Rudolf Bohren über Empfangen und Offenheit: „Empfangen und Offenheit können als geschöpfliche Grundhaltungen bezeichnet werden, die sich in der Gebärde der leeren und offenen Hände widerspiegeln. Darin steckt zum einen das zutiefst kreative Wissen um die eigene Abkünftigkeit, Bedürftigkeit, Unsicherheit und Angewiesenheit, das bei sich und anderen Kräfte und Möglichkeiten erwecken und freisetzen kann.“

Empfangen/Offenheit

Von Rudolf Bohren

1. Empfangen und Offenheit können als geschöpfliche Grundhaltungen bezeichnet werden, die sich in der Gebärde der leeren und offenen Hände widerspiegeln. Darin steckt zum einen das zutiefst kreative Wissen um die eigene Abkünftigkeit, Bedürftigkeit, Unsicherheit und Angewiesenheit, das bei sich und anderen Kräfte und Möglichkeiten erwecken und freisetzen kann, zum anderen aber auch die Geste der Bitte, der Hoffnung, der Erwartung, der Sehnsucht und der Anbetung, die sich an einen Schenkenden und Liebenden richtet.

In dieser Haltung lebt, steht und tritt die Menschheit Gott als ihrem Herrn und Schöpfer gegenüber. Ihre Existenz ist Existenz im Dialog, in Schenken und Geschenk, in Geben und Gabe. Dieses Daseinsgesetz kehrt in vielen Repräsentanten der Menschen, Äußerungen und Situationen des Menschseins wieder. Es erweist sich als geradezu konstitutiv für das Wunder der Schöpfung, des Heils, des Geistes und der Gnade.

2. Offenheit ist Voraussetzung für das Empfangen und allemal ein Wunder. Der Lydia tat der Herr das Herz auf (Apg 16,14), dem Taubstummen die Ohren (Mk 7,34 f), beim Brotbrechen Jesu gingen den Jüngern die Augen auf (Lk 24,31). Ihnen öffnet er die Schrift (Lk 24,45). Um das Wunder der Offenheit wird gebetet – auch und [289] gerade in der Fürbitte (2 Kön 6,17; 2 Makk 1,4): Im Gebet fängt das Wunder der Offenheit schon an.

Maria ist als Mutter Jesu die Empfangende, und ihr Sohn lebt im Empfang: irdischer Auftrag (Joh 10,18) wie Macht als Weltherrscher (Joh 3,35)! Im Geist nimmt er die Seinen in sein Empfangen hinein, wie denn auch der Geist nur empfangen werden kann. Während nach Matthäus der Weltenrichter sich mit dem Geringsten identifiziert, der aufzunehmen ist, mit dem Fremden und Obdachlosen (Mt 25,35c) und mit dem Kind (Mt 18,5), reden andere Zeugen unisono vom Empfangen des Geistes (Apg 1,8; 2,38; 10,47; 19,2; Joh 7,39; 20,22; Röm 8,15; 1 Kor 2,12; Gal 3,2.14). Zum Medium des Empfangens wird das Bitten (Mt 7,7 f). In der Zukunft des kommenden Christus aber setzt sich das Empfangen fort als Lohn (1 Kor 3,8.14) und als Gerichtsurteil (Mk 12,40).

3. Wird in der ambrosianischen Liturgie erstmals die Empfängnis Jesu durch das Ohr der Maria gefeiert, ist damit ein Paradigma gegeben: Die Christen empfangen den im Geist gegenwärtigen Christus durch das Ohr; in Dankbarkeit und Gehorsam aber wird das Em­pfangen bewahrt. Die quietistische Mystik hat zwar die passive Seite des Empfangens er­kannt, – etwa im Bild der Blume, die allein in der Kraft der Sonne schön wird (Tersteegen) –, aber die sozialen Bezüge z. T: vergessen, in die der Geist die Christen einweist.

LITERATUR: R. Bohren, Daß Gott schön werde (München 1975).

Quelle: Christian Schütz, Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, Sp. 289-291.

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