Von Blaise Pascal
Jesus leidet in der Passion die Qualen, die ihm Menschen bereiten; in der Agonie aber leidet er die Qualen, die er sich selbst schafft: turbare semetipsum.[1] Das ist eine Pein, nicht von menschlicher, sondern allmächtiger Hand, denn allmächtig muß sein, wer sie erträgt.
Etwas Trost wenigstens sucht Jesus bei seinen drei treuesten Freunden, doch sie schlafen; er bittet sie, ihm nur ein wenig beizustehen, doch völlig leichtfertig lassen sie ihn im Stich; so wenig leiden sie mit ihm, daß es sie nicht einmal einen Augenblick am Schlafen zu hindern vermag. Und so war Jesus einsam dem Zorn Gottes ausgeliefert.
Einsam ist Jesus auf Erden. Nicht nur, daß niemand seine Qualen mitfühlt und teilt, sondern niemand weiß auch nur von ihnen: der Himmel und er allein wissen darum.
In einem Garten ist Jesus, nicht in einem der Wonne wie der erste Adam; der dort sich und das ganze Geschlecht der Menschen verdarb, sondern in einem der Qualen, in dem er sich und das ganze Menschengeschlecht erlöst hat.
Diese Qual und diese Verlassenheit leidet er in den Schrecken dieser Nacht.
Ich glaube, außer diesem einen Mal beklagte sich Jesus niemals; nun aber klagt er, als habe er seinen übergroßen Schmerz nicht ertragen können: »Meine Seele ist betrübt bis in den Tod.«
Gemeinschaft und Linderung sucht Jesus bei den Menschen. Das, scheint mir, ist einmalig in seinem Leben. Aber er findet sie nicht, denn seine Jünger schlafen.
Bis an das Ende der Welt wird die Agonie Jesu dauern: nicht schlafen darf man bis dahin.
Als Jesus inmitten dieser allgemeinen Verlassenheit und verlassen von seinen Freunden, die er, mit ihm zu wachen, erwählte, sie schlafend findet, erzürnt er sich, nicht wegen der Gefahr, der sie ihn, sondern der, der sie selbst sich aussetzen; und er belehrt sie voller Freundschaft und Sanftmut trotz ihres Undanks über ihr eignes Heil und belehrt sie, daß der Geist willig und das Fleisch schwach sei.
Als Jesus sie wieder schlafend findet, ohne daß seine oder ihre eigne Mahnung sie hätte hindern können, ist er so gütig, sie nicht zu wecken, und erläßt sie schlummern. Jesus betet in der Ungewißheit über den Willen des Vaters, und er fürchtet den Tod; als er ihn aber erkannt hat, geht er hinaus, sich ihm zu stellen: Eamus.[2]Processit (Johannis).[3]
Jesus hat die Menschen gebeten, und sie haben ihn nicht erhört.
Während seine Jünger schliefen, hat Jesus ihr Heil gewirkt. Er hat es für jeden Gerechten gewirkt, während sie schliefen, sowohl in dem Nichts vor ihrer Geburt, als in den Sünden seit ihrer Geburt.
Nur einmal betet er, daß der Kelch an ihm vorübergehe, und das voller Ergebenheit, und zweimal, daß es geschehe, wie es sein müsse.
Jesus in Trübsal.
Als Jesus sieht, daß alle seine Freunde schlafen und all seine Feinde wach sind, überantwortet er sich völlig seinem Vater.
Jesus sieht in Judas nicht die Feindschaft, sondern die Anordnung Gottes, den er liebt und bekennt; so wenig sieht er die Feindschaft, daß er Judas Freund nennt.
Jesus entreißt sich seinen Jüngern, um in den Todeskampf einzugehen; den Nächsten und Vertrautesten muß man sich entreißen, um ihm nachzuleben.
Jesus war in der Agonie und den größten Qualen, – beten wir länger.
Wir erflehen die Barmherzigkeit Gottes, nicht damit er uns in unsern Lastern in Ruhe lasse, sondern uns von ihnen befreie.
Gäbe uns Gott selbst die Gebieter, o wie bereitwillig würde man ihnen gehorchen müssen! Notwendigkeit und Ereignen sind dann unweigerlich [verbunden], »Tröste dich, du suchtest mich nicht, wenn du mich nicht gefunden hättest.
