Von Julius Schniewind
„Werfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber ist euch not, auf daß ihr den Willen Gottes tut und die Verheißung empfanget.“ (Hebr 10,35-36)
Werfet euer Vertrauen nicht weg! … Es ist ursprünglich einer verfolgten Gemeinde gesagt. Man hat sie ins Gefängnis geworfen, diese ersten Christen, sie bis aufs Blut gequält, ihnen ihr Vermögen genommen, ihre Lehrer und Führer zu Tode gebracht; man hat sie verspottet und beschimpft, sie zum Schauspiel gemacht: jeder hat mit Fingern auf sie gewiesen, sie als Narren geschmäht. Und dies alles, weil sie auf die künftige Welt Gottes warten, auf den Richter, der kommen soll, auf Jesus, der von Gott kam und zu Gott ging, unser Vorläufer, der durch den dunklen Vorhang für uns ging, so daß unsere Hoffnung nun Anker schlagen kann in Gottes verborgener Welt.
Sie konnten ja der Verfolgung entgehen, die ersten Christen, wenn sie nun Jesus verleugneten. Juden dürften sie sein, das war eine erlaubte Religion; der hielten die Römer alles, was ihnen Narrheit war, zugute. Sollten sie nicht zum Judentum zurückkehren, die Hebräer unter den Christen? Da war doch auch die Hoffnung auf Gottes künftige Welt, da waren alle Verheißungen des Alten Testaments. Gibt es kein Zurück, keine Sicherung vor dem Kampf, vor der Schmach, vor dem qualvollen Tod?
Es gibt kein Zurück für den, der um Jesus weiß. Jesus ist unsere Freudigkeit! Durch ihn, mit ihm allein können wir vor Gottes Weltgericht bestehen, in freudigem Vertrauen bestehen. Werft euer Vertrauen nicht weg! Werft die freudige Zuversicht, den Freimut, die Freudigkeit nicht weg!
Es gibt kein Zurück; denn was wir finden würden, wenn wir jenseits von Jesus versuchen möchten, zu Gott zu kommen, ist Trauer, Ungewißheit, Furcht, Angst und Schrecken.
Versucht ihr es mit den großen kosmischen Mächten um uns her, mit den Mächten des Himmels und der Erde, mit den Gewalten der Natur und ihrer Ordnungen? Sie sind dienstbare Geister Gottes, Christus ist viel, viel höher als sie; aber er ist zugleich unter sie erniedrigt worden mit uns Menschen von Fleisch und Blut, hat alles mitgefühlt, was uns versucht und bindet, den Tod und seine Macht, alles, was nur Leiden und Kämpfen heißt.
Versucht ihr es aufs neue mit Gottes Gesetz und seinen Befehlen? Alles, alles, was da gesagt ist, Jahreslauf und Tagewerk und Speis’ und Trank zu heiligen, ist ja in Wahrheit nur ein immer erneutes Bekennen, daß wir vor Gott nicht bestehen können, daß uns seine Heiligkeit fremd ist, daß uns seine Vollkommenheit fehlt.
Jesus aber ist gekommen, ein für allemal, er lebt und bittet für uns und kann selig machen immerdar alle, die durch ihn zu Gott kommen. Werft euer Vertrauen nicht weg! Werft Zuversicht und Freudigkeit nicht weg!
Gilt das Wort auch uns? Vielleicht ist es manchem von uns aufgegangen, was das ist: Vertrauen, daß wir zu Gott kommen, ganz so, wie wir sind, aus Kampf, Versuchung und Tod, aus dem Tagewerk und dem Alltag, aus dem nie endenden „Du sollst“. Durch Jesus haben wir das Vertrauen zu dem Unsichtbaren, dem Richter über alle, die Freudigkeit, zum Heiligtum Gottes zu nahen.
