Karl Barth über Hermann Friedrich Kohlbrügge (Die Protestantische Theologie im 19. Jahrhundert): „Kohlbrügge mußte für die Theologie seiner Zeit, die ja weithin auch noch unsere Zeit ist, in weit höherem Maße als der geräuschvollere Vilmar ein Ärgernis bilden. Er hat eine Sache vertreten, mit der man nur dann etwas hätte anfangen können, wenn man über die Aufklärung hinaus auch die Voraussetzung der Aufklärung, nämlich das pietistische Verständnis der Reformation zur Diskussion gestellt hätte: Nicht von der Aufklärung aus, wie nachher A. Ritschl, sondern von der Reformation selber aus!“

Über Hermann Friedrich Kohlbrügge (1803-1875)

Von Karl Barth

Kohlbrügge ist in keinem einzigen der mir bekannten Werke über Theologiegeschichte auch nur mit Namen erwähnt. Er ist der akademischen Theologie seiner Zeit in der Tat nicht bekannt geworden, und man wird noch heute unzähligen sonst viel belesenen Theologen begegnen, die nicht einmal wissen, daß sie hier etwas nicht wissen. Die Tatsache, daß auch Kohlbrügge Pfarrer gewesen ist und die schon erwähnte Sitte der Theologieprofessoren, sich nur mit ihresgleichen zu beschäftigen, erklärt auch hier Einiges, aber gerade hier doch nicht Alles. Es gibt unausgesprochene, aber sehr wirksame Verrufserklärungen in der Geschichte der Theologie, und unter einer solchen steht um der von ihm vertretenen Sache willen auch der Name Kohlbrügges. Kohlbrügge mußte für die Theologie seiner Zeit, die ja weithin auch noch unsere Zeit ist, in weit höherem Maße als der geräuschvollere Vilmar ein Ärgernis bilden. Er hat eine Sache vertreten, mit der man nur dann etwas hätte anfangen können, wenn man sich auf eine Revision nun wirklich der Prinzipien eingelassen, wenn man über die Aufklärung hinaus auch die Voraussetzung der Aufklärung, nämlich das pietistische Verständnis der Reformation zur Diskussion gestellt hätte: Nicht von der Aufklärung aus, wie nachher A. Ritschl, sondern von der Reformation selber aus! Das war Kohlbrügges Anliegen. Er hat weder mit Schleiermacher und den Seinen um die Versöhnung der christlichen Selbst- und Geschichtserfahrung mit dem modernen Denken sich mühen, noch mit den Erweckungstheologen, Biblizisten und Konfessionellen die christliche Selbst- und Geschichtserfahrung gegen das moderne Denken verteidigen und ausspielen wollen, sondern er hat die Frage gestellt, ob denn die christliche Selbst- und Geschichtserfahrung überhaupt das taugliche Objekt für die Diskussion über das Christentum sein möchte. Ihm war das Christentum gegenüber der von Hegel bis zu Vilmar gemeinsamen opinio communis identisch mit der aller christlichen Selbst- und Geschichtserfahrung gegenüber freien und freibleibenden Gnade, der gegenüber er als christliche Selbst- und Geschichtserfahrung nur die Sünde und den schlechterdings nur von der Gnade lebenden Glauben der Sünder kennen wollte. Diese Voraussetzung war und ist nicht nur in der Welt Schleiermachers und Hegels, sondern in der protestantischen Welt, wie sie seit rund 1700 geworden ist, überhaupt so fremdartig, daß man weder Dummheit noch Bosheit der Zeitgenossen zur Erklärung in Anspruch nehmen muß, um jene stille Verrufserklärung zu verstehen, um zu verstehen, daß Kohlbrügge zunächst nicht verstanden werden konnte. Kohlbrügge gleicht zunächst formal einem Julius Müller und einem Vilmar darin, daß er einen bestimmten locus der Dogmatik scharf herausgearbeitet und von da aus das Ganze beleuchtet hat. Nur daß dieser eine bestimmte locus Kohlbrügges zufällig der locus classicus der lutherischen und calvinischen Reformation selber, nur daß Kohlbrügge also zufällig gerade auf das historische Zentralproblem des ganzen Protestantismus gestoßen war. Der Anstoß zur Erneuerung, der an dieser Stelle gegeben wurde, war so bedeutsam, daß er entweder katastrophal hätte wirken müssen oder aber zunächst bedeutungslos bleiben mußte — bedeutungslos, weil so viele Hefte, die auf Grund dieses Anstoßes zu korrigieren gewesen wären, menschlich geredet unmöglich sofort zu korrigieren waren. Es kommt dazu, daß nun doch auch Kohlbrügge — wir haben Ähnliches bei Menken, bei Dorner, bei Beck festgestellt — durchaus ein Kind seiner Zeit war in der Art, wie er seine These aufstellte und