»An dich dachte ich in meiner Agonie, jene Tropfen Blut hab ich für dich vergossen.
»Das heißt, mich eher versuchen als dich erweisen, wenn du denkst, ob du dieses und jenes noch nicht Seiende richtig tun wirst; ich werde es in dir wirken, wenn es da sein wird.
»Lasse dich von meinen Vorschriften leiten, siehe, wie ich die Jungfrau und die Heiligen führte, die mich in ihnen handeln ließen.
»An allem, was ich wirke, hat der Herr Gefallen.
»Willst du, daß ich immer das Blut meiner Menschlichkeit zahle, ohne daß du Tränen dafür gibst?
»Meine Sache ist die Bekehrung, fürchte nichts und bete mit Vertrauen wie für mich.
»Ich bin für dich gegenwärtig durch mein Wort in der Schrift, durch meinen Geist in der Kirche und in den Erleuchtungen, durch meine Macht in den Priestern, durch mein Gebet in den Gläubigen.
»Die Ärzte werden dich nicht heilen, denn am Ende wirst du sterben. Ich bin es, der dich heilt und den Körper unsterblich macht.
»Leide die Ketten und die Knechtschaft des Körpers; vorerst befreie ich dich nur von denen des Geistes.
»Ein besserer Freund bin ich dir als dieser und jener, denn mehr habe ich getan als sie; sie würden nicht leiden, was ich für dich gelitten habe und nicht, während du treulos und grausam bist, für dich sterben, wie ich es getan habe und bereit bin, zu tun, und es tue in meinen Erwählten und in dem heiligen Sakrament. »Kenntest du deine Sünden, so würdest du verzagen.« – Ich werde verzagen, Herr, denn ich glaube ihre Niedertracht auf dein Wort. –
»Nein, denn ich, der ich dich belehre, kann dich von ihnen heilen, und daß ich es dir sage, ist ein Zeichen, daß ich dich heilen will. In dem Maße, in dem du sie auslöschst, wirst du sie kennen, und es wird dir gesagt werden: ‚Siehe die Sünden, die dir vergeben sind.‘ Tue also Buße für deine verborgenen Sünden und für die versteckte Bosheit derer, die du kennst.«
Herr, ich gebe dir alles.
»Mehr liebe ich dich, als du deine Befleckung geliebt, ut immundus pro luto.[4]
»Mein ist der Ruhm, nicht dein, Wurm und Erde. Trage deinen Beichtiger, wenn meine eignen Worte dir Anlaß zum Bösen, zur Eitelkeit oder zur Neugierde sind.«
Einen Abgrund des Stolzes, der Neugierde und der Begierde sehe ich in mir. Keine Beziehung zwischen mir und Gott gibt es, noch mit Jesus Christus, dem Gerechten. Aber durch mich ist er sündig geworden; all deine Geißelhiebe sind auf ihn gefallen. Erbärmlicher ist er als ich, und statt mich zu verabscheuen, ist es ihm Ehre, daß ich zu ihm gehe und ihm helfe.
Er aber hat sich selbst geheilt, und mich wird er mit mehr Grund heilen.
Meine Schwären muß ich den seinen hinzufügen und mich ihm vereinen, und er wird mich retten, da er sich selbst errettet. Aber zukünftig darf man keine mehr hinzufügen.
Eritis sicut dii scientes bonum et malum.[5] Ein jeder spielt Gott, wenn er urteilt: das ist gut oder schlecht, und sich zu sehr betrübt oder freut ob der Geschehnisse.
Das Geringe wie das Große tun, weil die Herrlichkeit Jesu Christi es in uns wirkt und er unser Leben lebt, und das Große als gering und leicht achten, weil er allmächtig ist.
Quelle: Blaise Pascal, Über die Religion und über einige andere Gegenstände (Pensées), übertragen und herausgegeben von Ewald Wasmuth, Tübinger Verlagshaus 1948, Fr. 553, S. 245-249.
[1] Und betrübte sich selbst. Johannes XI, 23, 33.
[2] »Laßt uns gehen.« Matth. XXVI, 46.
[3] »Ging er hinaus.« Joh. XVIII,2.
[4] Wie einer, der von Schlamm unrein war.
[5] Und werdet sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist. 1. Mos. III, 5.