Von Friederike Popp
Gebetsgebärden
Wenn wir beten, stellen wir uns in die Gegenwart Gottes so, wie wir jetzt sind: müde oder wach, zerstreut oder aufmerksam, bedrückt, aufgeregt, traurig oder froh. Wir bringen unsere Gedanken mit und alles, was uns bewegt, Ärger, Freude, Sorgen und Wünsche. Ich spüre es ja in mir selbst, dass ich, ja ich, mit meinen Gedanken, meinen Gefühlen, meinem Körper da bin. Und wenn ich müde bin oder hellwach oder verspannt oder offen, dann sind nicht nur meine Gedanken müde, sondern mein Leib auch; und ob ich verspannt oder gelöst und locker bin, das merke ich an meinem Körper ganz deutlich. Doch so, wie mein Körper mir etwas über mich mitteilt, so kann auch ich selbst mit meinem Körper etwas ausdrücken und „sagen“, wozu ich vielleicht gar keine Worte finde.
Pater Anselm Grün, ein Benediktinermönch, schreibt aus seinen Gebetserfahrungen folgendes: „In den Gebetsgebärden, wie sie in allen Völkern verbreitet sind, üben wir uns in die Haltung der Ehrfurcht und Anbetung, der Offenheit und Weite, der Sammlung und inneren Gegenwärtigkeit ein. Und die Gebärden helfen uns, Gott zu erfahren. Manche Erfahrung kann ich ohne Gebärde einfach nicht machen. Indem wir unsere Ahnung von Gott in einer Gebärde ausdrücken, wird sie für uns ganzheitlich erfahrbar. So kann ich zwar über die Größe Gottes auch im Bett liegend nachdenken. Aber erfahren kann ich sie nur, wenn ich niederfalle und Gott anbete. Wir erfahren etwas von unserer inneren Weite und inneren Freiheit, wenn wir uns etwa mit ausgebreiteten Armen vor Gott stellen. Von uns her kämen wir gar nicht auf die Idee, uns so hinzustellen. Die Gebetsgebärde gibt uns Mut dazu, sie bezieht uns auf Gott. Und indem wir uns auf Gott hin ausrichten, werden wir in uns selbst recht, werden wir in uns selbst heil.“
Für uns heutige Menschen ist es ein langer Weg, wieder unseren Körper wahrzunehmen und gut mit ihm umzugehen. Wir sind sooft mit unseren Ideen und Vorstellungen woanders und selten wirklich bei uns und in uns zu Hause. Darum kann es eine gute Hilfe vor einer Andacht sein, eine Weile still zu sitzen und zu spüren, wie ich eigentlich sitze, wie ich mich fühle, was sich in mir bewegt und rührt, damit ich langsam bei mir selbst ankomme. Bei Andachten, Gottesdiensten und Feiern können wir uns ganz bewusst entscheiden, ob wir einen Bibeltext sitzend oder stehend hören wollen, ob wir unser Gebet dichter und tiefer werden lassen wollen, indem wir knien oder ob wir die Freude in einem Dankgebet zeigen wollen, indem wir aufstehen – wir beten mit unserem Körper in jeder dieser Haltung mit.
Eine Andacht zu Gebetsgebärden
Vorbemerkung: Gebetsgebärden können auch einmal zu einem eigenen Thema einer Andacht werden – dabei ist es ganz wichtig, dass jede/r diese Gebetsgebärde selbst tun, dem nachspüren und darüber reden kann. Dazu haben wir eindrückliche Körpergebete von Anton Rotzetter ausgewählt: Sitzen – Verneigen – Knien – Stehen. Eine Andacht z.B. zum Thema „Stehen“ umfasst dann folgende Elemente:
1. Einleitung: Zu Beginn werden ein paar einführende Gedanken zum Thema „Mit dem Körper beten, ganz da sein“ gegeben.
2. Übung: Um dabei zu helfen, das Stehen bewusst wahrzunehmen, spricht eine/r folgende Sätze langsam und mit Pausen – die anderen können sich dann mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit auf die Übung einlassen:
„Ich stehe da mit geschlossenen Augen, die Arme lasse ich ganz locker hängen, die Knie sind weich …
Ich stehe fest auf dem Boden und spüre hinunter in meine Füße. Meine Fußsohlen sind fest mit dem Boden verbunden …
Ich strecke mich hinunter, drücke nach unten und spüre, wie fest der Boden ist, der mich trägt…
Und dann wandere ich mit meiner Aufmerksamkeit langsam hinauf, in die Beine, Knie, Hüften, Becken, Bauch, Brust…
Hoch und gerade ist mein Leib, wie ein Baumstamm, der nach unten wurzelt und nach oben wächst…
So wandere ich weiter mit meiner Aufmerksamkeit nach oben bis in meinen Kopf. Da oben am höchsten Punkt, am Scheitel spüre ich die Größe und Ausdehnung meiner Gestalt…
Das bin ich, von Kopf bis Fuß, das ist meine, mir angemessene Größe und Gestalt…
So stehe ich da, geschaffen und aufgerichtet als Mensch …
Dann knie ich mich langsam hin, knie mich ganz tief hinunter, beuge mich, werde klein…
Wie fühle ich mich in dieser Haltung, was spüre ich?
Und ich richte mich langsam wieder auf, langsam tue ich es. Ich spüre diese Bewegung des Mich-Aufrichtens und spüre wieder hinunter und hinauf in die ganze Größe und Haltung meiner Gestalt und stehe aufrecht da als Mensch, der ich so gestaltet und geschaffen bin.
3. In kleinen Gruppen zu dritt tauschen wir uns einige Minuten aus: Wie habe ich mich dabei gefühlt? was habe ich erlebt? Was bedeutet mit die eine und die andere Haltung?
Dieses einander Mitteilen ist ganz wichtig, damit wir mit unseren Erfahrungen nicht allein bleiben. Es geht aber nur um einen kurzen Austausch des Erlebten, keine Diskussion oder Wertung!
4. Körpergebet: Wir stehen wieder im Kreis, werden still, schließen die Augen, eine/r spricht ganz ruhig und langsam das Körpergebet „Stehen“ (siehe unten).
Wir lassen in der Stille das Gebet nachklingen.
Und noch einmal wird das Gebet laut und langsam gesprochen, wir beten es im Stehen, vielleicht mit eigener Gebärde (Ausstrecken der Arme) mit.
5. Gemeinsames Gebet: Wir öffnen die Augen, schließen die Hände im Kreis, beten gemeinsam laut ein Gebet oder singen ein bekanntes Lied zum Abschluss.
Vier Körpergebete von Anton Rotzetter
Stehen
Ich stehe, Gott, vor Dir, gebunden an die Erde, die Du liebst,
Ich stehe, Gott, vor Dir, ausgetreckt zum Himmel, den Du versprichst, Ich stehe, Gott, vor Dir, als Sohn/Tochter des Himmels und der Erde, Ich stehe, Gott, vor Dir, der Erde treu und offen für Dich.
Knien
Auf den Knien, vor Dir, o Gott, auf den Knien
Gebeugt, vor Dir, o Gott, gebeugt
Gebrochen, vor Dir, o Gott, gebrochen
Ich weiß um meine Grenzen, um meine Hinfälligkeit, um meine Zerbrechlichkeit
und bete Dich an.
Sitzen
Gott, lass mich sitzen vor Dir, Dich anschauen und bewundern, Dich hören und in mich aufnehmen.
Lass mich sitzen mit Dir, in der Würde, die du mir schenkst, im Bewusstsein, dass alles gut ist.
Lass mich sitzen in Dir, mich finden und erleben, ganz da sein in Dir.
Verneigen
Ich neige mich, vor allem, was ich nicht verstehe, vor allem, was mich übersteigt
Ich neige mich, vor der Sonne, die scheint über Guten und Bösen, vor dem Regen, der kommt und ausbleibt.
Ich neige mich vor allem, was sich meinem Zugriff entzieht, vor allem, was ich nicht sehen und erfahren kann.
Ich neige mich vor der ganzen Welt und vor dem Geheimnis, das ihr innewohnt.
Quelle: Glaubenswege. Verkündigung gestalten, hrsg. v. Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP), Landesverband Bayern, Nürnberg o.J. [1990], S. 67-70.