Dass Jesu Auferstehung von den Toten untrennbar mit der Menschwerdung des Gottessohnes verbunden ist, davon handelt Martin Luthers Predigt über das Osterevangelium Markus 16,1-8 vom 13. April 1533. Ohne Nizänum (bzw. Chalcedonense) ist für Luther keine Osterpredigt möglich:
Predigt am heiligen Ostertag über das Evangelium Markus 16,1-8 (1533)
Von Martin Luther
Dem barmherzigen, ewigen Gott zu Lob und Ehre wollen wir jetzt predigen und hören von der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Das ist auch richtig so, dass man diesen Glaubensartikel an diesem Fest predigt und behandelt, denn die Zeit verlangt danach, und die für dieses Fest vorgesehenen Evangeliumstexte handeln genau von diesem Ereignis. Man sollte sich besonders darum bemühen, diesen Artikel zu predigen und zu lehren, weil unser Höchstes und Größtes daran hängt – nicht nur in diesem gegenwärtigen Leben, sondern auch im zukünftigen. Außerdem soll man diesen Artikel nicht nur deshalb behandeln, weil er nützlich und gut ist, sondern auch, damit Gott gelobt und geehrt wird, damit es doch wenigstens einige Menschen auf Erden gibt, die es ernsthaft hören und unserem Herrn Christus für sein Leiden und seine Auferstehung danken. Denn Gott liebt es, wenn man daran denkt und immer wieder davon predigt.
Man kann es gar nicht oft genug predigen und hören, denn man kann es nie genug begreifen. Wir predigen nichts Neues, sondern predigen immer und ohne Unterlass von dem Mann, der Jesus Christus heißt, wahrer Gott und Mensch, gestorben für unsere Sünden und auferweckt um unserer Gerechtigkeit willen. Aber selbst wenn wir das immer predigen und lehren, werden wir es doch niemals völlig begreifen können; wir bleiben immer Säuglinge und kleine Kinder, die zwar reden hören, aber selbst kaum halbe, ja kaum viertel Worte zustande bringen.
Darum wollen wir auch jetzt davon reden, weil unser Höchstes daran hängt. Es ist auch unsere größte Aufgabe, euch bei diesem Artikel zu erhalten und, wenn wir sterben, euch diesen Schatz zu hinterlassen. Denn es ist leider offensichtlich, dass, wenn wir, die wir jetzt predigen, gestorben sind, Rottengeister und Schwärmer kommen werden, die niederreißen, verderben und zerbrechen, was wir aufgebaut haben. Schon jetzt predigt und hört man unter dem Papsttum nichts mehr davon. Darum soll nun jeder, weil Erntezeit ist, und jeder soll kaufen, weil der Jahrmarkt vor der Tür steht, und diesen Artikel recht gut begreifen – man kann ihn ja nie genug begreifen. Ich kann mich nicht rühmen, dass ich ihn genug begriffen hätte und so verstünde, dass ich nichts mehr dazulernen müsste, obwohl ich schon ein Doktor bin. Es ist auch sehr wichtig, dass man diesen Artikel gut einübt, damit man ihn nicht vergisst; denn dieser Artikel muss uns erhalten, wenn der Tod kommt; ja, dieser Artikel erhält die christliche Kirche.
Die lieben Apostel bemühen sich sehr, den Nutzen und die Frucht von Christi Auferstehung tief einzuprägen. Die Evangelisten aber – auch wenn sie den Nutzen nicht so betonen wie die Apostel – beschreiben doch sorgfältig das Geschehen. Denn die Aufgabe eines Evangelisten ist es, das Geschehen zu beschreiben, genauso wie die Aufgabe eines Apostels ist, es auszulegen, damit man weiß, welchen Nutzen und welche Frucht das Geschehen bringt. Wir wollen beides betrachten: erstens das Geschehen selbst, und dann zeigen, was seine Kraft und Frucht ist.
Was das Geschehen betrifft, so ist es so abgelaufen: Christus ist am Gründonnerstag Abend, nachdem er vom Abendmahl aufgestanden und in den Garten gegangen war, von Judas dort verraten, von den Juden gefangen und von einem Hohenpriester zum anderen geführt worden, bis sie schließlich ein Ende machten und ihn dem Pilatus, dem Landpfleger, der die Gerichtsbarkeit hatte, übergaben.
