Bernhard Häring über die Liebe: „Wir stehen vor der grandiosen Geschichte, die sich der Schöpferliebe Gottes verdankt und durch die heilende, verzeihende, befreiende Liebe Gottes durchhält. Gegenüber allen Formen verirrter, verfälschter Liebe weist Gott auf vielfältige Weise auf sein Lieben. Gott wirbt um die Liebe seines Volkes und aller Menschen. Nur auf diesem Hintergrund ist ein echtes Verstehen des Doppelgebotes der Liebe möglich.“

Liebe

Von Bernhard Häring

Das Wort des Apostels Paulus „Das Größte aber ist die Liebe“ (1 Kor 13,13) dürfte auch heute noch eine weltweite Zustimmung finden. Sobald wir uns jedoch fragen: „Was ist Liebe?“, könnte es bei sehr vielen Menschen zum verlegenen Ausweichen kommen wie bei dem Pilatus-Wort „Was ist Wahrheit?“ Das Wort Liebe ist im Alltag und in den einflußreichen Medien weithin zerredet, in verführerischen Zerrbildern angepriesen. Wir alle sind in Gefahr, an der Oberfläche stehenzubleiben.

1. Liebe im biblischen Zeugnis

Schon dem AT wird man nicht gerecht, wenn man einseitig von dem Liebesgebot ausgeht, so zentral dieses auch sein mag. Es ist vor allem Erzählen, narrative Theologie. Wir stehen vor der grandiosen Geschichte, die sich der Schöpferliebe Gottes verdankt und durch die heilende, verzeihende, befreiende Liebe Gottes durchhält. Gegenüber allen Formen verirrter, verfälschter Liebe weist Gott auf vielfältige Weise auf sein Lieben. Gott wirbt um die Liebe seines Volkes und aller Menschen. Nur auf diesem Hintergrund ist ein echtes Verstehen des Doppelgebotes der Liebe möglich. Es ist ganz und gar Paraklese, trostvolle Ermöglichung und Ermunterung im Blick auf Gottes eigene Initiative, auf das Angebot des Bundes der Liebe. [792]

Losgelöst von dieser Sicht und Erlebnisweise, ist das Gebot weder verstehbar noch erfüllbar. Die deutsche Übersetzung „Du sollst“ könnte irreführen. Zahlreiche moderne Sprachen, z. B. die italienische, treffen besser die futurische Form des Urtextes: Nach allem, was Gott für sein Volk, für uns alle getan hat, ist der Sinn des Hauptgebotes die tiefbegründete und ermutigende Erwartung Gottes: Also wirst du den Herrn, dessen Name Jahwe (Gott-mit-uns) ist, dementsprechend lieben: „aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und mit all deiner Kraft“ (Dtn 6,4). Es geht um das dankbare Bleiben im Bund, um die Herausbildung eines dankbaren Gedächtnisses. Diesem Kernanliegen dienen alle Feste (Bundesfeier) und alle biblischen Erzählungen.

Noch unübersehbarer als im AT ist die Zusammenfassung der gesamten Offenbarung und der Heilsgeschichte in der Liebe im NT herausgestellt. Wir sind aus Liebe und für das Lieben geschaffen, erlöst und geheiligt. So beschreibt Johannes die Sinnmitte der Erlösung: „Da Jesus die Seinen in der Welt liebte, so liebte er sie bis zum Ende“ (Joh 13,1). Im Leben der Jünger kommt schließlich alles auf das Bleiben in der Liebe Jesu an. „Bleibt in meiner Liebe“ (Joh 15, 9). Dies ist bleibende Teilnahme am innersten Leben des dreieinigen Gottes. „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt“ (Joh 15,9). Dieses Bleiben in der Liebe, diese Teilnahme am ewigen Fest der Liebe zwischen Vater und Sohn wird uns ermöglicht durch den Parákletos, den „Geist der Wahrheit“ (Joh 15,26), der das ewige und in die Geschichte hereinragende Ereignis der sich schenkenden Liebe zwischen Vater und Sohn ist. Er führt uns in das wahre Wesen der Liebe ein und ermöglicht uns das Bleiben in der Liebe und so auch das „Frucht tragen in der Liebe“ (Joh 15,8.16).

In diesem Lichte, im ständigen Hinblick auf Jesus, der die volle und letzt-[793]hinnige Verkörperung der Liebe ist und im Vertrauen auf den Hl. Geist, den Parákletos, erschließt sich uns die grandiose Phänomenologie der von Gott geschenkten, erlösten und erlösenden Liebe im 13. Kapitel des Ersten Korintherbriefes. Wie in den Seligpreisungen wir für jede einzelne Preisung den Namen Jesu einsetzen können, so auch wenn Paulus uns sagt, was die Liebe ist. Vom Lieben des Jüngers und von seinem Zeugnis für die Seligpreisungen ist all das nur aussagbar kraft seines Bleibens in der Liebe Jesu und der Ermöglichung durch den Hl. Geist, der das größte, wesenhafte Pfand der Liebe Gottes ist.

