Herr. Hermeneutische Überlegungen
Von Hans Bietenhard
1) Wer in den deutschen Bibelübersetzungen das AT liest, trifft auf das Wort »Herr«, wenn von Gott die Rede ist. Die Übersetzungen haben damit eine Lesart des Judentums übernommen; sie sind nicht dem Grundtext selber gefolgt, in dem jeweils der Eigenname Gottes, JHWH, steht, mit dem er sich seinem Volk offenbart hat, und unter dem er angerufen werden wollte. Aus Scheu, den Namen Gottes zu mißbrauchen oder zu verunehren, hat schon das hebr. sprechende Judentum nicht »Jahwe« gelesen, sondern »Adonaj«, was «Herr« bedeutet. Als der Bibeltext mit Vokalzeichen versehen wurde, sind dann zu den Konsonanten von JHWH die Vokalzeichen für Adonaj gesetzt worden. Aus dieser Vokalisation ergab sich in Unkenntnis ihrer Entstehung die Namensform »Jehova« — ein Wort und eine Gottesbezeichnung, die es nie gegeben [945] hat. Die LXX ist dem Brauch des hebr. Judentums gefolgt und hat nicht JHWH gesagt, sondern Kyrios, Herr, was spätere Übersetzungen übernahmen. Sie hat damit freilich verdeckt, daß Gott einen Namen hat.
Nun wäre gegen diese Wiedergabe von JHWH mit »Herr« so lange nichts einzuwenden, als die biblische Substanz in diesem Wort gegenwärtig ist, solange man also weiß: Mit »Herr« ist der lebendige Gott gemeint. Indessen hat die Entwicklung der deutschen Sprache dazu geführt, daß nicht nur Gott »Herr« genannt wurde, sondern auch weltliche und kirchliche Obere und Machthaber aller Art – bis hin zum »Pfarrherrn«. Das Wort »Herr« hat also seinen urspr. Sinn und seine Bedeutungsfülle längst verloren. Es ist zur Anrede für jeden beliebigen männlichen Zeitgenossen geworden. Die Sprache hat an diesem Punkt einen Verlust an Sinn und Substanz erlitten, der sich auch auf die Verkündigung der Kirche auswirkt. Etwas vom ursprünglichen Gehalt des Wortes hat nur seine Femininform behalten: »Herrin« ist auch in der Alltagssprache etwas anderes als »Herr«.
Bei E. Wiechert, Jerominkinder (zitiert bei F. Melzer, Das Wort in den Wörtern, 215) heißt es: »Ich wundere mich, Jeromin, daß die Sprachforscher auf solche Dinge so wenig achten. Früher hieß nur einer der »Herr«, und das war Gott. Können Sie sich denken, daß man »Herr Moses« oder »Herr Abraham« sagte? Und dann ging es auf die Könige über, und dann auf den Edelmann, und heute ist der Pedell an der Alma Mater ein Herr … Es gibt zuviel Herren auf dieser Erde, Jeromin. Deshalb ist es so herrlich, und deshalb wird es kein gutes Ende mit ihr nehmen.« [Ernst Wiechert, Die Jeromim-Kinder, Bd. 2, 1947, Kapitel 7]
Man muß sich also darüber klar sein, daß wir dem modernen Menschen keineswegs etwas Eindrückliches, ihn Bewegendes sagen, wenn wir in der Predigt Gott oder Christus als den »Herrn« bezeichnen. Das Wort ist noch zusätzlich dadurch entwertet worden, daß man in halb- oder pseudoreligiöser Redeweise von Gott als dem »Herrgott« spricht. Dabei bleibt zwar unklar, was für ein Gottesbegriff solcher Redeweise zugrunde liegt, aber die Vokabel »Herrgott« dürfte einen ganzen Komplex von Gedanken, Gefühlen und Stimmungen allgemein religiöser oder humanistischer Art decken, unter denen sich auch Erinnerungen oder Restbestände aus der christl. Botschaft befinden. Oder handelt es sich einfach um einen neuheidnischen Götzen, unter dem jeder etwas anderes und die meisten nichts verstehen? Jedenfalls hat dieser »Herrgott« eine ebenso auffällige wie bedenkliche Nähe zum »Baal« des AT, und »Baal« bedeutet ja nun auch »Herr«!
