Martin Luther über den Kirchbau in seiner Kirchenpostille von 1522: „Der einzige Grund, eine Kirche zu errichten, ist, dass Christen dort zusammenkommen können, um zu beten, zu predigen und die Sakramente zu empfangen. Wenn dieser Grund entfällt, sollte man die Kirche wieder abreißen, so wie man auch andere Gebäude abreißt, wenn sie nicht mehr nützlich sind.“

Über den Kirchbau (aus der Kirchenpostille von 1522 zur Epistel zum Stephanstag, Apostelgeschichte 6,8-14)

Von Martin Luther

Diese Epistel ist einfach und gibt ein Beispiel des christlichen Glaubens anhand von Stephanus. Daher braucht sie wenig Erklärung, und wir wollen sie nur kurz durchgehen. Die erste Lehre daraus ist, dass Gott kein Gefallen an Kirchenbauten und Stiftungen hat, wie Stephanus es klar durch den Propheten Jesaja beweist. Wenn wir das jedoch sagen und vertreten wollen, müssen wir uns darauf gefasst machen, das gleiche Risiko einzugehen wie Stephanus. Denn damit würden die päpstlichen Bullen, die Ablassbriefe, das Kirchenrecht und all die Predigten über Kirchen, Altäre, Stiftungen, Klöster, Glocken, Tafeln, Kerzen und Gewänder zunichtegemacht werden. Das würde die päpstliche Heiligkeit und ihre Anhänger zweifellos verärgern – und nicht zu Unrecht. Denn damit würde ihnen ihr Wohlstand, ihre Küchen, Keller und ihr bequemes Leben genommen. Mit der Zeit müssten sie arbeiten, in Armut und Entbehrung leben, studieren und beten oder sich wie andere Menschen selbst ernähren. Das wäre für sie nicht gut, denn dann würde die heilige Kirche verachtet werden, so wie Christus und die Apostel verachtet wurden. Sie könnten dann nicht mehr in königlichem Prunk leben, Kriege führen, rauben und Blut vergießen – alles angeblich zur Ehre Gottes und zur Erhöhung der Kirche, wie es die „heiligsten“ Männer bisher getan haben und noch immer tun.

Man soll das jedoch nicht so verstehen, dass es grundsätzlich schlecht sei, Kirchen zu bauen oder Stiftungen zu errichten. Schlecht ist es erst dann, wenn man daran hängt und dabei den Glauben und die Liebe vergisst – wenn man meint, es sei ein gutes Werk, mit dem man sich vor Gott Verdienste erwerben könne. Daraus folgt dann ein Missbrauch ohne Maß: Jeder will Kirchen und Klöster bauen, ohne sich zu fragen, warum sie überhaupt gebaut werden sollen. Der einzige Grund, eine Kirche zu errichten, ist, dass Christen dort zusammenkommen können, um zu beten, zu predigen und die Sakramente zu empfangen. Wenn dieser Grund entfällt, sollte man die Kirche wieder abreißen, so wie man auch andere Gebäude abreißt, wenn sie nicht mehr nützlich sind. Aber heute will jeder eine eigene Kapelle, einen eigenen Altar oder eine Messe stiften – nicht aus einem anderen Grund, als dass er meint, dadurch selig zu werden und sich den Himmel zu erkaufen. Ist das nicht ein elender und jämmerlicher Irrtum, eine schreckliche Verführung, dass man das einfache Volk dazu verleitet, sich auf Werke zu verlassen, zum großen Schaden ihres christlichen Glaubens? Es wäre besser, wenn alle Kirchen und Stiftungen der Welt ausgerottet und zu Staub verbrannt würden – es wäre eine geringere Sünde, selbst wenn es jemand aus Bosheit täte –, als dass eine einzige Seele durch diesen Irrtum verführt und ins Verderben gestürzt wird. Denn Gott hat kein Interesse an Kirchengebäuden, sondern allein an den Seelen, die seine wahren und eigentlichen Kirchen sind, wie Paulus in 1. Korinther 3 sagt: „Ihr seid Gottes Tempel.“ Wer aber diese Kirche zerstört, den wird Gott vernichten.

Und nun seht die Heiligkeit der Papisten: Dass die Seelen der ganzen Welt durch diesen Irrtum ins Verderben gestürzt werden und die wahre Kirche Gottes zugrunde geht, kümmert sie nicht. Ja, sie helfen sogar aktiv dabei und predigen nichts anderes als Werke, mit denen sie die wahre Kirche zerstören. Danach kommen sie und bauen anstelle der zerstörten Kirchen neue aus Holz und Stein und machen die Gewissen so eng, dass, wenn jemand mit einem Messer einen kleinen Kratzer in das Holz oder den Stein macht, er die ganze Kirche entweiht hat. Dann braucht es große Kosten und Mühe, um sie wieder weihen zu lassen. Sind das nicht wahnsinnige, rasende, tollwütige, ja besessene Menschen? Sie machen sich kein Gewissen daraus, die wahre Kirche zu zerstören, aber aus nichtigen Zeremonien und Bauwerken schaffen sie sich ein riesiges Gewissen. Ich sage noch einmal: Es wäre besser, diesen Irrtum auszurotten, indem man alle Kirchen auf einmal umstürzte und stattdessen in gewöhnlichen Häusern oder unter freiem Himmel predigte, betete, taufte und die christlichen Pflichten erfüllte.

Denn auch der angebliche Grund für den Kirchenbau ist schwach. Christus predigte drei Jahre lang, aber nur drei Tage im Tempel von Jerusalem. Die übrige Zeit predigte er in Synagogen, in der Wüste, auf Bergen, in Schiffen, bei Tisch und in Häusern. Johannes der Täufer war nie im Tempel, sondern predigte am Jordan und anderswo. Die Apostel predigten am Pfingsttag auf den Straßen von Jerusalem. Philippus predigte dem Kämmerer auf dem Wagen. Paulus predigte in Philippi am Wasser, im Gefängnis und in den Häusern, genau wie Christus es in Matthäus 10 geboten hatte. Ich denke, sie waren genauso gute Prediger wie die heutigen. Aber so soll es nun gehen: Für die falschen Prediger und teuflischen Lehrer werden prachtvolle Gebäude errichtet, während das Wort Gottes keine Herberge in ganz Bethlehem findet, in der es geboren werden kann.

WA 10/I 1, 251,16–254,17

Hier der Text als pdf.

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