Als es dann ungefähr die dritte Stunde des Tages war, wurde das Urteil über ihn gefällt, und er wurde zur Hinrichtung geführt und gekreuzigt. Um die sechste Stunde, also um Mittag oder etwas später, kamen das Erdbeben und die Sonnenfinsternis. Danach, um die neunte Stunde, das ist ungefähr drei Stunden vor Sonnenuntergang, ist Christus am Kreuz gestorben.
Denn Markus teilt die Stunden und die Zeit so ein; die anderen Evangelisten geben es nicht so genau an.
In unserem Glauben steht aber: Christus sei am dritten Tage auferstanden. Das ist etwas anderes, als wenn es hieße „nach drei Tagen“. Denn der Herr Christus ist nicht drei ganze Tage und Nächte tot gewesen; sondern am Freitag, ungefähr drei Stunden vor der Nacht, ist er gestorben, wie gesagt. Diese drei Stunden nennt man den ersten Tag. Danach die ganze Nacht und den ganzen Tag des Sabbats lag er auch tot im Grab; und nach dem Sabbat die Nacht bis zum folgenden Morgen. Dieselbe Nacht zählt man auch als einen Tag. Denn die Juden beginnen den Tag mit der Nacht, und bei ihnen sind Nacht und Tag zusammen ein ganzer Tag. Wir machen es umgekehrt und machen aus Tag und Nacht einen ganzen Tag.
Als es nun am Sonntag (also am dritten Tag vom Freitag an, als Christus gekreuzigt wurde) sehr früh war, sodass die Morgenröte gerade heraufziehen will, und die Soldaten um das Grab herumlagen, da erhebt sich der tote Christus in ein neues und ewiges Leben und steht von den Toten auf, ohne dass die Soldaten, die um das Grab liegen, etwas von dieser Auferstehung merken. Christus aber ist durch das verschlossene Grab und ohne jede Beschädigung der Siegel, die an das Grab gedrückt waren, hindurchgegangen – genauso wie er am selben Abend durch die verschlossene Tür zu den Jüngern kam.
Es kamen nämlich Engel vom Himmel herab, nahmen den Stein vom Grab weg, und die Erde bebte. Darüber erschraken die Soldaten so sehr, dass sie wie tot dalagen. Sobald sie aber wieder zu sich kamen, liefen sie in alle Richtungen vom Grab davon. Denn der Engel war nicht gekommen, damit sie sich über ihn freuen sollten; sondern sie sollten vor ihm erschrecken und sich fürchten. Es gab aber andere Leute, die der Engel trösten und denen er freundlich zusprechen sollte. Während nun die Soldaten vom Grab weglaufen, machen sich Maria Magdalena, Maria Jacobi und Salome, sowie Petrus und Johannes auf den Weg, um nach dem Grab zu sehen. Da tröstet und unterrichtet der Engel die Frauen: Christus sei nicht mehr da, er sei auferstanden, und sie sollen ihn in Galiläa sehen. Und er befiehlt ihnen, schnell hinzugehen und es seinen Jüngern zu verkündigen. Als sie nun auf dem Heimweg sind, begegnet der Herr Christus der Maria Magdalena in der Gestalt eines Gärtners. Zugleich, wie Johannes berichtet, erscheint er auch dem Petrus. Und gegen Abend kommt er zu den zwei Jüngern, die nach Emmaus gingen, und offenbart sich ihnen, als er das Brot brach. Als nun dieselben zwei Jünger schnell nach Jerusalem zurücklaufen, um den anderen zu verkündigen, was ihnen begegnet ist und dass sie den Herrn gesehen haben, und die sich darüber wundern und doch noch nicht alle glauben können, kommt Jesus durch die verschlossene Tür und steht mitten unter ihnen, Johannes 20. So viel hat sich am heiligen Ostertag mit der Offenbarung unseres lieben Herrn Christus zugetragen, wie man aus den Evangelisten ersehen kann. Es ist deshalb notwendig, dass man das gut weiß; denn es ist ein Artikel unseres Glaubens, an dem sehr viel gelegen ist, wie wir noch hören werden.