Ist die Gefahr auch uns bekannt, daß wir das Vertrauen wegwerfen? Es schien so leicht und freudig, und nun wurde es so schwer. Die Mächte der Natur, die Gott dienstbar sind, sie wollen uns sich dienstbar machen, uns Menschen von Fleisch und Blut. Und Gottes unsichtbare Welt, wie ist sie uns verborgen! Sind wir nicht Narren, mit ihr zu rechnen und auf sie zu warten? Und wenn sie uns von allen Seiten unentrinnbar umgibt, ist sie uns nicht fremd und drohend? — Und wenn es nun wirklich Kampf kostete, Kampf, der so zu heißen verdient, wo es bis aufs Blut geht, bis zum Einsatz der Existenz, ja kämpfen gegen die Sünde bis aufs Blut, gegen die Sünde, die uns beständig umsteht, die Unlust, es mit Gott zu wagen, das Mißtrauen, als wäre Gottes Wille unser Unheil — ist das nicht die eigentliche, einzige Sünde, aus der alles andere quillt? Wer würde nicht müde und träge? Wer begänne nicht zu murren? Dachten wir es uns so, Gott zu dienen? Wieviel Enttäuschung, wieviel Versagen! Wir wollten ihn wohl bekennen. Aber dachten wir uns das nicht ganz anders, als das Bekenntnis ist, das er uns schenkt? Wir erwarteten wohl große Dinge von unserem Wort und unserem Sein. Aber das Bekenntnis zu dem, der uns gleich ward ganz und gar, heißt Lobpreis Christi! Da hört dann alles Ungewöhnliche, Auffällige und Großartige vollständig auf, aber auch alles Sich-Quälen, Sich-Sorgen, alles Sich-Verstellen darf aufhören, alle Selbsttäuschung und Illusion, wo wir mit ihm selbst, mit Jesus, den Weg des Glaubens gehen, den Weg, den er uns eröffnet hat durch sein eigenes Leben, Leiden und Sterben: das Sich-Halten an den, den wir nicht sehen, als sähen wir ihn, die Freudigkeit, zum Thron der Gnade zu kommen, ganz so, wie wir sind, weil da der Eine ist, versucht allenthalben gleich wie wir, doch ohne Sünde! Werft euer Vertrauen nicht weg!
Denn es hat eine große Belohnung. Es enttäuscht uns nicht, das Vertrauen. Gott enttäuscht uns nicht. Wer ihn sucht, dem vergilt er das mit seiner eigenen Gegenwart. „Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn“. Gott enttäuscht uns nicht. Paulus umschreibt das einmal so: wir rühmen uns Gottes. Es ist unsere Freude, unser Ruhm, unser Stolz, Gottes Eigentum zu sein. Und das heißt dann genauer: „wir rühmen uns der Trübsale, weil wir wissen, daß Trübsal Geduld wirkt, Geduld aber bringt Erfahrung, Erfahrung aber bringt Hoffnung“, „wir rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit Gottes“. Also Lohn und Ruhm erweist sich eben mitten in Leid und Kampf: da bewährt es sich, daß Christus gerade für die eintritt, die in Versuchung und Verzweiflung erliegen müßten; ja man macht die Erfahrung, daß es so ist! Die schwersten, härtesten Zeiten sind zugleich die, in denen wir am hellsten sehen, was Christus ist, der Gekreuzigte und Auferstandene, der Mitfühlende und für uns Eintretende. Es sind die Zeiten, in denen uns der Blick geöffnet wird für Gottes große zukünftige Welt, für sein ewiges Reich.
Das heißt eben nicht, daß dies sehr glorios zugehe. Wenn uns gesagt wird: schaut das Ende der Lehrer an, die euch das Wort Gottes gesagt haben, folgt ihrem Glauben nach, — so weiß jeder, der solches Christensterben kennt, daß hier alles aufhört, was nach Menschengröße oder Menschenruhm aussieht, auch nach frommem Menschenruhm. Es ist nur der Eine, Christus, ja, er hat noch keinen im Stich gelassen. Wir stammeln ja nur davon. Wenn wir die Berichte aus Rußland lesen, so ahnen wir wohl, durch welche Tiefen das gehen kann: „mit Christus leiden“. Dennoch sehen wir es grade da: Christus hat noch keinen im Stich gelassen. Aber es ist kein Phantasie-Christus, sondern der wirkliche Jesus Christus, von dem die Bibel redet, „der mit starkem Geschrei und Tränen Gebet und Flehen geopfert hat zu dem, der ihm vom Tode konnte aushelfen“, der, „obwohl er Gottes Sohn war, hat er dennoch an dem, das er litt, Gehorsam gelernt“.