Zur Entleerung des biblischen Verständnisses von »Herr« hat nicht zuletzt auch die scheinbar so fromme Redeweise vom »Herrn Jesus« beigetragen. Auch sie läßt wenig sichtbar werden vom Gehalt des ntl. Bekenntnisses »Jesus Christus ist Herr«. Ist sie nicht vielmehr zu einer plump-vertraulichen, verharmlosenden und süßlich-sentimentalen Floskel geworden, die sowohl den ernsthaft suchenden Menschen wie den Außenstehenden abstößt?
Alldem gegenüber hat die Predigt die Aufgabe, den biblischen Gehalt der Rede von Gott oder Christus als dem »Herrn« herauszustellen; des in Jesus Christus sich offenbarenden Gottes als Schöpfer, Herrscher, Richter und Vollender der Welt, der Menschheit und ihrer Geschichte. Jesus Christus, der am Kreuz Gestorbene, der Auferstandene, als Herr seiner Gemeinde, der Augen hat wie eine Feuerflamme und aus dessen Mund ein scharfes, zweischneidiges Schwert geht (Offb 1,14.16), der ihr gebietend, richtend und tröstend gegenübertritt. Christus als Herrscher über alle sichtbaren und unsichtbaren Mächte der Schöpfung; Christus als der Wiederkehrende, der seine Gemeinde vollenden wird, und der auch Gottes Heilsplan mit der Welt vollendet. Er hat diesen Anspruch, der Herr zu sein, erworben durch seinen Dienst der Selbsthingabe bis zum Tod am Kreuz. In ihm sehen wir, was »Herr« wirklich ist und meint: der Herr als Knecht und Diener aller (Mk 10,45; Phil 2,5-11). Ob wir nun Gott oder Christus als Herrn bezeichnen oder ob wir ihm einen anderen Hoheitstitel geben, es geht darum, [946] eine Ausdrucksweise zu finden, an der sichtbar wird, daß wir ihm Ehre erweisen, ihn anerkennen als den, der unser Leben und das Leben der Welt allein gültig und legitim bestimmt. Der Herrenname stellt eine Relation her, eine verbindliche und verpflichtende Beziehung zwischen dem, der ehrt, und dem, der geehrt wird. Es muß der Verkündigung darum zu tun sein, auch in neu zu suchenden Umschreibungen dieses Gefälle unübersehbar zu machen und nicht etwa bloß partnerschaftlich zu überdecken.
Indem diese biblischen Linien betont werden, ergibt sich eine Abgrenzung gegenüber alledem, was sich heute als »Herr« gebärdet, d.h. was Anspruch auf Führung und Bestimmung der Menschen erhebt: Gedanken, Ideen, Ideologien, Philosophien, Parteiprogramme, Managertum und Technokratie, »Ismen« aller Art und Herkunft, die sich als Mittel der Lebensbewältigung anbieten, — bis hin zu den politischen »Führern«, die mit Heilsverheißungen auftreten. All dies ist in seiner Vorläufigkeit herauszustellen und zu entlarven, bes. dann, wenn es sich als absolut und endgültig gebärdet, indem es den Menschen mehr an Macht und Möglichkeit — und d.h. an »Herr«-Sein — beimißt und zutraut als dies möglich ist, wenn alle Gewalt im Himmel und auf Erden in eine Hand gegeben ist.
Quelle: Lothar Coenen/Klaus Haacker (Hrsg.), Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, Wuppertal: R. Brockhaus Verlag-Neukirchener Verlag, 1997, 944-946.