Bei der Geschichte, dass Christus von den Toten auferstanden ist, muss man genau hinschauen und die Auferstehung Christi unterscheiden von der Auferstehung des Lazarus und aller Menschen, die es von Anfang der Welt gegeben hat und bis zum Ende geben wird. Lazarus wurde auferweckt, als er vier Tage im Grab gelegen hatte, und er und alle Menschen werden am Jüngsten Tag auferstehen. Aber diese Auferstehung ist nichts im Vergleich zu der Auferstehung Christi. Denn vom christlichen Glauben heißt es über die Auferstehung Christi: Ich glaube an Jesus Christus … am dritten Tage auferstanden von den Toten. Von Lazarus und anderen sagt der christliche Glaube nicht: Ich glaube an Lazarus, auferstanden von den Toten. Und die Schrift sagt, Apostelgeschichte 2,24: Es war unmöglich, dass er vom Tode festgehalten würde.
Und ich rede jetzt nicht davon, wie die Auferstehung Christi sich von der Auferstehung anderer unterscheidet, was die Kraft und Frucht der Auferstehung Christi betrifft; sondern dass sie allein schon vom Ablauf her völlig anders ist als die Auferstehung anderer, genauso wie auch das Leiden und Sterben Christi anders ist. Denn hier stirbt nicht Lazarus, nicht ein Prophet, nicht ein Apostel, nicht Johannes der Täufer; sondern der, von dem die Schrift bezeugt, dass er wahrhaftiger Gott und Mensch ist in einer Person, und ohne alle Sünde, unschuldig, untadelig, heilig und rein, voll Gnade und Wahrheit – das gilt schon für seine Menschheit, ganz zu schweigen von seiner Gottheit.
Darum ist hier eine wunderbare Auferstehung. Wenn du die Person betrachtest, siehst du auch einen großen Unterschied zwischen der Auferstehung Christi und der des Lazarus. Denn in Christus siehst du den lieblichen und tröstlichen Kampf, den du bei anderen Personen nicht siehst: wie Tod und Teufel Christus angreifen und ihr Glück an ihm versuchen und doch nichts gewinnen. Tod und Teufel sehen Christus an wie Lazarus, Jesaja oder einen anderen Propheten und denken: Wir haben jene alle gefressen und verschlungen, so groß und mächtig sie auch waren; wir wollen diesen auch fressen und verschlingen, er soll uns nur ein kleiner Happen sein. Aber da kommen der Tod und der Teufel an den Richtigen; denn sie stoßen auf einen Menschen, der nicht sterben konnte und nicht sterben sollte. Sterben konnte er nicht wegen seiner Gottheit; denn es ist unmöglich, dass Gott stirbt. Sterben sollte er nicht wegen seiner Menschheit; denn er war ein solcher Mensch, an dem keine Schuld war und auf den der Tod keinen Anspruch hatte.
Auf uns Menschen alle hat der Tod einen Anspruch, auch auf Johannes den Täufer und alle Heiligen, wie St. Paulus lehrt, Römer 5,12: Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und der Tod durch die Sünde, und so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben. Aber auf Christus hat er keinen Anspruch. Darum greift er unrechtmäßig an ihm zu. Das merken der Tod und der Teufel aber zunächst nicht, dass sie eine solche Person vor sich haben, die nicht sterben kann noch soll. Darum laufen der Tod und der Teufel, die sonst die ganze Welt verschlingen, zusammen – und Christus, den er nicht verschlingen kann. Tod und Teufel kommen mit aller Macht und versuchen ihr Bestes. Christus nimmt weder Schwert noch Rüstung noch Gewehr noch Waffen; sondern hält einfach still und lässt den Teufel mit der Sünde und den Tod auf sich zulaufen und zustoßen, rührt keinen Finger an, sondern lässt sich schlagen, wie man will; und mit diesem Stillhalten überwindet er Sünde, Tod, Teufel und Hölle.
