In Erinnerung an Jacob Taubes (1923-1987)
Von Dieter Henrich
Seine großen, dunklen Augen ruhten niemals auf einem Ding. Immer war ein Flackern in ihnen, dem oft eine Bewegung um seinen verletzlichen Mund entsprach. Diese Augen wollten in Hintergründe durchdringen, aber aus einem Wissen von dem einst zugesprochenen Heil und ebenso von Verstrickungen und Abgründen. Überall suchte er einzuwirken oder ließ er sich ein. Denn erst im Dabeisein schien er sich auch der Durchsicht wirklich sicher zu sein. Der Rast- und Heimatlose wußte nicht oder konnte nicht verhindern, daß ihm so die Nähe der Vertrautheit immer versagt blieb. Aber von ihm ging jenes Feuer aus, das sich nur an weit ausgreifenden Gedanken entzündet. Und seine Rede ging stets darauf, alles und alle, die sich ihrer Kräfte in eng gezogenen Kreisen versicherten, dem Maß solcher Gedanken zu unterwerfen. Den Anspruch, unter den er sich so auch selbst stellte, hat er in dem, was er erarbeitete, nicht eingelöst. Aber er war bewährt in den Gesprächen, die er suchte und inspirierte und die er dann genoß, wenn in ihnen die Dimensionen von Weltverwicklungen und von historischem Geschick aufgeschlossen waren. So war ihm auch Hermeneutik anderes als eine Reflexion auf Auslegungsmethoden, über deren Erfindung und Gebrauch die Nachkriegsdeutschen seiner Generation danach getrachtet hatten, Klarheit und auch Exzellenz zurückzugewinnen. Er, der New Yorker Intellektueller und Rabbi in einer niemals ausgeglichenen Einheit war, begriff Hermeneutik aus einer ganz anderen Denkart: Aus der Antwort auf die Herausforderung, welche der bildentrückte Gott, der auch das nahe Ende unseres Daseins setzt, für jenes Denken aufrichtete, das aus Selbstbesinnung auf Theorie ausgreifen will. Von dieser Herausforderung sah er die Geschichte ihren Ausgang nehmen, die nun unser Verstehen ebenso orientiert wie beirrt. Und von ihr her bestimmte sich ihm die Bedeutung aller Bewegungen, welche diese Geschichte trugen oder bedrohten. Die Hermeneutik, auf die er drängte, muß also verstanden sein als ermöglicht und gefordert von eben dieser Geschichte selbst. Und darin entspricht sie auch ganz der Art seines Denkens und Nachfragens in den besten der Gespräche, die wir ihm verdanken. Paulus, dessen Gestalt ihm wie keine andere immer gegenwärtig war, hat sie in etwa so beschrieben: „Nie zögerlich im Eifer, erregt im Geiste, sich schickend in die Zeit“.
Quelle: Manfred Frank/Anselm Haverkamp (Hrsg.), Poetik und Hermeneutik, Bd. 13: Individualität, München: Fink, 1988, S. IX.
Danke für den Text! Taubes scheint im Moment öfters erwähnt zu werden — eine neue Biographie wurde gerade im April in der New York Review of Books rezensiert: https://www.nybooks.com/articles/2023/04/06/longing-for-reconciliation-jacob-taubes/
Michael Robertson (Augsburg)