Rudolf Bultmann, Die Verantwortung der Theologie in unserer Gesellschaft im Rahmen der Geisteswissenschaften. Antwort auf eine Anfrage des 18jährigen Schülers Albrecht Grözinger (1967): „Die theologische Wissenschaft stellt angesichts der Möglichkeiten, die menschliche Existenz zu verstehen, vor die Entscheidungsfrage: wie willst du existieren, d.h. vor die Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen.“

Die Verantwortung der Theologie in unserer Gesellschaft im Rahmen der Geisteswissenschaften. Antwort auf eine Anfrage des 18jährigen Schülers Albrecht Grözinger (1967)

Von Rudolf Bultmann

Die Verantwortung fordert die Übernahme von 3 Aufgaben.

1). Die Geisteswissenschaft hat zu erziehen zu selbständigem methodischem Denken. Dabei hat sie den Zusammenhang mit der geistesgeschichtlichen Tradition festzuhalten, jedoch in kritischer Treue, die nicht alle Überlieferung ungeprüft übernimmt, sondern für die künftigen Erkenntnisse und Aufgaben offen ist. Sie darf nicht die Frage nach der praktischen Anwendung der Erkenntnis („was kann man damit anfangen?“) stellen, sondern hat sich auf die einfache und freie Frage nach der Wahrheit zu beschränken.

2) Sie hat, sofern sie Geschichtswissenschaft ist, die vergangene Geschichte nicht allein als die Folge der Ereignisse objektivie­rend darzustellen, als zeitlich bestimmbare und kausal verknüpfte Ereignisse, obwohl sie dessen als historisch-philologischer Voraus­setzung auch bedarf. Aber als echte Geschichtswissenschaft fordert sie ein persönliches Verhältnis zu der Sache, um die es in den Ereignissen geht, die zu verstehen ihre Aufgabe ist. Das bedeutet, dass sie die Möglichkeiten der menschlichen Existenz zu erkennen hat, die sich in den geschichtlichen Ereignissen aussprechen, und damit wird sie auch sehen, dass alles geschichtlichen Geschehen aus (bewussten oder unbewussten) Entscheidungen ent­springt.

3) Für die Theologie, sofern sie Wissenschaft ist, gilt das Gleiche wie das unter 1) Gesagte. Sofern sie Geschichtswissenschaft ist, da sie die biblischen Schriften und die kirchliche Tradition zu interpretieren hat, gilt das Gleiche wie das unter 2) Gesagte. Die theologische Wissenschaft stellt angesichts der Möglichkeiten, die menschliche Existenz zu verstehen, vor die Entscheidungsfrage: wie willst du existieren, d.h. vor die Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen, als Wissenschaft kann sie nicht weiter kommen, aber als Theologie hat sie zu zeigen, dass ein radikales Selbstverständnis des Menschen nur das Innewerden seiner Bezogenheit auf eine Transzendente Wirklichkeit ist, d.h. theologisch gesprochen: in seiner Bezogenheit auf Gott.

Hier der Text als pdf.

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