Davon spricht St. Paulus, Kolosser 2,15: Christus hat die Fürstentümer und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und einen Triumph aus ihnen gemacht, durch sich selbst. Durch sich selbst, sagt er, hat Christus seine Feinde überwunden, ausgeraubt und geplündert. Er hielt dem Tod und Teufel seine Menschheit hin und ließ sie auf dieselbe einhauen und einstechen, ließ sich ans Kreuz schlagen und schlug nicht zurück, ließ sich töten und litt das geduldig. Als nun der Tod und Teufel ihr Bestes getan und Christus getötet hatten, haben sie zwar die Menschheit getötet. Aber die Person lebt, die zugleich Gott und Mensch ist, wie unser christlicher Glaube bezeugt. Weil aber die Person ewig ist und nicht sterben kann, muss auch die Menschheit, selbst wenn sie von Tod und Teufel getötet wird, nicht im Tode bleiben, sondern ewig leben und herrschen.
Tod und Teufel haben der Person nur eine Wunde zugefügt, aber sie nicht überwältigen können: sie schlugen nur auf die Menschheit ein, aber die Gottheit konnten sie nicht treffen.
So ist nun die Geschichte der Auferstehung, von der das Osterfest berichtet und die heiligen Evangelisten schreiben, mit dieser Person geschehen, die zugleich Gott und Mensch ist und die weder sterben konnte noch sterben sollte. Diese Person, Gott und Mensch, vom heiligen Geist empfangen, von der Jungfrau geboren, auf Erden gewandelt und im Äußeren wie ein anderer Mensch erfunden, hat den Teufel und Tod betrogen. Denn der Tod musste verschlungen werden. Der Teufel ist wohl mit Schrecken, Gesetz und Tod eingefallen; aber weil er die Person angegriffen hat, die er nicht hätte angreifen sollen, muss der Tod daniederliegen und der Teufel dieser Person unter die Füße fallen. Der Teufel hat samt dem Tod zwar all sein Gift und seinen Zorn ausgegossen; aber er hat da nicht die richtige Person getroffen, die er hätte überwältigen können. Bisher haben der Teufel und Tod immer die Richtigen getroffen, die sie überwältigen und fressen konnten, denn sie hatten ein Recht an ihnen, weil sie Sünder waren; aber hier haben sie nicht die richtige Person getroffen, denn sie haben kein Recht an ihr, weil sie gerecht, unschuldig, rein und ohne alle Sünde war, dazu ewig und unsterblich.
Christus hat dem Teufel den Bauch und dem Tod das Maul zerrissen – nicht nur deshalb, weil er nicht sterben sollte, sondern auch, weil er nicht sterben konnte. Sünde, Tod und Teufel haben an dieser Person verloren; denn sie haben Christus als Sünder angeklagt und als Übeltäter verurteilt und meinten, er wäre nichts als ein Mensch. Aber er war zugleich Gott und ein gerechter, unschuldiger Mensch. Darum hat er das zwar alles erlitten; aber danach ist er hervorgetreten und hat gesagt: Hörst du, Sünde, hörst du, Tod, hörst du, schändlicher Teufel, warum klagst du mich an? Warum tötest du mich? Was hast du für ein Recht an mir? Da mussten Sünde, Tod und Teufel verstummen und keine Schuld vorbringen können. Weil sich nun Sünde, Tod und Teufel an Christus so vergriffen haben, ist er ein Herr geworden über Sünde, Tod und Teufel – nicht nur, weil er wahrhaftiger Gott ist, sondern auch, weil er nach seiner Menschheit unschuldig ist.
So soll man die Person groß machen. Wenn aber die Person groß ist, dann muss auch die Auferstehung, die mit dieser Person geschehen ist, groß sein. Christus ist wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch, wahrhaftiger Sohn Gottes und der Jungfrau, größer als Himmel und Erde. Dazu ist er unschuldig und ohne alle Sünde, wie der Prophet Jesaja 53,9 sagt: Er wurde begraben wie die Gottlosen und starb wie ein Reicher, obwohl er niemandem Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Mund gewesen ist. Und der Apostel Petrus, 1. Petrus 2,22: Er hat keine Sünde getan, und kein Betrug ist in seinem Mund erfunden worden. Das ist größer als alle Sünde und größer als alle Teufel samt dem Tod. Denn Christus, wahrer Gott und Mensch, ohne jede Schuld und Sünde, wiegt tausendmal mehr. Wenn nun ein Christ diese Größe der Person begreift, dann erkennt er auch die Größe der Frucht. Wie unbedeutend sind Sünde, Tod und Teufel gegenüber Christus? Wenn aber Christus größer ist als Himmel und Erde, größer als Sünde, Tod und Teufel, dann muss auch alles, was er leidet und tut, sehr groß sein. Groß muss sein Leiden sein; groß muss auch seine Auferstehung von den Toten sein.