begründete, auch er zunächst nicht so bestimmt von seiner Umgebung sich abhebend, daß etwa Alle, die guten Willens waren, hätten sehen und hören müssen. So bildet er gleichsam die zunächst überschwemmte Insel einer veränderten Problemauffassung, an der seine Zeit und die ihm folgende Zeit zunächst ebenfalls ihre eigenen Probleme abwickelnd, fürs erste vorüberrauschen mußten. Daß sie uns heute wieder in die Augen fällt, mag ein Symptom dafür sein, daß die Fluten jener Zeiten heute im Sinken sind. Man kann sich aber nicht wundern, daß sie für alle die noch immer nicht sichtbar ist, für die das Sinken jener Fluten noch nicht Ereignis geworden ist. Für die, denen dieses Ereignis Ereignis ist, wird es unmöglich sein, Kohlbrügge als wichtige geschichtliche Gestalt nicht zu sehen.

Hermann Friedrich Kohlbrügge, väterlicherseits aus einer deutschen lutherischen Familie stammend, wurde 1803 in Amsterdam geboren; das Holländische war seine Muttersprache. Er hat seine Jugendjahre halb als Mitarbeiter in der Seifensiederei seines Vaters, halb als angehender theologischer und philosophischer Gelehrter zugebracht. Das Jahr 1826 brachte ihm mit dem Tode des Vaters, durch den jene Verpflichtungen gelöst wurden, ein Bekehrungserlebnis, bei dem ihm das Wort Jes. 54, 10 («Es sollen wohl Berge weichen…») wichtig wurde. Er wird 1827 Hilfsprediger an der lutherischen Gemeinde in Amsterdam, aber schon nach einem Vierteljahr wegen eines schweren dogmatischen Konfliktes mit dem rationalistischen Hauptgeistlichen, in dem er übrigens der angreifende Teil war, abgesetzt und macht während einer Krankheitszeit eine zweite innere Krisis durch, in der ihm klar wird, daß die Gnade, die nicht von uns weicht, Gabe ohne Gegengabe, freie Gnade ist. Er erwirbt 1829 mit einer Dissertation über den 45. Psalm den Doktorgrad an der Universität Utrecht, wird durch eine reiche Heirat ökonomisch unabhängig und vertieft sich in die Geschichte und Lehre der reformierten Kirche mit dem Ergebnis, daß er sich 1830 zum Übertritt in die reformierte Landeskirche meldet. Dieses Gesuch wird aber von den beteiligten rationalistisch gerichteten kirchlichen Behörden abgewiesen, und so steht er zunächst heimatlos zwischen den beiden Kirchen. 1833 kam er das erste Mal nach Elberfeld, der «Stadt die auf dem Berge liegt» wie man im Blick auf die damalige geistliche Blüte des Wuppertals zu sagen pflegte, predigte unter großem Zulauf, bis ein, im Blick auf den auffallenden Inhalt dieser Predigten von Berlin aus ergehendes Verbot ihm auch hier den Weg zunächst verleidete. Er kehrte in seine Heimat zurück und lebte über 10 Jahre als Privatgelehrter in Utrecht. 1845 folgt er dann einem Ruf an die infolge der Einführung der Unionsagende unter Zustimmung Friedrich Wilhelm IV. neben der preußischen Landeskirche sich selbständig konstituierende, organisatorisch an die holländische Kirche angegliederte, heute noch bestehende «niederländisch reformierte Gemeinde» in Elberfeld, wo er nach 30jähriger Tätigkeit 1875 sein Leben beschlossen hat. Eine Schrift auch nur annähernd akademischen Charakters ist nach seiner Dissertation trotz seiner durchaus nicht aufgegebenen spezifisch gelehrten Interessen nicht mehr aus seiner Feder hervorgegangen, sondern sein literarischer Nachlaß besteht im Wesentlichen in zahlreichen, einzeln und in Serien herausgegebenen Predigten, von denen z. B. die «Zwanzig Predigten im Jahre 1846 gehalten», mit denen er sich in Elberfeld programmatisch einführte, erwähnt sein mögen. Kohlbrügge hat in den reformierten Kreisen von Deutschland, Holland, der Schweiz und Amerika eine numerisch kleine, aber sehr markant auftretende theologische Schule hinterlassen, der auch eine gewisse akademische Vertretung nicht gefehlt hat. Ich nenne Namen: Johannes Wichelhaus, a. o. Prof. in Halle, scharfer Gegner von Tholuck und Müller, gest. 1858 — Kohlbrügges Schwiegersohn Eduard Böhl, o. Prof. in Wien, der Verfasser einer reformierten Dogmatik, gest. 1903, und Adolf Zahn, gest. 1900, zuletzt reformierter Pfarrer in Stuttgart. Wir halten uns im Folgenden zur Darlegung seiner entscheidenden Gedanken an die 1851 erschienenen «Erläuternden und befestigenden Fragen und Antworten zu dem Heidelberger Katechismus».

