Die Bibel ist unsere Bestimmung
Von Abraham Joshua Heschel
Was ist das Besondere am jüdischen Leben? Die Tatsache, dass wir nicht frei mit der Bibel umgehen können. Wir sind ihre Nachkommenschaft, ihr Ergebnis. Ihr Geist ist unser Schicksal. Was ist unsere Bestimmung? Eine Gemeinschaft zu sein, in der die Bibel weiterlebt.
Wir sind dem biblischen Volk nahe, denjenigen, die befohlen und gemaßregelt wurden, denjenigen, die als Sklaven in Ägypten lebten, denjenigen, die am Fuße des Sinai standen. Wir sind weiterhin die verblüfften Zeitgenossen der Propheten.
„Ihr seid meine Zeugen, spricht der HERR, und ich bin Gott“ (Jesaja 43,12). Ein Rabbiner des zweiten Jahrhunderts verstand diese Aussage so: Wenn ihr meine Zeugen seid, bin ich Gott; wenn ihr aufhört, meine Zeugen zu sein, bin ich nicht Gott. Dies ist eine der kühnsten Äußerungen in der jüdischen Literatur, ein Manifest der Bedeutung (meaning). Wenn es keine Zeugen gibt, gibt es keinen Gott, dem man begegnen kann. Es gibt ein Geheimnis, ein Rätsel, eine Dunkelheit, die nicht zu ergründen ist. Damit Gott gegenwärtig sein kann, muss es Zeugen geben. Ohne das Volk Israel ist die Bibel nur Literatur. Durch Israel ist die Bibel eine Stimme, eine Kraft und eine Herausforderung.
Weit davon entfernt, ein bloßes Relikt der antiken Literatur zu sein, ein verstaubendes Buch im Regal, ist die Bibel in unserem Leben eine lebendige Kraft, die Vorahnungen ausstrahlt und Erleuchtungen schenkt.
Es ist kein versiegeltes und abgeschlossenes Dokument. Es ist ein lebendiges Buch, ein Buch, das weitergeht und sich bis in die Gegenwart erstreckt – immer geschrieben, immer offenbart und entfaltet. Wir sind mit biblischen Visionen beschäftigt.
Die Bibel ist im Wesentlichen die Geschichte (history) des Bundes zwischen Gott und Israel, die Geschichte von Gott auf der Suche nach dem Menschen durch die gegenseitige Verpflichtung von Gott und Israel. Die Bibel lebt weiter, weil der Bund Bestand hat. Das zentrale Thema der Geschichte des Bundes ist die Verheißung des Landes an Abraham.
Die Bibel ist kein Ende, sondern ein Anfang; eine Vorgabe (precedent), keine Erzählung (story) – die immerwährende Bewegung des Geistes. Sie ist ein Buch, das nicht sterben kann, das unfähig ist, zu veralten oder überflüssig zu werden. Das Vergessen scheut ihre Seiten. Ihre Kraft lässt nicht nach. In der Tat steht sie noch ganz am Anfang seiner Laufbahn, die volle Bedeutung ihres Inhalts hat kaum die Schwelle unseres Verstandes berührt; wie ein Ozean, auf dessen Grund unzählige Perlen liegen, die darauf warten, entdeckt zu werden, so ist ihr Geist noch zu entfalten. Obwohl die Worte klar und die Sprache durchsichtig erscheinen, brechen ständig unbemerkte Bedeutungen und ungeahnte Andeutungen hervor. In mehr als zweitausend Jahren des Lesens und Forschens ist es nicht gelungen, ihre volle Bedeutung zu ergründen. Heute ist es so, als hätte man sie nie berührt, nie gesehen, als hätte man nicht einmal angefangen, sie zu lesen. Was würde in der Welt fehlen, was wäre der Zustand und der Glaube des Menschen, wenn die Bibel nicht erhalten geblieben wäre?
Quelle: Abraham Joshua Heschel, Israel: An Echo of Eternity, New York: Farrar, Straus and Giroux, 1969.