Und dies ist der hohe Glaubensartikel, den wir immer predigen und den ihr fleißig merken und behalten sollt. Denn wenige sind, die richtig davon predigen; noch weniger, die es lernen und begreifen. Es gibt auch schon jetzt Rottengeister, und es werden noch mehr kommen, die sehr klug sein und scharf disputieren werden und diese Geschichte so zuschanden machen, dass wir darüber diese Person verlieren werden.
Sie werden Christus predigen wie einen anderen Propheten und mit lauter Geisterei umgeben und sagen: Geist, Geist! Damit werden sie diesen Artikel verdunkeln und es so machen, dass wir diese Geschichte verachten und mit der Geschichte diese hohe Person verlieren werden – obwohl diese Person sich von allen Propheten grundlegend unterscheidet und diese Geschichte keine gewöhnliche Geschichte ist über Dietrich von Bern oder über den Türken, wie er den König von Ungarn geschlagen und besiegt hat; sondern eine hohe, vortreffliche Geschichte vom herrlichen Sieg des Herrn Christus über Sünde, Tod, Teufel und Hölle.
Im Papsttum hat man seine Lieder gesungen: „Der die Hölle zerbrach und den leidigen Teufel darin überwand, damit erlöste der Herr die Christenheit“ usw. Auch: „Christ ist erstanden von seiner Marter alle“ usw. Das ist von Herzen gut gesungen; aber es gab keine Prediger, die uns hätten sagen können, was es bedeutet. Zu Weihnachten hat man gesungen: „Ein Kindelein so löblich ist uns geboren heute.“ Zu Pfingsten hat man gesungen: „Nun bitten wir den heiligen Geist“ usw. Man hat dem Volk den Text des Evangeliums vorgelesen, die Passionsgeschichte oder die Geschichte des Leidens Christi. In der Messe hat man das gute Lied gesungen: „Gott sei gelobet und gebenedeiet, der uns selber hat gespeiset“ usw. Aber von alledem hat man nicht einen Buchstaben noch eine Silbe verstanden, sondern ist gleich auf etwas anderes verfallen und hat die schönen Worte vergessen.
Darum kann es leicht wieder geschehen, dass diese Geschichte verschwiegen wird – entweder durch Rottengeister, die sie verkehren und verdunkeln, oder durch faule Prediger, die diesen Artikel nicht beachten. Wenn die Prediger faul sind, werdet ihr sie nicht behalten. Denn ihr braut euer Bier, und die rechtschaffene, reine Lehre kümmert euch nicht. Aber ich will euch treulich gewarnt und ermahnt haben, dass ihr diesen Artikel gut lernt und begreift, falls Rottengeister kämen, die ihn umstoßen wollten, damit ihr vorher gewarnt seid und euch nicht ärgert. Ich weiß nicht, wie lange ich noch hier sein werde. Darum möchte ich diesen Artikel gerne rein und unverfälscht hinterlassen. Jetzt habt ihr das Evangelium rein und fein, ihr habt den Katechismus, die Zehn Gebote, den Glauben, das Vaterunser, die Taufe, das heilige Sakrament, kurz und fein ausgelegt; gebt Achtung darauf, dass ihr nicht undankbar seid und Rottengeister und falsche Lehrer kommen und alles verkehren. Denn ich habe große Sorge, dass die schändliche Undankbarkeit und Verachtung das reine Wort wieder wegreißen wird. Ich bin entschuldigt, denn ich habe mit allem Fleiß, nach meinem besten Vermögen, euch gepredigt, euch ermahnt, gebeten und gefleht, sodass ich in dieser Hinsicht vor Gott wohl bestehen werde.