Ich weiß — das ist hier von Allem zu wissen, daß ich ein solcher Sünder bin, daß Gott sich gar nicht mit mir einlassen kann, daß er mich auf ewig von seinem heiligen Angesicht verstoßen muß. Das ist aber meine Sünde: Alles Dichten und Trachten meines Herzens und alle Überlegungen meines Verstandes, nach welchen ich immerdar anders will, als Gott will, Alles was er aussagt, verkehrt deute, Alles was er recht und gut gemacht hat, krümme und Alles, was er recht geordnet und gefügt, verschiebe und verrücke, ihn in seiner Gerechtigkeit und Güte nie verstehe wie ich soll, sondern arge Gedanken von ihm hege, im Sichtbaren hangen bleibe, mich sträube gegen seine ewige Weisheit, ja mich gänzlich untüchtig gemacht habe, auch noch immerdar untüchtig mache für sein gutes Gesetz und heiliges Gebot. In summa: daß ich nichts kann und nichts will, obwohl das Wollen bei mir ist (Fragen und Antworten 10 f.). Wie oft ich auch das Gesetz zur Hand nehme, ich schände es, statt damit auch nur einen einzigen bösen Gedanken des Herzens zu bewältigen (18). Und diese meine Verdorbenheit ist nichts mir Fremdes, eine Leidenschaft oder dergleichen, die ich überwinden könnte. Ich bins, bin grundverdorben und tauge zu nichts (23), bin verloren, wie brav, wie fromm, wie rechtschaffen ich auch sein möge (25). Das alles muß ich wissen. Wüßte ich es nicht, so würde ich meinen Trost suchen in meiner Buße und in meiner Reue, in meinem gesitteten und verbesserten Lebenswandel oder in den Werken meiner Frömmigkeit, in meiner Bekehrung und in dem Wege, den Gott mich leitet, in meinen Anfechtungen und in meiner Trübsal, in meinem Schreien um Gnade und um Vergebung und in Verheißungen, die ich mir selbst aufgeschlagen, in meinem Streit wider die Sünde und in einer scheinbaren Überwindung. Der Sicherheit, der Vermessenheit und der Verzweiflung würde ich dann verfallen, denn das alles kann ja nicht haften gegen das Gedächtnis auch nur einer einzigen Sünde (12 f.). Dazu ist uns das Gesetz gegeben, uns mit einem Schlag des Hasses gegen Gott und meinen Nächsten zu überführen, uns zu veranlassen, das Gute da zu suchen, wo es trotz unserer Untüchtigkeit zu finden ist, d. h. aber auf keinen Fall und in keinem Sinn in uns selber (19, 26). Nur zwei von den 600000, die aus Ägypten zogen, kamen gen Kanaan in das Land der Verheißung. Welche sind diese zwei? Josua und Caleb. Wie heißt dies auf deutsch? Ein Seligmacher und ein Hund (29). Ein Seligmacher? Ja, ich habe Tat und Wort von meinem Gott, da ich sonst nichts habe. Ohne mich, ja gegen mich hat er mich selig gemacht nach dem Ratschluß seines Wohlgefallens in Christo Jesu. Bei mir hat er nichts gefunden als Sünde. Bei ihm finde ich nur Barmherzigkeit (13), Barmherzigkeit in Übereinstimmung mit seinem Gesetz, sonst wäre sie ja nicht Gottes Barmherzigkeit, also Barmherzigkeit nicht ohne Genugtuung, aber Barmherzigkeit (30 f.). Denn in den Tagen seines Fleisches ist unser Herr gegangen in unserer Person, also in der Person des Sünders (35) und starb den von Gott verfluchten Tod am Kreuz. Denn der hohe Gott hat immerdar zu den Menschen auf Erden herunterkommen wollen, darum geziemt es den Menschen, am Boden zu bleiben, um vom Worte, von Gnade, vom Glauben zu leben; aber das will der Mensch nicht, er will immerdar höher gehen, als er gehen kann, so wird er denn zuschanden, und es trifft ihn der Fluch. Denn so spricht Gott: hütet euch, daß ihr nicht auf den Berg steiget! Darum ist es ein Gott verhöhnendes Beginnen des Fleisches, sich selbst zu Gott hinauf machen zu wollen durch eigene Kraft und Weisheit und Gerechtigkeit; da bleibt er zwischen Erde und Himmel hangen. Für diese unsere Sünde, worauf der Tod