2. Spirituelle Dimensionen der Liebe

Das Wesen christlicher Spiritualität ist insgesamt verfehlt, wenn man Liebe nur als Gebot darstellt und gar dabei den Hl. Geist nur im Blick auf die Gnade zur Gebotserfüllung erwähnt. Entscheidend ist der Lobpreis der Liebe in ihrem absolut geschenkhaften Charakter. Die Schöpfer- und Erlöserliebe Gottes ist Ausfluß des sich liebenden Schenkens zwischen Vater und Sohn im Hl. Geist. Liebe ist mehr als Gebot. Sie ist das Urereignis, das Schöpfung und Erlösung in Gang gesetzt hat und in Gang hält. An die Spiritualität der Liebe kommt man auch nicht eigentlich heran, wenn man nur von Paränese spricht (Ermahnung). Der Schlüsselbegriff ist Paraklese im Blick auf den Parákletos. Jesus ist empfangen durch den Hl. Geist. In der Kraft des Hl. Geistes hat er sich uns am Kreuz geschenkt. Er sendet uns vom Vater den Parákletos, der uns in die Liebe Jesu und des Vaters und uns so in jegliche Wahrheit einführt.

Im Vertrauen auf den Parákletos können wir Jesus lieben lernen und mit Jesus den Vater, Mensch und Welt lieben. Nur der Geist macht uns zu condiligentes (Mitliebenden) Gottes, was ja Grund und Ziel der Schöpfung und Erlösung ist. Nur im Vertrauen auf den „Geist der Wahrheit“ kann der hl. Augustinus uns sagen, „Dilige et quod vis [794] fac“ (Zum ersten Johannesbrief 7,8: PL 35,2033). Die Übersetzung „Liebe und tu, was du willst“ ist irreführend. Augustinus spricht vom diligere, vom Wählen der wahren Liebe. Lernen wir unter dem Antrieb des Hl. Geistes Jesus, den Inbegriff der Liebe, kennen und lieben; ermöglicht uns der Paraklet das Mit-Lieben mit Jesus, dann er-fließt alles übrige daraus. Dann ist uns auch die Unzertrennbarkeit des Doppelgebotes der Gottes- und Nächstenliebe selbstverständlich. Dann werden wir weder uns selbst noch andere mit nackten Geboten überfallen. Die ganze christliche Moral und Spiritualität – und wir dürfen sie nicht voneinander trennen – wird zum ermunternden, begeisternden Zuspruch der Liebe durch Liebende im Blick auf das letzte Ziel: Mitfeier der dreieinigen Liebe Gottes.

Im Prozeß des „Jesus lieben und mit Jesus lieben Lernen“ (was ja das Kernstück christlicher Spiritualität ist) spielt die narrative Theologie eine große Rolle. Durch die eucharistische Gedächtnisfeier, durch die gesamte Liturgie, durch das Leben der Heiligen, auch durch unser eigenes Leben dürfen wir die Großtaten der Liebe Gottes und seiner Mitliebenden erzählen. So bildet der Tröster-Geist das dankbare Gedächtnis zum freudigen Tun der Liebe.

LITERATUR: J. Pieper, Über die Liebe (München 1972); J. B. Lotz, Die Drei-Einheit der Liebe. Eros – Philia – Agape (Frankfurt 1979); H. Rotter, Grundgebot Liebe: Mitmenschliche Begegnung als Grundansatz der Moral (Innsbruck – Wien 1983); R. Schnackenburg, Die sittliche Botschaft des Neuen Testaments, I: Von Jesus zur Urkirche (Freiburg 1986), II: Die urchristlichen Verkündiger (Freiburg 1988); B. Häring, Frei in Christus, bes. II: Der Weg des Menschen zur Wahrheit und Liebe (Freiburg 31980).

Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, Sp. 791-794.

Hier der Text als pdf.

3 Kommentare

  1. Ich bin katholisch, war als Jugendlicher bei den Pfadfindern, aber habe in meinem ganzen Leben noch niemals Gottes Liebe gespürt oder empfunden. Was man uns hier indoktrinieren möchte durch die Manipulation der Kirche ist eine Lüge und ich hoffe, dass auch andere Menschen dies durchschauen. Der gesamte Gottglaube ist von Anfang an gefälscht und wir sind Gläubige per Taufschein, die sich damals nicht wehren konnten. Lass das Lügen und komm wieder auf die Erde, dann geht es auch dir besser ..

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