Das ist nun das erste Stück dieser Predigt, dass unser lieber Herr Jesus Christus als wahrhaftiger Gott, der größer ist als alles, was im Himmel und auf Erden ist, und als der reinsten und unschuldigste Mensch den Tod in sich selbst zerrissen hat. Denn weil Tod und Teufel nichts an ihm hatten, ist er aus dem Grab hervorgekommen, schöner als die Sonne. Das soll man wohl merken, dass Christus, auferstanden von den Toten, wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch in einer Person ist. Und wenn du schon nicht verstehst, wie es zugeht, dass Christus Gott und Mensch ist, die Person eins und ungetrennt, die Naturen aber unterschieden, dann lass die Frage beiseite und sprich: Ich glaube, dass Jesus Christus, Gott und Mensch, eine einzige Person ist und die zwei Naturen, Gottheit und Menschheit, miteinander verbunden sind. Dabei bleibe ich.
Denn im christlichen Glauben bekennen wir, dass Gottes Sohn und Mariens Sohn ein einziger Sohn, eine einzige Person, ein einziger Christus und Herr ist; nicht zwei Söhne, nicht zwei Personen, noch zwei Christusse und Herren: sodass, wer Christus, den Menschen- oder Mariensohn, anrührt und tötet, der rührt Gottes Sohn an und tötet ihn.
Denn genauso wie mein Leib und meine Seele zwei Naturen sind und ich doch eine einzige Person bin, sodass, wer meinen Leib sticht, haut, tötet, der verletzt mich, selbst wenn er meine Seele nicht sticht und nicht tötet: genauso ist auch Christus Gott und Mensch, und wer Mariens Sohn umbringt, der bringt Gottes Sohn um; wer Mariens Sohn verachtet, lästert, schändet, kreuzigt, der verachtet, lästert, schändet, kreuzigt Gottes Sohn und Gott selbst. Die Mutter Maria hat wahrhaftigen Gott und Menschen gesäugt, gespeist, getränkt, gewiegt, obwohl Gott des Säugens, Speisens, Tränkens, Wiegens nicht bedurft hat.
Das andere Stück dieser Predigt ist, dass man die Geschichte auf ihre Kraft, Frucht und Nutzen hin betrachtet. Davon hört ihr das ganze Jahr über, wie unser Herr Jesus Christus durch seinen Sieg, den er in sich selbst gewonnen hat, Sünde, Tod und Teufel überwunden und besiegt hat; den Teufel hat er in seinem eigenen Leib erwürgt, den Tod in seinem eigenen Blut ertränkt, die Sünde in seiner Marter und seinem Leiden ausgelöscht. Das hat er allein und in sich selbst ausgerichtet; aber für sich allein und für sich selbst hat er es nicht behalten. Denn er als wahrhaftiger, ewiger Gott und Herr über alles hat diesen Sieg für sich selbst nicht gebraucht; viel weniger hat er gebraucht, Mensch zu werden; noch viel weniger, dass er unter Pontius Pilatus litt. Dass aber eine so große, hohe Person das ausgerichtet hat, das gilt mir und dir und uns allen. Und das ist die Kraft und Frucht des Leidens und der Auferstehung Christi. Was die Geschichte betrifft, müssen wir wissen und glauben, dass Christus eine hohe, vortreffliche Person ist, wahrhaftiger Gott und Mensch, und dass sein Leiden und Sterben groß und hoch und seine Auferstehung von den Toten herrlich und siegreich ist. Was aber die Kraft und Frucht betrifft, müssen wir wissen und glauben, dass sein Sieg und Triumph allen ausgeteilt und geschenkt ist, die an ihn glauben; sodass wir nicht nur glauben, dass Christus in seiner Person gestorben und von den Toten auferstanden ist; sondern dass wir uns dieses Leiden und diese Auferstehung aneignen als einen uns geschenkten Schatz und rechten Trost daraus haben, wie wir im Osterlied singen: „Dessen sollen wir alle froh sein, Christus will unser Trost sein.“ Es gilt uns, Christus will uns mit seiner Auferstehung trösten. Das ist sehr gut gesungen, und es sind sehr tröstliche, ja lauter geistliche Worte: denn sie lehren, dass der Sieg und die herrliche Auferstehung dieser hohen, vortrefflichen Person allen Gläubigen geschenkt und zu eigen gegeben ist, sodass ich gegen meinen Tod, du gegen deinen Tod und jeder gegen seinen Tod Christi Auferstehung haben soll, die größer ist als Himmel und Erde und in der die Sünde und der Tod der ganzen Welt verschlungen ist. Meine Heiligkeit soll das nicht tun, kann es auch nicht tun, noch mich von einer einzigen Sünde erlösen, geschweige denn von der Sündenlast und dem Tod. Aber das tut es, dass diese Person, wahrhaftiger Gott und Mensch, in und durch sich selbst einen ewigen, herrlichen Sieg über Sünde, Tod und Teufel errungen hat; und dieser Sieg soll mein sein, wenn ich nur an ihn glaube und ihn als die Person erkenne, die mir und allen Gläubigen zugut das ausgerichtet hat. Wer das nicht glauben will, der lass es; wir predigen für die, die es gern hören und die es nötig haben. Das sind die, die in Ängsten, Schrecken und Verzagtheit sind, die sagen: Ich muss daran sterben; oder: Ich habe gesündigt, ich habe weder Ruhe noch Frieden. Denn wenn der Teufel einen angreift, macht er ihm Himmel und Erde zu eng. Mich plagt er manchmal auch so, dass er mir aus einer belanglosen Sünde ein solches Meer und Feuer macht, dass ich nicht weiß, wo ich bleiben soll.