steht, starb unser Herr, indem er zwischen Himmel und Erde hing, mit festgenagelten Händen und Füßen, also als Einer, der nichts zustande bringen konnte (93 f.). Unser Tod ist nach Gottes gerechtem und nicht zu widerrufendem Ausspruch ein ewiger Tod. Sollte die Gnade obwalten, der Gerechtigkeit Gottes genug geschehen, Gottes Wahrheit unverkürzt bleiben, so müßte dieser Tod verschlungen sein; der konnte aber nur verschlungen werden und wurde verschlungen durch den Tod des Sohnes Gottes (94). Damit ist der archimedische Punkt bezeichnet, von dem aus die Erde bewegt wird, von dem aus es Leben aus Gott für uns gibt, wobei doch der Mensch, sein Wollen und Vollbringen, sein Aneignen und Verwirklichen ganz aus dem Spiel bleibt. Denn kein Mensch kann selig werden, wenn er will. Das hängt lediglich ab von Gottes Willen und Erbarmen (46). Achten wir unverrückt auf unsere eigene Verdammungswürdigkeit und völlige Ohnmacht, auf die Souveränität und Freiheit des Gottes, der die Person nicht ansieht, und auf des Lammes Blut, welches die Sünde wegträgt (49), dann werden wir uns auf Gnade und Ungnade in die Hände dieses unseres souveränen Gottes werfen mit der Bitte: Bekehre du mich, so werde ich bekehrt! werden alle Anmaßung der Eigengerechtigkeit ablegen und in der Lehre der ewigen freien Gnadenwahl, kraft deren Gott uns auch in unserer verdienten Verdammnis lassen könnte, unseren gewissen und ewigen Trost suchen (48).

Diese Freiheit und Souveränität Gottes bezeichnet nun aber nicht nur den Anfang, sondern auch die Fortsetzung und Vollendung seines Verhältnisses zu den Seinen. Immer und in jeder Hinsicht ist er der Herr, die Quelle nicht nur, sondern der Ort und Inhaber alles Guten, dessen wir als die Seinen uns rühmen können. Ich bin in Christo vor Gott gerecht. Ich bin es demnach nicht in mir oder durch mich selbst oder durch meine Werke (125). Zu allem Bösen geneigt sind auch die Wiedergeborenen (126). Die Gläubigen wissen es vor Christo nicht und werden es auch nach Christo nie wissen, daß sie ein einziges gutes Werk gut getan haben (156). Glauben heißt: Ja sagen mit einem Schrei des Bangens, der Not und der Freude auf die Frage des großen Gottes: Hältst du es dafür, daß ich solches an deiner Statt und für dich in meinem Gesalbten habe dargestellt? Amen darauf sagen, daß Gott unsere Seligkeit außer uns und ohne uns in Christo hat dargestellt, Gott für einen ehrlichen Mann halten, sich also verlassen auf Gottes Wort, auf seine Verheißung, auf sein Lamm (129). Als Sünder und Gottloser Herz und Augen auf seinen Gott und Heiland den treuen Schöpfer seiner Seele haben (130). Dieser Glaube ist aller guten Werke Inbegriff. Wie hast du ein gutes Gewissen? Wenn ich auf Christum sehe als auf meine Sünde und als auf meine Gerechtigkeit. Ein gutes Gewissen ist da durch die Auferstehung Christi aus den Toten. Was heißt durch den Geist des Fleisches Geschäfte töten? Wider jegliche Wallung, Ankämpfung und Anschuldigung sich an des Herrn Jesu Wort halten: Laß dir an meiner Gnade genügen! (96). Was ist das rechte Umgehen mit den Gaben des Heiligen Geistes? Wenn man nicht weiß, daß man Gaben hat, aber dieses Eine weiß, daß man einen gnädigen Gott hat (117). Kohlbrügge hat einmal an seinen Schüler Wichelhaus geschrieben: «Ich verstehe es wohl, was Du damit meinst, wenn Du schreibst, Du seiest durch viele Kämpfe hindurch ein theologus geworden, aber doch, laß es Dein Hemd nicht wissen, daß Du Dich für einen Theologen hältst… Mein lieber Johannes, ich kenne den wichtigen Posten, auf welchem Du stehst; höre aber auf, etwas von Dir zu halten!» (Briefe, ed. J. J. Langen 1911, S. 71 f.). Worin besteht das Kennzeichen der wahren Kirche? Darin, daß