Bücher geschrieben mit dem Titel: »Die Lehren aus dem und dem …«! Nichts lachhafter, als im nachhinein von Ereignissen zu lesen, die auf Ereignisse folgen mussten, die von diesen Büchern im Sinne des Zukünftigen gedeutet wurden.
Beim gegenwärtigen Zustand der Welt ist die Gefahr der Verführung durch Geschichte größer, als sie es jemals war.
Die politischen Phänomene unserer Zeit gehen einher mit einer Verschiebung der Maßstäbe ohne Beispiel, oder vielmehr mit einer Verschiebung der Ordnung der Dinge. Die Welt, der anzugehören wir, Menschen wie Nationen, uns anschicken, ist nur mehr eine Ähnlichkeitsfigur jener Welt, die uns vertraut war. Da sich das Ursachensystem, das die Geschicke eines jeden von uns bestimmt, nunmehr über den gesamten Erdball erstreckt, wird dieser daher auch bei jeder Erschütterung als ganzer in Mitleidenschaft gezogen; Fragen, die umgrenzt blieben, weil sie auf einen Punkt begrenzt waren, gibt es nicht mehr.
Früher stellte sich Geschichte dar als ein Nebeneinander mehrerer Chronologien, zwischen denen hier und da sich einige mehr zufällige Querverbindungen ausmachen ließen. Was an Versuchen zu synchroner Betrachtung unternommen wurde, war nicht sehr ergiebig, erwies allenfalls die Nutzlosigkeit solcher Versuche. Was zu Zeiten Cäsars sich in Peking ereignete, was zu Napoleons Zeiten am Sambesi geschah, das tat sich auf einem anderen Planeten. Melodiegeschichte aber ist nicht mehr möglich. Sämtliche politischen Themen sind nunmehr miteinander verknüpft, und jedes stattfindende Ereignis nimmt alsbald eine Vielzahl gleichzeitiger und untrennbar zusammenhängender Bedeutungen an.
Die Politik eines Richelieu oder auch eines Bismarck verrinnt in diesem neuen Umfeld und verliert ihren Sinn. Die Begriffe, die deren Vorhaben zugrunde lagen, die Ziele, die sie ihren Völkern vor Augen führen konnten, die Kräfte, die in ihre Überlegungen eingingen, all das ist kaum noch von Belang. Das Hauptziel aller Politik lag, und liegt für manche noch immer, in der Landnahme. Dafür wurde Gewalt aufgeboten, das ersehnte Landstück wurde weggenommen, und damit fertig. Doch jetzt muss jeder einsehen, dass dergleichen Unterfangen, bei denen es mit einer Auseinandersetzung, einem anschließenden Duell und einem abschließenden Pakt getan war, in Zukunft derart unausweichliche Weiterungen haben werden, dass nichts mehr geschieht, ohne dass die gesamte Welt hineingezogen würde, und dass sich die Folgen, die fast unmittelbaren Folgen eines Unternehmens, auf das man sich einlässt, niemals mehr werden vorhersehen und eingrenzen lassen.
Dadurch, dass sich die Vernetzung im Phänomenbereich des Politischen so stark erweitert und verstärkt hat, ist alle große Regierungskunst der Vergangenheit zuschanden und regelrecht unbrauchbar geworden; denn kein Genie, keine Charakterstärke und Geisteskraft, keine Traditionen, nicht einmal die britischen, können sich hinfort mehr einbilden, etwas gegen den Zustand und gegen die Reaktionen einer Menschenwelt auszurichten, für die die alte historische Geometrie und die alte politische Mechanik in keiner Weise mehr geeignet sind.
Bei Europa denke ich an einen Gegenstand, der ganz plötzlich in einen komplexeren Raum versetzt wird, in dem alle seine bekannten Merkmale scheinbar gleichbleiben, jedoch völlig andersartigen Verbindungen unterworfen werden. Insbesondere werden dadurch all die herkömmlicherweise angestellten Voraussagen und Berechnungen noch unzuverlässiger, als sie es ohnehin schon waren.
Die Folgen des jüngsten Krieges haben gezeigt, wie Ereignisse, die ehedem auf lange Zeit hinaus und in der einmal entschiedenen Richtung Gestalt und Gang der allgemeinen Politik bestimmt hätten, nun binnen weniger Jahre infolge der gestiegenen Zahl der Parteien, der Erweiterung des Schauplatzes und der zunehmenden Interessenüberschneidungen gleichsam ihrer Energien verlustig gingen und nur mehr verkürzte oder gegenläufige Auswirkungen hatten.
Es gilt sich darauf einzustellen, dass dergleichen Wandlungen zur Regel werden. Je mehr wir ausgreifen, desto weniger werden die Wirkungen überschaubar sein, desto weniger werden politische Operationen und selbst Machteinsätze, kurz: alles unmittelbar wahrnehmbare Handeln, noch das sein, wofür man es hielt. Die Größen, die Ausdehnungen, die jeweils vorhandenen Massen, die Verknüpfungen zwischen ihnen, die Unmöglichkeit lokaler Begrenzung, die prompten Rückwirkungen werden in zunehmendem Maße eine gegenüber der jetzigen völlig veränderte Politik erfordern.
Da die Wirkungen von ihren Ursachen aus so schnell unkalkulierbar werden, ja ihren Ursachen sogar entgegenlaufen, wird man es künftig vielleicht kindisch finden, bedenklich, sinnlos, immer weiter auf das Ereignis abzuzielen, es heraufführen oder verhindern zu wollen; vielleicht wird das Politische bald nicht mehr in Ereignissen gedacht, wie es im wesentlichen eine aus der Geschichte bezogene und von ihr geförderte Gewohnheit ist.
Nicht dass keine Ereignisse mehr stattfänden und es keine monumentalen Momente mehr in der Zeit gäbe; unermessliche wird es geben! Doch werden diejenigen, deren Aufgabe es ist, sich auf solche einzustellen, sie herbeizuführen oder abzuwenden, notwendig immer mehr lernen müssen, vor ihren Folgen auf der Hut zu sein. Der bloße Wunsch im Verbund mit Macht wird nicht mehr hinreichen, um sich auf eine Unternehmung einzulassen. Nichts ist durch den letzten Krieg nachhaltiger ruiniert worden als der Anspruch, etwas vorherzusehen. An Geschichtskenntnissen indessen fehlte es doch wohl nicht, möchte mir scheinen.
Quelle: Paul Valéry, Zur Zeitgeschichte und Politik, hrsg. v. Jürgen Schmidt-Radefeldt, Frankfurt a.M.: Insel, 1995.