Das tut er mit der Sünde. Mit dem Tod tut er es auch so; den kann er so grauenhaft, grässlich und schrecklich aufbauschen, dass man Gottes und seines Wortes ganz vergisst. Er ist ein Tausendkünstler, er ist ein Meister der Sünden und des Todes; darum kann er die Sünde und den Tod auch so meisterhaft aufbauschen. Er hat mir oft eine geringe Sünde, ja etwas, das an sich selbst nicht Sünde, sondern recht und wohl getan war, so aufgebauscht, dass ich dagegen nicht habe ankommen können.
Und aus dem Tod hat er mir oft ein solches Bild gemacht, dass ich vor Schrecken hätte sterben mögen.
Gegen einen solchen Feind ist es nützlich und nötig, dass wir uns rüsten und bereitmachen mit rechtem Verständnis der Kraft und Frucht der Auferstehung Christi, damit wir nicht denken, dass Christus um seiner selbst willen von den Toten auferstanden sei und in den Himmel gefahren, dass er allein für sich in aller Seligkeit lebe; sondern dass er sein Gut und Erbe mit uns teilt. Denn um seinetwillen ist er nicht auf die Erde gekommen, um seinetwillen hat er sich nicht ans Kreuz schlagen lassen; er brauchte das für sich nicht; sondern unsere Sünde hat er getragen, unseren Tod hat er durch seinen Tod verschlungen, und die Hölle, in die wir hätten fahren sollen, hat er zerstört, wie beim Propheten Hosea, Kapitel 13,14 geschrieben steht: Ich will sie erlösen aus der Hölle und vom Tod erretten; Tod, ich will dir ein Gift sein, Hölle, ich will dir eine Pestilenz sein. Er redet von unserem Tod und von der Hölle, die uns gefangen hielt, und sagt, er wolle die Sünde, die auf mir liegt und mich anklagt, austilgen und den Tod und die Hölle, die mich fressen und verschlingen wollen, vernichten.
So sollen wir dieses Mannes, der Jesus Christus heißt, allmächtiger, ewiger Gott und unschuldiger, gerechter Mensch, Leiden, Sterben und Auferstehung unserer Sünde und unserem Tod entgegensetzen. Kommt der Teufel und sagt: Sieh doch, wie groß ist deine Sünde! Sieh doch, wie bitter und schrecklich ist der Tod, den du leiden musst! Dann sag du dagegen: Lieber Teufel, weißt du nicht dagegen, wie groß meines Herrn Jesu Christi Leiden, Sterben und Auferstehung ist? In ihm ist ja ewiges Leben, in ihm ist eine allmächtige Auferstehung von den Toten, die nicht allein größer ist als meine Sünde, Tod und Hölle, sondern auch größer als Himmel und Erde.
Meine Sünde und mein Tod sind das Fünkchen, aber meines Herrn Christi Sterben und Auferstehung ist das große Meer.