sie das Haupt, Christus, bewahrt. Daß sie kein anderes Haupt kennt, daß sie sich nur durch Christi Wort leiten und regieren läßt… übrigens ein armes und geringes bei der christlichen Welt für Nichts geachtetes Volk ist (Fr. u.A. 114). Welches ist das dankbarste Geschöpf Gottes? Der Hund. Worin wird also deine Dankbarkeit bestehen? Darin, daß ich bei der Gnade bleibe, wie der Hund bei seinem Herrn, und mich immerdar zu dieser Gnade wende um Gnade und also bei der Erlösung, mit welcher ich umsonst erlöst bin, bleibe und beharre. Der Hund kriecht doch alsdann grade am demütigsten zu seinem Herrn hin, wenn er von ihm Schläge bekommt. Der ist Gott dankbar, der es bekennt, daß es ihm unmöglich ist, Gott je dankbar zu sein; er nimmt den Kelch der Seligkeiten und trinkt ihn aus, lobet den Herrn, daß seine Güte gewaltig über uns hergeht wie ein Strom. Er weiß nicht, daß er dankbar ist. Er beschuldigt sich, daß er undankbar ist. Er kann’s aber Teufel, Tod, Sünde und Welt nicht gewonnen geben: daß der Herr nicht sein Gott und Heiland sei, der ihn von Blutschulden erlöst und vom Tode errettet (151). Es ist selbstverständlich, daß Kohlbrügge unter dem «neuen Menschen» etwas sehr anderes versteht als etwa Richard Rothe. Ist der alte Mensch Adam und was wir mit Adam geworden sind, denken, tun und treiben, so ist der neue Mensch schlechterdings Christus und was wir in und mit Christo geworden sind (154). Abgötterei heißt die Gnade verlassen und einer anderen Heiligung nachjagen als der, welche ist im Blute Christi (165). Dagegen steht die Vollkommenheit in der gnädigen Zurechnung der Gerechtigkeit Christi nach dem Zeugnis eines guten Gewissens im Heiligen Geiste, in der Richtung der Augen auf das reinigende Blut Christi (207). Und das ist die Gnade des Heiligen Geistes: Sie macht uns jeden Tag seliger, wenn sie uns offenbaret unsere Untüchtigkeit und gänzliche Nullität und des Herrn Jesu Liebe, Allgenugsamkeit, bedeckende Macht und Treue (209). Mit dem leichtfertigen Reden von Glauben, Ohnmacht und Gnade ist es nun freilich nicht getan. Es gilt einzusehen, daß wir einerseits nicht auf unseren Sünden sitzen bleiben können (14). Andererseits, daß der Gläubige an und für sich leer ist und Alles nur mit Gebet bekommt, auf daß ihn der Feind nicht verschlinge, Tod und Sünde ihn nicht ersticken (215). Wie geht’s aber dem Aufrichtigen mit dem Gebet? Er betet ohne Unterlaß, er weiß aber nicht, daß er es tut; er beschuldigt sich vielmehr, daß er es so wenig, ja gar nicht tut, auch nicht beten kann. Wo Leben ist, da ist ein fortwährendes Seufzen um Licht und Luft, ist im Verborgenen ein Schreien, ein Ächzen, ein Fragen, ein Anbeten, ein Jauchzen, ein Einhergehen vor dem Angesichte Gottes, in stummem Gespräche, aber laut im Herzen Tag und Nacht. Kann man wohl beten ohne sündige Gedanken? Nein, wir sollen aber darum nicht vom Gebete ablassen (215 f.). So ist das Gebet und schließlich nur das Gebet, das Leben, das himmlische im Anfange (220). «Darum, wenn ich sterbe — ich sterbe aber nicht mehr — und es findet jemand meinen Schädel, so predige es ihm dieser Schädel noch: Ich habe keine Augen, dennoch schaue ich ihn; ich habe kein Gehirn noch Verstand, dennoch umfasse ich ihn; ich habe keine Lippen, dennoch küsse ich ihn. Ich habe keine Zunge, dennoch lobsinge ich ihm mit euch Allen, die ihr seinen Namen anruft. Ich bin ein harter Schädel, dennoch bin ich ganz erweicht und zerschmolzen in seiner Liebe; ich liege hier draußen auf dem Gottesacker, dennoch bin ich drinnen im Paradies! Alles Leiden ist vergessen! Das hat uns seine große Liebe getan, da er für uns sein Kreuz trug und hinausging nach Golgatha. Amen» (Pass. Pred. 173 f.).