Werft die Freudigkeit nicht weg, sie hat einen großen Lohn! Damit ist dann schon gesagt, was das für unseren Alltag bedeutet. Es ist mit dem einen Wort gesagt: „Geduld“. Das ist kein weiches, sondern ein kraftvolles Wort. Geduld heißt: „Ausharren“. Die Saat des Gotteswortes ist gesät: die Frucht treibt und wächst und harrt aus — in Geduld, in Beständigkeit. Das Wort Christi selbst ist die Kraft, auszuharren bis zum jüngsten Tag. Und alle Zeugnisse des Neuen Testamentes aus Leidenszeiten sprechen von dem einen: hier ist Geduld und Glaube der Heiligen: hier ist der Heiligen Harren, die Gottes Gebote halten und den Glauben Jesu.
Harrt aus, harrt aus im Kampf! Harrt aus, harrt aus im Lauf! Harrt aus im guten Werk, harrt aus, Gottes Willen zu tun!
Es wird hier nicht, lieben Freunde, plötzlich das Gegenteil von dem allen gesagt, was wir bisher hörten. „Geduld ist euch not, auf daß ihr den Willen Gottes tut und die Verheißung empfanget“, das ist genau dasselbe wie unser erstes Mahnwort: „werfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat“. Werft die Freudigkeit nicht fort, denkt an den großen Lohn! Harrt aus, Gottes Willen zu tun, denkt an die Verheißung! Das ist ein und dasselbe.
Eins nur, eins ist Gottes Wille: daß er „allen bösen Rat und Willen bricht und hindert, die unter uns seinen Namen nicht heiligen und sein Reich nicht kommen lassen wollen, des Satans, der Welt und unsres eignen Fleisches Wille“. Diesen Willen hat Jesus Christus selbst erfüllt, er war seine Speise, davon hat er gelebt, nach diesem Willen hat er sein Leben in den Tod gegeben, in diesem Willen sind wir geheiligt ein für allemal, Gott zum Eigentum geweiht. Und dieser Wille geschieht nun an uns, daß Anklage, Schuld und Versuchung, unser Trotz und unsere Verzagtheit nicht Gewalt, Macht und Willen an uns üben, daß Gottes Wille stärker ist als alle seine Feinde, daß er uns „stärkt und bewahrt bis an unser Ende; das ist sein guter und gnädiger Wille“. Von da aus aber weiß das Neue Testament es ganz gewiß, daß wir Gottes Willen tun, seine heiligen Gebote, seine Befehle, seinen Weisungen folgen. Christus der Sieger zieht uns in seinem Triumphzuge mit, Christus der Herrscher gibt sein Herrscheranrecht an uns nicht preis.
Ist es nicht wahr? Wenn wir ihn vergessen wollen, erinnert er uns an sich, durch sein Wort; wenn wir ihm entfliehen wollen, geht er uns nach mit seinem Ruf; wenn wir verzweifeln wollen, läßt er uns nicht allein, denn er lebt und wirkt und redet in seiner Gemeinde. So ist es sein eigener Ruf an uns: Werft Zuversicht und Vertrauen nicht fort! Harrt aus, harrt aus!
„Werfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber ist euch not, auf daß ihr den Willen Gottes tut und die Verheißung empfanget“.
Gehalten vor Königsberger Studenten zum Semesterschluß, 12. Februar 1935.
Quelle: Julius Schniewind, Nachgelassene Reden und Aufsätze, hrsg. v. Ernst Kähler, Berlin: Töpelmann, 1952, S. 181-185.
Ich werfe mein Vertrauen
zum nicht selbst gewählten
Leben nicht fort
Die innere Mission
kommt aus dem Kern
der Seele