Und das ist so wahr, dass es der Teufel nicht leugnen kann. Christi Auferstehung und Sieg über Sünde, Tod und Hölle ist größer als Himmel und Erde; du kannst seine Auferstehung und seinen Sieg gar nicht groß genug machen, denn sie ist noch viel größer. Denn weil seine Person groß, ewig, unendlich und unbegreiflich ist, so ist seine Auferstehung, sein Sieg und Triumph auch groß, ewig, unendlich und unbegreiflich. Darum: selbst wenn tausend Höllen und hunderttausend Tode da wären, wären sie dennoch nur Fünkchen und Tröpfchen im Vergleich zu Christi Auferstehung, Sieg und Triumph. Christus schenkt aber seine Auferstehung, seinen Sieg und Triumph allen, die an ihn glauben.
Weil wir nun auf ihn getauft sind und an ihn glauben, folgt daraus, dass, selbst wenn ich und du hunderttausend Sünden, Tode und Höllen hätten, es dennoch nichts wäre. Denn Christi Auferstehung, Sieg und Triumph, die mir in der Taufe und im Wort durch den Glauben gegeben und nun mein sind, ist viel größer. Ist das wahr – und es ist gewiss wahr –, dann lass nur Sünde, Tod, Teufel, Hölle, Welt, Papst, Kaiser und alles Unglück toben, was können sie uns denn schon schaden? Das ist das andere Stück dieser Predigt, dass wir nicht nur auf die Geschichte schauen sollen, die mit Christi Person geschehen ist und die groß und herrlich ist; sondern dass wir auch wissen und glauben, dass dies alles zu unserem Besten geschehen ist und uns im Wort vorgetragen und durch den Glauben zu eigen gegeben wird, wie St. Paulus sagt, 1. Korinther 15,57: Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesus Christus.
Wie viele Leute aber gibt es heute wohl, die sich dieses Sieges von Herzen freuen? Es ist gewiss keine Lüge, was Christus durch seine Auferstehung ausgerichtet hat; sondern die lautere Wahrheit, in der heiligen Schrift begründet, von den Propheten verkündigt und von den Aposteln bezeugt.
Aber wir haben allzu dicke Ohren und schwere, träge Herzen, um das zu begreifen. Wenn wir es recht erkennen würden, würden wir uns von Herzen darüber freuen und vor Freude hüpfen.
Aber weil wir anderswo Freude suchen, in Silbergeld, Geld, Gut, Pracht, Lustbarkeit, so machen wir es genauso wie der Papst und andere Ungläubige: Wenn eine einzige Sünde aufwacht und sie ergreift, dann ist diese eine Sünde größer vor ihren Augen als zwanzig Christusse. Solche großen Narren und schändlichen Leute sind wir auch, dass wir durch unseren leidigen Unglauben den allergrößten Schatz zunichtemachen. Man predigt es uns und singt es uns, aber wir wollen es nicht hören.
Darum lasst uns zusehen. Wer diesen Schatz verachten will, der mag es tun – der Schaden wird niemandem größer sein als dem, der ihn verachtet. Christus wird dennoch Leute finden, die sich darüber freuen werden, sich verwundern und ihm danken, dass er so wunderbar große Werke durch seine Auferstehung von den Toten ausgerichtet hat. Wir sollen jetzt schon gewiss sein, dass uns durch Christi Auferstehung und Sieg solche Sicherheit gegeben ist, dass uns keine Sünde und kein Tod schrecken soll. Schreckt uns aber Sünde und Tod, dann geschieht uns entweder Unrecht, weil Christus uns freigemacht hat; oder wir glauben es nicht. Denn Christus, von aller Marter erstanden, der unser Trost sein will, ist größer als unsere Sünde und unser Tod, ja größer als Himmel und Erde.
Was tut aber unser zartes Fleisch? Weil dieser Schatz keine Silbermünzen und Goldgulden sind, die man sehen, greifen und anfassen kann, sondern gepredigt und im Wort vorgelegt wird, verachten wir ihn. Ich ermahne aber jeden einzelnen, dass er diesen Artikel gut lernt und begreift. Ich rede als einer, der es erfahren und selbst erlebt hat. Wer in diesem Artikel nicht gut gegründet und geübt ist und vom Teufel angegriffen wird, der wird noch merken, was der Teufel für ein Meister ist. Unser lieber Herr Jesus Christus, der unser Trost sein will, verleihe uns seine Gnade und seinen Geist, dass wir es recht lernen und behalten können. Amen.
Gehalten am 13. April 1533.
Quelle: WA 37, 27-32.