Das Dargebotene dürfte genügen als Beleg der eingangs aufgestellten Behauptung: hier ist ein Ton vernommen und aufgenommen, der von Hegel bis zu Vilmar, nein: von der Leibniz-Zeit bis auf jene Tage so nicht vernommen und aufgenommen war. Dieser Ton war identisch mit dem Ton, mit dem die Reformatoren jedenfalls immer wieder angefangen haben. Dieser Ton paßte schlecht: nicht nur zu der Art, wie man von Hegel bis zu Vilmar die Aufklärung vollendete und überwand, sondern schlecht auch zu der Voraussetzung der Aufklärung, die man von Hegel bis zu Vilmar unbesehen übernommen hatte, nämlich zu der Augustinischen Voraussetzung, daß es eine im Menschen feststellbare Wirkung Christi und des Heiligen Geistes gebe und daß das Christentum wesentlich von dieser feststellbaren göttlichen Wirkung aus zu verstehen sei. Dieser Ton mußte also mit unerhörtem Radikalismus die Frage stellen, ob nicht ein ganz neuer Ansatz der theologischen Problemstellung vonnöten sei. Kräftiger als irgend einer vor ihm und nach ihm im im 19. Jahrhundert hat Kohlbrügge die Reformations-Theolo­gie wieder auf den Plan geführt und damit den Protestantismus an seinen Ursprung, an sein Wesen erinnert. Sein Rückgriff auf diese Theologie unterscheidet sich von dem, was etwa ein Tholuck in derselben Richtung unternommen hat, zu seinem Vorteil 1. dadurch, daß er einer Integralerneuerung des reformatorischen Dogmas gerade in seinen schwierigsten Spitzen: Unfreiheit des Willens, doppelte Prädestination, forensische Rechtfertigung nicht aus dem Wege gegangen ist. Und 2. dadurch: daß sie eine zeitgemäße Erneuerung war, daß er diese reformatorischen Sätze in sinngemäßer Anwendung gegen die im Schatten der Reformation aufs neue sich ausbreitende Augustinische Christlichkeit richtet und der veränderten Lage entsprechend viel schärfer pointiert als die Reformatoren selbst vorgetragen hat.

Aber Kohlbrügges Schranken sollen auch nicht verschwiegen werden. Wenn er in dem einen Punkt, auf den ihm Alles ankam, in der Unerbittlichkeit des Verständnisses der Gnade als der freien und freibleibenden die Tiefe Calvins sicher erreicht und in jener alles Mißverständnis ausschließenden Präzision seiner Aussagen sogar übertroffen hat, so hat doch Calvin die Problematik des Verhältnisses von Gott und Mensch im Ganzen noch anders und besser durchschaut als Kohlbrügge. Kohlbrügge scheint doch gemeint zu haben, die christliche Wahrheit in einem eindeutigen Satz und also systematisch erfassen zu können. Darin ist auch er moderner Theologe. Calvin hat Probleme gesehen, wo Kohlbrügge (und das war die Schwäche in seiner Stärke) neben seinem einen Problem keine gesehen hat. Für Calvin verschwindet die Natur nicht neben der Gnade, und deutlicher als bei Kohlbrügge erhebt sich für ihn jenseits von Natur und Gnade, von Schöpfung und Versöhnung die Erlösung, die stille Ewigkeit der vita futura als der Auflösung des Rätsels, daß wir jetzt und hier leben als die Sterbenden, daß wir sterben, und siehe, wir leben. Ihm verschwindet der Gehorsam nicht im Glauben, die Heiligungsgnade nicht in der Rechtfertigungsgnade. Ihm bleibt das Gesetz als Korrelat des Evangeliums, als sinnvolles Wort Gottes an den in der Welt lebenden Menschen selbständig wichtig. Ihm verschwindet auch die Aufgabe der Kirche, in der ganzen Verdammlichkeit alles Irdischen auch ihres eigenen Wesens die Ehre Gottes auf Erden zu verkündigen, nicht in ihrem Sosein als Gemeinde der zu Boden geschlagenen und wieder aufgerichteten Sünder. Der Hund, um jenes drastische Bild nochmals aufzunehmen, kriecht bei Calvin nicht nur demütig zu seinem Herrn hin, sondern er kann und muß, wenn der Herr pfeift und kommandiert (ohne darum aufzuhören Caleb der Hund zu sein) aufspringen, bellen, nachjagen, packen und beißen. Es soll nicht gesagt sein, daß das Alles bei Kohlbrügge wirklich verschwindet, aber daß die Gefahr dieses Verschwindens droht, daß es in den Kreisen der Schüler Kohlbrügges gelegentlich sehr handgreiflich geworden ist, das ist nicht zu leugnen. Wo man bei Kohlbrügge nur oder fast nur ein Wort hört, da hört man bei Calvin regelmäßig zwei Worte, da findet bei ihm sinnreiche Unterscheidung und umsichtige dialektische Beziehung statt, da ist dem Worte Gottes eben darum freierer Lauf gelassen.

Damit sind wir schon bei dem Zweiten: daß von Kohlbrügge in bezug auf seine Stellung zur Bibel Ähnliches zu sagen ist wie von den Biblizisten Menken, Hofmann und Beck. Kohlbrügge stand auf dem Standpunkt einer strengen, durchaus nicht organischen, sondern wenn man will, recht mechanischen Inspirationslehre. Was ist die heilige Schrift? Antwort: Gottes Wort ganz und gar, von dem ersten Verse des ersten Buches Mose bis zum letzten Vers der Offenbarung Johannis (Fr. u. Ant. 3). Aber wieder ist Calvin als Bibelausleger zweifellos krampfloser, freier, offener, voraussetzungsloser als Kohlbrügge, bei dem man den Eindruck nicht los wird, daß er der Bibel, indem sie ihm gewaltig wurde, zugleich seinerseits Gewalt anzutun allzu fähig war. Etwas die Sicherheit dieses Exegeten Störendes scheint es in der Bibel nicht zu geben. Vom Römerbrief bis zum Buch Esther zeugt sie und muß sie zeugen von seiner eigenen Gnadenlehre. Und begegnet ihm eine auf den ersten Blick schwierige Bibelstelle wie Hebr. 12, 14: Jaget nach dem Frieden mit Allen und nach der Heiligung usf., so macht es Kohlbrügge nichts aus, durch die Übersetzung: Jaget… nach der Heiligung (nämlich dem Heiliggemachtsein) ohne welche wird niemand den Herrn sehen» den heiligen Text unmißverständlich zu machen (20 Pred. S. 160). Kohlbrügges Einsicht von der Souveränität und Freiheit Gottes müßte es ihm, so möchte man denken, erlaubt haben, dergleichen zu unterlassen und die Infragestellung jeder menschlichen Theorie, auch der seinigen, auch der reformatorischen, wie sie von der Bibel aus nun einmal stattfindet, ruhig zu anerkennen. Er würde dann wohl weniger als origineller Sektierer gewirkt haben, als dies leider weithin geschehen ist, und mehr als der Lehrer der Kirche, der er wirklich gewesen ist. Die Anbringung dieser Vorbehalte soll den Eindruck seiner These und ihrer Vertretung nicht abschwächen. Wir sind bei keinem einzigen von den hier besprochenen Theologen in die Versuchung gekommen, ihn am Maßstab eines Reformators zu kritisieren. Es bezeichnet Kohlbrügges Größe, daß dies bei ihm unvermeidlich ist.

Quelle: Karl Barth, Die Protestantische Theologie im 19. Jahrhundert: Ihre Geschichte und ihre Vorgeschichte, Zollikon-Zürich: Evangelischer Verlag 1947, S. 579-587.

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